lunedì 21 dicembre 2009

RUECKKEHR NACH KALABRIEN

Salvatore Mongiardo














Aus dem Italienischen von Franz Reinders



1994












Vorwort

Am Mittag des 24. Dezember 1993, als ich mich mit Resignation und Erinnerung an meine toten Eltern und an versunkene weihnachtliche Kindheitsseligkeiten auf ein melancholisches Weihnachtsfest zugehen sah, brachte die letzte Post vor den Feiertagen mir ein Manuskript aus Italien: "Rückkehr nach Kalabrien" von Salvatore Mongiardo. Auch eine Rückkehr in eine Vergangenheit also. In meinem vorweihnachtlichen Eingetauchtsein in meine Erinnerungen an Kindheit und Jugend wollte ich erfahren, wie der mir unbekannte Verfasser seine Rückkehr nach Kalabrien erlebte. Je mehr ich las, desto mehr faszinierte mich das Manuskript. Es war für mich die Begegnung mit einem fremden, südlichen Land, mit seinem Duft, seiner Sonne, seiner Liebenswürdigkeit und seiner Religiösität. Und in diesem letzten Punkt war mir, als ob jemand Bilder zu einer Frage geliefert hätte, die mich schon seit langem beschäftigen, der Frage nämlich, was das katholische Christentum aus den Menschen macht, ob es sie heller und menschlicher macht oder ob es sie beschwert und ihnen viel an Menschlichkeit und Freude nimmt. Und mir war, al vermittele mir das Buch das Bildmaterial zu meinen Gedanken, daß das Christentum vielleicht eine düstere Erziehung zur Unmenschlichkeit, zur Grausamkeit sei.
Das Christentum als Aberglaube an eine Erlösung durch Blut, als ob nicht das Blut, das jeden Abend beim Einschalten des Fernsehers über unsere Wohnzimmerteppiche fließt - aus Jugoslawien, aus dem Golfkrieg, aus Somalia - das Gegenteil beweist. Daß wir Blut über und über genug haben, aber Erlösung keine.
Rückkehr nach Kalabrien: die junge, schöne Mutter des Autors, die von den katholischen Opferpriestern in Angst gestürzt (die Angst vor der ewigen Verdammnis), noch in ihren blühenden 30-er Jahren in ein anderes Zimmer zieht, um nicht mehr mit ihrem Mann zu schlafen, weil Verhütung in die Hölle führt.
Jungfrau-Mutter ("geboren aus der Jungfrau Maria") und Henker-Vater ("gekreuzigt um unseres Heiles willen") - wer erlöst Kalabrien, wer erlöst die Welt von einer Religion, die in einen Alptraum gleitet? Rückkehr nach Kalabrien, das ist mehr als ein bloßer Weg zurück. Salvatore Mongiardo ist dabei, die schweren katholischen Schatten zu verlassen und seinen Weg als seinen eigenen noch einmal zu gehen.
Menschen wie Dinge vergißt man manchmal schnell, manchmal behält man sie lange in seinem Kopf und seinem Herzen, manchmal sogar für immer. Dieses Buch ist mir auf meinem Weg begegnet, an einem Heiligen Abend, und mir scheint, ich werde es für immer behalten.

Essen, 2.März1994
Uta Ranke-Heinemann


Einleitung - Eine Reise nach Amerika

Am 1. August 1991 flog ich von Mailand in die Vereinigten Staaten, begleitet von meiner sechzehnjährigen Tochter Gabriella und von meiner achtzehnjährigen Nichte Andreina.
Wir wollten unsere amerikanischen Verwandten besuchen, die Gabriella und Andreina noch nicht kannten und die ich selbst seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Zuerst fuhren wir nach Chicago zu meiner Kusine Cathy und meinem Vetter Sam, um dann in New Jersey meine Tante Antonia, die Schwester meines Vater, aufzusuchen.
Schon achtzigjährig, ging Tante Antonia Tag für Tag früh morgens in den Garten und hackte drei Stunden lang zwischen Tomaten, Bohnen, Paprika und Auberginen, während ich selbst noch im Bett lag und hörte, wie die Hacke auf den Boden niederging. Um neun Uhr weckte sie uns zum Frühstück, und bald schon begann das Kommen und Gehen von Vettern, Kusinen, Freunden und Bekannten.
Eines Abends nahm mich Tante Antonia beiseite und fragte: "Du bist doch Richter. Kannst du mir nicht sagen, wie die Dinge wirklich in Kalabrien stehen? Hier sagt man, daß es dort schlimm zugeht. Zu viel Kriminalität ... ."
"Tante Antonia, ich habe zwar Jura studiert, aber ich bin nie Richter gewesen und bin auch kein Rechtsanwalt. Und nach Kalabrien fahre ich einmal im Jahr ..."
“Ach, schade! Und ich hatte gedacht, du seiest Richter und könntest Kalabrien helfen. ... schade! In Kalabrien sind meine Eltern begraben, deine Großeltern ... Vergiß nicht, daß es dein Land ist ... Auch wenn du jetzt in Mailand lebst, wirst du niemals jemanden finden, der dich so mag, wie wir dich mögen."
In Tante Antonias Wohnzimmer hing eine Reproduktion der Pfarrkirche unseres Dorfes, Sant'Andrea Jonio. "Schade!", sagte Tante Antonia nochmals und schaute auf das Bild der Kirche.
Tante Antonia und meine Tochter Gabriella faßten bald eine starke Zuneigung zueinander, was mich freilich nicht wunderte: jeder mußte diese immer fröhliche, stets zum Naschen aufgelegte Frau schnell ins Herz schließen.
Gabriella hatte bemerkt, daß Antonia Schwierigkeiten hatte, italienisch zu sprechen. Eines Tages fragte sie: "Tante Antonia, hast du eigentlich als Kind in Sant'Andrea die Schule besucht?"
Die Tante fing an zu erzählen: "Als ich zehn Jahre alt war, starb mein Vater. Ich hatte sieben Geschwister und mußte meiner Mutter bei der Hausarbeit helfen. Mit vierzehn Jahren fing ich an, mit den Maurern zu arbeiten, weil zu Hause das Brot nicht mehr reichte. Ich erinnere mich an unsere Nachbarin Teresa, die noch ärmer war als wir: meine Mutter beauftragte immer einen meiner Brüder, ihr etwas zum Essen zu bringen, und so wurde unsere Ration noch kleiner. Eines Tages bemerkte sie, daß der Teller schmutzig zurückkam. Teresa war eine sehr feine Frau und sie gab ihn immer sauber zurück. Mein Bruder hatte sich an der nächsten Straßenecke versteckt und das Essen selbst verschlungen.
Damals gab es die heutigen Vergnügungen noch nicht, und mein Zeitvertreib bestand darin, in der Dachkammer auf die Raupen aufzupassen, während sie Maulbeerbaumblätter fraßen: wir mußten Seide herstellen, um Kleidung für uns selbst zu haben und um etwas Geld zu verdienen. Jedes Jahr im April kaufte meine Mutter einen Fingerhut voll von winzigen Seidenraupeneiern, wickelte die Eier in ein Stück Stoff ein und legte sie sich an die Brust, um sie warmzuhalten bis sie sich öffneten. Nach zwei Wochen schlüpften die Larven, denen wir die zartesten Maulbeerbaumblätter zu fressen gaben. Im Winter ging ich barfuß an die Küste, um Oliven zu ernten, die ich auf dem Kopf ins Dorf trug. Die Ölbäume gehörten dem Marchese Lucifero und wurden nach der Schätzung den Familien zugeteilt. Der Schätzer ging durch den Olivenhain, schaute die Bäume an und überschlug nach Augenmaß, wieviel die Bäume trugen. Wir mußten die Oliven auflesen und die geschätzte Menge dem Marchese abliefern. Der Überschuß, wenn es denn einen gab, gehörte uns. Einmal waren die Oliven so winzig, daß die Schätzung sehr gering ausfiel. In jenem Jahr wurden uns die schlechtesten Olivenbäume zugeteilt, die von Lippo Seccagno. Aber dann fing es im Herbst an zu regnen, und die Temperatur sank ab. Die Oliven wuchsen, und unser Anteil war so groß, daß wir zweihundert Liter Öl heimbrachten."
Schweren Herzens nahmen wir Abschied von Tante Antonia und reisten nach Canton in Ohio weiter, wo wir meinen Vetter Angelo und seine Frau Mary besuchten. Als Sechzehnjähriger war Angelo 1947 in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Sein Vater war schon vor dem Krieg nach Amerika übergesiedelt. Als die Grenzen nach Kriegsende wieder geöffnet wurden, hatten er und seine Mutter die Möglichkeit, ihm in nach Ohio zu folgen. Aber sollten sie Sant'Andrea wirklich verlassen, oder war es besser, dort zu bleiben? Auf der ganzen Welt gab es nur einen einzigen Menschen, der auf eine so schwierige Frage antworten konnte: Pater Pio von Pietrelcina. Angelo unternahm die abenteuerliche Reise nach San Giovanni Rotondo, zu diesem von einer himmlischen Aura umgebenen Ordensmann, und fragte ihn: "Ist es gut, nach Amerika zu fahren?"
Durch die Gitterstäbe des Beichtstuhls hörte er die Antwort Pater Pios: "Die Ehefrau und der Sohn müssen dem Ehemann nachreisen".
Am Abend der Abfahrt waren alle Nachbarn und Verwandten gekommen, um sich von Angelo und seiner Mutter zu verabschieden; sie hatten geweint und hatten die beiden umarmt, als ob sie in den Tod zögen. Sie verließen das Dorf mit dem Achtuhrzug, der Jahr um Jahr die Küste des Jonischen Meers ihrer Einwohner berauben und Verzweiflung und Hoffnung in unbekannte Länder bringen sollte.
Angelo war inzwischen pensioniert und verbrachte seine Tage auf dem Golfplatz. Seit mehr als fünfundvierzig Jahren lebte er in Amerika, und doch sagte er immer wieder: "Ich will nicht in Amerika sterben! Ich will ins Dorf zurückkehren und alle wiedersehen."
Ich versuchte ihn zu beruhigen: "Angelo, fast alle, an die du dich erinnerst, sind gestorben. Durch die Auswanderung hat das Dorf mehr als dreitausend Einwohner verloren und hat sich in eine Wüste verwandelt. Es gibt da keine Golfplätze ..."
"Das ist mir gleich. Ich will ins Dorf zurück. Auch unser Großvater Bruno ist zurückgekehrt, nach achtundreißig Jahren Amerika!"
Ich hatte geglaubt, eine Reise zu den amerikanische Verwandten zu machen, aber alles führte mich zurück nach Kalabrien. Ich verstand nicht, warum meine Verwandten so hartnäckig an ihren Erinnerungen festhielten, warum sie mit dem Körper in Amerika lebten und mit dem Geist in Süditalien. Ich fragte meinen Vetter ganz offen danach: "Angelo, warum bist du hier in Amerika nicht glücklich?"
"Amerika hat mir viel gegeben: mein Diplom, eine Arbeit, eine Familie, das Haus. Trotzdem denke ich immer noch jeden Tag an unser Dorf: es ist der einzige Ort, an dem ich wirklich zu Hause bin. Hier fühle ich mich fremd und entwurzelt. In Süditalien gehen die zwischenmenschlichen Beziehungen tiefer. Ich habe mich nie an Amerika gewöhnt und werde mich nie an dieses Land gewöhnen, wo alles vom Geld abhängt und jeder mit jedem rivalisiert. In Kalabrien gab es mehr Mitgefühl: man merkte, die Leute mögen dich und versuchen dir zu helfen."
Wir saßen im Schatten der großen Eichen des Gartens, die Eichhörnchen huschten die Bäume hinauf und hinunter. Angelo fragte mich ganz plötzlich: "Willst du das Foto von dir sehen, wo du als kleiner Junge verkleidet warst ..."
"Nein, behalt's für dich", unterbrach ich ihn gereizt.
Verdammt! Ich war doch nicht nach Amerika gekommen, um diese dreißig Jahre alten Geschichten wieder auszugraben. Ende August kehrten wir nach Italien zurück. Ich wußte nicht so recht, ob ich nach Kalabrien weiterfahren sollte, um meine alten Eltern wieder zu sehen. Schließlich blieb ich in Mailand, aber ich kam nicht zur Ruhe.
Dieser Monat in Amerika hatte Erinnerungen wachgerufen, die ich immer hatte unterdrücken wollen. Die Orte in Kalabrien, die Leute, die Begebenheiten meiner Jugend standen wieder mit Macht in meinem Innern auf.
Ich begann, unter Schlaflosigkeit zu leiden, und erinnerte mich mit einer solchen Genauigkeit an die Einzelheiten meines Lebens, daß mir diese Erinnerungen wie Halluzinationen erschienen. Eines Abends begriff ich mit Schauder, welche ungeheueren Anstrengungen ich mein ganzes Leben lang unternommen hatte, um vor Kalabrien zu fliehen, vor jenem schwarzen Loch, das meine Lebensfreude ausgelöscht hatte. Dieses schwarze Loch hatte sich nun wieder geöffnet und verschlang mich mit unwiderstehlicher Gewalt.
Da war noch ein anderes Bild, das sich jetzt machtvoll in den Vordergrund drängte: das Gesicht meines Lehrers Don Ciccio, der einmal zu mir gesagt hatte: "Wenn du nichts mehr verstehst, wenn das Leben dich wirklich in Schwierigkeiten bringt, dann nimm die Feder zur Hand und schreib!"
"Schreib!", wiederholte Don Ciccio eines nachts im Traum und schaute mich tadelnd an, weil ich mich noch nicht ans Werk gemacht hatte.
Am nächsten Morgen nahm ich die Feder zur Hand und fing an zu schreiben.


1. Die Frauen von Karthago

Als meine Mutter mit mir schwanger wurde, war sie 23 Jahre alt. Das Jahr 1940 neigte sich dem Ende zu. Italien war wenige Monate zuvor in den Zweiten Weltkrieg eingetreten. Die selbstsicheren Berichte des faschistischen Regimes beruhigten die Bevölkerung von Sant'Andrea nicht, ganz im Gegenteil: der Krieg hatte alle Verbindungen zwischen Italien und den Vereinigten Staaten unterbrochen, und fast alle Familien des Dorfes hatten Verwandte, den Vater, einen oder mehrere Brüder, in Amerika. Mit einem Male konnte man nicht mehr reisen, und es kam kein Geld mehr von den Ausgewanderten: ein schwerer Schlag für alle Dorfbewohner, die um die Beziehungen zu ihren Verwandten und um ihren Lebensunterhalt bangen mußten. Die Mütter und die Ehefrauen begannen Christoph Kolumbus zu verfluchen, weil er durch die Entdeckung Amerikas die Familien auseinandergerissen und den Ozean zwischen ihre Mitglieder getrieben hatte.
"Wären wir zusammengeblieben, so könnten wir wenigstens zusammen sterben, wenn der Krieg uns denn wirklich in den Tod führt."
Jede Frau beeilte sich, ein Foto ihres einberufenen Sohnes oder Mannes machen zu lassen und es in die rote Samttasche zu stecken, die man an den rechten Arm der Statue des Schutzpatrons, des heiligen Andreas, gebunden hatte. Am rechten Arm dieser Statue hingen auch zwei goldene Fische, zur Erinnerung daran, daß Andreas als Fischer am See von Galilea gearbeitet hatte, bevor er Jesus traf. Die Frauen von Sant'Andrea flehten den Schutzpatron an, er möge ihre Männer lebendig zurückkehren lassen und sie im Krieg vor jeder Gefahr schützen.
Meine Mutter fürchtete damals das Schlimmste und gelobte Gott, daß sie mich zum Priester machen würde, wenn ich nur nicht unter den Bomben umkäme. Sie tat dieses Gelübde aus Liebe zu der Kreatur, die in ihrem Schoß heranwuchs und die sie schützen wollte, überzeugt, daß Gott geradezu gezwungen war, mir das Leben zu retten, wenn sie mich ihm als Priester versprach. Und wenn sich in ihr auch der Zweifel geregt haben mochte, ob sie mich wirklich zum Priestertum bestimmen sollte, so wurde sie doch von den ungewöhnlichen Umständen meiner Geburt in ihrer Überzeugung bestätigt.
Ich wurde am 12. Juni 1941 geboren, an dem Donnerstag, da das Fronleichnamsfest gefeiert wurde. Das ganze Dorf war auf den Beinen, um auf den Hügeln, im Tal, auf jeder Wiese Blumen für das Fest zu sammeln. Man raubte den Ginstersträuchern ihre duftenden Goldblüten, und vor allem die Zistrose mußte ihren Tribut an weißen und violetten Blütenblättern leisten, die letzten die ihr kurz vor Beginn des Sommers noch verblieben waren.
Auf der Dorfstraße wurden Blumenteppiche mit Kreuzen, Heiligenbildern und Herzen fertiggestellt, und jedes Dorfviertel errichtete einen kleinen Altar, auf dem der Zelebrant die Monstranz abstellte, um sie mit Weihrauch zu beräuchern und dann das Volk zu segnen.
Eine große Menschenmenge nahm an der Prozession teil, der die Fahnen der Bruderschaften vorausgingen. Die Brüder trugen weiße Chorhemden mit Mozetten, deren Farbe erkennen ließ, zu welcher Bruderschaft ein jeder gehörte: die Mozetten der Brüder von der Unbefleckten Empfängnis waren hellblau, die der Brüder vom Rosenkranz schwarz, und die Brüder vom Allerheiligsten Sakrament trugen, ebenso wie die Mitglieder der Bruderschaft vom Heiligen Andreas, eine rote Mozetta.
Danach kamen die Waisen, Mädchen, die von den Erlösungsschwestern aufgezogen wurden. An ihren Schultern hatte man Engelsflügel aus Pappe befestigt, und jedes hatte einen Korb mit vielfarbigen Blumen in der Hand, die es auf die Straßen des Dorfes streute.
Ich wurde geboren, während die Prozession durchs Dorf zog. Die beiden Glocken der Redemptoristen hatten eben aufgehört zu läuten, und gerade erhob die Glocke der Andreaskirche ihre Stimme, ließ ihr einsames, aristokratisches cis erklingen. Die Prozession blieb direkt vor unserem Haus stehen, gleich bei der Kapelle vom Kalvarienberg. Meine Großmutter, die Mutter meiner Mutter, erschien auf dem Balkon, um es öffentlich zu verkünden:
"Das Kind ist geboren, es ist ein Junge!"
Was den Namen anging, mußte mein Vater nachgeben. Er hatte mich nicht Salvatore nennen wollen: sowohl sein Vater, als auch sein Bruder trugen diesen Namen, und beide waren jung gestorben. Aber angesichts des feierlichen Ernstes und der Öffentlichkeit der Umstände, die meine Geburt begleitet hatten, konnte er die Bitten seiner Mutter, meiner Großmutter Marianna, nicht ablehnen. Marianna beteuerte:
"Er wird nicht jung sterben, ganz gewiß nicht. Ich werd's dem Herrgott selber sagen. Er wird mich anhören und dieses unschuldige Geschöpf retten."
Da ich nun einmal Salvatore heißen sollte, wollte mein Vater zur Erinnerung an seinen Vater und an seinen Bruder "Terzo" als zweiten Namen hinter den Rufnamen stellen. Er hatte hart mit dem mürrischen Standesbeamten zu kämpfen, der nur immer wiederholte:
"Terzo, das ist der König, Vittorio Emanuele III, und ihr seid weder Adlige noch Herrscher."

Wäre ich nicht im 20. Jahrhundert in Kalabrien, sondern 2000 Jahre zuvor in Karthago geboren, so hätte der Glaube an einen Gott, der Opfer fordert, mir und meiner Mutter ein sehr viel bittereres Schicksal zuteil werden lassen, denn der karthagische Gott Baal begnügte sich keineswegs mit dem Versprechen, daß ein neugeborenes Kind ihm dereinst als Priester dienen werde. In der stolzen Phönizierstadt verlangte Baal das Leben des erstgeborenen Sohnes. Und meine Mutter hätte - zu Tode betrübt - einwilligen müssen.
Meine Geschichte wäre dort so zu Ende gegangen:
In den letzten Tagen vor meinem Tod erfüllte meine Mutter mir jeden Wunsch. Da ich verstand, daß sie das tat, weil ich bald sterben mußte, wies ich ihr Essen und ihre Zärtlichkeit zurück.
Am Tag des Opfers führte mich meine Mutter durch das Spalier der Menge zum Tempel, während die Sonne die Stadt und das Meer hell erleuchtete. Ich schwieg und wandte mich nicht um, um sie ein letztes Mal anzuschauen, als die beiden Priester meine Hände ergriffen und fest zupackten, damit ich keinen Fluchtversuch unternehmen konnte. Während sie mich hochhoben, um mich in den brennenden Bauch des Moloch zu schleudern, blickte ich verstohlen auf die Tonschüssel, die später meine kleinen Knochen aufnehmen sollte und die schon zu Füßen des ungeheuerlichen Fetischs bereitstand.
Umsonst hoffte ich, daß Baal mich sofort in sein Reich bringen werde. Ich mußte mich vor Schmerzen in den Flammen winden, während mein Fleisch im Feuer briet; die Haare verbrannten, die Augen sahen nichts mehr, die Lungen füllten sich mit glühend heißem Rauch und mit Asche. Später sammelten die Priester meine kleinen Knochen ein und legten sie in die Tonschüssel, die sie meiner Mutter gaben, damit sie ins "Tophet" brachte, jenes Beinhaus außerhalb der Stadt, in dem die Überreste von Tausenden von lebendig verbrannten Kindern aufbewahrt wurden.


2. Der abgeschlagene Kopf

Im Februar 1948 führten die Redemptoristenpatres in Sant'Andrea eine Volksmission durch. Die Predigten wurden von den Patres aus dem am südlichen Ende des Dorfes gelegenen Internat gehalten. Damals - die Auswanderung hatte Sant'Andrea noch nicht ausgelaugt - zählte das Dorf noch fünftausend Einwohner. Außer den ersten Kommunisten, die nicht in die Kirche gingen, waren alle katholisch.
Die Volksmission dauerte zwei Wochen: die Glut der Gebete, der Prozessionen, der Bußleistungen, der Beichten aller Gläubigen und die inbrünstige Teilnahme an den Messen, bei denen alle kommunizierten, stellten das ganze Dorf auf den Kopf.
Die Redemptoristenpatres versöhnten öffentlich die Dorfbewohner, die Grund zu Streit und Haß gehabt hatten; allen sprachen sie die Vergebung der Sünden zu und verweigerten diese nur den Frauen, die wenige Kinder gebaren. Frauen und Männer, Erwachsene und Jugendliche lauschten den jeweils auf ihre Bedingungen und ihr Alter zugeschnittenen Predigten. Darüber hinaus predigte jeden Abend ein Pater in der Pfarrkirche für alle Gläubigen; nur die Kinder waren wegen ihrer Empfindsamkeit bei dieser Gelegenheit nicht zugelassen.
Ich war damals sechs Jahre alt und ließ mir von den Nachbarn erzählen, was während dieser Predigten in der Kirche vor sich ging. Die Neugier ließ mir keine Ruhe, und so versteckte ich mich eines Abends in der Kirche. Ich schlüpfte durch die Tür des Kirchturms und verkroch mich hinter dem Taufbecken.
Bald schon stieg Pater Ernesto auf die Kanzel: er wurde von einem Raunen der Bewunderung empfangen. Zur Erbauung der Gläubigen, begann der Geistliche, die Geschichte einer neapolitanischen Dirne zu erzählen, die gestorben war, ohne zu beichten und ohne ihr verwerfliches Leben zu bereuen. Als die Tote in einem offenen Sarg zur Beerdigung in die Kirche getragen wurde, erhob sie sich und sperrte die Augen auf; die Haare standen ihr zu Berge, während sie brüllte:
"Betet nicht für mich! Ich bin in der Hölle!"
Mit einem Male wurden in der Kirche alle Lichter gelöscht; es brannte jetzt nur noch eine Kerze, die einzig die Gestalt Pater Ernestos erleuchtete, der einen Schädel in der Hand hielt. Finster vor sich hinsingend begann der Ordensmann, dem Haupte des längst Verschiedenen Fragen zu stellen:
"Jenes von dir so abgöttisch geliebte Gesicht, das du so oft gestreichelt, das du so viele Male mit vielartigen Pudern verschönert hast, was ist daraus geworden? ..."
"Die Ratten haben's zernagt! ... Wahnsinnig ist, wer Gott nicht liebt! ...", antwortete mit gleichem Klagen ein anderer Redemptoristenpater, der sich im Beichtstuhl verborgen hatte.
"Und jene Augen, mit denen du so viele Sünden begangen und so viele unkeusche Blicke über die Straßen, zu den anderen, auf dich selbst, auf Altare und gar in die Kirche hast schweifen lassen, was ist daraus geworden? ..."
"Die Würmer haben sie gefressen! ... Wahnsinnig ist, wer Gott nicht liebt! ..."
"Und jene Zunge, die so viele Gotteslästerungen hervorgebracht hat, so viele Verleumdungen, so viele Schändlichkeiten, so viel üble Rede, was tust du jetzt damit? ..."
"Die Würmer haben sie gefressen, die Ratten haben sie verschlungen! ... Wahnsinnig ist, wer Gott nicht liebt! ..."
"Und jene Haare, für die du so viel Zeit vor dem Spiegel verloren hast, die du so oft parfümiert, die du mit so vielen duftenden Wassern befeuchtet hast, was tust du jetzt mit diesen Haaren? ..."
"Sie sind zu Asche geworden, die Ratten haben ihr Nest daraus gebaut! ... Wahnsinnig ist, wer Gott nicht liebt! ..."
"Oh Totenschädel! Ich weiß nicht, ob deine Seele gerettet oder verdammt ist, ob sie bei den Engeln im Himmel weilt, oder bei den Teufeln in der Hölle; ist sie gerettet, so bete für mich, bete für dieses Volk! ... Wenn sie aber verdammt ist, dann hat Gott dich verstoßen, und auch ich lasse dich!"
Pater Ernesto legte den Schädel nieder, ergriff ein Kruzifix, und mit demselben düsteren Tonfall rief er jeden dazu auf, seine Seele zu retten, wobei er sich auch an die Honoratioren wandte:
"Und Ihr, Herr Bürgermeister, rettet Eure Seele! Und Ihr, hochwürdiger Herr Erzpriester, rettet Eure Seele! Hölle, Hölle, unendlich sind deine Leiden! Wahnsinnig, wahrhaft wahnsinnig sind alle, die nicht glauben! Und noch wahnsinniger sind alle, die glauben und dennoch sündigen!"
Pater Ernesto fing an, das Kruzifix über der Menge hin und her zu schwenken, während die Gläubigen flehten: "Vergebung! Erbarmen!"
Da begann der Prediger, mit einem dicken Strick auf seine eigenen Schultern und auf seinen eigenen Rücken einzuschlagen und die Frauen fingen an zu schreien: "Hört auf, Pater Ernesto, hört auf!"
Am folgenden Tag fand die Büßerprozession statt: die reuigen Sünder zogen mit einer Dornenkrone und mit einem um den Hals gewundenen Strick durch die Straßen des Dorfes.
Pater Ernesto und seine Mitbrüder führten einen erbarmungslosen Krieg gegen den Satan. Sie wußten den Teufel stets aufzuspüren auch dann, wenn er sich in verabscheuenswerten Büchern versteckte.
Jeder Einwohner des Dorfes wurde auf die Jagd nach wertlosen, obzönen oder gar von der Kirche verbotenen Büchern geschickt. Im Hausflur des Internats der Redemptoristen wurde eine große Anzahl von Büchern angehäuft und in sieben große Seesäcke verpackt, die sieben Frauen auf dem Kopf zu der unserem Hause gegenübergelegenen Kapelle vom Kalvarienberg trugen. Dort sprach Pater Ernesto zum Volk und warnte es vor den schlechten Büchern, die Unzucht und gefährliche Lehren verbreiteten.
Die unter dem fahlen Regenhimmel versammelten Männer und Frauen hörten ihm schweigend zu. Schließlich zündete Pater Ernesto selbst die Bücher an. Die Flammen schlugen hoch auf und bald schon waren die Bücher zu Asche geworden. Ich hörte noch wie Pater Ernesto sagte: "In keinem Dorf haben wir je so viele üble Bücher gesammelt: wir haben hier wirklich alle aufgespürt."
Alle außer einem: es fehlte Vincenzos schwarz eingeschlagenes Buch. Vincenzo wohnte nur wenige Meter von unserem Haus entfernt. Bei einem Arbeitsunfall in den Vereinigten Staaten hatte er ein Bein verloren und schleppte sich jetzt mit Krücken und mit einem Holzbein durch die Straßen. Trotz seiner Verstümmelung gelang es ihm noch, einige kleine landwirtschaftliche Arbeiten zu verrichten. Seine Frau, eine liebenswürdige und freundliche Person, begleitete ihn immer auf die Felder. Die beiden hatten keine Kinder und hingen sehr aneinander.
Alle wußten, daß Vincenzo bei sich zu Hause ein verbotenes Buch aufbewahrte, das er aus Amerika mitgebracht hatte. Alle hatten ihn gebeten, es für die Bücherverbrennung herauszugeben, aber er hatte ihre Bitten starrköpfig abgelehnt. Deshalb zeigten die Dorfbewohner später mit dem Finger auf ihn und betrachteten ihn als Stein des Anstoßes.
Die Beschwerlichkeiten der Auswanderung, die Amputation des Beines, der Verlust der Ersparnisse beim Bankrotts der örtlichen Bank, die Schuldgefühle auf Grund seiner Weigerung, das Buch für die Verbrennung auszuhändigen, all das ließ seinen schwachen Geist ins Schwanken kommen. Schließlich kam er zur Überzeugung, daß er die Welt retten könne, wenn er die Person opferte, die er unter allen Lebewesen am liebsten hatte: seine Frau.
Mitten in der Nacht, ohne Holzbein, nur auf die Krücken gestützt, stand er auf und fing an, zwischen den landwirtschaftlichen Werkzeugen herumzusuchen, schließlich ergriff er die kleine scharfe Axt, die er gewöhnlich benutzte, um Bäume zu beschneiden, und kehrte zum Bett zurück. Mit der Axt schlug er auf den Hals seiner Frau ein: ein Blutstrahl spritzte bis an die Decke; die Frau riß die Augen auf und versuchte vergeblich, mit dem linken Arm ihren Kopf vor den wilden Hieben ihres Mannes zu schützen.
Beim Morgengrauen des 17 Februar 1948 öffnete Vincenzo die Tür seines Hauses und trat in die Kälte des Morgens hinaus. So wie Pater Ernesto den Schädel hin und her geschwenkt hatte, wedelte er mit dem Kopf seiner Frau und schleuderte ihn schließlich auf die Straße.
Genau in diesem Moment kam mein Vater vorbei, sah, wie der Kopf vor seine Füße rollte und erkannte das Gesicht wieder, sah die aufgerissenen Augen und die aufgelösten Haare: er wollte aufschreien und brachte kaum einen Laut hervor, und so fing er an zu brüllen wie ein abgestochener Ochse. Aufklappende Fensterläden und Entsetzensschreie weckten mich auf:
"Deckt sie zu! Paßt auf, daß keine Kinder hierher kommen! Ruft die Karabinieri!"
Allmählich kam Vincenzo wieder zu sich und begann zu verstehen, was er getan hatte. Er fing an zu schreien und seine Frau anzurufen. Die Karabinieri kamen, machten den armen Opferer und Retter der Welt dingfest und nahmen ihm die Krücken ab, weil sie fürchteten, daß er sie benutzen könnte, um sich das Leben zu nehmen.
Auf den Sarg der Frau legte man die Dornenkrone, mit der sie selbst wenige Tage zuvor an der Bußprozession teilgenommen hatte. Vincenzo wurde im Irrenhaus für Kriminelle in Aversa hinter Schloß und Riegel gesetzt. Die Karabinieri suchten in seinem Haus das verbotene Buch und fanden es: es handelte sich um eine evangelische Ausgabe der Bibel, der das "imprimatur" der katholischen Kirche fehlte.


3. Der schwarze Anzug

Großvater Bruno, der Vater meiner Mutter, war 1948 siebzigjährig aus Amerika zurückgekehrt. Er selbst war 1878 geboren worden, aber die Hand Gottes hatte sich schon lange zuvor sichtbar auf sein Haus gelegt, und zwar am Abend des 4. Oktobers 1806.
An jenem Tag hatten einige Einwohner von Sant'Andrea gewagt, sich Durieu, einem Adjutanten General Lucottes, zu widersetzen und ihn sogar zu verletzen. Nachdem die Franzosen durch eine Volkserhebung aus Kalabrien verjagt worden waren, war dieser Offizier nun dabei, unter dem Oberbefehl von Marschall Massena die ionische Küste zurückzuerobern. Das Napoleonische Heer war wieder erstarkt, zerstörte Dörfer und Siedlungen, richtete ein Blutbad an und vollbrachte fürchterliche Schandtaten.
Am 4. Oktober 1806 begab sich Erzpriester Damiani in vollem Staat zu den Invasoren, um ihnen die Schlüssel des Dorfs zu überreichen, als einige Einwohner von Sant'Andrea die Franzosen aus dem Hinterhalt überfielen, während alle anderen beim Geläut der Glocken ins Dorf liefen, um sich hinter den Mauern zu verschanzen. Die Dorfbewohner leisteten den Invasoren hartnäckig Widerstand, sie töteten mehrere Soldaten der ihnen an Zahl und an Waffengewalt überlegenen französischen Truppe, bis es dieser schließlich gelang, in der Nähe der St.-Rochus-Kirche eine Bresche zu schlagen. Die Rache war grauenhaft: die Franzosen verwüsteten Sant'Andrea und 46 Dorfbewohner fanden den Tod.
In derselben Nacht wurde einer der Vorväter meines Großvaters geboren. Bei seiner Mutter hatten schon die Wehen eingesetzt, so daß sie nicht fliehen konnte. Ihr Mann blieb an ihrer Seite und beide empfahlen sich dem Schutzpatron, dem heiligen Andreas, dessen Statue ein französicher Soldat kurz zuvor mit dem Bajonett die Augen ausgestochen hatte. Da geschah tatsächlich ein Wunder: ein Gefreiter ließ eine Wache vor den Hauseingang stellen, damit niemand die Gebärende störte.
Ein noch größeres Wunder vollbrachte Gott im Jahre 1883, um meinem Großvater Bruno, der damals fünf Jahre alt war, das Leben zu retten. Es geschah am Gründonnerstag: Bruno schaute begierig auf die Süßigkeiten, die man erst am Ostersonntag essen durfte. Seine Großmutter gab auf ihn acht, während sie den Kohl fürs Essen Kleinschnitt. Die Wohnungstür stand offen, und Bruno sah draußen auf dem Balkon einen wunderschönen blonden Jungen, der ihm eine glasierte Süßspeise entgegenstreckte. Er rannte sofort hinaus, und im selben Moment brach der Fußboden der Wohnung ein: seine Großmutter stürzte und starb beim Sturz, von dem blonden Jungen aber war weit und breit keine Spur.
Überzeugt, daß Gott ihn in seinen Dienst rief, begab sich Großvater Bruno zum Franziskanerkloster in Badolato und bat die Brüder, in ihren Orden eintreten zu dürfen. Der Guardian gab ihm zu verstehen, daß er sich sehr über seine Bitte freute, wollte Bruno aber nur zum Almosensammeln ausschicken. Mein Großvater mußte mit einem Doppelsack durch die umliegenden Dörfer ziehen, um Weizen, Bohnen, Most und in der Karnevalszeit Schweineschmalz zu erbetteln. Er hatte gehofft, studieren, das Evangelium verkünden und Brot und Wein weihen zu können, war aber nun schon zu alt, um das Studium zu beginnen.
So dachte er schließlich, daß Gott ihn zur Ehe bestimmt habe, und nach wenigen Jahren verliebte er sich in ein wunderschönes Mädchen namens Caterina, das so arm war, daß nicht einmal ein Paar Schuhe besaß. Caterinas Familie war nicht immer arm gewesen. Ihr Großvater Paolo war ins Elend geraten, weil nach der Volksabstimmung von 1860 stets öffentlich verkündet hatte, daß er gegen das Königreich von Italien gestimmt hatte. (In Sant'Andrea war das Plebiszit zugunsten der Bourbonen ausgefallen). Um alle Zweifel zu zerstreuen, hatte Großvater Paolo seinem Sohn zur Erinnerung an den letzten König von Neapel den Namen Francesco gegeben und wurde deshalb ins Gefängnis geworfen. Seine Frau hatte er abermals schwanger zurückgelassen.
Bald darauf war seine Tochter geboren worden. Vom Gefängnis aus hatte er angeordnet, daß sie Sofia heißen sollte wie die Königin, die Gemahlin von König Francesco. Seine Gefängnishaft war verlängert worden, aber solange er lebte, rief er immerwieder:
Francesco und Maria Sofia, sie leben hoch,
für sieben Jahrhunderte und dann immernoch!
Großvater Bruno war ein tief gläubiger und zuverlässiger Mann. Bevor er Caterina heiratete, begab er sich zum Kloster der Redemptoristen. Er wartete, bis alle Gläubigen die Kirche verlassen hatten, warf sich dann vor dem Altar auf den Boden und betete:
"Herr, wenn meine künftige Frau zur Witwe werden soll, bevor die Kinder groß werden, oder wenn sie als meine Frau irgendwann nicht genug zum Essen haben würde, dann gib, daß ich jetzt hier vor deinem Angesicht sterbe."
Er wartete, bereit, sich sogleich dem Tod zu ergeben, wenn das der Wille Gottes war. Als er verstand, daß er nicht starb und daß Gott ihn also zur Ehe bestimmt hatte, gelobte er feierlich:
"Herr Jesus Christus, am Kreuz hast du gesagt: »Mich dürstet.« Ich weiß, daß es dich nicht nach Wasser, sondern nach Seelen dürstete. Ich verspreche dir, deinen Durst zu stillen, indem ich dir die Seelen der Kinder weihe, die aus meiner Ehe hervorgehen werden." Er hielt sein Versprechen und zeugte zehn Kinder.
Nach dem ersten Weltkrieg wanderte Großvater Bruno in die Vereinigten Staaten aus, weil er seinen forstwirtschaftlichen Betrieb nicht bankrott erklären wollte. Der Betrieb war hoch verschuldet, weil Bruno zum offiziellen Kriegspreis Holz ans Heer hatte liefern müssen. Er zahlte die Schulden bis auf den letzten Pfennig und zog nach Amerika, in der Hoffnung, dort mehr Glück zu haben. Auf dem mühevollen Weg aller Emigranten kam nach Ellis Island, zog unter der Freiheitsstatue vorbei und siedelte sich schließlich in Canton in Ohio an, wo er begann, Dächer zu bauen und Häuserfassaden zu gestalten.
Hätte er gewußt, wie lang und bitter dieses Exil sein würde und wie oft er die eigens den Italienern zugedachten Beschimpfungen wie "dago", "wop", "guiney" über sich hätte ergehen lassen müssen, so wäre er gewiß in Sant'Andrea geblieben.

Eines Morgens gab Großvater Bruno mir eine Pfeife, die er aus einem Rohr geschnitzt hatte. Stolz zeigte ich das Geschenk meinen Spielkameraden. Wir hatten damals kein Spielzeug und verbrachten unsere Zeit für gewöhnlich damit, Löcher in die Erde zu graben. Mit den anderen zusammen pinkelte ich, um die löcher zu füllen. Mit einer instinktiven Bewegung berührte ich die Genitalien der anderen Jungen oder sie die meinen, so wie sechsjährige Jungen einander anfassen können. Eine Nachbarin sah uns dabei und berichtete meiner Mutter, was sie beobachtet hatte.
Am Nachmittag des folgenden Tages kam mir meine Mutter am Schulausgang entgegen, nahm mich an die Hand und zerrte mich hinter sich her bis nach Hause.
Mein Vater war schon aus dem Laden zurückgekehrt und war in der Küche auf einem Stuhl eingenickt. Meine Mutter holte aus einem Schränkchen das Beil, das wir benutzten, um Schweinefleisch in Stücke zu hacken, kam auf mich zu und schwang dabei das Beil hin und her.
"Wenn du es noch ein einziges mal wagst, dich selbst oder jemand anders anzufassen, dann hau ich dir den Kopf ab, so wie Vincenzo es mit seiner Frau getan hat", sagte sie und schaute mir mit ihren wunderschönen, erbarmungslosen Augen ins Gesicht.
Ich fühlte, wie mir ein Schauder über den ganzen Körper lief, als ob ich einen starken Stromschlag bekommen hätte. Ich hoffte, daß mein Vater mir helfen würde. Aber er tat nichts weiter, als die Szene zu beobachten, und lächelte amüsiert über die Empörung seiner Frau. Zum Schluß sagte meine Mutter: "In diesem Haus gibt es keine Sünde! Wehe dir, wenn so etwas nochmals vorkommt!"
Am nächsten Tag verbot sie mir, mit den anderen Jungen zu spielen, und um mich vor jedem möglichen Rückfall zu bewahren, befahl sie mir, zur Vorbereitung auf die Erstkommunion die Glaubensstunden zu besuchen.
Angesichts der vorangegangenen Geschehnisse hielt meine Mutter es für gefährlich, mich zusammen mit den Jungen vom Oratorium die Glaubensstunden besuchen zu lassen, und bat deshalb die Erlösungsschwestern, mich in die Mädchengruppe aufzunehmen. Schwester Gioconda zögerte und wußte nicht, ob sie dieser sonderbaren Bitte entsprechen sollte. Aber meine Mutter bestand auf ihrem Wunsch und sagte, daß ich den Unterricht schwänzen und mit meinen losen Kameraden auf die Felder gehen würde, falls sie mich zum Oratorium schickte. Schließlich konnte Schwester Gioconda meiner Mutter die Bitte nicht abschlagen, da zwei ihrer Schwestern Salesianerinnen waren, und so gab sie ihrer Bitte nach.
Als der Frühling kam und mit dem Frühling die Zeit der Erstkommunion, wollte eine meiner Tanten, die Näherin war, bei mir Maß nehmen, um dann ein weißes Kommuniongewand für mich anzufertigen (1) [Fßn] (1) In Italien tragen auch die Jungen bei der Erstkommunion ein weißes, einer Albe ähnelndes Gewand. (Anm. d. Übers.) [Fßn. Meine Mutter weigerte sich, den Stoff zu kaufen, was die Tante sehr verwunderte: sie verstand nicht, warum meine Mutter nicht bereit war, eine so geringe Summe für den Erwerb des Stoffes aufzuwenden.
"Macht ja nichts, den Stoff bezahle ich", sagte sie.
Meine Mutter lehnte das Angebot ab. Ich sollte mit dem schwarzen Anzug, den ich schon für andere Feste besaß, zur Erstkommunion gehen. Durch nichts ließ sie sich von ihrer Entscheidung abbringen: ich war nicht rein und hatte meine Schuld mit dem Schwarz der Buße zu sühnen.
Am Vorabend der Erstkommunion mußte ich in dem von Don Cosentino geleiteten Oratorium beichten gehen. Meine Mutter nahm mich zur Seite und ermahnte mich, dem Priester von der üblen Missetat zu berichten, die ich einige Monate zuvor begangen hatte:
"Du mußt zu ihm sagen: »Ich habe mit meinen Kammeraden schmutzige Dinge gemacht.«"
In meiner Erinnerung war diese Begebenheit in den Hintergrund gerückt, aber jetzt atte ich wieder alles klar und deutlich vor Augen. Don Cosentino nahm allen Kindern die Beichte ab. Ich hatte nicht den Mut, mich wegen der schmutzigen Dinge anzuklagen, und erwähnte nur ganz allgemein, daß ich meinen Eltern manchmal nicht gehorcht hatte. Er erteilte mir die Absolution, und ich erhob mich mit schrecklichen Gewissensbissen, weil ich meine Pflicht nicht getan hatte. Schließlich ermahnte uns Don Cosentino mit finsterem Blick und sagte: "Ihr müßt in den Beichtstuhl zurückkehren, wenn ihr nicht alles gebeichtet habt. Sonst wird euch der Leib Christi, den ihr morgen in der konsekrierten Hostie empfangt, nicht zum Heil sondern zur Verdammnis gereichen, wie der Apostel Paulus ganz deutlich sagt."
Da hob ich die Hand und bat, nochmals beichten zu dürfen. Don Cosentino versäumte es nicht, bei dieser Gelegenheit für alle Kinder ein Exempel zu statuieren: als ich vor ihm stand, gab er mir eine schallende Ohrfeige.
Am nächsten Tag zogen wir in einer kleine Prozession zur Pfarrkirche. Schwester Gioconda konnte ihren Ärger nicht ganz verbergen, als ich mit dem schwarzen Anzug erschien, und wollte mich nach Hause zurückschicken, damit ich mir das weiße Gewand anzöge. Ich mußte zugeben, daß ich keines besaß, woraufhin sie mich verwundert ans Ende der Prozession stellte und murrte: "Dein Vater ist doch nun wirklich nicht zu arm, um dir ein weißes Kleid nähen zu lassen!"
Die Prozession setzte sich in Bewegung, während wir sangen:

"Oh gesegneter Tag,
den der Himmel uns gab,
oh gesegneter Tag,
lobet den Herrn, lobet den Herrn!"

Nach der Messe kehrte ich ängstlich nach Hause zurück, denn ich wußte nicht, wie meine Mutter mich empfangen würde. Aber als ich zu Hause ankam, umarmte sie mich zärtlich und sagte: "Genau so will dich der Herrgott, rein und weiß wie eine Lilie."
An jenem Junimorgen kam der Maulesel, der den Schnee aus der Schneegrube ins Dorf brachte, vor unserem Haus vorbei. Meine Mutter rief den Mauleseltreiber herbei, und dieser öffnete den mit Blättern bedeckten Sack und füllte den Teller, den meine Mutter ihm hinstreckte, mit Schnee. Sie mischte den Schnee mit Zucker und Zitrone bereitete mir so das erste Eis meines Lebens zu.
Von den Nachbarn hatte ich gehört, wie man eine Schneegrube machte: sie erzählten mir, daß die Einwohner von Pietracupa, einem kleinen Dorf in den Serre Calabresi, das so arm war, daß die Leute noch in Hütten wohnten, einen großen Graben aushoben und ihn mit Farn auslegten. Im Winter schütteten die Männer und Frauen des Dorfes eine große Menge Schnee in diese Grube, und die Kinder tanzten barfüßig darauf herum, während ein Schäfer Dudelsack spielte, um sie anzuspornen, der Mühe standzuhalten, und um sie vergessen zu machen, daß ihre Füße schmerzten.


4. Die "blinden Auberginen"

Ich hatte die Sache mit der Sünde nicht so recht verstanden und war besorgt, Gott zu beleidigen, ohne es zu wollen, so wie damals, als ich mit den anderen Jungen zusammen war und wir uns gegenseitig die Genitalien angefaßt hatten. So beschloß ich Großvater Bruno, der immer sehr nett zu mir war, danach zu fragen. Eines Nachmittags, der Großvater saß gerade draußen auf dem Balkon, weil es dort kühler war, ging ich zu ihm und fragte: "Opa, tuen die schmutzigen Dinge dem Heiland weh?"
"Aber natürlich. Genauso wie wenn jemand ihn nochmal ans Kreuz schlagen würde, um ihn zum zweiten Mal zu töten. Weißt du, was dem Ermenione passiert ist? Er tat Dinge, die man nicht einmal erzählen kann, und das obwohl er Bischof war. Der Engel des Herrn suchte ihn auf und flehte ihn an: »Ermenione, laß ab von der Sünde!« Er aber gab sein Laster nicht auf, und eines Nachts zog der Gerichtsengel sein Schwert aus der Scheide und schlug den Unglückseligen in zwei Stücke."
Die Erzählung dieser erbaulichen Geschichte wurde von wilden Flüchen unterbrochen, die von der Straße heraufschallten. Der Wortschwall begrub ganze Himmelskreise und eine nicht zu verachtende Anzahl himmlischer Heerscharen unter einer Flut von Lästerungen. Der Großvater und ich standen auf, um zu sehen, wer da eine so kühne Zunge hatte. Es handelte sich um einen Ochsenhirten, dem es nicht gelang, mit seinem unglaublich schwer beladenen Fuhrwerk die kleine Steigung bei der Kapelle vom Kalvarienberg zu überwinden.
Die großen Räder des von zwei Ochsen gezogenen Wagens blieben unbeweglich. Weder die Flüche noch die Hiebe mit dem "Stachel", einem Stock, an dessen Vorderende ein Nagel befestigt war und mit dem der Ochsenhirte den Zugtieren ins Hinterteil stach, erzielten die gewünschte Wirkung. Das Blut der Ochsen lockte einen Schwarm von Schmeißfliegen an, die die Tiere mit Schwanzschlägen zu vertreiben suchten. Der Großvater schalt den Ochsenhirten wegen der Lästerungen und riet ihm, das Fuhrwerk nicht so schwer zu beladen, woraufhin dieser sich für die Flüche entschuldigte: er sei schlecht gelaunt, weil die Hochzeit seiner Tochter verschoben werden müsse. Die bischöfliche Kurie von Squillace habe immernoch nicht die Dispens erteilt, ohne die die beiden nicht heiraten könnten, da seine Tochter und der Bräutigam Vetter und Kusine ersten Grades seien.
Großvater Bruno versprach dem Ochsenshirten, ihm bei dieser Angelegenheit zu helfen, wenn er seinerseits verspräche, nicht mehr zu fluchen. Da dem Ochsenhirten nun ganz unerwartet Hilfe angeboten wurde, nahm er die Mütze ab, bekreuzigte sich und schwur mit erhobener Hand. Neue Hoffnung erhellte sein Gesicht, als der Großvater zu mir sagte: "Geh zu meinen Freund Don Vito und sag ihm, er soll heute zum Abendessen kommen."
Im Bewußtsein, einen wichtigen Auftrag zu erfüllen, ging ich eilig durch die Gassen des Dorfes bis zu der elenden Hütte, in der Don Vito wohnte. Ich klopfte an und hörte durch die geschlossene Tür, wie Don Vito leise antwortete: "Gott sei Dank, heute abend gibt's was zu essen. Ich verging schon vor Hunger und hatte mich aufs Bett gelegt, um nicht umzufallen."
Großmutter Caterina hatte "blinde Auberginen" gekocht: mein Lieblingsessen. Für dieses Gericht verwandte man die zartesten Auberginen, schnitt sie mit der Spitze eines kleinen Messers der Länge nach tief ein, wie die Längenkreise einer Weltkarte, und legte sie in Salz ein. Nach einer Stunde wurden sie ausgepreßt und gewaschen. In die Einschnitte gab man eine aus Semmelbrösel, geriebenem Käse, Basilikum und wenig Knoblauch zubereitete Füllung. Schließlich band man die Auberginen mit einem Faden zu, damit sie beim Kochen die Füllung nicht verloren, und kochte sie dann in reichlich Tomatensoße.
Meine Großmutter lächelte, als sie hörte, wer zum Abendessen kam: Don Vito hatte also eine Möglichkeit gefunden, seinen Hunger zu stillen. Unser Gast kam schon am Nachmittag: "Guten Abend, Gevatter Bruno. Guten Abend, Gevatterin Caterina."
"Grüß Gott und guten Abend", antworteten im selben Moment meine Großeltern.
Don Vito nahm den Hut ab, und da stand er nun: kahlköpfig, mit wässrigen, hellblauen Augen und einem weißen Schnurrbart. Er war schwarz angezogen, nur das Hemd war blendendweiß, und am Hals trug er ein Halstuch.
Kaum hatte Don Vito die Schwelle überschritten, da fragte er schon: "Habt ihr meinen Bruder gesehen?"
Auf diese Frage hin schauten meine Großeltern sich verblüffen an. Meine Großmutter wandte sich an den Gast und fragte: "Don Vito, wir kennen Euch, seit Eurer Geburt. Ihr seid ein Einzelkind und habt keine Geschwister!"
"Mein Bruder ist der Hunger", antwortete don Vito.
Meine Großmutter wartete keine weiteren Erklärungen ab. Sie verstand, daß Don Vito nicht in der Lage war, noch zwei Stunden bis zum Abendessen zu warten. Sie ging in die Küche, nahm einen tiefen Teller aus dem Schrank und füllte ihn mit "blinden Auberginen".
"Nur zu, Don Vito, fangt an zu essen!"
Das ließ sich der Gast nicht zweimal sagen. Er spießte mit der Gabel die erste von Tomatensaft triefende Aubergine auf und verschlang sie mitsamt dem Faden, der sie zusammenhielt. Um den Tisch herum herrschte zwei oder drei Minuten lang Stille, dann hatte er den Teller leergegessen.
"Ah! Ich fühle mich wie neu geboren", sagte Don Vito und fügte hoffnungsvoll hinzu, "wenn es jetzt auch noch einen Schluck Wein gäbe ... ."
"Ich habe ein Faß mit fünf Hektolitern Wein", sagte mein Großvater, "nicht um zu sparen, aber ich weiß nicht, ob er Euch schadet."
"Wenn's guter Wein ist, wie könnte er schaden?" erwiderte Don Vito.
Man stellte einen Krug mit rubinrotem Wein auf den Tisch. Unter den besorgten Blicken meiner Großmutter füllte Don Vito mehrmals sein Glas und leerte den Krug bis auf den letzten Tropfen.
"Gevatter Bruno, sagt mir nun, was ich für Euch tun kann, wenn ich auch nur wenig oder gar nichts zu tun in der Lage bin."
Mein Großvater erzählte dem Gast von der bischöflichen Dispens für die bevorstehende Hochzeit.
Don Vito versicherte: "Das kann der Domherr Raspa, der Kanzler der bischöflichen Kurie, erledigen. Ich brauche einen Tag, um nach Squillace zu gehen und einen Tag für den Rückweg. Übermorgen, am Samstag, können die beiden heiraten."
Kurz darauf kam der Ochsenhirte und brachte das Geld für die Dispens der Kurie. Don Vito strahlte vor Freude: er hatte eine zweitägige Wanderung vor sich, aber dann würde er im Haus des Ochsenhirten, dem er mit der Dispens aus Squillace eine immense Freude machen würde, gut essen und noch besser trinken.

Don Vito hatte schon als kleiner Junge seine Mutter verloren. Nach deren Tod hatte sein Vater Donna Vica Clementini, die mit ihren unverheirateten Geschwistern Donna Ersilia und Don Pietro zusammenlebte, geheiratet. Die drei gehörten einer der Familien des niederen Adels von Sant'Andrea an, waren aber mit der Zeit verarmt. Der Adelstitel war für die Mitglieder der Familie Clementini fast zum Fluch geworden. Ihre Ländereien wurde schlecht bebaut und ebenso schlecht verwaltet, und in Kalabrien hieß das Mitte der zwanziger Jahre unseres Jahrhundert, daß sie bitteren Hunger leiden mußten. Aber nicht nur Hunger, sondern auch Durst, Durst nach Wasser.
Die Clementini schmückten sich mit dem Adelstitel "Don", und wegen ihrer gesellschaftlichen Stellung konnten sie sich nicht so weit erniedrigen, mit einem Krug ins Dorf oder auf die Felder zu gehen, um an einem der Brunnen Wasser zu holen.
Zu ihrem Glück war Don Pietro der Taufpate meines Großvaters. In Süditalien bestand die Aufgabe der Taufpaten damals noch nicht darin, ein Thema für irgendwelche Filme abzugeben. Die Patenschaft diente vielmehr dazu, die Familie zu erweitern und mit der Familie den Kreis derjenigen, die miteinander die Schwierigkeiten des Lebens zu überwinden suchten. Don Pietro hatte also meinen Großvater lesen, schreiben und rechnen gelehrt, und mein Großvater schickte später seine Töchter zum Brunnen, um für Donna Vica und für Donna Ersilia, die Don Pietro überlebt hatten, Wasser zu schöpfen.
Als meine Mutter acht Jahre alt war, brachte sie Donna Vica, die erkrankt war, jeden Morgen Ziegenmilch. Sie ging sehr gern zu der alten Dame, weil die beiden Schwestern ihr immer ein paar Mispeln schenkten. Meine Mutter erschrak heftig, als Donna Vica ihr eines Tages sagte, daß sie nur noch bis zum nächsten Freitag Ziegenmilch bringen sollte, da sie, Donna Vica, am Samstag sterben werde. Die heilige Brigitte, zu der sie eifrig betete, sei ihr erschienen und habe ihr ihren Todestag mitgeteilt. Und genau so kam es.

Don Vito erwies sich als untauglich für jede Art von Arbeit. Er wurde zum Stammgast der Spelunken, bis er die ererbten Ländereien schließlich vertrunken hatte. Er konnte aber lesen und schreiben und war in der Lage, sich nicht nur im Dialekt von Sant'Andrea, sondern auch auf Italienisch verständlich machen. Und so schlug er sich durch, indem er im Bedarfsfall zur bischöflichen Kurie von Squillace, zum Amtsgericht von Davoli oder zu anderen in den Nachbarorten gelegenen Ämtern ging, um für die Analphabeten aus Sant'Andrea (und damit für fast alle Bewohner des Dorfes) die komplizierten und abstrusen Verwaltungsangelegenheiten zu erledigen.
Wenn jemand ihm einen Auftrag gab, so war dies ein großes Ereignis. Denn zusammen mit dem Auftrag bekam Don Vito auch eine große Flasche Wein, der ihn auf dem Weg zum jeweiligen Amt stärken sollte. Er ging früh morgens los, im Winter schützte ein Radmantel ihn vor der Kälte, und er nahm Abkürzungen über Feldwege und durch enge Tälchen, um schneller ans Ziel zu kommen.
Der Weg war weit, aber Don Vito war nie allein. Bis zu seinem Tod begleitete ihn stets sein Bruder, der Hunger.


5. Die eiserne Kugel

"Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Gute Nacht", sagte der mit der Aufsicht betraute Priester.
Der Nordostwind ließ die Wellen mit Getöse ans Ufer schlagen: ein wohlbekanntes, immer gleiches, aufheiterndes Geräusch. Ich drehte mich im Bett auf die Seite und sah durch das halboffene Fenster den Leuchtturm von Capo Rizzuto auf der anderen Seite des Golfes, der in gleichmäßigem Rhythmus Lichtsignale abgab. Es war Ende September, und die Luft war sanft.
Im Herbst des Jahres 1952 begann meine erste Nacht im Internat der Salesianer in Soverato. Die erste Nacht, nach dem längsten Tag meines Leben: so zumindest schien es mir damals. Für mein Alter, ich war damals 11 Jahre alt, war der vorangegangene Tag in jedem Fall reich an Aufregung gewesen. Am Morgen hatte ich mich von Sant'Andrea trennen müssen, und während das Auto, mit dem man mich zum Internat brachte, die Serpentinen hinunterfuhr und sich dem Meer näherte, lernte ich den Schmerz all derer kennen, die etwas verlassen müssen, das sie innig lieben.
Meine Eltern ließen mich im Internat zurück, nachdem sie die Wäsche und die Kleidung in den Schrank neben dem Bett eingeräumt hatten. Meine Mutter verabschiedete sich hastig: "Ich muß jetzt nach Hause zurückfahren, um dein Brüderchen zu stillen. Wenn dir das Essen, das sie dir geben, nicht schmeckt, dann iß Brot, viel Brot."
Während ich im Bett lag und ins Dunkle schaute, dachte ich an unser Haus und war traurig, nicht bei meiner Mutter zu sein, auch wenn ich mit ihr zusammen den Rosenkranz hätte beten müssen. In diesem Moment betete sie ihn allein, während mein Vater schon schnarchte. Ich wollte wach bleiben und die ganze Nacht über nachdenken, aber zum Glück löschte der Schlaf meine angstvolle Unruhe.
An einem dieser Herbstabende läutete die kleine Glocke, die uns vor dem Schlafengehen zum Abendgebet rief. Im Halbdunkel der Kapelle züngelte die Flamme der rötlichen Öllampe gleich neben dem Tabernakel. Einige Augenblicke der Stille waren der Gewissenserforschung gewidmet, dann sprachen wir das Reuegebet und baten Gott um die Vergebung unserer Sünden. Der Priester, der das Abendgebet leitete, fügte hinzu: "Und nun wollen wir ein Vaterunser beten, für denjenigen von uns, der als erster sterben wird."
Diese Worte beschworen in meinem Kopf eine düstere Vision herauf: ich sah mich in einem Sarg liegen, bekleidet mit dem blauen fürs Internat genähten Anzug; um meine Hände hatte man einen Rosenkranz gelegt, an meiner Seite Nelken und Levkojen aufgestellt. Ich durchlebte auch die letzten Augenblicke, die dem Tod vorausgehen: meine Wangen wurden blaß und die Augen blieben offen, bis eine meiner Tanten sie mit dem Daumen und dem Zeigefinger zudrückte, nachdem sie zuvor mit demselben Daumen und demselben Zeigefinger den Fußboden berührt hatte: Zeichen des Friedens mit der Erde, die mich in ihren Schoß aufnehmen sollte.
Ich kniete in der Kapelle und merkte, daß meine Hände zitterten und daß ich ein paar Tropfen Pipi verlor. Ich tat so, als ob ich das Vaterunser mitbetete, bewegte aber nur die Lippen, ohne die Worte auszusprechen, weil ich den Tod nicht heraufbeschwören wollte. Die Zange der Angst lockerte sich allmählich, aber ich zitterte noch, als ich mit den andern zu unserem Zimmer zurückkehrte. Bevor ich ins Bett ging, zog ich mir den Schlafanzug in der Weise an, wie ein Priester es uns beigebracht hatte: man mußte einen Zipfel der Bettdecke hochheben und sich mit baumelnden Füßen aufs Bett setzen, die Oberschenkel mit dem erwähnten Zipfel der Bettdecke bedecken und dann in dieser Stellung die Schlafanzughose anziehen, so daß keiner der Mitschüler seinen Kammeraden halbnackt sehen konnte.
Jeden Morgen gingen wir bei Tagesanbruch zur Messe, und alle Internatsschüler kommunizierten. In einer Ecke hinten in der Kirche saß ein Priester, der uns die Beichte abnahm. Als ich an der Reihe war und mich hinkniete, lächelte er mir zufrieden zu und sagte: "Da ist also mein kleiner Luigi von Gonzaga!"
Der heilige Luigi von Gonzaga wurde uns als Beispiel jungfräulicher Reinheit vorgestellt. Er hatte auf das Herzogtum von Castiglione dello Stiviere und von Mantua verzichtet, hatte Ruhm und Reichtum aufgegeben und war Jesuit geworden. Im Alter von sechs Jahren war er als Edelknabe der wunderschönen Kaiserin Maria von Spanien nach Madrid gefahren und blieb zwei Jahre lang an ihrem Hof. Aus schamhafter Scheu schaute er ihr niemals ins Gesicht, so daß er sie nicht von den anderen Damen des Hofes unterscheiden konnte.
Als tugendhaftes Beispiel hielten uns die Salesianer auch den seligen Domenico Savio vor Augen, der im Alter von 14 Jahren gestorben war, rein wie die Maiglöckchen. Der selige Domenico Savio sagte immer: "Lieber der Tod als die Sünde."
Es bestand nicht der geringste Zweifel daran, daß alle, die gegen die Reinheit gesündigt hatten, in die Hölle kamen. Die Geistlichen erzählten uns die Geschichte eines Kindes, das eines Nachts im Alter von sechs Jahren im Oratorium von Turin gestorben war. Als Don Bosco am nächsten Morgen von der Sakristei in die Kirche gehen wollte, um eine Messe für die Seele dieses Kindes zu lesen, hinderte ihn eine unsichtbare Hand, sich dem Altar zu nähern. Schließlich bat ihn die Stimme des Kindes, nicht für es zu beten, weil es verdammt worden sei. Obwohl es kaum sechs Jahre alt war, hatte es gegen die heilige Keuschheit gesündigt und war zu schnell gestorben, um seine Tat noch bereuen zu können. Selbst Don Bosco, der Gründer des Salesianerordens, konnte nichts mehr für dieses Kind tun.
Als Don Bosco noch im Seminar von Chieri studierte, hatte er auch eine Abmachung mit seinem Kurskameraden Luigi Comollo getroffen: derjenige von den beiden, der zuerst starb, sollte dem Zurückgebliebenen Nachricht erstatten. Wenig später starb Comollo, und eines Nachts erschien er dem Heiligen mit ungeheuerem Getöse in einem geheimnisvollen Licht, um ihn zu beruhigen: er war in den Himmel gekommen.
Ein klarer Beweis der Existenz der Hölle wurde Don Bosco im Traum geliefert: er irrte in einer öden, dunklen Heide umher. Mit einem Mal vernahm er eine Stimme, die ihn zu einer Mauer führte, der äußersten Grenze der Hölle, viele tausend Meilen vom ewigen Feuer entfernt. Don Bosco berührte die Mauer, wie die Stimme ihm befohlen hatte, und seine Hand wurde tatsächlich verbrannt, so daß er sie behandeln lassen mußte.
Die Höllenstrafen waren aber nicht nur entsetzlich, sondern auch ewig. Ein Prediger wies uns auf die Dauer der Strafen hin, die über die Sünder verhängt wurden: "Stellt euch eine eiserne Kugel vor, so groß wie euer Fußball. Über diese Kugel läuft eine Ameise, die mit ihren winzigen Füßchen alle Millionen Jahre einen Schritt tut. Es vergehen viele Millionen Jahre, und die Ameise läuft so lange, bis die ganze Kugel völlig abgewetzt ist, im Augenblick aber, das sie so weit gekommen ist, beginnt erst die Ewigkeit der Strafen ... ."
Nach der Predigt ließ er uns die "Übung für einen guten Tod" beten, die die letzten Augenblicke des Leben eines im Sterben Liegenden beschrieb. Es handelte sich um eine fromme, sehr eindrucksvolle, fast bühnenreife Darstellung, die auf den Neapolitaner St. Alfons zurückgeht. Während wir dieses Gebet sprachen, wurde ich von immer größerer Schwermut erfüllt.
"Wenn meine trüben, vom Grausen des unmittelbar bevorstehenden Todes verdrehten Augen in Euch die sehnsuchtsvollen und sterbenden Blicke anstarren werden,
- barmherziger Jesus, erbarmt Euch meiner.
Wenn meine kalten, zitternden Lippen zum letzten mal Euren anbetungswürdigen Namen hervorbringen werden,
- barmherziger Jesus, erbarmt Euch meiner,
Wenn meine bleichen, blaßblauen Wangen allen Anwesenden Mitleid und Entsetzen einflößen werden, wenn der Todeschweiß die feuchten Haare meines Hauptes aufrichten und so mein Ende ankündigen wird,
- barmherziger Jesus, erbarmt Euch meiner.
Wenn meine Ohren sich für immer der Menschenrede verschließen wollen, wenn sie sich Eurer Stimme öffnen, die das unwiderrufliche Urteil, mein Schicksal für alle Ewigkeit, verkünden wird,
- barmherziger Jesus, erbarmt Euch meiner.
Wenn mein Herz von der Vorstellung entsetzlicher und furchterregender Gespenster gequält wird, wenn es eintauchen wird in eine tödliche Traurigkeit, wenn mein Geist gepeinigt wird vom Bewußtsein meiner Bösartigkeit und von der Furcht vor Eurem Urteil, wenn er mit dem Engel der Finsternis kämpfen wird gegen dessen Versuch, mich des tröstenden Anblicks Eurer Barmherzigkeiten zu berauben, um mich in tiefe Verzweiflung zu stürzen,
- barmherziger Jesus, erbarmt Euch meiner.
Wenn ich meine letzten Tränen weinen werde, Zeichen meiner Zerstörung, so nehmt sie als Sühnopfer an, auf daß ich als Bußopfer dahinscheide, und in jenem schrecklichen Augenblick,
- barmherziger Jesus, erbarmt Euch meiner.
Wenn ich alle Wahrnehmunsfähigkeit verloren habe, wenn die ganze Welt für mich entschwunden ist und ich stöhne in den Ängsten des äußersten Todeskampfes und in der Bangigkeit meiner letzten Stunde ..."


6. Das leere Bett

Das Internat der Salesianer war recht teuer, so daß es nur von Kindern aus wohlhabenden Familien besucht wurde. Meine Eltern waren fassungslos, als sie die Gebüren für die ersten drei Monate bezahlen mußten: mehr als dreitausend Lire, für sie damals eine ungeheuer großer Betrag. Sie blätterten große Tausendlirescheine auf den Tisch, und mir schien, daß das Abzählen des Betrags gar kein Ende nehmen wollte.
Als meine Mutter mich wenig später besuchte, sagte sie mir klar und deutlich, daß unsere Familie sich eine derartige Ausgabe nicht erlauben konnte. Von jenem Moment an empfand ich meinen Aufenthalt im Internat wie eine glückliche Zeit, die langsam zu Ende ging. Meine Mutter war aber dennoch fest entschlossen, mich weiter auf die Schule gehen zu lassen:
"Du sollst nicht den Beruf deines Vaters ergreifen. Ich weiß nur zu gut, wie mühsam seine Arbeit ist."
Seit dem Tod meines Großvaters, der 1922 gestorben war, begann mein Vater jeden Tag im Morgengrauen zu arbeiten. Er selbst war damals vierzehn Jahre alt, das älteste von acht Kindern. Wegen des frühen Todes seines Vaters hatte er keine Zeit, wie die anderen männlichen Mitglieder unserer Famlilie den Beruf des Schmiedes zu erlernen. Schon damals mußte er mit dem Hammer auf einen Amboß schlagen, der viel zu hoch für einen Vierzehnjährigen war, bis seine Hände vor lauter Blasen anschwollen.
Ganz allein hatte er alle Geheimnisse der Kunst, Eisen zu formen und zu bearbeiten, entdeckt. Deshalb pflegte er zu sagen: "Wenn die Welt aus Eisen wäre, dann wüßte ich sie zurechtzubiegen, nur besteht sie leider aus einem Stoff, den niemand kennt."
Ich schaute ihm oft zu, während er, umgeben von einer Schar von Lehrlingen, glühendes Eisen schmiedete. Unter seinem Hammer, dessen Schläge man bis zur Küste hörte, sprühten Funken und formten sich Hufeisen für Esel, Hacken und viele andere Werkzeuge.
Um weiter zu auf die Schule zu gehen, gab es für mich nur noch eine einzige Möglichkeit: das bischöfliche Seminar von Squillace. Denn in Sant'Andrea gab es damals noch keine weiterführende Schule. Und so wurde auch der Traum meiner Mutter wahr: einer ihrer Söhne würde Priester werden. Im übrigen war dies nicht nur ihr Wunsch, sondern auch ihre und meine Pflicht: als sie mich noch in ihrem Schoß trug, hatte sie dem Herrn gelobt, mich zum Priester zu machen.
An einem Septembermorgen am Anfang des siebten Schluljahrs brachte meine Mutter mich mit einem geliehenen Auto nach Squillace. Ich war an die Sauberkeit, an die gute Küche, an den einwandfreien Zustand der Badezimmer des Salesianerinternats gewöhnt, und so erschrak ich furchtbar, als ich das Seminar sah: in Squillace war alles alt, baufällig und verwahrlost. Die Zimmer waren schmutzig und feucht, in den wenigen Toiletten fehlte oft das Wasser. Es gab keine einzige Dusche und keine Badewanne. Angewidert verstand ich, daß ich bis zu den nächsten Sommerferien keine Möglichkeit haben würde, mich am ganzen Körper zu waschen, da wir auch die Weihnachts- und die Osterferien im Seminar verbringen mußten.
Einer meiner Schulkammeraden, Biordo, ein Seminarist aus Pazzano, einem Dorf ganz in der Nähe von Stilo, wurde im November krank. Er blieb in seinem Bett im Schlafsaal, weil es im Seminar kein Krankenzimmer gab. Ich wurde beauftragt, ihm auf einem Tablett sein Essen zu bringen, und mußte zusehen, wie dieser Junge, noch heute erinnere ich mich an seinen freundlichen, intelligenten Blick, immer mehr abmagerte. Er wollte nichts essen und bat mich nur, ihm Gesellschaft zu leisten.
Ich hatte das Gefühl, daß bald etwas Schlimmes geschehen würde, und sprach mit meinen Oberen darüber. Einige Tage später kamen seine Eltern und nahmen ihn mit. Während der Weihnachtsferien sagten uns die Geistlichen, daß Biordo am Heiligen Abend gestorben war und daß man ihn im Friedhof von Pazzano begraben hatte.
Dieser Friedhof liegt in einer malerischen Gegend, in der Nähe eines Berges, des Consolino, wo Tommaso Campanella das Kraut der Weisheit gesucht hatte. Er fand es nicht und alterte siebenundzwanzig Jahre lang in den Gefängnissen von Maschio Angioino und von Castel dell'Ovo in Neapel und weitere sechs Jahre lang im Kerker des Heiligen Offiziums zu Rom. Elf Jahre lang für jedes der Laster, die er nach seinen eigenen Worten hatte bekämpfen wollen:
Ich wurde geboren, um drei übergroße Übel zu besiegen:
die Tyrannei, die Sophismen und die Heuchelei.

Die beiden Medaillons der Seminarkapelle waren mit Fresken bemalt: eines stellte St. Stanislaw Kostka dar, das andere St. Gabriele von der Schmerzensreichen Mutter: zwei Helden der Keuscheit, die beide in jungen Jahren gestorben waren. Stanislaw Kostka war ein polnischer Heiliger, der sehr früh in den Jesuitenorden (und damit in einen wahren Vorraum des Himmels) eingetreten war. St. Gabriele war ein umbrischer Passionist, der schwer unter dem Drang des Fleisches litt. Um Buße zu tun, schlief er mit einem groben Gewand aus schwarzer Wolle und deckte sich im Sommer mit den Winterdecken zu.
Unser Spiritual hatte uns empfohlen, nach St. Gabriels Beispiel vor dem Einschlafen bestimmte Heilige als Hüter bestimmter Körperteile anzurufen. Unter dem nächtlichen Schutz dieser himmlischen Wächter würden wir dann einschlafen und aufwachen, ohne Schuld auf uns zu laden.
An einem Aprilabend rief uns Don Conte, der Verwalter des Internats, ein Mann von hünenhafter Gestalt, in den Sprechsaal. Eigenartigerweise fing er nicht an, wie gewöhnlich mit einem Schlüsselbund, den er in seiner riesigen Hand versteckt hielt, Schläge auf unsere Köpfe zu verteilen. Er sagte nur, daß ein Missionar mit uns reden müsse, und ließ uns mit letzterem allein. Der Missionar war dreißig Jahre lang in Brasilien gewesen. Er hatte einen weißen, wallenden Bart. Die Situation war ihm noch peinlicher als uns, die wir nicht wußten, warum man uns in den Sprechsaal gerufen hatte: er wußte gar nicht, wo er anfangen sollte. Während die zuvor vom Bart verborgene Röte ihm jetzt sichtbar ins Gesicht stieg, fragte er schließlich, ob jemand wisse, was das lateinische Verb "tangere" bedeute. "Berühren", platzte ich heraus.
"Sehr gut", lobte mich der Missionar und fuhr fort, indem er uns erklärte, daß uns in unserem Alter eigenartige Dinge widerfahren könnten. Wir könnten zum Beispiel von einer Frau träumen und am nächsten Morgen "feucht" aufwachen. Das sei keine Sünde. Wenn wir aber in wachem Zustand weiter genußvoll an diese Träume dächten, und wenn die Hände das täten, was man auf Lateinisch "tangere", das heißt berühren, nennt, dann würde die höllische Schlange von unserer Seele Besitz ergreifen.
Von jenem Abend an hatte ich Angst, ins Bett zu gehen. Ich fürchtete, daß ich von einer Frau träumen könnte, und war wie besessen vom Gedanken an die Schlange, von der ich meinte, sie sei unter meiner Bettdecke verborgen, bereit auf meine Genitalien zu kriechen. Wegen dieser Furcht verging mir der Appetit, und da auch die fürchterlichen Gerichte, das man uns auftischte, gewiß nicht zum Essen anreizten, wurde ich schauerlich hager.
Vom Hunger übermannt, schluckte ich eines Abends die uns vorgesetzte dünne Kohlbrühe, in der kleine schwarze Insekten herumschwammen, herunter und aß auch die verhaßte, in einer widerlichen rötlichen Soße gekochte Scheibe Mortadella, statt sie, wie sonst, an meine Kameraden weiterzugeben. Während der letzten Ruhepause bekam ich Ohrensausen und Kopfschmerzen, und am nächsten Morgen hatte ich Fieber und Schüttelfrost.
Ich blieb zwei Tage lang allein im Schlafsaal, lag immer auf der rechten Seite und fand nicht den Mut, mich umzudrehen, weil ich sonst das leere Bett ohne Matratze gesehen hätte, in dem Biordo geschlafen hatte.
Am Vormittag des dritten Tages, während der Pause zwischen zwei Unterrichtsstunden, besuchte mich mein Lehrer Don Ciccio, dem meine Abwesenheit im Klassenzimmer aufgefallen war. Mein Gesicht gefiel ihm gar nicht, und als er mich sah, rief er: "Mit so 'nem Gesicht würdest du in die Kapelle passen. Wir sollten dich am besten zwischen den heiligen Stanislaw und den heiligen Gabriele stellen. Was ist denn los mit dir?"
Ich sprach andeutungsweise von dem Missionar und von der Schlange. Er ließ nicht nach und wollte genau wissen, was vorgefallen war. Als er von der Geschichte mit dem "Berühren" erfuhr, wurde er blau im Gesicht, verdrehte grimmig die Augen, hätte fast seinen Zigarrenstummel verschluckt, und platzte heraus: "Die sind ja wahnsinnig, die sind reif für eine geschlossene Anstalt! Was die euch in den Kopf setzen, statt euch beim Heranwachsen zu helfen, was weiß Gott schon schwer genug ist! Das sechste Gebot haben diese Priester erfunden! Die Bibel hat den Ehebruch, den Geschlechtsverkehr mit der Frau eines anderen Mannes, verboten, um Konflikte zwischen den Männern zu vermeiden. Diese Priester haben dieses eindeutige Gebot verfälscht und in eine zweideutige Vorschrift verwandelt: »Du sollst nicht Unkeuschheit treiben.« Steh auf und komm mit in die Schule!"
Ich zog mich an und ging mit Don Ciccio in die Schule. Er stützte mich, weil mir vor Schwäche die Beine zitterten.
Als wir im Klassenzimmer ankamen, begann Don Ciccio mit dem Geschichtsunterricht, aber die Sache mit dem sechsten Gebot hatte ihn aufgebracht, und er verlor ständig den Faden. Schließlich konnte er sich nicht mehr beherrschen und sagte mit vor Wut bebender Stimme: "Was bilden sich eure Oberen eigentlich ein, wenn sie glauben, euch im Namen Gottes gewisse Doktrinen beibringen zu dürfen? Sagt der heilige Johannes denn nicht: »Deum nemo vidit umquam« (1) [Fßn] (1) Niemand hat Gott je gesehen. [Fßn]. Dieser rotgewandete Neandertaler von Bischof Fares hat ihn gewiß nicht gesehen. Und dasselbe gilt für Kardinal Sirleto, der 1565 dieses Seminar gründete und unter dessen Purpurmantel sich dieselbe Steinzeitmentalität verbarg. Er bewies wahrhaftig ein steinzeitliches Gemüt, als er allen, die auf dem Platz hier neben dem Hof eures Seminars den Ketzerverbrennungen beiwohnten, Ablässe gewährte ... Maledictus homo qui confidit in homine! (2) [Fßn] (2) Verdammt sei der Mensch, der sein Vertrauen auf Menschen setzt. [Fßn]"


7. Das Smaragdkreuz

Eines Abends kam Bischof Fares in unseren Schlafsaal, während wir vor unseren Betten knieten und das Abendgebet sprachen. Der Bischof ermahnte uns: "Ihr müßt vor allem voller Inbrunst die drei Ave-Maria zu Ehren der Gottesmutter Maria beten, die vor, während und nach der Geburt Jungfrau war. Dieses Gebet kann eure Seele und euren Körper vor großem Schaden bewahren."
Er hielt einen Rosenkranz in der Hand und ging hoch aufgereckt und feierlich an den in zwei Reihen aufgestellten Betten entlang. Im Schein einer schwachen Lampe lasen wir die Gebete aus einem Büchlein ab, das wir vor uns aufs Bett legten; die Lampe wurde die ganze Nacht über nicht gelöscht.
Der Bischof war auf mich aufmerksam geworden. Ich war folgsam und brachte gute Leistungen in der Schule: man konnte große Hoffnungen auf mich setzen. In diesem Sinne hatte sich der Direktor in den Anmerkungen zu meiner Person geäußert. Da ich darüber hinaus auch größer als meine Kameraden war, bestimmte mich der Bischof zum Schleppenträger. In den Prozessionen schritt er mit einem violetten Gewand einher und trug einem ebenfalls violetten Mantel, der in eine etwa drei Meter lange Schleppe auslief. Ich mußte diese Schleppe tragen, so daß sie nicht den Boden berührte, aber auch nicht zu straff gespannt war, sondern eine schön nach unten geschwungene Kurve bildete. Während der Weihnachtsnovene befahl der Bischof mir allein, während der in der Kathedrale gefeierten Gottesdienste zu seinen Füßen auf den Stufen des Bischofssitzes zu sitzen. Vor den Andachten sagte er zu mir: "Wenn ich dich mit dem Fuß berühre, dann tue ich das nicht, um dich zu treten, sondern um dir ein Zeichen zu geben, damit du aufstehst und mir das Lektionar hinhältst."
Nach der Christmette mußte ich den Bischof bis ins bischöfliche Palais begleiten, um ihm die Schleppe zu tragen. Er legte mir eine Hand auf den Kopf und fragte: "Möchtest du wirklich Priester werden?"
Voller Begeisterung antwortete ich: "Ja, das möchte ich wirklich!"
"Es ist wahrhaft Gott selbst, der dich ruft. Er bevorzugt dich und möchte, daß du dein Leben in seinem heiligen Dienst verbringst. Verstehst du, welch großes Geschenk er dir macht, was für ein Vorrecht er dir zugesteht? Du wirst Priester werden, und vielleicht wirst du dereinst gar Bischof, so wie ich selbst Bischof geworden bin, und wenn der Allmächtige es so will, wirst du einst das weiße Gewand tragen und auf dem Throne Petri sitzen, warum auch nicht? Aus so einem Holz macht man Kreuze. Auch der Papst war einmal ein Seminarist wie du, und vielleicht bist du sogar tüchtiger, als er es einmal war."
Jubelnd kehrte ich zum Schlafsaal zurück. Jetzt wußte ich, daß ich zu Höherem bestimmt war. Keinem Menschen wollte ich etwas davon sagen: dieses Geheimnis teilte ich nur mit dem Bischof, dem Nachfolger der Apostel, durch dessen Mund Gott zu mir gesprochen hatte.
Ich wuchs damals ziemlich schnell und war besorgt wegen der Dehnungsstreifen, die ich unter meinen Armen entdeckt hatte. Jeden Tag ging ich während der Zeit, in der jeder für sich lernte, auf die Toilette, machte die Arme frei und schaute, ob die Dehnungsstreifen größer wurden. Ich glaubte, es seien Zeichen einer galoppierenden Tuberkulose, die ganz plötzlich zu einem Blutsturz führen konnte. Der junge Organist meines Heimatdorfes war so gestorben: als er den Blutsturz hatte, kniete er sich vor den Altar des heiligen Gerhard und betete weinend: "Hilf mir, ich flehe dich an, laß mich nicht sterben!"
Aber der Heilige schaute unerschütterlich auf das blutige Kreuz, das er in den Händen hielt, und der junge Organist starb vor den Augen der fassungslosen Gemeindemitglieder.
Eines Tages kam Don Alfredo, der Sekretär des Bischofs, zu mir und teilte mir mit, daß wir am folgenden Tag anläßlich eines Festes nach Sant'Andrea fahren würden. Als wir am nächsten Morgen das Haus verließen und auf das Auto zugingen, hörten wir ganz plötzlich einen ohrenbetäubenden Lärm: es hatte mit einem Mal ungeheuer heftig zu hageln begonnen: nußgroße Eiskugeln schlugen vor uns auf den Boden. Der Bischof nahm die violette Kappe ab, sprach ein lateinisches Gebet, schaute zum Himmel hinauf und machte dabei ein Kreuzzeichen. Zu meiner großen Verwunderung hörte es auf zu hageln.
Bei dem großen Durcheinander hatten wir zwei arm gekleidete Frauen, Mutter und Tochter, nicht bemerkt. Die beiden kamen aus Nardodipace und baten um das Sakrament der Firmung für die Tochter, die sonst nicht heiraten konnte.
Don Alfredo wollte ihnen helfen: zum Zeichen stummer Fürsprache verneigte er sich vor Bischof Fares. Dieser kam aus Foggia und verstand die Bewohner der Serre Calbresi nicht, wenn sie richtig Dialekt sprachen.
"Was sagt sie, was sagt sie?" fragte er.
Ich übersetzte: "Sie sagt, daß ihre Familie schon alles für die Hochzeit vorbereitet hat, sie haben auch schon die Böcklein für das Hochzeitsessen geschlachtet."
"Individualfirmungen nur donnerstags von neun bis zwölf", sagte der Bischof auf eine Weise, die keine Erwiderung zuließ, und schickte sich an, die Stufen hinunterzugehen.
Sowohl die Mutter als auch die Tochter schienen wie betäubt; sie konnten kaum glauben, das der Bischof höchstpersönlich ihre Bitte zurückgewiesen hatte.

In Sant'Andrea zogen wir in einer Prozession durch die Straßen des Dorfes. Ich ging hinter dem Bischof her und trug ihm die Schleppe. Als wir vor unserem Haus vorbeikamen, sah ich meine Mutter am Fenster. Sie blieb mit erhobener Hand stehen; während sie sich noch bekreuzigte, war ihr Arm vorzeitig wie gelähmt zum Stillstand gekommen, und ihr Gesicht hatte sich vor Bestürzung verdunkelt: ich war nur noch der Schatten des Jungen, den sie wenige Monate zuvor bei ihrem Besuch in Squillace gesehen hatte. Ich war dermaßen mager, daß man mich fast wie ein Blatt Papier hätte zusammenfalten können. Die Prozession kehrte zur Kirche zurück, und ich begleitete den Bischof in die Wohnung. Da erschien auf dem kurzen Flur, der die Sakristei mit dem Internat der Remptoristenpatres verband, meine Mutter und stellte sich dem Bischof in den Weg. In ihren Augen las ich eine ungeheuere Entschlossenheit und fürchtete, daß sie Seiner Exzellenz die Stirn bieten würde, was für mich sehr peinlich gewesen wäre. Sie stockte und sagte dann: "Meinem Sohn geht es schlecht. Er muß behandelt werden. Laßt ihn mir wenigstens für eine Woche, danach wird er ins Seminar zurückkommen."
"Wenn er nicht sofort mitkommt, kann er endgültig hier bleiben", gab der Bischof schroff zurück.
Das Gesicht meiner Mutter wurde erdfahl. Sie verstand, daß nichts zu machen war, und reichte mir ein Päckchen mit zwei Preßwürsten und einigen Eiern, das sie für den Fall einer Zurückweisung mitgebracht hatte.
Als wir Sant'Andrea verließen, um zu einer feierlichen Vesper nach Gagliato zu fahren, bahnte sich eine mir bekannte Frau den Weg durch die Menge. Sie wandte sich weinend an den Bischof: "Wenn Ihr nicht zu mir nach Hause kommt und meinen Sohn segnet, wird er sterben."
Aus den Bemerkungen der Umstehenden entnahm ich, daß ihr Sohn einen Tumor hatte und im Sterben lag. Ich war sicher, daß der Bischof bei dieser Frau einkehren würde, auch weil wir mit dem Auto direkt vor ihrem Haus vorbeifahren mußten. Er aber schaute auf die Uhr und sagte: "Warum habt Ihr mir das nicht früher gesagt? Jetzt habe ich einen Termin. Geht nach Hause, gute Frau, ich werde Eurem Sohn meinen Segen senden. Er wird nicht sterben."
Dieses Mal funktionierte es aber nicht so gut wie mit dem Hagel: der junge Mann starb wenig später.

Als wir nach Squillace zurückkamen, nahm der Bischof sein Brustkreuz ab und gab es zur Aufbewahrung seinem Kammerdiener Rinaldo. Er trug dieses mit großen Smaragden besetzte Goldkreuz nur zu feierlichen Anlässen. Papst Pius XII hatte es Fares zu seiner Bischofweihe geschenkt.


8. Das Unbehagen

1955, am Ende des 8. Schuljahrs, mußte ich Squillace verlassen, was mir keineswegs leid tat. Bis zum Ende des Studiums sollte ich ans päpstliche Regionalseminar von Catanzaro gehen. Dort gab es alle Unterrichtsklassen: fünf Jahre lang würde ich das Gymnasium besuchen und Latein und Griechisch lernen, dann würde ich ein Jahr lang Philosophie und schließlich vier Jahre lang Theologie studieren, um schließlich zum Priester geweiht zu werden.
In Squillace hatten wir dieselbe Kleidung wie alle anderen Jungen unseren Alters getragen; in Catanzaro trugen wir eine Priestersoutane.
Der Gedanke, dieses schwarze Gewand tragen zu müssen, begeisterte mich gar nicht, aber ich hatte nicht den geringsten Zweifel, daß ich Priester werden sollte und wollte. Folglich blieb mir keine andere Wahl, als diese enorm lästige Zwangsbestimmung hinzunehmen.
Zu Beginn des folgenden Schuljahres zogen wir in einer Prozession zum Altar, vor dem uns Bischof Fares erwartete. Wir knieten vor ihm nieder, und er half uns, die Soutane, das Chorhemd und den weißen, harten Kragen anzulegen. Der Bischof unterwies uns und sagte:
"Von heute ab gehört ihr zum Heere Christi, und ich habe euch die Uniform seiner Soldaten übergeben. Welch ein Glück ward euch zuteil: ihr seid zu der größten und edelsten Aufgabe erwählt worden, die auf dieser Erde vorstellbar ist! Achtet dieses euer Gewand, tragt es immer voller Liebe, und wenn die Welt euch seinetwegen verachtet, nehmt diese Verachtung auf euch, ja genießt sie sogar! Ihr habt allem irdischen Ruhm, dem Satan und den eitlen, verschwenderischen Verlockungen des Fleisches entsagt, habt verzichtet auf die Familie, in der ihr geboren seid, und auf jene, die ihr hättet gründen können. Ihr seid die erwählte Schar, berufen, im Weinberg des Herrn zu arbeiten."

Die wahre Herrin des Seminars war ohne jeden Zweifel die kleine Glocke. Mit ihrer vollen, entschlossenen Stimme teilte sie den Tag ein und bestimmte, wann wir welche Beschäftigungen wahrzunehmen hatten. Jeden Morgen standen wir um zehn vor sechs auf und murmelten die ersten Gebete. Dann räumten wir geschwind das Zimmer auf und begaben uns in den Hof, wo wir zwanzig Minuten lang Gymnastik machten. In den Schlafsaal zurückgekehrt, zogen wir das Gewand an und gingen in die Kapelle. Nach einer halben Stunde Stille, die der Einzelmeditation gewidmet war, begann die Messe. Die Eifrigsten knieten während dieser halben Stunde, die der Messe vorausging. Auch ich kniete, weil ich unter starken Kolitisanfällen litt. Auf diese Weise konnte ich den Bauch an der Rückenlehne der vor mir stehenden Bank anlehnen und so die Darmgeräusche dämpfen und die Bauchschmerzen lindern.
Über die Pflichtgebete, die wir gemeinsam sprachen, hinaus, gab es die Möglichkeit, freiwillig weitere Gebete zu sprechen. Unter uns Seminaristen hatte ein heiliger Wettkampf um die Anzahl der himmlischen Verdienste begonnen. Außer dem Rosenkranz, der jeden Abend in der Kapelle gebetet wurde, konnte man während des Spaziergangs oder während der Erholungspause weitere Rosenkränze beten. Wer aber den Rosenkranz in der Hand hielt, bewies damit, daß er seine Frömmigkeit zur Schau tragen wollte. Aus Norditalien war eine Neuheit nach Kalabrien gekommen, die sofort von fast allen aufgenommen wurde. Es handelte sich um einen Ring mit zehn kleinen Kerben für die zehn Ave-Maria der verschiedenen Gesätze des Rosenkranzes. Wir trugen diesen Ring am Zeigefinger, und der Daumen drehte ihn bei jedem Ave-Maria ein Stück weiter.
Während des Spaziergangs unterhielten wir uns nicht, vielmehr schritten wir mit zerknirschtem Blick einher und beteten in Gedanken den Rosenkranz. Manchmal war der Spaziergang so lang, daß man alle fünfzehn Gesätze zu beten konnte. Das waren hundertfünzig Ave-Maria, fünfzehn Vaterunser und ebensoviele "Ehre sei dem Vater".

Auf diese Weise verbrachte ich drei Jahre, bis ich im Herbst 1958 in die Unterprima kam. Die Sommerferien hatte ich bei meiner kranken Mutter verbracht und kam völlig erschöpft nach Catanzaro zurück. Ich litt häufig unter fürchterlichen Kopfschmerzen, die mit der Zeit immer stärker wurden und hatte einen Nackenkrampf, der mich nicht einmal normal atmen ließ.
Am meisten verwirrte mich aber die Tatsache, daß ich mit meinen siebzehn Jahren plötzlich den Wunsch nach einer Frau verspürte. Alle Gebete und alle frommen Übungen halfen nichts gegen die Aufdringlichkeit der nackten Frauen, die meine Phantasie bevölkerten. Ich war gänzlich durcheinander und verstand nicht, wer diese Nacktheiten heraufbeschworen hatte. Ich war es mit Sicherheit nicht gewesen: ohne Zweifel hatte der Böse mir den Kampf angesagt und wollte meine Seele an sich reißen.
Ich begann die Nacht zu fürchten: nachts gab es keinen Unterricht und keine Erholungspausen, die mich ablenken konnten. Ich lag im Dunkel, schloß die Augen, blieb aber dennoch hellwach. Ich hatte den Rosenkranz um die Hände gewunden und blieb steif und unbeweglich im Bett liegen, damit die Bettlaken nur ja nicht über meine erregtes Glied strichen.
Ich hatte auf die Methode des hl. Gabriele von der Schmerzensreichen Mutter zurückgegriffen. Meinen ganzen Körper, meinen Kopf, mein Herz, meine Hände empfahl ich dem Schutz verschiedener Heiliger an, auf daß sie des Nachts über meine Reinheit wachten. Bis zum Morgengrauen betete ich Rosenkränze und andere Gebete, während meine Kameraden volltönend vor sich hin schnarchten. Nach zwei oder drei Stunden Schlaf wachte ich auf. Mit schwerem Kopf, Bauchschmerzen, einem bitteren Geschmack im ausgetrockneten Mund schickte ich mich an, den neuen Tag zu beginnen, der im Zeichen derselben Gebete, derselbem Rhythmen, derselben Phantasien und derselben verführerischen Frauen verstreichen würde.
Ich mußte unbedingt mit dem Spiritual über diese Probleme sprechen, auch wenn ich mich zu Tode schämte und nicht wußte, mit welchen Ausdrücken ich die Unruhe meines Körpers beschreiben sollte.
Eines Nachmittags nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und ging zu ihm. Wir waren allein und saßen uns gegenüber. Er beschäftigte sich eingehend mit meinem Problem und stellte Fragen, die bis in die kleinsten Einzelheiten hineingingen. Wir wurden beide rot, ich auf Grund meines Versuches, offen über sehr delikate Fragen zu sprechen, er wegen der Offenherzigkeit meiner Antworten. Er sagte, daß er moraltheologische Texte zu Rate ziehen wollte, um meinen Fall zu vertiefen, daß er jeder Zeit für mich dasein würde und lud mich ein, ihn aufzusuchen, wann immer ich wollte. Er war sich wohl bewußt, wie heikel meine Situation war: hier stand nicht nur meine Ausbildung als angehender Priester, sondern auch mein Seelenheil auf dem Spiel. Letztlich ging es sogar vor allem um die Rettung meiner Seele, wie mir der Spiritual erklärte: "Mein lieber junger Freund, es ist das Fleisch, das gegen Gottes Gesetz aufbegehrt. Wir sind nun eben ein Gemisch aus Lehm und Sünde. Du mußt deinen Leib mit Bußwerken abtöten, wie der heilige Paulus schreibt: "Castigo corpus meum et in servitutem redigo" (1) [Fßn](1) Ich züchtige meinen Körper und mache ihn zum Sklaven.[Fßn] Vergiß nicht, daß der Körper stirbt und hier zurückbleibt; die Seele dagegen fliegt in den Himmel, wo sie die Freuden der Seligen genießen wird."
Um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen und um auf die Erde hinzuweisen, in der die sterblichen Überreste einst enden würden, schlug er immer wieder mit dem Fuß auf ein hölzernes Fußbrett. Zum Abschied ermahnte er mich noch, nicht einen Augenblick lang bei den unkeuschen Gedanken zu verweilen, und wenn die Lüsternheit in meine Adern kriechen wollte, sollte ich in der Bibel lesen.
Sehr bald erwies sich jedoch, das die Bibel mir keineswegs half, mein Ziel zu erreichen. Die Lektüre der Heiligen Schrift erfüllte mein Herz nicht mit Gottesfurcht und führte nicht dazu, daß mein Geist von allen fleischlichen Begierden befreit wurde. Ich empfand es ganz im Gegenteil als großes Unrecht, daß Gott Abraham eine Frau und Sklavinnen an die Seite gegeben hatte und daß er bei ihnen liegen durfte. Jakob hatte sogar zwei Schwestern, Lia und Rachel, geheiratet, und diese veranlaßten ihn, auch ihre Sklavinnen zu schwängern. Und schließlich Salomon, der weiseste König der Erde, der dem Herrn unserem gemeinsamen Gott wohlgefällig war.
Salomon war mit siebenhundert Prinzessinnen verheiratet und hatte dreihundert Konkubinen, darunter viele Frauen aus Moab aus Ammon, aus Idumäa und aus Sidon und viele Hettiterinnen. Ganz zu schweigen von den Königspalästen, von den Sklaven, den Heeren, den Purpurgewändern und von der Königin von Saba. Erbärmlich erschienen mir im Vergleich dazu mein schwarzes Gewand und das Keuschheits-, das Armuts- und das Gehorsamsgelübde, die ich hätte ablegen müssen und die mich bis zu meinem Tod begleiten sollten. Ohne mir darüber im klaren zu sein, begann ich mich nach einem anderen Leben zu sehnen, wenn ich auch nicht an meiner Berufung zum Priestertum zweifelte.
Eines Nachmittags las ich in der Bibel, um einen unkeuschen Gedanken zu vertreiben. Als ich aufblickte und aus dem Fenster des Studierzimmers schaute, sah ich, wie der Himmel sich im Osten violett und rosa färbte. Mit einer Ausrede ließ meine Schulkameraden im Studierzimmer zurück und ging auf die Terrasse hinaus. Der Frühlingswind schüttelte die Palmen im Hof, der Mistral ließ die leicht hellblauen Umrisse des Silagebirges klar hervortreten und das Ionische Meer glänzte unter seinem Wehen wie ein Silbersee. Weit weg, Richtung Südost, sah man undeutlich einen Auschnitt des tyrrhenischen Meers und die Pyramide von Stromboli, die aus einem Meer geschmolzenen Goldes emporzuragen schien. Diese wunderbare Ansicht heiterte mich auf. Ich dachte ruhiger über meine inneren Kämpfe nach und begann zu zweifeln, ob die Bibel, der Spiritual, die Gebete ausreichen könnten, um das Feuer in meinen Adern zu löschen, ein Feuer, alt und unauslöschlich wie die Lava, die der Vulkan aus der Tiefe der Erde hervorschleuderte.
Ich war unschlüssig und wußte nicht, was ich tun sollte und was gut oder schlecht für mich wäre.


9. Als Carmela sang

1952, nach der Geburt ihres sechsten und letzten Kindes, wurde meine Mutter krank. Sie war damals fünfundreißig Jahre alt. Sechs Schwangerschaften und sechs Kinder, die alle gestillt und betreut werden mußten, hatten sie an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht. Aber das war noch nicht alles.
Um nicht zusammen mit meinem Vater sexuelle Sünden zu begehen, entschied meine Mutter sofort nach der Geburt des sechsten Kindes, in einem anderen Zimmer zu übernachten. Von jenem Tag an schlief sie nie mehr zusammen mit meinem Vater im selben Bett, obwohl ihre Schönheit gerade zu voller Blüte gekommen war. Was diese Frage anging, waren die Priester unerbittlich. Sexualität ohne Kinder führte geradewegs zur ewigen Verdamnis; angesichts einer solchen Sünde verweigerten sie die Absolution. Die Beziehung zwischen meiner Mutter und meinem Vater ging in die Brüche. Sie fingen an vor den Augen ihrer kleinen Kinder fürchterlich zu streiten, und wir mußten ihre Drohungen mitanhören, die uns angst und bange machten. Mein Vater drohte, erst uns und dann sich selbst mit einem Revolver zu erschießen; meine Mutter griff auf die Drohung zurück, die alle Frauen von Sant'Andrea ausstießen, wenn sie sich um jeden Preis durchsetzen wollten, und sagte, sie werde sich erhängen: "Wenn ihr nicht tut, was ich sage, hole ich mir einen Strick und hänge mich auf!"
Vor dem ungedeckten Sonntagstisch erlebten wir oft angstbebend ebenso widerliche wie erschreckende Szenen. Die Familie war zerrüttet, aber man hatte den Bösen besiegt. Meine Eltern hatten keine sexuelle Sünde begangen, Gott triumphierte, auch wenn die wilden Flüche meines Vaters ihn zusammen mit einem langen Anhang von Engeln und Heiligen von seinem himmlischen Thron herunterzogen.
Meine Mutter zerbrach an dieser Lage. Sie fing an, das Essen zu verweigern und eine Unzahl von Medikamenten zu schlucken, alles, was die Ärzte von Sant'Andrea, von Catanzaro, von Reggio Calabria und Professor Nicola Pende aus Rom ihr nach und nach verschrieben. Trotz allem litt sie unter Schlaflosigkeit, wollte von zu Hause weggehen und blieb monatelang bei ihren Eltern und dann bei Tante Maria Antonia.
In einer Gasse ganz in der Nähe des Hauses dieser Tante wohnte eine Familie, die einen Hühnerhof mit einem Hahn und vielen Hühnern hatte. Jeden Tag fing dieser Hahn frühmorgens an zu krähen und störte meine Mutter, die nur um diese Tageszeit ein wenig schlafen konnte. Im Gespräch mit meinem Vater beklagte sie sich über diese Störung, und mein Vater bot den Besitzern des Hühnerhofs Geld an, damit sie den Hahn schlachteten. Das Geld wurde abgelehnt, aber die Besitzerin ging noch am selben Abend in den Hühnerstall, packte den Hahn bei den Flügeln und brachte ihn in die Küche. Sie band seine Beine zusammen, klemmte ihn sich zwischen die Knie, bohrte ihm eine Scherenspitze ins Ohr und drehte dabei die Schere hin und her, um das Blut besser abfließen zu lassen und so die Qualität des Hähnchenfleischs zu verbessern. Der Hahn zuckte krampfartig, und im Glauben, daß sein Krähen die Sonne aufgehen ließ, versuchte er ein letztes Kikeriki, um die Dunkelheit zu lichten, die auf ihn herniederfiel.

Mein Vater begriff den Ernst der Lage, beruhigte sich und versuchte, meine Mutter, die er von Herzen liebhatte, mit allen Mitteln zu heilen. Als er sah, daß die Ärzte und Arzneien zu nichts führten, wandte er sich an Zauberer und Magierinnen, die vom bösen Blick befreien konnten.
Großmutter Marianna meinte nämlich, daß das ganze Unglück vom Neid der anderen Dorfbewohner auf unsere Familie herrührte. Als Brunnenmeister der dörflichen Wasserleitung und durch seine Arbeit in der Werkstatt verdiente mein Vater einfach zu viel Geld. Er erlaubte sich den Luxus, sich ein Haus zu kaufen, ohne Zinsen Geld zu verleihen, auf der Post ein Sparkonto zu eröffnen und schickte sogar seine Kinder auf die Schule. Großmutter Marianna sagte immer wieder. "Ihr werdet bei lebendigem Leibe vom Neid der Leute verbrannt. Dagegen können eure Ärzte und Arzneien gewiß nichts tun!"
Sie ging zum Müller, der Macht über den bösen Blick hatte und anfing, eine küchenlateinischen Formel herzusagen:
"Fugis, fugis, fetentis Judas, lavabus, lavabus ..."
Da die Formel des Müllers keinerlei Ergebnis zeitigte, wurde der große Zauberer Piscioneri aus Catanzaro gerufen. Er kam mit Auto und Chauffeur, baute auf unserer Kommode einen kleinen Altar auf und begann ebenfalls, mysteriöse Formeln herzusagen. Seine Diagnose war eindeutig: "Gute Frau, Ihr leidet unter der allerschlimmsten Form des bösen Blicks: in vielen Jahren habe ich dergleichen nicht gesehen. Vielleicht kann ich Euch helfen, aber ich werde sehr oft wiederkommen müssen."

Nach etwa vier leidvollen Jahren verschlimmerte sich der Gesundheitszustand meiner Mutter so sehr, daß man um ihr Leben fürchtete. Mein Vater mußte all seinen Mut und all seine Kraft zusammenbringen, um meine Mutter trotz der Schande, die diese Entscheidung im Dorf mit sich brachte, in die psychiatrische Klinik Villa Nuccia in Catanzaro einzuliefern. Die Behandlung in dieser Klinik war sehr teuer, und ihr Leiter Dr. Puca konnte gar nicht verstehen, warum so viele Kranke aus Sant'Andrea zu ihm kamen. Schließlich fand er eine Erklärung: es lag an dem Wind, der oft in diesem hoch oben auf drei Hügeln liegenden Dorf wehte.
Dr. Puca hätte recht gehabt, wenn er hinzugefügt hätte, daß die Priester wie Äolus Wächter und Spender dieses Wahnsinn verbreitenden Windes waren, den sie aus den Schläuchen ihrer Beschränktheit entließen.
Nach einem zweimonatigen Aufenthalt in der Villa Nuccia ging es meiner Mutter schon wesentlich besser, und so kehrte sie nach Hause zurück. Während der Sommerferien mußte ich ihr den ganzen Tag Gesellschaft leisten. Sie suchte Trost in verschiedenen Frömmigkeitsübungen, betete Novenen, sprach die auf der Rückseite der Heiligenbilder abgedruckten Gebete und küßte diese Bildchen oft mit heiliger Inbrunst. Ich selbst war jeden Abend betrübt und erschöpft.
Die Rückkehr ins Seminar am Anfang des neune Schuljahres war für mich eine Belohnung. Ich hielt es nicht mehr aus, Tag für Tag an der Seite meiner Mutter zu sein, die mich mit den immer gleichen Fragen quälte: "Warum sterbe ich nicht? Was soll ich denn noch auf dieser Erde? Wann kommt endlich die ewige Ruhe?"
Die Krankheit meiner Mutter wurde nicht versteckt gehalten. Verwandte, Freunde und Neugierige besuchten sie und schlugen vielerlei Heilmittel vor: Kräutertees, in madonnenförmigen Fläschchen herbeigebrachtes Lourdeswasser, wunderbare Medaillen. Da sich der Gesundheitszustand meiner Mutter dennoch nicht besserte, empfahl uns ihre liebevolle Schwester Franceschina, ihres Zeichens Salesianerin, mit heiliger Verschlagenheit, zu den seligen Salesianern Maria Mazzarella und Michele Rua zu beten. Die beiden Seligen mußten noch einige Wunder wirken, um ihre Heiligkeit entgültig unter Beweis zu stellen und so vom Papst heiliggesprochen zu werden. Diese Gelegenheit mußte man nutzen und um die Heilung meiner Mutter bitten, ehe die beiden Seligen das Wunder zugunsten anderer Beter vollbringen würden.
Auf dem Rückweg von den Feldern kamen die Frauen oft bei meiner Mutter vorbei und brachten ihr Frühobst und Frühgemüse, damit sie wieder Appetit bekäme und das Magenbrennen aufhörte. Eines Tages besuchte sie unsere liebevolle Nachbarin Celestina: "Carmela, ich hab dir frischen Fenchel mitgebracht!"
Celestina riet ihr, zu der Heiligen von Petilia Policastro zu gehen. Diese Frau habe eine wahrhaft überwältigende Macht: in Kalabrien habe man noch nie dergleichen gesehen. Mein Vater glaubte zwar nicht so recht an diese Geschichte, ging aber trotzdem zu der Heiligen und kehrte mit der Medizin zurück, die meine Mutter gewißlich heilen würde. Meine Mutter schluckte das Gebräu hinunter, bekam davon einen Anfall von Katalepsie und wäre beinahe gestorben.

Als sich im Sommer 1958 immer noch keine Besserung eingestellt hatte, nahm ich die Sache selbst in die Hand. Ich hatte schon zu viele Ferien in dieser Alltagshölle aus Klagen und Anrufungen des Todes verbracht und hielt das alles nicht mehr aus. Anderereseits merkte ich aber auch, daß meine Mutter wirklich litt. So beschloß ich, zum Fest Mariä Geburt am 8. September zu Fuß von Sant'Andrea nach Torre Ruggiero zu pilgern. Damals pilgerte schon niemand mehr zu Fuß. Ich wollte meiner Mutter aber durch eine Büßerwallfahrt Gnade erwirken. In meinen Plan hatte ich auch Nicola, einen Seminarkammeraden aus Davoli, einbezogen. Nicolas Mutter kannte das Gebirge, das ich durchqueren mußte. Wäre ich allein losgezogen, so hätte ich mich in den Wäldern der Serre Calabresi verlaufen.
Am 6. September verließ ich nachmittags das Dorf und bog in die Straße ein, die nach Davoli führt. Nachdem ich einige Stunden gewandert war, kam ich nach San Sòstene, ging weiter und gelangte schließlich zu dem Haus, in dem Nicola wohnte. Dort warteten freundliche Gastgeber und ein gutes Abendessen auf mich. Die Nacht brachte keinen Rat, sondern ein Endsommergewitter. Es donnerte so laut, daß wir davon aufwachten. Bei Tagesanbruch galt es zu entscheiden, ob wir die ganze Sache auf das folgende Jahr verschieben sollten, aber schließlich gewann mein Wunsch, nach Torre Ruggiero zu pilgern, die Oberhand. Und so machten wir uns auf den Weg: Nicola, seine Mutter und ich, alle drei schwarz angezogen, jeder mit einem großen Regenschirm. Wir durchquerten Kastanienwälder, an den Bäumen hingen zahllose Kastanienigel, wir kletterten im Schlamm unter strömendem Regen den Berg hinauf, während ein paar Schritte weiter mit höllischem Getöse Blitze in die umstehenden Bäume einschlugen. Wir gingen weiter und kamen in einen Buchenwald. Das dichte Laub der Bäume ließ bei diesem Wetter nur wenig Licht durch, und in der Dunkelheit, die nur vom violetten Licht der Blitze ein wenig erhellt wurde, hatten wir Mühe, den Weg zu finden. Nach acht Stunden anstrengender Wanderung waren wir endlich in der Nähe eines Dorfs namens Cardinale. Ein Hirte, der sich vor dem Regen unter einen großen Fels geflüchtet hatte, zeigte uns eine Abkürzung nach Torre Ruggiero. Als wir ankamen, waren wir außer Atem und völlig durchnäßt. Ich betrat die Wallfahrtskirche und betete inbrünstig zur Madonna. Als ich aus der Kirche kam, sah ich meinen Vater. Er hatte sich wegen des Gewitters Sorgen gemacht und war losgezogen, um mich zu suchen. Wir fuhren gemeinsam mit dem Bus nach Sant'Andrea.
Wenige Tage später kehrte ich ins Seminar von Catanzaro zurück, aber die Krankheit meiner Mutter ließ mir dennoch keine Ruhe. Sie wurde wieder in die Villa Nuccia eingeliefert, und ich mußte sie wenigstens einmal in der Woche besuchen. Ich blieb etwa zwei Stunden bei ihr und war dabei auch deswegen besorgt, weil ich durch diese Besuche eine Menge Zeit verlor, die ich eigentlich gebraucht hätte, um zu lernen und um meine Hausaufgaben zu erledigen. Meine Mutter beklagte sich immer wegen der Schmerzen, die ihr die Elektroschocks verursachten, wenn sich der Strom brennend in ihr Fleisch bohrte.
Als meine Mutter sich endlich von der Krise zu erholen schien, wurde sie aus der Klinik entlassen. Sie verfinsterte sich aber. Sie verbarg sich unter dunklen Kleidern, ging eifriger zur Kirche und fing an, auf den Feldern ihrer Eltern zu arbeiten. Die Arbeit an der frischen Luft gab der Abgemagerten ihr altes Gewicht zurück.
Damals erlosch das helle Licht in ihren Augen, und sie sang nicht mehr mit ihrer kristallklaren Stimme jene Lieder, die zu hören die Nachbarinnen auf dem Heimweg oft stehengeblieben waren.


10. Das Vallone di Bruno

Rektor Criscito hatte beschlossen, daß das Seminar von Catanzaro nicht mehr so provinziell sein durfte. Er selbst hatte viele Jahre lang im Regionalseminar von Assisi Kirchenrecht und Moraltheologie gelehrt, und so organisierte er nun eine Reise nach Rom und nach Umbrien. In Rom wurden wir von Kardinal Pizzardo, dem Präfekt der für Priesterseminare und Unviversitäten zuständigen Heiligen Kongregation empfangen. Im großen Empfangssaal erschien ein in Purpur gekleidetes Männlein, das uns kurz ermahnte: "Studiert die Lehre der Katholischen Kirche mit großem Eifer und laßt euch nicht täuschen von den irrigen Ideen, die sich auch bei uns verbreiten. Laßt euch nicht blenden von der Möglichkeit, als Ärzte, Rechtsanwälte oder Architekte Karriere zu machen! Diese Berufe tragen nichts zur Rettung der Seele bei. Es gilt stets:
Extra ecclesiam nulla salus,
extra ecclesiam nemo salvatur.(1)"
[Fßn](1) Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil; außerhalb der Kirche wird niemand gerettet.[Fßn]
Am nächsten Tag fuhren wir nach Assisi weiter. Ich wußte jetzt, wer mir helfen würde, meine Sinne zur Ruhe zu bringen: der heilige Franziskus. Ich betete mit solcher Inbrunst zu ihm, daß ich beinahe das Bewußtsein verlor, während ich mehrmals den Stein seines Grabes mit den Händen berührte: "Hilf mir, heiliger Franziskus, die fleischliche Begierde aus meinen Adern zu verbannen!"
In der folgenden Nacht stieg meine sexuelle Anspannung unter dem geistlichen Himmel Umbriens noch weiter: ich dachte wie nie zuvor an nackte, lüsterne Frauen. So sehr ich auch versuchte, meinen Wünschen zu widerstehen, wußte ich dennoch, daß ich mich nach diesen Frauen sehnte, die ich doch bei nüchternem Verstand zurückwies.
Ich war verzweifelt. Sogar Franziskus, der milde Bruder, der Freund aller Menschen und Tiere, hatte mich verlassen. Während ich am Tag darauf die Basilika besuchte und die Fresken Giottos bewunderte, wagte ich nicht, das Gesicht des heiligen Franziskus anzuschauen, hatte er doch in der vorletzten Strophe seines Sonnengesangs geschrieben: "Weh denen, die in Todsünden sterben!"

Nach Catanzaro zurückgekehrt, fing ich auf Grund des Anatomieunterrichts sogar an, am Glauben zu zweifeln. Die Zweifel betrafen die drei Ave-Maria, die wir zu Ehren der vor, während und nach der Geburt jungfräulichen Gottesmutter Maria beteten. Ich verstand wohl, daß Maria vor der Geburt Jungfrau war, weil sie ihren Sohn vom Heiligen Geist empfangen hatte. Aber wie konnte sie während und nach der Geburt Jungfrau bleiben? Es mußte eine Erklärung geben, die ich noch nicht kannte. Ich fragte den Spiritual in Lauf des wöchentlichen Gesprächs danach. Als ich ihm meine Zweifel erklärt hatte, lächelte der Geistliche wohlwollend über meine Unwissenheit und rief aus: "Das ist ganz einfach! Die Madonna kniete in der Grotte von Bethlehem und betete, als Jesus durch ein Wunder ganz plötzlich aus ihrem Schoße hervorkam, ohne irgendetwas zu verletzen: das göttliche Kind erschien segnend auf dem armen Stroh."
Kurz vor den Sommerferien rief uns der Spiritual an einem jener endlosen Nachmittage Süditaliens, an denen die Sonne sich anschickt, mehr und mehr ihre Pracht zu entfalten, die erst bei der Sommersonnenwende zu voller Blüte kommt, in der Kapelle zusammen und ermahnte uns: "Ihr fahrt jetzt in die Ferien und werdet sehen, daß die Mädchen eures Alters sich schon in hübsche junge Damen verwandelt haben. Vielleicht werden sie es sogar wagen, euch anzusprechen oder anzulächeln, mit einem Lächeln, hinter dem sich der Satan versteckt! Wenn ihr sie trefft, stellt euch vor, wie sie aussehen werden, wenn sie alt sein werden, häßlich, zahnlos ... iiihhh!"
Er riß den Mund auf und ließ seine gelben, schlecht gepflegten Zahnstümpfe sehen. Es war nicht leicht, ernst zu bleiben, aber der Spiritual kümmerte sich nicht um unser Gelächter und fuhr fort: "Ihr lacht?! Nun, ihr solltet wissen, daß aus Frankreich, wo man Gott vom Altar genommen und die Göttin Vernunft an seinen Platz gestellt hat, eine neue Mode nach Italien gekommen ist: zwei kleine Stoffstreifen, man nennt sie Bikini, die gerade eben die Scham und den Busen der Frauen bedecken, jenen Busen, der geschaffen wurde, um keusch die Kinder zu stillen. Für eine so vergängliche Schönheit dürft ihr nicht die Freude der Seligen im Paradies aufs Spiel setzen! Aus diesem Grunde ist es streng verboten, die Strandbäder zu besuchen. Wer diesem Verbot zuwiderhandelt, wird aus dem Seminar ausgeschlossen. Eure Pfarrer werden uns Bericht erstatten. Es ist nicht zulässig, daß ihr, künftige Priester, euch unter diese grillenhaften Stuten mischt, die die Strände beschmutzen!"
Mit dem geheimen Einverständnis Don Titos, eines Priesters aus Sant'Andrea, den Bischof Fares als Pfarrer in die neue Strandsiedlung geschickt hatte, konnte ich in diesen Ferien ein paarmal ans Meer gehen. Diese Strandsiedlung, ihre mehrstöckigen Häuser, ihre Schulen und ihre Kirche waren von der Regierung finanziert worden, um denen, die bei der Überschwemmung von 1951 ihr Heim verloren hatten, eine neue Wohnung zu geben. Ende Oktober 1951 hatte es in Kalabrien vier Tage und vier Nächte lang ununterbrochen geregnet. Der Regen prasselte wie besessen auf das Land hernieder, und in allen Häusern betete man vor den gesegneten Kerzen, die während der Gewitter angezündet wurden.
Hügel und Berge rutschten ins Tal und rissen riesige Bäume und im unterirdischen Winterschlaf überraschte, in sich verknäuelte Schlangen mit sich in die Tiefe. Die Mündungen der Àlaca und des Saluro wurden zu Seen, sahen aus wie riesige Schlangen mit aufgerissenem Maul, die das Meer verschlingen wollten.

Bischof Fares war im Sommer 1956 in die Strandsiedlung gekommen, um die dortige Erzengel-Raffael-Kirche zu weihen. Nach dem Ende des Gottesdienstes gab Don Tito ein Essen, in dessen Verlauf der Bischof sich an die Priester wandte, um sie zu ermahnen: wenn sie die Geschichte von Tobit und dem Erzengel Raffael erzählten, sollten sie Tobits Frau nicht erwähnen, die vor Tobit sieben Ehemänner gehabt hatte, die allesamt in der Hochzeitsnacht vom Teufel getötet worden waren. So stand es in der Heiligen Schrift, aber das unwissende Volk konnte dergleichen nicht verstehen.

Don Tito liebte das Meer leidenschaftlich, aber als Pfarrer der Strandsiedlung konnte er sich nicht bei den andern am Meer sehen lassen, genauso wenig wie ich das tun konnte. Darum entschieden wir, gemeinsam an den Strand zu gehen. Eines Morgens fuhr ich nach der Frühmesse zu Don Tito in die Strandsiedlung, und gemeinsam machten wir uns auf den Weg zum Vallone di Bruno, das etwa anderthalb Kilometer von dem Strand, an dem die andern badeten, entfernt lag.
Wir fuhren ein Stück am Deich entlang, ließen das Auto unter einer Pappel stehen und gingen zu Fuß bis zum Strand weiter. Dort konnten wir das schwarze Gewand aus- und die Badehose anziehen. Außer uns war keine Menschenseele in der Nähe, und man hörte nichts als das Getöse der Sturzwellen.
Scharfsinnig und herzlich, wie er war, gelang es Don Tito stets, seine Begleiter aufzumuntern. Wir schwammen nah am Ufer entlang, und er erzählte mir dabei von seinen geschichtlichen Studien über unser Dorf und über den Sturzbach, an dem wir soeben vorbeigeschwommen waren: "Diese Gegend heißt »Vallone di Bruno«, Brunos Bergeinschnitt. Weißt du, wer dieser Bruno war? Es war der heilige Bruno, der Gründer der Kartäuser. Dieser Mann konnte nur ein Deutscher sein, wenn man bedenkt, daß er durch das Ancinaletal ins Gebirge hinaufzog und in den Wäldern der Serre Calabresi Wohnung nahm, wo er seinen Brüdern Stille und Klausur befahl: selige Einsamkeit, einzige Seligkeit! Weiß Gott, warum er es so herrlich fand, immer allein zu sein und nie den Mund aufzumachen!
Um das Jahr 1000 kamen nämlich Ritter, die weder Wissen noch Geld hatten, von Hauteville-le-Guichard in der Normandie nach Rom, und der Papst sagte zu ihnen: »Meine Kinder, geht und nehmt euch Süditalien; die Leute, die dort leben, sind gutmütig und werden sich nicht wehren. Geht mit meinem Segen!«
Etwas später kommt auch der heilige Bruno aus Köln, und der Papst sagt zu ihm: »Lieber Bruno, sieh zu, daß die Normannen Kalabrien vom griechischen Klerus befreien, die lateinische Sprache einführen und Kalabrien dahin bringen, mir zu gehorchen. Wenn dir das gelingt, kannst du sicher sein, daß dich früher oder später einer meiner Nachfolger heilig sprechen wird.« Die Normannen, die französisch sprechen, und der heilige Bruno, der deutsch spricht, kommen also hierher, um uns zu zwingen, auf lateinisch zu beten. Was war denn schlimm daran, daß man in Kalabrien auf griechisch betete? Ist das Griechische vielleicht keine höchst edle Sprache? In Wahrheit ging es darum, daß die lateinische Sprache dem Papst die Möglichkeit gab, über Süditalien zu befehlen und es dem Einfluß Konstantinopels zu entziehen.
Aber jetzt kommt das Beste. Wie alle guten Christen, so hatten auch die Normannen Angst zu sterben und in die Hölle zu kommen. Und wer konnte sie vor dem Ewigen Feuer retten, wenn nicht die Gebete der Kartäuser? Kaum haben sie das verstanden, da eilen sie auch schon herbei und schenken den Kartäusern all das, was zuvor den basilianischen Mönchen gehört hatte. Im Jahre 1114 schenkt Malgerius von Hauteville der Kartause in den Serre Calabresi all diese Ländereien bis zu diesem Bergeinschnitt, der seitdem "Vallone di Bruno", Brunos Bergeinschnitt heißt.
Auf diese Weise wurde das kulturelle Erbe des basilianischen Mönchtums ausgelöscht, das in Süditalien nicht weniger wichtig gewesen war als der Benediktinerorden in den andern Teilen Italiens. Damals wurde Sant'Andrea als kirchliches Lehensgut gegründet, und bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts blieb es ein kirchliches Lehen ..."
"Und was geschah dann?"
"Nachdem das Erdbeben von 1783 Kalabrien zerstört hatte, zog der König von Neapel, Karl von Bourbon, viele kirchliche Besitztümer ein, um den Wiederaufbau zu finanzieren. Der Bruder des Großvaters der Baronin Enrichetta Scoppa war Verwalter der Cassa Sacra von Catanzaro, der alle eingezogenen Besitztümer unterstellt waren. Die beiden Brüder ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen ... Sie fädelten alles so ein, daß sie am Ende in den Besitz all dieser Reichtümer kamen."

Ich erinnerte Don Tito an das, was ich im Dorf von der Baronin Scoppa, die 1910 im Alter von 80 Jahren gestorben war, gehört hatte. Immer wenn die Wachtelschwärme vorbeikamen und sich auf ihrem Gebiet niederließen, um sich von dem langen Flug aus Afrika zu erholen, erjagten ihre Wächter eine Unzahl von Wachteln. Die Baronin konnte nicht alle essen, aber sie zog es vor, die übriggebliebenen Wachteln vergraben zu lassen, statt sie anderen Leuten zu geben. Keiner der Einwohner der Strandsiedlung wagte es, eine Apfelsine von ihren Bäumen zu pflücken, denn sie hatte das Gerücht verbreiten lassen, daß sie mit einem großen Fernrohr genau sah, was in ihren Ländereien vor sich ging.
Don Tito platzte heraus: "Das ist noch gar nichts! Einmal versteckte eine Dienstmagd der Baronin ein Stück Weißbrot, das sie ihrer kranken Schwester geben wollte. Sie wurde erwischt und aus dem Haus gejagt und starb vor lauter Gram. Deshalb sagte man im Dorf:
»Siehst du Scoppa, nimm die Kapp'
und hau ab, und hau ab!«
Du mußt verstehen, daß die Baronin solche Vorfälle keineswegs für wichtig hielt. Sie war zeitlebens von der Angst geplagt, in die Hölle zu kommen, weil ihre Familie die Besitztümer der Kirche usurpiert hatte. Ihre Residenz von Sant'Andrea war in der Tat vormals eine Kartause gewesen. Wenn sie in der Kapelle dieser ehemaligen Kartause betete und die Fresken mit Szenen aus dem Leben des heiligen Bruno und der Kartäuser betrachtete, schienen diese Bilder sie an die rechtmäßigen Eigentümer zu erinnern. Die Baronin ließ die Wände der Kapelle also mit Putz verkleiden, aber der Putz bröckelte wieder ab, so daß die Kartäuser sie von neuem mit schweigend tadelndem Blick anschauten, und so befahl sie, die Bilder mit der Spitzhacke zu entfernen.
Die Baronin kam nie auf den Gedanken, daß es genügen könnte, ihren Besitz den Armen zu geben, wie unser Herr im Evangelium befiehlt. Statt dessen wandte sie sich an das vatikanische Staatssekretariat und fragte, wie sie den von ihrer Familie dem Klerus zugefügten Schaden wiedergutmachen könnte. Der Vatikan konnte kaum glauben, daß ihm ein solches Himmelsgeschenk zufiel. 1857 schrieb man ihr, sie solle Kirchen, Oratorien und Konvente bauen, dann könne sie der Vergebung Gottes gewiß sein. Die Baronin fühlte sich demnach verpflichtet, die Bevölkerung auszupressen, um der Kirche so viel wie möglich geben zu können. Die Priester hatten sie völlig in der Hand. Im Alter von sechzehn Jahren hatte sie sich als Jungfrau dem Herrn geweiht. Mit siebenundvierzig Jahren überreicht sie Papst Pius IX einen Ehering und bat ihn, sie kirchenrechtlich zur Braut Jesu zu erklären: sie wollte, daß der Papst ihre Heirat mit Jesus von Nazareth zelebrierte.
Ich lachte laut heraus, als ich hörte, daß die Baronin zur Gattin Jesu erklärt werden wollte. Gleichzeitig wunderte ich mich darüber, daß Don Tito diese Geschichte bis in die Einzelheiten kannte, und fragte ihn: "Und wie habt Ihr das alles herausgefunden?"
"Ganz einfach, ich habe die Akten des Archivs der Baronin gelesen: die Korrispondenz mit den Päpsten und mit Don Bosco, ihre Übersetzung von Predigten französischer Jesuiten, ihr Testament und die Bestimmungen, mit denen sie die Ländereien an der Küste von Sant'Andrea ihrer Nichte Enrichetta Di Francia hinterließ, die dann Armando Lucifero heiratete. Die ehemalige Kartause hinterließ sie den Erlösungschwestern, damit diese einen Kindergarten daraus machten und die Waisenmädchen dort aufzogen. Sie ließ Kirchen und Kapellen verschönern, ließ aus dem Nichts das Internat und die Kirche der Redemptoristenpatres erschaffen und bezahlte den Bau des Salesianerinternats in Soverato. Darüber hinaus ließ sie für ihre Gebetsanliegen jeden Tag etwa zwanzig Messen lesen. Am Anfang unseres Jahrhunderts gab es in Sant'Andrea, das damals dreitausend Einwohner hatte, etwa dreißig Priester. Aber sie ließ die Kirchen nicht nur bauen, sie kümmerte sich auch um ihre Einrichtung und um die liturgischen Geräte und Gewänder. Hast du die Monstranzen gesehen, die sie den Redemptoristenpatres und den Erlösungsschwestern geschenkt hat? Man hat sie geradezu mit Edelsteinen gespickt. Aber weißt du, was mit Pater Angelo La Marca passiert ist, einem Redemptoristen, der der Baronin die Absolution verweigerte, weil sie es ablehnte, den Armen zu helfen? Er wurde von Sant'Andrea an einen anderen Ort versetzt. Und weißt du, wie es Pater Carmine Cesarano erging, einem anderen Redemptoristen, der ihr die Absolution erteilte, wann immer sie wollte? Er wurde Bischof von Campagna, einer Stadt in der Nähe von Salerno. Den Redemptoristenpatres hinterließ die Baronin auch die wasserreichen Ländereien von den Heiligen Dornen, und wir wissen ja, was es für ein Ende damit genommen hat."
"Und zwar?" fragte ich neugierig.
"Die Redemptoristenpatres verkauften die Ländereien und schickten das Geld nach Moskau, weil die russische Staatsbank besonders hohe Zinsen versprach. Dann beschlagnahmte der Schnurrbärtige alles, und die Redemptoristenpatres trugen wider Willen dazu bei, die kommunistische Revolution zu finanzieren.
In Rußland hat sich die Lage unter Stalin verändert, hier in Kalabrien geht alles weiter wie eh und je. Wer hat wohl deiner Meinung nach die Ausstattung für die Pfarrei der neuen Strandsieldlung von Sant'Andrea bezahlt? Der Neffe der Baronin Scoppa, Falcone Lucifero, Minister der königlichen Familie von Savoyen."


11. Der alte Christus

Im Sommer 1959, am Ende des vorletzten Schuljahres, kehrte ich für die Sommerferien wieder nach Sant'Andrea zurück. Ich stand jeden Morgen sehr früh auf, um in der Pfarrkirche bei der Messe mitzuwirken. Im Volk gedachte man stets der Verstorbenen und betete für ihre Seelen, um die Leiden der im Fegefeuer Darbenden zu mildern. Am Bogen beim Eingang zum Kirchturm hing ein Kästchen, in das man Spenden für die Gedenkmessen werfen konnte. Auf das Kästchen hatte man ein Brustbild von einem Mann und einer Frau malen lassen: die beiden waren nackt und weinten inmitten der sie umzüngelnden Flammen. Für die eigenen Verwandten ließ man jedes Jahr im Todesmonat von drei Priestern Messen singen. Zu Beginn dieser Gedenkmessen sang man das Officium defunctorum:
Manus tuae plasmaverunt me ...
quare de vulva eduxisti me? ...
fuissem quasi non essem,
de utero translatus ad tumulum. (1)
[Fßn](1) Deine Hände haben mich geformt ... / warum hast du mich aus dem Mutterschoß hervorgezogen? ... / ich wäre gewesen wie einer, der nicht existiert / vom Mutterleib zum Grabe geleitet. [Fßn].
Zu Beginn der Gedenkmesse sang Don Salvatore diese Verse aus dem Buch Hiob. Ich schaute hinauf zu den hohen Fenstern, durch die das Sonnelicht machtvoll hereinschien, aber die Traurigkeit ließ mir die Fenster dennoch dunkel erscheinen. Don Salvatore, ein älterer Priester, der immer bei Laune war, flüsterte mir zwischen den einzelnen Versen zum Scherz ins Ohr, daß diese Messe nutzlos war. Der Verstorbene sei nämlich in die Hölle gekommen, nur daß er vergessen habe, die Tür hinter sich zu schließen: eben deshalb sei es im Dorf so erstickend heiß.
Nach der Messe ging ich nach Hause, da es schon elf Uhr war. Aus dem Höllental - so hieß eines der Bergtäler in der Nähe des Dorfes - kamen um diese Zeit die Frauen zurück, die losgezogen waren, um Brennholz für den Herd und für den Ofen zu holen. Sie hatten sich um ein Uhr nachts barfuß auf den Weg gemacht, und um sich im Dunkel nicht zu verlaufen, hoben sie den Rock hoch, so daß eine jede den weißen Stoff des Unterrocks der Frau sah, die unmittelbar vor ihr herging. Sie waren mehrere Stunden unterwegs, suchten Brennholz und hackten es mit einem Handbeil klein. Dann banden sie es zu kleinen Bündeln zusammen, die sie einzeln die steilen Hänge hinabtrugen, um im Tal ein großes Bündel zu formen, das einen ganzen Zentner wiegen konnte. Dann machten sie sich auf den Rückweg, um Stunden später wieder ins Dorf zu gelangen. Sie keuchten unter der Last, die sie auf dem Kopf trugen, und gingen tänzelnd vorwärts, um nicht den Schrittrhythmus zu verlieren.
In der Nähe der Küste waren die Männer noch dabei, die kompakte, harte Erde aufzureißen, um sie für den Herbstregen vorzubereiten. Sie hatten schon vor Sonnenaufgang angefangen, mit schmalen, langen Hacken große Erdschollen umzuwenden, und arbeiteten unter der sengenden Sonnenhitze gebückt weiter. Gegen zwölf Uhr, wenn die Hitze unerträglich wurde, unterbrachen sie die Arbeit.

Meine Ferientage begannen in der Traurigkeit. Ich wirkte bei der Messe mit, ging zur Kommunion, betete, aber all das reichte nicht, um mich von einem Gefühl von Unzufriedenheit und Leere zu befreien. Ich schaute aufs Meer hinaus, überblickte den ganzen Golf von Squillace, schaute in die Ferne, wo das Meer sich in einem Lichtstreifen am Horizont verliert, sah die Strohhütten am Strand.
Die Familien aus Sant'Andrea, die es sich leisten konnten, bezogen im Sommer eine solche Strohhütte, wo sie wohnten und schliefen, solange man im Meer badete. Man errichtete Gerüste aus Holzpfählen, die den Hütten eine rechteckige Form gaben, und befestigte an diesen Pfählen die aus Pfahlrohr und Ginster- und Pappelzweigen gefertigten Wände und Dächer. Der Duft dieser unter des Sonne des Südens getrockneten Zweige mischte sich wohltuend mit der Seeluft.
Vor dieser Strohhütte baute man zusätzlich eine kleinere Hütte für die Küche, in der man aus Ton einen Herd erstellte. Hinter den Strohhütten baute man etwas abseits einen kleinen Stall für Hühner und Ferkel, da man die Tiere nicht im Dorf zurücklassen konnte. Auch der Brunnen fehlte nicht: von den Hügeln von Sant'Andrea führt eine süßwasserführende Schicht bis zum Strand hinab. Man grub also eine trichterförmiges Loch, baute es mit am Ufer gesammelten Steinen zum Brunnen aus, und schon konnte man mit einem Eimer frisches, glasklares Trinkwasser schöpfen, das man auch zum Kochen verwandte.
Am Meer lebte man ein einfaches Leben. Man war gut aufgelegt und amüsierte sich im Wasser und am Strand. Die Leute, die in der Nähe der Küste auf dem Land arbeiteten, freuten sich immer besonders auf diese Zeit des Jahres, weil sie dann nicht mehr den langen, steilen, gepflasterten Weg vom Dorf hinab zum Meer und dann wieder vom Meer zum Dorf hinauf zurücklegen mußten. Dieser Weg hieß im Volksmund "der Versteinerte".
Ich liebte dieses Leben an der frischen Luft und liebte dieses Meer. Aber als Seminarist durfte ich nicht mehr an den Strand gehen. Ich verbrachte meine Tage mit Lesen und ging abends um sechs Uhr zur Kirche, um den Rosenkranz zu beten, den eucharistischen Segen zu empfangen und einen kurzen Spaziergang außerhalb des Dorfes zu machen. Zusammen mit drei anderen Seminaristen ging ich Richtung Pinienwald oder bis zum Friedhof. Dort sprachen wir ein Gebet für die Verstorbenen. Für gewöhnlich kam ich erst bei Anbruch der Dunkelheit nach Hause zurück.

In diesem Sommer befahl mir Erzpriester Don Cosentino eines Morgens, gleich nach dem Mittagessen in die St.-Rochus-Kirche zu gehen um aufzuräumen.
Man hatte uns Seminaristen eingeschärft, während der Siesta nicht ins Bett zu gehen, um nicht den Ränken des Mittagsdämons zum Opfer zu fallen. Dieser Dämon war gefährlicher als alle anderen Dämonen, weil er die Menschen umgarnte, wenn der Körper gesättigt war und die Schatten der geschlossenen Fensterläden die fleischlichen Begierden begünstigten. Wir öffneten die Tür der kleinen Kirche, in der auch der heilige Nikolaus ein neues Heim gefunden hatte, nachdem das Erdbeben von 1947 seine Kirche zerstört hatte. Darüber hinaus gewährte diese Kirche dem alten Christus Unterkunft.
Allen dreien machte es Spaß, sich in diesem Kirchlein zusammenzutun. Der heilige Rochus war gut gelaunt und blickte vor sich hin auf den staubigen Weg, den er als Pilger durchmessen mußte. Zu seinen Füßen kauerte ein kleiner Hund mit einem Stück Brot im Maul: er hatte das Brot, wer weiß wo, gefunden oder gestohlen und brachte es nun dem Heiligen, um dessen Hunger zu stillen.
Der heilige Nikolaus hatte lebhafte Augen und scherzte die ganze Zeit über mit den drei Kindern, die an seiner Seite standen. Er hatte sie von den Toten auferweckt, nachdem ihr grausamer Vater sie getötet und in einem hölzernen Bottich eingepökelt hatte.
Der alte Christus kümmerte sich nicht sonderlich um die beiden andern. Er, der aus dem Tal der Finsternis erstanden war, liebte vielmehr die einfachen Dinge dieser Erde: das Gackern der Hennen, die eben in einem der nahegelegenen Gärten ein Ei gelegt hatten, die Rufe der Frauen, die sich von einem Balkon zum andern unterhielten, und das Geräusch der Schritte auf der gepflasterten Straße.
Früher hatte man den alten Christus für die "Confronta" benutzt. Mit diesem Wort bezeichnet man in Sant'Andrea von alters her eine leidenschaftliche Begegnung zwischen Jesus und der Madonna, als letztere noch nichts von dem außergewöhnlichen Ereignis wußte und glaubte, ihr Sohn läge noch im Grab.
Am Ostertag trug man gegen zwölf Uhr mittags die Statue der Madonna und die des Christus zur "Confronta" auf den Schloßplatz. Die Statue der Madonna war zu diesem Anlaß in einen schwarzen Trauerschleier eingehüllt. Angespornt vom rasanten Rhythmus der Trommeln, eilten schon vor der Begegnung zwischen Mutter und Sohn Botenengel mit an einer weißen Tunika befestigten Flügeln und mit Blumenkränzen auf dem Kopf durch die Straßen des Dorfes. Sie suchten Maria, um ihr zu sagen, daß Jesus auferstanden war, und fanden sie oben auf dem Platz in der Nähe der Ulme von den Drei Brunnen. In diesem Moment erschien die Statue des auferstandenen Christus am Portal der am anderen Ende des Platzes gelegenen Pfarrkirche. Die beiden Statuen standen auf schweren Sockeln, an denen dicke Holzstangen befestigt waren, und wurden von stämmigen Männern getragen. Die Menge drängte sich auf dem Platz und füllte Balkone und Treppenabsätze.
Ganz plötzlich sah die Madonna den Sohn, verlor den schwarzen Schleier, so daß der Glanz ihres mit Goldfäden durchwirkten Brokatkleides und ihres blauen Mantels zum Vorschein kam. Die beiden Statuen stürmten mit ungeheuerer Geschwindigkeit aufeinanderzu, bis sie direkt voreinander standen: ein fürchterlicher Zusammenstoß wurde nur um wenige Zentimeter verhindert. Im Augenblick der Begegnung explodierten die ersten Feuerwerkskörper und die drei Glocken begannen Sturm zu läuten, während die Musikkapelle zu spielen anfing. Die Leute weinten und dachten daran, daß sie eines Tages, am Tag der Auferstehung, ihre verstorbenen Freunde und Verwandten wiedersehen würden, von denen sie sich unter jener Ulme zum letzten Mal verabschiedet hatten.
Um 1920 wurde die Statue des Christus durch eine neue Statue ersetzt, die noch heute in Gebrauch ist: eine in manieriertem Stil gefertigte Statue; der neue Christus hat einen Fuß auf eine Wolke gesetzt und die Rechte zum Segen erhoben.
Die alte Christusstatue war anders. Sie stellte einen ruhigen, nachdenklichen Mann dar, der die Hand leicht zum Gruß bewegt, einen Mann mit dem versöhnten Blick derer, denen man großes Unrecht zugefügt hat, die aber jetzt die Dinge dieser Welt mit Abstand und ohne Groll betrachten.
Diese Statue wurde unbrauchbar, man nannte sie den alten Christus und deponierte sie in der kleinen St.-Rochus-Kirche wie einen alten Mann, den man ins Altersheim abschiebt.

An jenem Nachmittag gingen wir in eben diese Kirche. Don Cosentino öffnete die Türe und beklagte sich darüber, daß man das Gebäude hatte verwahrlosen lassen und daß sich nun schon eine dicke Staubschicht auf den Altar gelegt hatte. Wir machten uns gemeinsam daran, mit Besen und Lumpen den Raum zu säubern, und polierten dann auch die Kerzenständer aus Messing.
Als wir mit dem Putzen fertig waren, bat mich Don Cosentino, beim Aussichtspunkt an der nahegelegenen St.-Andreas-Kirche trockene Zweige zu sammeln, um die alten Geräte zu verbrennen.
Ich wunderte nicht wenig, als ich sah, wie Don Cosentino die aus Papiermaché gefertigte Statue des alten Christus ergriff, sie auf den Holzhaufen legte und mit einem Streichholz die Zweige anzündete. Die Flammen schlogen sofort hoch auf und verschlangen den Christus, in dessen unbeweglichen, resignierten Glaspupillen sich das Feuer widerspiegelte. Wenig später war der alte Christus schon zu Asche geworden.

Eine Taube flog am Schalloch des Kirchturms der Andreaskirche vorbei. Mit einem Flügel streifte sie die Glocke, die erschauderte und leise aufsummte. Mit einem kaum wahrnehmbaren Cis entbot sie dem alten Christus den letzten Gruß.

12. Ein sonderbares Buch

Das Internat der Redemptoristenpatres war an den Sommertagen mein Zufluchtsort. Ich kannte jeden Winkel und jede Nische dieses großen u-förmigen Gebäudes, der an das Internat angebauten Kirche und des vom Internat und von der Kirche eingeschlossenen Kreuzgangs. Als kleiner Junge war ich oft dorthin gegangen, um bei den abendlichen Maiandachten zu ministrieren. Ich läutete die beiden großen Glocken, kannte den Mechanismus, mit dem man die Herz-Jesu-Statue auf den Hochaltar herablassen und sie wieder hochziehen konnte. Ich brachte am Abend die Frösche zum Schweigen, indem ich Steinchen in das Wasserbecken im Garten warf.
Ich kannte den Zauber des kleinen Saals hinter dem Refektorium, von wo aus ich Richtung Badolato auf das leuchtende Meer und auf den Hügel schaute, den die Sonne so sehr verbrannt hatte, daß er aussah wie der Pferderücken eines Braunen.

Die Baronin Scoppa hatte das Internat am Ende des 19. Jahrhunderts für die Redemptoristenpatres erbauen lassen, für eben die Patres, die am Ende der in Süditalien durchgeführten Volksmissionen für die bourbonische Polizei Listen erstellten, aus denen hervorging wer ein treuer Untertan des neapolitanischen Königs war und wer nicht.
Der Gründer des Redemptoristenordens, der hl. Alfons Maria di Liguori, vormals ein wohlhabender neapolitanischer Rechtsanwalt, schrieb unter anderem die schon erwähnte "Übung für einen guten Tod". Darüber hinaus verfaßte er auch die Texte und komponierte die Melodien vieler Lieder, und nicht zuletzt war es, der ein allüberall bekanntes italienische Weihnachtslied verfaßte:
Du, König, kommst vom Himmel und scheust nicht Leid und Weh'
und liegst in einer Höhle bei Eis und Kält' und Schnee.

Ich verbrachte meine Zeit damit, Hostien für Bruder Eliodoro zuzubereiten, der mir dazu eine Schale mit Wasser und Mehl brachte. Ich gab einen Löffel dieses Gemischs in eine glühend heiße Form aus Eisen und klappte die Form zu. Im selben Moment verwandelte sich das Gemisch in eine große weiße Scheibe, in der große und kleine Hostien vorgezeichnet waren.
Eines Nachmittags war ich im Garten, wo ich mit dem alten Bruder Peppino zu tun hatte. Dieser schickte mich in den Keller, um ein Werkzeug zu suchen. Ich stöberte in einer Truhe und schrie entsetzt auf, als ich plötzlich einen Totenkopf fand. Auf meinen Schrei hin kam auch Bruder Peppino in den Keller. Als er mich sah, fing er an zu lachen, nahm den Schädel in die Hand und sagte:
"Der ist aus Papiermaché! Bei den Volksmissionen benutzen ihn unsere Patres, um ihn den Gläubigen zu zeigen. Du hast aber weniger Mut als dein Großvater, Meister Salvatore! Der war ein echter Kalabrese und hatte vor niemandem Angst."
Bruder Peppino war aus der Nähe von Neapel und spielte auf den Streit zwischen Neapolitanern und Kalbresen an, wer die Mutigeren seien. Die Kalabresen hatten den Neapolitanern Feigheit vorgehalten, als die Italiener im Ersten Weltkrieg an der Front zum Baionettangriff auf die Österreicher übergehen und Mann gegen Mann kämpfen mußten. Die Kalabresen und die Sarden hatten keine Angst und liefen als erste los. Mit einem Sprichwort bekräftigten die Kalabresen, daß der so erworbene Ruf tätsächlich ihrer Wesensart entsprach:
Ich bin Kalabrese, mutig und stolz,
mein Kopf der ist härter als Holz.

Auch im Sommer 1959 lag ich immer die ganze Nacht über verkrampft im Bett und versuchte mit Stoßgebeten und Rosenkränzen den nächtlichen Erregungen zu widerstehen. Von der Müdigkeit aufgerieben, schlief ich dann im Morgengrauen ein. Ich fing an, nicht mehr zur Frühmesse in die Pfarrkirche zu gehen, weil ich zu spät aufwachte, und so ging ich zu den Redemptoristenpatres, die mir erlaubten, im Internat herumzulaufen, wo und wann ich wollte. Es war mir eine Erleichterung, bei der Messe nicht kommunizieren zu müssen, weil ich nicht so recht wußte, ob ich eine Frau begehrt hatte. Ich wollte es vermeiden, in der Beichte vor mir bekannten Priestern aus meiner Pfarrgemeinde oder aus dem Internat so heikle Fragen ansprechen zu müssen.
Eines Morgens saß ich in der Bibliothek und hörte jemand lebhaft und mit entschiedenem Anschlag Klavier spielen. Ich wurde neugierig und ging in den kleinen Saal, um zu sehen, wer da mit so viel Schwung musizierte. Am Klavier saß ein junger Pater, der in Peru Missionar gewesen war. Er war nach Italien zurückgekommen, nachdem Pater Freda, der Superior der Ordensprovinz von Neapel, jene Missionsstation geschlossen hatte, weil die Patres es gewagt hatten, jeden Morgen zu duschen und sogar im Bademantel zu den Duschkabinen zu gehen.
Wir waren einander sofort sympathisch. Der Pater freute sich, einen Zuhörer gefunden zu haben, und spielte die schönsten neapolitanischen und südamerikanischen Lieder.
Es ging aufs Mittagsessen zu, und ich verstand, daß ich die Gelegenheit nutzen mußte, um bei diesem Pater zu beichten. In der Hoffnung, daß er mir mit seiner in neuen Ländern gesammelten Erfahrung und mit seiner musikalischen Sensibilität besser helfen könnte, faßte ich Mut und fragte ihn, ob er mir die Beichte abnehmen würde. Er blieb auf der Klavierbank sitzen und hörte mir aufmerksam zu, während ich vor ihm kniete und von all den Schwierigkeiten sprach, die mir aus den sexuellen Versuchungen entstanden. Schließlich machte er mir Mut: "Widerstehe den Angriffen des Bösen in der Kraft des Glaubens und vergiß nicht, daß die berühmtesten Kliniker der Welt, die keineswegs katholisch sind, eine Liste aufgestellt haben, aus der hervorgeht, welche Krankheiten man bekommen kann, wenn man das Geschlecht mit der Hand stört: es sind achtzig Krankheiten, nicht acht - achtzig! Und darunter ist auch die Blindheit. Außer dem Heil der Seele, würdest du also auch das des Körpers aufs Spiel setzen."
An den folgenden Tagen ging ich weiterhin in die Bibliothek der Redemptoristenpatres, für die bisher noch kein Katalog erstellt worden war. Man hatte einfach ein Buch neben das andere in die bis zur Decke reichenden Bücherregale gestellt. Die Bibliothek umfaßte etwa dreitausend Bücher, fast alle behandelten religiöse Themen, und der größte Teil war im 17., 18. und 19. Jahrhundert gedruckt worden. Zwei Jahre zuvor hatte ich in den Sommerferien angefangen, die Bücher mit Hilfe einer alten Schreibmaschine zu katalogisieren.
Auf kleine Karteikarten, auf denen man die entsprechenden Daten leicht wiederfinden kann, schrieb ich den Namen des Autors, den Buchtitel, den Druckort und das Druckjahr. Andere hatten die Arbeit fortgesetzt, und in jenem Sommer stand ich kurz davor, sie abzuschließen.
Eines Tages nahm ich bei der Arbeit in der Bibliothek ein Buch aus dem Regal, um es zu katalogisieren. Es handelte sich um ein Buch des hl. Alfons di Liguori, von eben dem Heiligen also, der den Orden der Redemptoristen gegründet hatte. Der Band war 1870 in Turin gedruckt worden und enthielt einige von St. Alfons verfaßte Texte. Während ich überprüfte, ob irgendwelche Seiten fehlten, stellte ich verwundert fest, daß das Buch zuerst auf Italienisch und dann auf Latein geschrieben war.
Der hl. Alfons, der von Pius XII zum Patron der Moraltheologen erklärt worden war, bemühte sich da, den Beichtvätern den Unterschied zwischen läßlichen Sünden und Todsünden und zwischen erlaubten, tadelnswerten und verbotenen sexuellen Handlungen zu erklären.
Eben da, wo sich der Heilige anschickte, die eheliche Umarmung in ihren Einzelheiten zu beschreiben, ging er von der italienischen zur lateinischen Sprache über, um zu vermeiden, daß das Buch als Gegenstand krankhafter Neugier in unheilige Hände fallen könnte. Ich selbst konnte aber Latein: von den Anfangsgründen des Lateinischen aufgebrochen, umsegelte ich inzwischen ohne Schwierigkeiten alle Klippen des Meers dieser Sprache. Als ich aber las, was hier über die Sexualität gesagt wurde, war ich wie vom Donner gerührt.
Ich traute meinen Augen kaum und glaubte fast, daß irgend ein Buchbinder sich einen Scherz erlaubt und zwei verschiedene Bücher vereinigt hatte: eines vom hl. Alfons di Liguori und ein anderes, das auf Latein pornographische Beschreibungen zum Besten gab. Ich hatte eine solche sonderbare Kombination einmal bei einem Friseur gesehen: dieser Lebemann hatte die Wochenzeitschrift "Famiglia Cristiana" (Die Christliche Famlilie) durch eine Einlage mit Fotos nackter Frauen ergänzt.
In die Lektüre vertieft, hatte ich nicht gemerkt, daß mehr als eine Stunde vergangen war und die Glocke zum Mittag läutete: ich hörte mein Herz heftig schlagen und bekam Ohrensausen. Meine Verwunderung war groß, und ebenso groß waren meine Schuldgefühle, weil ich ein verfängliches Buch gelesen hatte, das eigentlich für Beichtväter gedacht war. Ich ging durch die Sakristei in die Kirche. Im wohltuenden Halbschatten eines Seitenschiffs, kniete ich vor der Statue des hl. Alfons nieder. Die Statue stellte den Gründer des Redemptoristenordens als Bischof mit Mitra und Hirtenstab dar, während er den Kopf auf Grund der Halskrankheit, unter der er in seinem Leben gelitten hatte, nach rechts neigte.
Ich bat ihn inständig mir zu verzeihen, daß ich in seinem Buch herumgeschnüffelt hatte. Dann machte ich mich auf den Heimweg und versuchte vergebens, die von jener Lektüre heraufbeschworenen kühnen und unanständigen Phantasien im Zaum zu halten.
Ich glaubte fast, auch in St. Alfons eine unkeusche Menschlichkeit erkennen zu können, weil der Heilige solcherlei gedacht und geschrieben hatte. In meinen Augen trübte sich die Lieblichkeit der Abendandacht, als wir sangen:

Gnädig blick zu uns hernieder,
heil'ger Alfons, bleib nicht fern.
Güt' und Gnad' erfleh uns wieder
von der Liebe Jesu, unsres Herrn!

Um diese Tageszeit färbte der Purpur des Sonneuntergangs die großen Fenster der Kirche rot, während die Teichfrösche unter den ersten Sternen quakten.


13. Das Portal der Irrenanstalt

In diesem Sommer ging ich an einem Vormittag meine alte Tante Maria Antonia besuchen, die am anderen Ende des Dorfes wohnte. Ich traf sie im Zwischengeschoß: sie saß am Webstuhl und trieb mit den Händen das Weberschiffchen durch das von den Kettfäden gebildete Fach und zog von Mal zu Mal den Weberkamm zu sich hin, um den eben entwickelten Schlußfaden an das bereits fertige Gewebe anzuschlagen. Auf diese Weise wuchs der Stoff allmählich immer weiter.
Schon während ich mich ihrem Haus näherte, hörte ich das rythmische, vom Anschlagen des Weberkamms erzeugte Geräusch. Die Tante sagte mir, ich solle in den ersten Stock hinaufgehen, um ihren Neffen und meinen Vetter Vincenzo zu begrüßen, der am Abend zuvor aus Rom zurückgekommen war. Kaum sah mich Vincenzo, da fuhr er mich schon mit seiner tiefen Stimme an: "Läufst du immer noch mit dieser schwarzen Kutte durch die Gegend?! Wann wirst du dieses Ding wohl an den Nagel hängen? Hast du jetzt, wo du kurz vor der Hochschul-Reife stehst, endlich entschieden, was du tun willst?"
Alle Spannungen, alles, was mich nervös machte, tat sich mit einem Mal in meinem Inneren zusammen. Ich antwortete barsch, daß ich nicht wisse, was es da zu entscheiden gäbe.
"Schön für dich!" sagte Vincenzo. "Ich fragte nur danach, weil du noch jung bist und nicht verstehst, was für ein Problem du da vor dir hast. Du lebst von dem Glauben und von den Gewißheiten, die die Priester dir eingetrichtert haben. Ich wünsche dir, daß es in deinem Fall nicht zu einem bösen Erwachen kommt. Mir zumindest ist es so gegangen."
"Und was ist dir passiert?" fragte ich.
"Weißt du etwa nicht, daß ich beinahe Redemptorist geworden wäre?"
Ich gab zu, daß ich es wußte. Ich hatte unter meinen Verwandten verschiedene Versionen dieser Geschichte gehört. Alle versuchten, diesem Thema auszuweichen, als ob es sich um eine delikate Angelegenheit handelte. Deshalb war ich sehr neugierig, mehr darüber zu erfahren. Vincenzo entschloß sich, mehr zu erzählen:
"Wenn du schon ins Seminar zurückkehren mußt, will ich dir wenigstens ein bißchen von meinen Erfahrungen berichten. So bekommst du was zum Grübeln. Im Alter von fünf Jahren wurde ich Vollwaise. Es starben auch meine beiden Brüder, die noch jünger waren als ich. Außer mir waren alle der Lungenentzündung, der Schwindsucht und der Diphtherie zum Opfer gefallen. Tante Maria Antonia, die nicht hatte heiraten wollen, nahm mich zu sich und zog mich auf, als wäre sie meine Mutter. Du weißt ja, Tante Maria Antonia sehr religiös und den Redemptoristenpatres hörig. Ihr großer Traum war, daß auch ich Redemptorist werden würde, und deshalb schickte sich mich in die Internate dieses Ordens. Erst zehn Jahre später sollte ich nach Sant'Andrea zurückkommen, nachdem ich durch das Portal der Irrenanstalt von Aversa in die Freiheit entlassen worden war."
Ich wußte, daß mein Nachbar Vincenzo, der seiner Frau den Kopf abgeschlagen hatte, in der Irrenanstalt für gemeingefährliche Geisteskranke in Aversa eingesperrt worden war. Und jetzt sprach mein Vetter Vincenzo in Bezug auf sein eigenes Leben von derselben Anstalt. Ich bat ihn, mir alles zu erzählen, und er begann:
"Infandum iubes renovare dolorem (1) [Fßn] (1) Du willst, daß ich einen unendlichen Schmerz erneuere. [Fßn] ... Als ich im Alter von elf Jahren Kalabrien verließ, um zum Internat von Ciorani in der Nähe von Salerno zu fahren, meine Heimat also verlassen mußte, zerriß mir dieser Abschiedsschmerz das Herz. Tage-, monate-, jahrelang hörte ich im Traum das rhythmische Geräusch von Tante Maria Antonias Webstuhl, das Sausen des Windes, der nachmittags durch unseren Weinberg von Àlaca wehte, ich träumte von der staubigen Straße, die durch das Flußbett des Fiumesecco führt, und sah das kleine Landhaus, draußen vor dem Dorf, wo ich den Sonnenuntergang betrachtet hatte, der mich mit qualvoller Sehnsucht und mit tiefem Frieden erfüllte.
Später kam ich in Sant'Angelo a Cupolo in der Nähe von Benevent ein anderes Internat der Redemptoristen. Von dort aus konnte ich das Profil des Taburno und der Dormiente, zweier von einem Lichtschein umgebener Berge, sehen. In diesem Internat erlebte ich jeden Tag wie eine Strafe, vor allem wenn wir mit der Geißel Bußübungen verrichten mußten."
"Und warum mußtest du dich geißeln?" fragte ich.
Vincenzo sprach plötzlich lauter: "Mich fragst du das? Geh zum hl. Alfons, der diesen Orden gegründet und seine Regeln geschrieben hat. Ich weiß nur, daß ich wie viele meiner Kameraden schon damals einen Bußgürtel trug. Der Bußgürtel war eine aus stacheligen Eisenmaschen gefertigte kleine Kette, die man sich fest übers Knie binden mußte, damit sie beim Gehen nicht abrutschte und das Knie selbst zerschrammte. Darüber hinaus stellten wir uns jeden Mittwoch und jeden Samstag zur Geißelung auf dem Flur in Reih und Glied. Während wir mit der Geißelung anfingen, sprachen wir das Miserere. Mit aus vielen kleinen, ineinander verknoteten Schnüren hergestellten Geißeln schlugen wir uns auf die Backen. Dazu wurde das Licht gelöscht, damit niemand das Hinterteil seines Nebenmanns sehen konnte, der wie alle die Soutane hochgezogen und Hosen und Unterhosen heruntergelassen hatte, um sich kniend auf das bloßgelegte Fleisch zu schlagen. Eines Abends traf ich mit der Geißel versehentlich den Lichtschalter, und das Licht ging an. Alle Kammeraden hinkten verwirrt umher und versuchten sich so wieder anzuziehen, daß niemand sie halbnackt sehen konnte. Um der Schamhaftigkeit willen empfahl man uns auch, den Penis beim Pipimachen nicht direkt anzufassen, sondern ihn mit einem Hemdzipfel zu halten.
Und das alles war nur ein Teil der Abtötungen, zu denen ich vom elften bis zum zweiundzwanzigsten Lebensjahr verpflichtet war. Um Buße zu tun, saßen wir im Refektorium manchmal beim Essen auf dem Boden oder mußten unseren Oberen die Füße küssen. So sollte man Jugendliche nach dem Willen des hl. Alfons erziehen. Der Heilige selbst pflegte die aus seiner Halswunde herausgefallenen Würmer wieder in die Wunde zurückzulegen, um sich zu kasteien. Um Heilungen oder Gnaden zu erlangen, aßen wir die Heiligenbilder des hl. Alfons, der allzeit hilfreichen Gottesmutter oder des hl. Gerardo Maiella, eines Heiligen ihres Ordens."
Die letzte Bemerkung bezog sich auf einen Brauch, den ich in Sant'Andrea des öfteren beobachtet hatte. Die Redemptoristenpatres gaben den frommen Gläubigen Blätter aus dünnem Seidenpapier, auf die zahlreiche briefmarkengroße Schwarz-Weiß-Bilder des jeweiligen Heiligen oder der Madonna aufgedruckt waren. Man mußte einige Tage lang viele dieser Heiligenmarken aufrollen und sie fromm mit einem Glas Wasser herunterschlucken. Vincenzo erzählte weiter:
"Als ich einundzwanzig war, hielt ich es wortwörtlich im Kopf nicht mehr aus. Ich fühlte mich von jedem offenen Fenster unwiderstehlich angezogen: was mich fasziniert war nicht der Abstand zum Erdboden, sondern die Freiheit, die ich draußen zu sehen glaubte. Meine Oberen dachten, ich wolle mich aus dem Fenster stürzen, und schickten mich zu einer psychiatrischen Untersuchung ins Irrenhaus von Aversa. Es war die Ironie des Schicksals, daß ich ausgerechnet durch das Portal dieser Irrenanstalt in die Freiheit entlassen wurde. Dieses Wunder geschah, weil der Psychiater Levi Bianchini verstand, worin mein Problem bestand. Um mir zu helfen, schrieb er eine Kompromißdiagnose: meine Ordensgemeinschaft würde schwer gestört werden, falls ich im Internat bleiben sollte. Die Patres schickten mich nach Hause zurück, wo Tante Maria Antonia mich ungläubig empfing. Als sie mich zehn Jahre zuvor aufs Internat geschickt hatte, hatte sie mir gesagt, ich solle sie ganz kurz schriftlich informieren, wenn etwas schlecht liefe. Einen solchen Hinweis solle ich aber nicht auf den Briefbogen, sondern auf den Briefumschlag unter der Briefmarke schreiben, da die Patres die Briefbögen kontrollierten. Ich hatte ihr nie geschrieben: ich hatte alles akzeptiert, als ob es normal wäre."
Bei der Beschreibung all des Unglücks, das ihm widerfahren war, war Vincenzo in Hitze geraten. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. All die Dinge, von denen Vincenzo berichtet hatte, hatten sich vor dem letzten Weltkrieg in den Redemptoristeninternaten in Sant'Angelo, in Ciorani und in Pagani ereignet. Bei uns im Seminar von Catanzaro war alles ganz anders. Ich versuchte ihn zu trösten und sagte:
"Nun gut, aber das sind alte Geschichten. Auch die Priester sind Kinder ihrer Zeit. Inzwischen hat sich alles geändert."
Hätte ich das nur nicht gesagt! Hinter seinen dicken Brillengläsern verdrehte Vincenzo die Augen und sprach mit seiner tiefen Stimme noch lauter:
"Im Weltkrieg war ich zwei Jahre lang als Gefangener in Deutschland. Ich kann dir versichern, daß ich mich in den deutschen Konzentrationslagern freier fühlte als bei den Redemptoristenpatres. Wir alle sind Kinder unserer Zeit, aber die Priester sind Hu... Hundesöhne".

14. Ein kalabrisches Gericht

Während dieser Ferien fuhr ich mit einem Bus von Leuten aus Sant'Andrea nach Catanzaro, wo die Statue der Madonna von Fatima erwartet wurde. Am Abend jenes Tage fand sich eine große Menge von Gläubigen, Priestern und Bischöfen aus Kalabrien im dortigen Fußballstadion ein. Unter den violett gekleideten Bischöfen stach Bischof Perantoni, der Oberhirte von Gerace hervor: er trug ein graues Gewand, da er dem Orden der Minderbrüder angehörte. Gratteri, einer der Domherren, spielte immer wieder auf Bischof Perantoni an; er sah dem neben ihm stehenden Priester mit seinen flammenden, hellblauen Augen ins Gesicht und machte seinem Unmut Luft:
"Ich verstehe, daß der Papst ihn nicht mehr als General seines Ordens wollte, aber warum mußte ihm man von allen Diözesen des Erdkreises ausgerechnet das Bistum von Gerace zuteilen? Die Einwohner des antiken Gerace haben die Tempel der Magna Graecia ihres Schmucks beraubt, um die Kathedrale zu bauen, und jetzt kommt der da und verlegt den Bischofssitz nach Lokri, an die Kreideküste! Was will der schon für ein Bischof sein: er ist schlicht und ergreifend ein gefährlicher Mönch außerhalb des Klosters. Wie sagt doch das Sprichwort:

Gott bewahr dich vor Wind und Wetter
vor freilaufenden Mönchen und deren Gezeter!"

In diesem Moment durchbrach der Hubschrauber mit der wundertätigen Statue die schwarzen Wolken. Die Statue wurde mit Applaus, mit Taschentücherschwenken und mit Liedersingen begrüßt. Der von der Tragschraube hervorgerufene Wirbel ließ die Kalotten der Bischöfe, leicht wie leere Nester, in die Luft fliegen. Ich hatte das große Glück, zufällig gerade dort zu stehen, wo der Hubschrauber landete, und so mußte ich die Statue entgegennehmen und auf einen Sockel stellen. Ich hoffte, daß die Berührung der wundertätigen Statue meinen inneren Konflikt lösen und mich von allen sündhaften Gedanken befreien würde, und betete inbrünstig. In der Tat war ich zur Überzeugung gekommen, daß es mir unbedingt gelingen mußte, die sexuellen Phantasien, die sich in meinem Kopf eingenistet hatten, einzudämmen. Andernfalls würde ich meinen Ort bei den Seelen finden, die die Hirtenkinder von Fatima in ihrer Vision der Hölle beschrieben haben: "Wir sahen ein großes Feuermeer und eingetaucht in dieses Meer, schwarz und braungebrannt, Dämonen und menschenförmige Seelen; sie sahen aus wie durchsichtige, glühende Kohlenstücke, die von den Flammen mit Rauchwolken in die Höhe geschleudert wurden und dann von allen Seiten wieder herunterfielen, wie die Funken eines großen Brandes, ohne Gewicht und ohne Gleichgewicht, während sie vor Schmerz und Verzweiflung schrien und klagten."

Instinktiv gefiel mir viel besser, was Tante Mariuzza immer sagte, wenn sie vom Himmel und von der Hölle sprach: "Wenn wir gerettet werden, werden wir alle gerettet. Wenn wir nicht gerettet werden, wird niemand gerettet."

Gegen Ende der Ferien fingen die Priester unseres Dorfes an, mir Fragen zu stellen, um herauszufinden, was ich für Pläne hätte. Sie fragten mich, ob ich vorhätte, das Abitur zu machen. Auch Don Salvatore fragte mich danach und fügte sibyllinisch hinzu:
"Homo homini lupus, sacerdos lupissimus." (1) [Fßn] (1) Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, der Priester ist am wölfischsten. [Fßn]
An diesem Abend blies der Mistral besonders heftig, heulte zwischen den großen Fenstern und den Wölbungen der Pfarrkirche. Nach dem Abendgottesdienst bat mich Don Salvatore, sich bei mir einhaken zu dürfen, während wir die hohe Treppe hinuntergingen, weil er fürchtete, sonst bei diesem Wind die Treppe hinunterzurutschen. Auf halber Höhe blieb ich stehen, um dem alten Priester Zeit zum Atemholen zu geben. Ich nutzte die Gelegenheit und fragte Don Salvatore, der sich auf meinen Arm stürzte: "Warum habt Ihr gesagt, daß ein Priester schlimmer als ein Wolf ist?"
Der Geistliche antwortete nicht und ging weiter die Treppe hinunter. Auf der letzten Stufe blieb er stehen und sagte: "Ein Priester mag die Menschen nur, wenn sie tun, was er will, auch wenn sie darunter leiden. Das kommt von seiner Seminarausbildung: im Seminar lehrt man ihn nicht, die Menschen zu achten, sondern einer Lehre zu folgen."
Großmutter Marianna war zum Abendgottesdienst in die Kirche gekommen und machte sich nun auf den Heimweg. Um gehört zu werden, schrie sie gegen die Windböen an: "Salvatore, Enkelchen, wo geht Ihr hin? Und Ihr, Don Salvatore, wohin geht Ihr? Kommt zu mir nach Hause, sonst wird Euch noch irgendein Dachziegel den Kopf einschlagen!"
Eine schwere heftige Windbö, klebte die schwarzen Gewänder an unseren Körper und veranlaßte Don Salvatore, die Einladung anzunehmen.
Großmutter Marianna wankte vor uns her. Mit einer Hand hielt sie den Schal unter dem Kinn fest, die andere legte sie auf den Rock, damit der Wind ihn nicht hochheben konnte. Als sie die Haustür hinter uns geschlossen hatte, sagte sie: "Bei so einem Wetter sollte man besser nicht durch die Gegend spazieren: nehmt Platz, bis das Unwetter vorbei ist."
Wir setzten uns hin, und als Don Salvatore das große Photo meines Großvaters in Militäruniform sah, sagte er: "Armer Meister Salvatore! Ich weiß noch, wie er aussah, als er am Ende des Ersten Weltkriegs mit einer erfrorenen Schulter aus der Nähe von Trient zurückkam."
Großmutter Marianna fügte hinzu: "Leider weiß ich nur zu gut, wie sehr der arme Mann gelitten hat! Und als er starb, ließ er acht Kinder und keinen blanken Heller zurück. Das war eine schwere Zeit, aber als ich selbst noch ein Kind war, war es noch schlimmer. Eines Abends - ich mag wohl so sechs Jahre alt gewesen sein - kam ich spät abends von den Feldern zurück. Da sah ich bei einem Brunnen vor dem Dorf Leute, die beim Licht einer Lampe etwas vom Boden auflasen. Und wißt ihr, wer diese Leute waren? Es waren die ärmsten Dorfbewohner, die nicht den Mut hatten, sich tagsüber sehen zu lassen und die bei Nacht auszogen, um ein paar Fettklümpchen aus dem Kot der Tiere aufzupicken. An diesem Brunnen hatte man die Gedärme der an Karneval geschlachteten Schweine geleert und gewaschen: hier fanden diese Menschen das einzige Gewürz, das sie auftreiben konnten.
Als mein Sohn Vincenzo, dein Vater, noch klein war, holte meine Freundinnen ihn am ersten Montag jeden Monats mehrmals von zu Hause ab: an diesem Tag schenkte die Baronin Scoppa jedem, der ihr die Hand küßte, als Werk der Barmherzigkeit zu Gunsten ihrer Verstorbenen, eine Scheibe Brot und einen Maßbecher Öl. Meinen Freundinnen nahmen sich das Öl und ließen dem kleinen Vincenzo die Scheibe Brot. Er war damals drei Jahre alt, und so achtete niemand darauf, ob er mehrmals zur Baronin ging. Die Baronin war steinreich, und das Dorf verhungerte. Wenn sie ihre Apfelsinen nicht verkaufen konnte, ließ sie sie vergraben und stellte bewaffnete Wachen aus, damit niemand die Apfelsinen ausgrub und aß.
Es ist nicht wahr, daß man an Schmerz sterben kann. Wenn das stimmen würde, wäre ich längst tot und begraben. Was ich alles durchgemacht habe, weiß keiner außer mir selbst. Um Nahrung für meine Kinder zu erwerben, tauschte ich im Ersten Weltkrieg in den Nachbardörfern Steingutgeschirr gegen Lebensmittel ein. Ich setzte mir ein großes rundes Netz mit Geschirr und mit Stroh, das das Geschirr vor dem Zerbrechen schützte, auf den Kopf. Dieses sechzig Kilogramm schwere Netz trug ich über Feldwege bis nach Santa Caterina. Es ging kilometerlang bergab und dann wieder kilometerlang bergauf. Auf dem Rückweg war ich dann mit Weizen oder mit anderen Getreidesorten beladen, die ich für das Geschirr bekommen hatte. Mein Mann war im Krieg, und der Lohn, den die Regierung zahlte, reichte nicht aus, um die Familie zu ernähren. Vincenzo war damals acht Jahre alt und ging mir mit einer Lampe voraus. Wenn es hell wurde, machte er die Lampe aus und versteckte sie unter einem Strauch, um sie auf dem Rückweg wieder mitzunehmen. Wegen des Krieges war es aber verboten, mit Weizen zu handeln, und deshalb mußte ich das wenige, das ich bekommen konnte, unter einer Schicht Gerste verstecken, da man mir den Weizen sonst beschlagnahmt hätte.
Nach dem Tod meines Mannes stand ich jeden Morgen sehr früh auf und half Vincenzo, glühendes Eisen zu schmieden. Er war erst vierzehn Jahre alt, ein kleiner Junge noch und zu klein, um auf den Amboß zu schlagen. Ich stellte ihm eine Holzkiste hin, er stieg darauf und hielt das Eisen mit der Zange, während ich versuchte, es mit dem Hammer zu schmieden. Aber nur bis zum Morgengrauen. Um diese Zeit standen nämlich die anderen Leute auf, und für eine Frau war es eine Schande, bei der Arbeit in einer Schmiede gesehen zu werden ..."
Es klopfte an der Tür. Großmutter Marianna sagte zu mir: "Nach dem Klopfen müßte es dein Vater sein."
"Wir sprachen gerade von den schlimmen Zeiten, die ihr durchleben mußtet, und von all den Problemen, die ihr damals hattet ..."
"Die Hauptsache ist, daß das alles vorüber ist und daß wir es überlebt haben", sagte mein Vater, "es waren harte Zeiten, aber wir mochten einander und halfen uns gegenseitig. Sicher, es gab wenig zu essen, manchmal wurden wir fast ohnmächtig, so wie ich 1918 in Badolato."
Meine Großmutter erschrak und sprach mit einem Mal lauter: "Was ist dir passiert, mein Sohn? Warum hast du mir nichts davon gesagt?"
Was sollte ich es Euch auch erzählen, Mama? Hattet Ihr nicht auch so schon genug Sorgen? ... Es passierte, als ich noch nicht lange zur Musikkapelle gehörte und mit den anderen zu einem Konzert fuhr.
Mein Vater bezog sich auf die Musikkapelle von Sant'Andrea. In dieser 47 Mitglieder starken Kapelle hatte er schon mit elf Jahren als Solist Tenorflügelhorn gespielt. Der Dirigent dieser in der ganzen Provinz bekannten Musikkapelle war zuerst Maestro Pasquale Acquaviva aus Corato, der später von Maestro Leonardo Vacca aus Bitonto abgelöst wurde. Mein Vater fuhr fort: "Im November 1918 gingen wir zu Fuß nach Badolato, wo wir bei einem Fest spielen sollten. Nach der Prozession warteten wir darauf, etwas zu essen zu bekommen. Aber es war überhaupt nichts vorbereitet worden: die Einwohner von Badolato hofften, daß wir sofort wieder gehen würden, da sie selbst auch nur wenig Lebensmittel hatten. Maestro Acquaviva protestierte, und einige freiwillige Helfer gingen von Haus zu Haus und sammelten Almosen. Die Leute gaben ihnen aber nur trockenes oder verschimmeltes Brot. Schließlich kam jemand auf den Gedanken, im Verpflegungslager nach Nahrungsmitteln zu suchen. Mit einem Besen fegte man die Überreste der zu Boden gefallenen Nudeln zusammen und machte sich daran, sie zu kochen.
Als uns das Nudelgericht serviert wurde, sah ich in meinem Teller schwarze Dinger, die ich für zur Zubereitung der Tomatensoße angebratene Zwiebelstücke hielt. Beim genaueren Hinsehen merkte ich jedoch, daß es sich um Küchenschaben handelte, die beim Kochen aus den Makkaroni herausgekrabbelt waren. Keiner meiner Kameraden hatte den Mut, seine Ration anzurühren. Ich sammelte die Nudeln ein, warf die Küchenschaben weg und aß, bis ich satt war."
"Wie großen Hunger hat dieses Volk leiden müssen! Gott aber ist der Rächer der Armen und der Witwen," tönte Don Salvatore.
"Da wird er viel zu tun haben", meinte mein Vater, "es hat so viele Kriege gegeben, und jeder hat eine ganze Reihe Witwen zurückgelassen. Und was die Armen angeht: die Welt ist voll davon."
Don Salvatore sagte mit großem Ernst: "Erinnert ihr euch noch an die Kriege, die unter Mussolini in Afrika geführt wurden? Im Mai, kaum sah man in Kalabrien die ersten Feigen auf den Bäumen, pflückte man sie auch schon, obwohl sie noch steinhart waren. Die Leute kochten die unreifen Früchte und aßen sie, weil es nichts anderes gab. Ich weiß noch, wie ich Carnuccio zu Grabe tragen mußte, einen alten Mann, den man tot in seinem Badezimmer gefunden hatte: er war an vom Hunger verursachter Ruhr gestorben. Damals verfluchte ich mit der heiligen Hostie in der Hand alle, die Krieg führen und alle die Geld anhäufen, denn all das ist das Blut der Armen. Es ist doch gar nicht war, daß es der Welt schlecht geht: dank der unzähligen Ungerechtigkeiten geht es ihr nur zu gut. Und wir brauchen uns nicht zu fürchten, wenn diese Welt zugrunde geht. Solch eine Welt verdient es nicht zu überleben: je eher sie ihr Ende findet, um so besser ist es."

15. Carpe diem

Kaum war ich zum dreizehnten Schuljahr ins Gymnasium zurückgekehrt, berichtete ich dem Spiritual in der Beichte, daß ich jenes Buch des hl. Alfons di Liguori gelesen hatte. Der Spiritual meinte: "Wenn jemand in einem dunklen Raum ist, darf er nicht plötzlich eine hundert Watt starke Lampe einschalten, sonst kann das Licht ihn blenden. Dieses Buch ist für Priester gedacht, die nach und nach so ausgebildet werden, daß sie gewisse Dinge verstehen können."
Auch nach der Rückkehr ins Seminar hatte ich weiterhin Kopfschmerzen; die Schmerzen wurden sogar noch stärker. Meine Augen trübten sich, und ich nahm nicht mehr an den Spielen meiner Mitschüler teil. Während der Erholungspausen blieb ich oft im Lesesaal, legte den Kopf auf einen Stapel Bücher, den ich eigens dafür aufgehäuft hatte, und schlief ein.
Ich klagte mehrmals über meine Kopfschmerzen und wurde schließlich zu einer ärztlichen Untersuchung in die Stadt geschickt. Der Arzt verordnete mir ein Schlafmittel in Tropfen, das mich in tiefen Schlaf fallen ließ. Wenn ich dann aufwachte, war ich stets müde und empfindungslos. Als der Winter begann, wurden meine Kopfschmerzen so stark, daß ich es nicht mehr aushalten konnte. Da nahm der Direktor, Herr Criscito, die Sache in die Hand: "Wenn jemand Kopfschmerzen hat, muß man in den Kopf schauen."
Und so schickte er mich zu einem Radiologen, der mir den Schädel röntgen sollte. Ich sagte dem Arzt, daß ich Nackenschmerzen und gleichzeitig häufig Erektionen des Glieds hätte. Er hielt mir einen verwirrenden Vortrag über Priapismus und Libido. Seine Worte beunruhigten mich sehr, weil ich nicht zu unterscheiden wußte, ob die von ihm beschriebenen Erscheinungen Krankheiten oder Sünden waren. Dann legte er die Röntgenbilder auf den Lichtkasten. Der Anblick raubte mir den Atem: mein Schädel sah genauso aus wie die auf die Grabsteine der Kirchen gemeißelten Schädel. Wie aus der Ferne hörte ich die Stimme des Arztes. Er sagte, er könne keinerlei Anomalie feststellen.

Im Frühling 1960 hatte der lange Kampf zwischen den aufbegehrenden Sinnen und dem Kraftakt, den ich immer wieder vollbrachte, um keusch zu bleiben, meine Nerven völlig zerrüttet. Der Spiritual war wegen meiner angstvollen, täglichen Beichten beunruhigt und zog Direktor Criscito zu Rate. Criscitos Ansichten in Sachen Sexualität ließen keinen Raum für Zweifel: für den Direktor war klar, daß ein Seminarist in diesem Bereich nicht sündigen durfte.
Immer wenn die Ankunft eines nicht zum Seminar gehörenden Beichtvaters angekündigt wurde, stellte ein Großteil meiner Kameraden sich auf beiden Seiten des Flurs an, um eine peinliche Beichte beim Spiritual zu vermeiden. Direktor Criscito ging dann durch den Flur und durchbohrte jeden einzelnen wütend, angewidert und voller Verachtung mit den Augen. Die Seminaristen senkten den Kopf und wurden rot, während er brüllte: "Lumpengesindel! Lumpengesindel!"
Bei einer Pilgerfahrt zur Wallfahrtsstätte der Madonna von Pompeji wurde der Direktor von unbändigem Zorn ergriffen. Die Seminaristen waren mit dem Zug unterwegs und hatten früh morgens vor lauter Durst an einem Bahnhof etwas getrunken. Da sie also das eucharistische Fasten nicht eingehalten hatten, konnten sie nicht zum Tisch des Herrn gehen. Direktor Criscito glaubte, sie seien sie nicht zur Kommunion gegangen, weil sie sexuelle Sünden begangen hätten, und später ging er an der Wallfahrtsstätte von Pompeji durch die Reihen meiner Kameraden und brüllte: "Pfui! Schande über euch!"

Direktor Criscito schickte mich zu Dr. Nardone, einem Psychiater im Irrenhaus von Girifalco, einem Dorf zwischen Squillace und Catanzaro. In diesem Irrenhaus waren damals mehr als tausend Patienten. In unserer Gegend sagte man: "Du bist wohl aus Girifalco ausgebüchst!" oder "Du gehörst ja nach Girifalco!", wenn man seinem Gesprächspartner erklären wollte, daß er verrückt sei und reif für eine Nervenheilanstalt.
Am Tag der Untersuchung verließ ich am Nachmittag meine Kameraden und ging zu Fuß vom Seminar zu Dr. Nardones Privatpraxis hinunter, die am anderen Ende von Catanzaro lag. Ohne jede Vorbereitung und voller Angst betrat ich in die Praxis.
Der Arzt war ein Herr mittleren Alters, mager und heiter, und trug einen gepflegtem Schnurrbart. Dr. Nardone beruhigte mich und erklärte mir, daß wir uns dreimal nacheinander nachmittags sehen würden. Er begann mit einer Generaluntersuchung, einem neurologischen und einer Unzahl von anderen Tests.
Am zweiten Nachmittag führten wir vor allem ein langes Gespräch. Am Ende fragte er mich, was ich über die Sexualität wisse. Ich hatte mir keine derartige Frage erwartet und wußte nicht, was ich antworten sollte. Der Wunsch, nicht für ungebildet gehalten zu werden, verriet mich: ich sagte ihm, daß ich alles über die Sexualität wisse, weil ich es in einem Buch des heiligen Alfons gelesen hatte. Der Arzt wollte wissen, um welches Buch es sich handele und wurde noch neugieriger, als ich ihm von der Bibliothek der Redemptoristenpatres erzählte und berichtete, daß jenes Buch eigenartigerweise auf Italienisch begann, um dann zur lateinischen Sprache überzugehen. Ich war stolz auf meinen Fund: dieser Arzt konnte etwas Neues von mir lernen!
Am dritten Nachmittag war der Arzt gut gelaunt und sagte zu mir: "Ich hätte dich fast für einen Schizophrenen gehalten, den der helle Wahn gepackt hat. Zum Glück war ich klug genug, einen Priester, mit dem ich befreundet bin, zu Rate zu ziehen. Dieser Priester hat mir auch das Buch des heiligen Alfons geliehen. Ist das hier das Buch, das du gelesen hast?"
Er hielt mir ein in Leder gebundenes Buch mit Goldbuchstaben auf dem Buchrücken hin, schlug das Kapitel "Ausbildung und Praxis der Beichtväter" auf und bat mich zu lesen:
"Die Sünde gegen dieses Gebot ist das häufigste Thema der Beichte, und dieses Laster füllt die Hölle mit Seelen."
St. Alfons bezog sich auf das sechste Gebot, das für Katholiken so lautet: "Du sollst nicht Unkeuschheit treiben."
Der Arzt forderte mich auf, beim zweiten Absatz weiterzulesen, wo der lateinische Text begann. Er bat mich auch, den Text zu übersetzen, weil sein Latein ein bißchen eingerostet war.
"Vor allem muß man bedenken, daß es in der Unzucht [...] keine läßliche Sünde gibt. [...] Jede fleischliche Sünde ist eine Todsünde."
Todsünde war es auch, unzüchtig die Hand einer Frau zu betasten (attrectatio manus) oder mit ihrem Finger zu spielen (intorsio digiti).
Der Arzt bat mich, mit dem Absatz 26 fortzufahren, wo der Heilige für die männlichen Homosexuellen unter den Laien die Todesstrafe mit anschließender Verbrennung festsetzte. Für die dem Klerus angehörigen männlichen Homosexuellen wurde die Strafe gemildert: sie wurden lediglich ihrer kirchlichen Benefizien beraubt.
"Blöd sind die Priester ja wirklich nicht", kommentierte Dr. Nardone.
Im Absatz 28 erklärte St. Alfons des näheren, daß der Geschlechtsverkehr mit dem Teufel, sei er nun aktiv oder passiv, als Sodomie zu betrachten sei. Diese Sünde beinhalte gleichzeitig eine Verfehlung gegen die Religion und impliziere darüber hinaus die Sünde der Unzucht oder des widernatürlichen Verkehrs, je nach dem ob der Teufel als Knabe oder als Frau erscheine. Es handle sich darüber hinaus auch um Ehebruch oder Blutschande, wenn jemand sich genußvoll dem Geschlechtsverkehr mit dem Teufel hingebe und dieser in Gestalt einer verheirateten oder einer blutsverwandten Frau erscheine.
Ich begann die Ungeheuerlichkeit der Aussagen zu verstehen, die ich, peinlich berührt, nach und nach unter den amüsierten Blicken des Arztes übersetzte. Ich war nicht mehr allein in der Bibliothek der Redemptoristenpatres, wie im vorangegangenen Sommer, als ich zum ersten Mal in diesem Buch gelesen hatte. Als ich den Abschnitt zu Ende gelesen hatte, hörte der Arzt auf zu lächeln, schwieg einen Moment lang und sagte schließlich: "Deine Oberen, die dich zu mir geschickt haben, sie sind es, die einen Psychiater brauchen, denn die katholischen Erziehung in Sachen Sexualität hat ihr ganzes Denken völlig verdreht. Du selbst hast soeben einige der Ungeheuerlichkeiten übersetzt, die von einem Heiligen, dem Ersten unter den Moralisten, verfaßt wurden. Ich frage mich, wann diese Lehre verschwinden wird, die vielleicht mit Augustinus begonnen hat, der seinen Sohn Adeodatus einen Sohn der Sünde nannte. Statt sich um diesen Jungen zu kümmern, hielt er sich tagelang beim hl. Ambrosius in Mailand auf und diskutierte mit ihm über die Jungfräulichkeit. Und dann beklagte er sich noch, daß sein Herz unruhig war. Wie hätte er auch in Frieden leben können, wenn er sich gegen seinen eigenen Sohn gestellt hatte? Und in seinen "Bekenntnissen" hatte er niemals den Mut, die Frau beim Namen zu nennen, mit der er Adeodatus gezeugt hatte, die er kennengelernt hatte, als sie noch ein Mädchen war, und mit der er lange Jahre lang in glühender Leidenschaft zusammengelebt hatte, bevor er sie nach Afrika zurückschickte. Er nennt sie immer nur "illa", "jene". Die Wahrheit ist, daß die Priester den Menschen auf dem Weg über die Sexualität, die stärker ist als der Tod, beherrschen wollen. Deshalb predigen sie, daß die Sexualität Sünde ist. Sie erzeugen Schuldgefühle in den Menschen, die dann in der Beichte um Vergebung bitten und so ihrer Macht unterworfen bleiben.
Hier in Kalabrien wurde Tommaso Campanella geboren. Viel früher als alle anderen hat er verstanden, daß kein Gegensatz zwischen Gott und der Natur besteht. Campanella definierte die Natur als "orginalen, eigenhändig geschriebenen Codex" Gottes. Die Frau und die Sexualität sind wesentlich für das seelische Gleichgewicht und das Glück des Mannes: sie ist ihm Lebensgefährtin. Aber die Priester haben nur zwei extreme Frauenbilder: für sie ist die Frau entweder eine unberührbare Jungfrau oder ein Gegenstand zur Lustbefriedigung.
Aber zurück zu deinem Fall. Du wirst kaum je von den Traumata heilen können, die du durch die Erziehung der Priester erlitten hast. Im Vergleich dazu wäre eine Vergewaltigung nebensächlich. Sie haben deine Psyche verletzt, und du wirst dein Leben lang darunter leiden. Das ist, wie wenn man eine Statue zertrümmert. Auch wenn man alle Teile wieder zusammenfügt, ist das Material, aus dem sie besteht, nicht mehr unversehrt: die Statue besteht dann aus zusammengefügten Bruchstücken. Du kannst dich aber noch retten, es liegt an dir. Du bist begabt und hast eine starke Persönlichkeit: du kannst im Leben machen, was du willst. Und zerbrich dir nicht den Kopf darüber, daß deine Mutter in der Villa Nuccia gewesen ist. Im bigotten Umfeld deines Dorfs hätte sie allenfalls ein noch schlimmeres Ende nehmen können, und dir wird es genauso ergehen, wenn du im Seminar bleibst."
Die Priester mußten ihm von meiner Mutter erzählt haben, dachte ich.

Angespannt und aufgeregt verließ ich die Praxis, mit dem Gefühl, einem Erdrutsch entkommen zu sein, der mich beinahe mitgerissen und unter Erdmassen begraben hätte. Ich machte mich auf den Rückweg zum Seminar, brauchte aber Luft, um tief durchzuatmen. Darum wählte ich den längsten Weg, den der an der Bellavista vorbeiführt, einer großen Terasse, von der aus man auf die Ebene und aufs jonische Meer schauen kann. Ich ging ganz langsam und dachte über Dr. Nardones Worte nach. An der Fassade des Eckhauses zwischen der Hauptstraße und der Terasse sah ich eine Marmortafel und blieb stehen um die dort eingemeißelte Inschrift zu lesen:

OMNES. EODEM. COGIMVR.
DVM. RES. ET. AETAS. ET. TRIVM SORORVM.
ATRA. FILA. PATIVNTVR.
HIC.
CYTHEREA. VENVS. IMMINENTE. LVNA.
DVCIT. CHOROS.
ET. JVNCTAE. NYMPHIS. GRATIAE. DECENTES.
ALTERNO. PEDE. QVATIVNT. TERRAM.
HIC.
CARPE. DIEM.
NAM.
AUT. ADVERSA. SVNT. MORTALIA. AVT. PROSPERA.
SI. PROSPERA. ET. FALLVNT.
MISER. FIES. FRVSTRA. EXPECTANDO.
SI. ADVERSA. ET. MENTIVNTVR.
MISER. FIES. FRVSTRA. TIMENDO.
HIC. ERGO.
SVME. DELICITAS.

Dieses horazische Latein kann man etwa so übersetzen:


Wir alle werden demselben Schicksal entgegengetrieben,
solange die Umstände und das Alter und die drei Schwestern (1)
[Fßn] (1) Die Parzen[Fßn]
und solange die schwarzen Lebensfäden es erlauben:
hierhin
führt die Venus von Zythera die Chöre,
wenn der Mond hoch am Himmel steht,
und Hand in Hand mit den Nymphen tanzen die anmutigen Grazien,
stampfen mal mit dem einen, mal mit dem anderen Fuß auf den
Boden;
hier
pflücke den Tag!
Denn
die vergänglichen Dinge sind entweder ungünstig oder günstig:
sind sie günstig und trügen,
so wirst du unglücklich, wenn du vergeblich hoffst,
sind sie ungünstig und lügen,
so wirst du unglücklich, wenn du vergeblich fürchtest.
Hier also
genieße die Lust.

In diesem Augenblick kam mir Don Ciccio wieder in den Sinn, und ich dachte daran, wie sehr er darauf pochte, jenes "carpe diem" von Horaz richtig zu übersetzen.
Er hatte uns erklärt, daß es nicht bedeutete: "Ergreife den flüchtigen Augenblick" wie einen Ball, den man im Flug ergreifen muß. Horaz war ein Epikureer und damit im Grunde ein Pessimist und kein Genüßling, wie man für gewöhnlich annahm. Für den lateinischen Dichter geizten die Tage des Lebens mit Freude. "Carpe diem" bedeutete also: lehne das wenige Gute, das jeder Tag dir gibt, nicht ab, sondern ergreife es mit dankbarer Hand.
Auch Don Ciccios Hinweise auf die Jungfrauen der Magna Graecia, die in unserer Heimat glücklich mit jungen Männern getanzt hatten, kamen mir jetzt wieder in den Sinn. Ich verstand, daß Don Ciccio mit seiner Verherrlichung der antiken Schönheit das Verlangen nach der Liebe einer Frau zum Ausdruck brachte. Seine eigene versklavte, unberuhigte Sexualität wollte ausbrechen und wandte sich deshalb der Schönheit vergangener Zeiten zu.
Stets über seine Bücher gebeugt, hatte der arme Don Ciccio nicht gemerkt, daß die Nymphen längst aus Kalabriens Wäldern verschwunden waren.


16. Der Traum der Italiener

In Italien waren die Seminare keine staatlich anerkannten Schulen. Deshalb mußte ich für die Prüfung am Ende des achten Schuljahres nach Serra San Bruno und für die am Ende des zehnten Schuljahres ans Internat der Salesianer von Soverato fahren. Zum Glück kannte ich wenigstens das Internat von Soverato. Für uns Seminaristen war es immer traumatisch, diese Prüfungen an fremden Schulen und vor fremden Lehrern ablegen zu müssen.
Dieser Umstand war keineswegs einem ungünstigen Zufall zu verdanken, er entsprach vielmehr einem wohl überlegten Plan des Vatikans. Bei den Verhandlungen für das 1929 zwischen Italien und dem Heiligen Stuhl abgeschlossene Konkordat hätte Papst Pius XI erreichen können, daß die Seminare den staatlichen Schulen gleichgestellt würden. Aus Angst, Mussolini könne die Kontrolle über die Seminare gewinnen, lehnte er eine derartige Regelung jedoch ab. In Wahrheit fürchtete Pius XI über den Einfluß Mussolinis hinaus auch die Möglichkeit, daß die Seminaristen und Priester die kirchliche Laufbahn abbrechen könnten. Diese seine Furcht erklärt auch, warum er den Artikel 5 ins Konkordat einfügen ließ:
"Kein Geistlicher kann ohne die Genehmigung des Ordinarius seiner Diözese (d.h. seines Bischofs) in den Dienst des Italienischen Staates oder in den Dienst von öffentlichen Ämtern, die letzterem unterstellt sind, aufgenommen werden.
Wird die Genehmigung widerrufen, so muß der Geistliche aus dem bis dahin versehenen staatlichen Dienst ausscheiden.
In keinem Fall dürfen abtrünnige Priester oder solche, die der kirchlichen Zensur unterliegen, eine Lehrstelle, eine Kathedra oder ein anderes öffentliches Amt übernehmen, bei dem sie in direktem Kontakt mit der Öffentlichkeit stehen." (Diese Priester waren somit exkommuniziert und "vitandi", d.h. man mußte jede Begegnung mit ihnen vermeiden.)

Diese Bestimmung führte dazu, daß viele Priester am Rande der italienischen Gesellschaft lebten, oft genug im Elend, und Generationen von Seminaristen wurden einfach deshalb Priester, weil sie keinen staatlich anerkannten Abschluß hatten.
Pius XI, der es mit der Autonomie der Seminare so genau nahm, nannte Mussolini dann einen Mann der Vorsehung, weil er mit dem Konkordat und mit einer Donation einer Miliarde und siebenhundertfünfzig Millionen Liren, die dem Vatikan 1929 gewährt wurden, die Geschicke der italienischen Kirche wieder zum Guten gewendet hatte.
Auch Mussolini glaubte, wenn auch aus völlig anderen Gründen, daß ein höheres Schicksal ihn allein dazu bestimmt hatte, den geheimsten Traum jedes Italieners zu verwirklichen, den Traum nämlich, jeden Tag eine andere Frau zu besitzen. Das war es, was der Duce jeden Nachmittag im Palazzo Venezia in der Sala del Mappamondo trieb, zusammen mit Frauen, die freiwillig kamen, oder mit solchen, die ihm von der Polizei zugeführt wurden. Und während der Duce seinen Traum zur herrlichen Erfüllung brachte, jenen Traum, dem die Romagnolen mit verzweifelter Energie an den Stränden ihrer Riviera nachjagen, führte Pius XI - besorgt, er könne bei der Aufteilung der Welt den Kürzeren ziehen - das Christkönigsfest ein.
Um die Herrschaft Christi in Erinnerung zu rufen, wählte er für den Radiosender des Vatikans das Funkzeichen:
Christus vincit, Christus regnat, Christus Christus imperat. (1)
[Fßn] (1) Christus siegt, Christus regiert, Christus Christus herrscht. [Fßn] Offenbar wußte Pius XI besser als Christus selbst, was sich gehört. Denn Christus siegte nicht, sondern unterlag; er regierte nicht, sondern diente; er herrschte nicht, sondern wurde ans Kreuz geschlagen.

Die für die Priesterseminare und für die Universitäten zuständige Heilige Kongregation hatte unlängst bestimmt, daß die Seminaristen die staatlich anerkannten Prüfungen am Ende der achten und am Ende der zehnten Klasse ablegen mußten. Hinsichtlich der Frage, ob die Seminaristen auch das Abitur an staatlichen Gymnasien machen sollten, hatte sich die Kongregation aber nur unklar geäußert. Einige Bischöfe, darunter Bischof Fares, sprachen sich gegen eine solche Regelung aus, weil sie fürchteten, die Seminaristen könnten nach dem Abitur das Priesterseminar verlassen, um an die staatlichen Universitäten überzuwechseln. Im Grunde meines Herzens verfluchte ich Pius XI und Mussolini und erklärte frei heraus, daß ich beabsichtigte, die staatlich anerkannte Prüfung abzulegen. In meiner Klasse wurde ich zum Verteidiger dieser Entscheidung, die meine Klassenkameraden in zwei Gruppen aufspaltete: die Furchtsameren scheuten sich davor, eine so schwere Prüfung zu machen, die sie in Konflikt mit ihren Oberen brachte und bei der sie überdies riskierten durchzufallen.
Bei Fares, der mein Bischof war, mußte ich die Genehmigung für die Prüfung einholen. Kurz vor dem Ablauf der für den Antrag auf die Teilnahme am staatlichen Abitur festgesetzten Frist hatte das bischöfliche Ordinariat von Catanzaro die Erlaubnis immer noch nicht erteilt. Eines Tages kam Don Alfredo, Bischof Fares' Sekretär, zu mir und sagte: "Seine Exzellenz steht Ihrem Ansinnen keineswegs ablehnend gegenüber, man mußte einfach nur verstehen, was dieser Antrag bedeute; es schien angebracht, die Frage nähergehend zu prüfen ..."
Ich sagte Don Alfredo direkt ins Gesicht, daß ich am Galluppi-Gymnasium in Catanzaro schon den Antrag auf die Teilnahme an der Prüfung gestellt hatte. Um die dazu verlangten Unterlagen zu bekommen, hatte ich mir eine ganze Reihe Winkelzüge ausdenken müssen und war gezwungen gewesen, ziemlich viele Lügen zu erzählen. Eines Tages konnte ich aber endlich in die Stadt hinuntergehen und die Unterlagen beim Gymnasium abgeben. Man hielt mich deshalb für den Anstifter der Revolution in meiner Klasse.
Fares war genau über meinen Widerstand informiert und tadelte mich deshalb öffentlich am Ende einer Audienz, in deren Verlauf er uns gefragt hatte, wie König Davids Barbier geheißen habe. Niemand wußte ihm zu antworten, und er versicherte uns kichernd, sein Name sei Amplius gewesen, denn König David habe im Miserere geschrieben: Amplius lava me et munda me. (1)
[Fßn] (1) Bis auf den Grund (Amplius), wasche mich und reinige mich. (Wortspiel zum lateinische Text dieses Bußpsalms) [Fßn]
Danach hatte er nach dem Unterschied zwischen den beiden lateinischen Verben "agnoscere" und "cognoscere" gefragt und Russo, ein hochintelligenter Theologiestudent, ein widerspenstiger Geist mit einer spitzen Zunge, hatte ihm eine präzise Antwort gegeben. Um Russo aufs Glatteis zu führen, fragte der Bischof weiter:
"Kann man mit Meerwasser taufen?"
"Ja, denn im Meerwasser überwiegt das Wasser und nicht das Salz."
Zu seinem eigenem Schaden fragte Fares hartnäckig weiter: "Und mit Fleischbrühe?"
Russo antwortete wie aus der Pistole geschossen: "Mit unserer Fleischbrühe schon, mit der Euren nicht, Exzellenz!"
Wir bissen uns auf die Lippen, um nicht laut herauszuplatzen. Der Bischof wurde ärgerlich und faßte sich wieder, indem er mich attackierte: "Du bist noch lange nicht am Ziel, paß nur auf, was du tust."
Meine Kameraden sagten, daß sie mich nie zuvor so rot im Gesicht gesehen hätten. Das, was mir die Röte ins Gesicht trieb, war aber nicht nur die Peinlichkeit der Situation gewesen, sondern auch der Widerwille, der sich in mir zu regen begann.

Eines Nachmittags machte ich mich daran, die Bücher, die ich fürs Abitur noch einmal lesen mußte, zu ordnen. Alle Schüler unserer Klasse, die sich wie ich auf dieses Abenteuer einließen, mußten die Abiturprüfung als Externe ablegen, und das heißt, daß wir das gesamte Programm der letzten drei Schuljahre des Gymnasiums parat haben mußten. Zwei riesige Bücherstapel kamen da zusammen: die lateinischen und griechischen Klassiker, alle Gesänge der Göttlichen Kommödie Dantes, Geschichte, Philosophiegeschichte, italienische, lateinische und griechische Literatur, Physik, Mathematik, Zoologie, Botanik, Astronomie, Kunstgeschichte ...
Am Morgen des ersten Tages der schriftlichen Prüfungen am Galluppi-Gymnasium ging ich in die Seminarskapelle um zu beten. Ich brauchte die Hilfe aller Heiligen des Himmels, brauchte ein Wunder, um die Prüfung zu bestehen.
Als ich das Gymnasium betrat, gingen meine ewigen Kopfschmerzen zurück; ich konnte klar und konzentriert denken. Während der schriftlichen Prüfung saß ich mit Dutzenden von anderen Jungen und Mädchen in der Aula. Dort rief mich ein Mädchen mit glatten blonden Haaren beim Namen: "Salvatore!"
Ich wunderte mich, daß ein schönes Mädchen sich ganz einfach so an mich wandte. Im Seminar sprachen wir uns gegenseitig und sprachen uns die Oberen immer nur mit dem Familiennamen an.
Nach den schriftlichen Prüfungen erzählte man an der Schule, ich könne ausgezeichnet Latein und Griechisch, weil ich die Prüfungsarbeiten in kurzer Zeit und ohne die Spur eines Fehlers fertiggestellt habe. Auch die Prüfer ließen durchblicken, daß sie mich schätzten und mir irgendwie Achtung entgegenbrachten. Da fing ich an zu hoffen, daß ich es vielleicht schaffen könnte. Ich hatte aber nicht genug Zeit gehabt, all die Bücher, die zum Programm für die mündliche Prüfung gehörten, nochmals durchzulesen. Deshalb besorgte ich mir ein ärztliches Attest und bat, alle mündlichen Prüfungen auf September verschieben zu dürfen. Auch viele andere Schüler gerieten in Panik und besorgten sich ein ähnliches Attest, um während der Sommerferien noch lernen zu können. Der Leiter der Prüfungskommission wollte auf diese Anträge aber keine Rücksicht nehmen, und so stellte sich mit einem Mal heraus, daß ich die mündlichen Prüfungen sofort machen mußte. Der Ruf, gut Latein und Griechisch zu können, war mir dabei sehr hilfreich. Darüber hinaus half mir auch mein gutes Gedächtnis. Abgesehen vom Fach Naturwissenschaften bestand ich alle Prüfungen mit ausgezeichneten Ergebnissen; die naturwissenschaftliche Prüfung mußte ich im Herbst wiederholen.
Es war eine aufregende Zeit: ich begann zu spüren, was es bedeutet, frei zu sein. Die anderen Seminaristen waren schon in die Sommerferien gefahren. Nur die wenigsten waren im Seminar geblieben, wo wir in den Ferien weder Zeiten der Stille noch sonstige Zeitpläne einhalten mußten. Die kleine Glocke schwieg endlich. Die in der Küche beschäftigten Schwestern hatten mehr Zeit und kochten besser als in der Schulzeit. Ich hatte niemals das Gesicht einer dieser Schwestern gesehen, obwohl diese seit Jahren mit uns unter demselben Dach lebten, uns das Essen zubereiteten und unsere Kleider wuschen. Sie hatten eine Kapelle für sich, und ein Drehbrett, über das unser Essen in den Speisesaal gelangte, sorgte dafür daß wir nicht in die Küche schauen konnten.
Ich fuhr erleichtert in die Ferien, weil ich mein Ziel erreicht hatte. Die Freude über den Erfolg wurde aber von der Sorge um die Zukunft getrübt. Mehr als einmal fuhr ich nachts aus dem Schlafe auf, erschrocken vor der Entscheidung, die ich zu fällen hatte.

Die Strapazen der Prüfungsvorbereitung hatten mich ausgelaugt, und der Sommer war 1960 noch heißer als sonst. Die Vormittage verbrachte ich außerhalb des Dorfes, dort, wo die Pinien ihren Schatten auf die Hänge der Hügel werfen. Die Meeresluft stieg durch die schluchtartigen Flußbette der Àlaca und des Saluro bis zu den Hügeln hinauf und vermischte sich mit dem Duft von Pinien und Zistrosen. Diese Ruhepausen in der Einsamkeit, diese Stunden, in denen ich allein unter den Bäumen lag, hatten die wunderbare Macht, mich von den fürchterlichen Kopfschmerzen zu heilen, die mich über Jahre hinweg treu begleitet hatten.


17. Die Straße von Messina

Nach dem Abitur war ich mir bewußt, daß ich die Möglichkeit hatte, eine Entscheidung für meine Zukunft zu treffen, auch wenn ich nicht dazu gezwungen war. Um klarer zu sehen und um alle Zweifel zu verscheuchen, beschloß ich, Bischof Fares zu schreiben. In meinem Brief bekräftigte ich meine Treue zur Kirche und zu ihren Oberhirten und bat Bischof Fares um ein Gespräch, da ich bei ihm Rat suchen wolle. Die Antwort des Bischofs ließ nicht auf sich warten: bald schon erreichte mich ein Brief aus der Feder seines Sekretärs Don Alfredo, ein kurzes Schreiben in kurialem und formellem Stil. Don Alfredo teilte mir mit, daß Seine Exzellenz mich gern empfangen werde, daß ich zuvor aber die Soutane ablegen müsse, da ich nicht fürs Priestertum geeignet sei. Er wies mich darauf hin, daß man sich - falls ich dem unwiderruflichen Befehl, die Soutane abzulegen, nicht folgen würde - notgedrungen an die Kaserne der Karabinieri von Sant'Andrea werde wenden müssen, um das Nötige zu veranlassen. In solchen Fällen müsse nach den Bestimmungen des Konkordats zwischen Kirche und Staat die öffentliche Gewalt einschreiten. An diesem Abend fühlte ich mich hundeelend. Unser Haus lag direkt neben der Kaserne der Karabinieri, und ich stellte mir vor, wie peinlich es für meine Familie und für die Karabinieri selbst wäre, wenn letztere an unserer Haustür erscheinen würden, um mir die Verwarnung zu übergeben. Zum ersten Mal in meinem Leben tobte ich vor Wut.
Ich zerriß den Brief des Bischofs in tausend Stücke, und mit einer Kälte, die mich selbst überraschte, beschloß ich, nie wieder mit einem Priester zusammenzutreffen. Ich geriet in Zorn auf diesen rotgewandeten Neandertaler von Bischof Fares mit seinem smaragdenen Goldkreuz. Ich wünschte ihm, während eines Pontifikalamtes vom Thron herunterzurutschen und mit seinem ganzen Gewicht auf Don Alfredo zu fallen.
Die Nacht reichte nicht aus, um mich zur Ruhe zu bringen; ich schwitzte so sehr, daß mein Bett trotz der Sommerhitze immer noch naß war, als ich mich am folgenden Abend wieder hinlegen wollte. Ich wußte, daß ich vor dem ganzen Dorf in Schande geraten würde und behielt das furchtbare Geheimnis für mich; tagelang saß mir die Angst im Genick. Bald schon müßte ich Zivilkleidung anziehen, aber ich würde niemals mehr den Mut finden, aus dem Haus zu gehen.
Vielleicht wäre es besser zu sterben. Aber nein! Dann hätte man mich mit der Soutane in den Sarg gelegt. Das auf keinen Fall! Ich war aus dem Seminar verjagt worden und wollte keine kirchliche Beerdigung.
Jetzt wollte ich wie ein Exkommunizierter behandelt werden. Auch Savonarola war als Exkommunizierter gestorben, und jetzt wollte man ihn heiligsprechen. Ich ergriff den Papierkorb, in den ich die Papierfetzen von Bischof Fares' zerrissenem Brief geworfen hatte, und spuckte hinein. Sogleich erkannte ich die Ungeheuerlichkeit meiner Geste: ich hatte das Schreiben eines der rechtmäßigen Nachfolger der Apostel entwürdigt! Aber es geschah nichts. Ich hatte keine Gewissensbisse und bereute die rebellische Geste nicht.
Ich fand nicht den Mut, meiner Mutter mitzuteilen, daß ich das schwarze Gewand ablegen mußte, denn ich fürchtete, daß diese Nachricht sie schwer verwirren und zu einem erneuten Nervenzusammenbruch führen könnte: sie konnte nicht akzeptieren, daß ich nicht Priester werden würde. Wenn ich die kirchliche Laufbahn abbräche, dann würde Gott mich bestrafen, weil sie mich Ihm geweiht hatte, als ich noch in ihrem Schoß war! Mehr als einmal hatte sie mir erzählt, was einem Priester aus einem Nachbardorf widerfahren war, nachdem er die Soutane an den Nagel gehängt und eine Frau geheiratet hatte.
Während des Hochzeitsessens zerbrach ihm die Likörflasche in der Hand: ein böses Vorzeichen. Wenige Tage später starb er an einer Infektionskrankheit und wurde ohne Trauerfeier in ungeweihter Erde begraben.
Eines Nachmittags sagte mir meine Mutter, sie müsse nach Soverato zu ihrer Schwester, meiner Tante Maria Antonietta gehen, die Salesianerin war. Blitzschnell begriff ich, daß ich diese Gelegenheit unverzüglich nutzen mußte, und sagte zu meiner Mutter: "Ich muß der Tante einen Brief schreiben. Könnt Ihr ihr den Brief mitbringen?"
Ich schrieb schnell ein paar Zeilen auf ein Blatt Papier und flehte die Tante an, meiner Mutter zu erklären, daß ich die Soutane ablegen müsse.
Ich fühlte mich todelend, während ich auf die Rückkehr meiner Mutter wartete. Als sie endlich zurückkam, sah ich an ihrem verkrampften Lächeln, daß meine Tante ihr die Nachricht weitergegeben hatte. Von diesem Augenblick an wurde meine Mutter mir gegenüber hart und versuchte heimlich Abhilfe zu schaffen, indem sie sich mit der alten Tante Maria Antonia beriet, die meinen Vetter Vincenzo zum Redemptoristen hatte machen wollen. Und so geschah es, daß Pater Parziale mich eines Morgens ins Internat der Redemptoristen rufen ließ: "Willst du Redemptorist werden? Willst du Franziskaner werden? Willst du sonst was werden? Du mußt nur wählen. Wir wissen, daß der Bischof dich verjagt hat, aber außerhalb seiner eigenen Diözese hat er keinerlei Einfluß. Entscheide dich im Namen Gottes, ohne die heilige Berufung zu verraten!"
Ich war auf einen solchen Angriff nicht vorbereitet, und um Zeit zu gewinnen, sagte ich, daß eine Weile darüber nachdenken müsse.
Da haben wir's, dachte ich, der Bischof hat mir gegenüber den selben Fehler gemacht, den er vor einiger Zeit mit seinem Wolfshund Ciòrdik begangen hatte. Er sagte, daß der Hund anfing zu spinnen, und ließ ihn nie aus dem Haus. Eines Tages vergaß jemand, die Zimmertür zu schließen. Ciòrdik rannte sogleich davon und verschwand. Man durchkämmte ganz Catanzaro und suchte mit viel Mühe jeden Winkel der Stadt nach dem Hund ab. In der Hoffnung, er werde zurückkehren, füllte man seine Schüssel mit dem Auflaufgericht, das Ciòrdik so gut schmeckte. Er würde allein nicht überleben können, war er doch beinahe in die Arme des Bischofs hinein geboren worden.
Aber der Hund kam niemals mehr zurück; vielleicht hatte er überlebt und streunte nun in irgendeiner verlassenen Gegend umher.
Der Bischof hatte das Tor meines Gefängnisses geöffnet und glaubte, mich auf diese Weise zu bestrafen. Jetzt mußte ich mich davonmachen, ohne Zeit zu verlieren. Man kann ja nie wissen, was noch alles kommt: seit Pater Parziales Angriff war ich auf der Hut! Am Abend des folgenden Tages bedankte ich mich bei dem Geistlichen für seine Hilfsbereitschaft und gab ihm durch tausend Andeutungen zu verstehen, daß ich nichts mehr von Priestern und Ordensbrüdern wissen wollte. Dann nahm ich mit Andacht am Abendgottesdienst teil, als wäre ich zu einer traurigen, herbstlichen, einsamen Verabschiedung geladen.

Nach dem eucharistischen Segen machte ich mich auf den Heimweg. Plötzlich sah ich, wie ein Blitz mit einem bläulich blendenden Licht den Himmel aufriß. Der Donner dröhnte lang und schwer, und bald schon fing der erste, von Windstößen angekündigte Herbstregen an, auf die Erde herniederzuprasseln. Ich flüchtete unter einen Balkon und betrachtete, so vor dem Regen geschützt, lange die Regentropfen, wie sie im Licht der Straßenlaterne funkelten und dann auf dem Boden zergingen. Die Luft roch nach nassem Staub, und das reichlich von den Dächern herabfließende Wasser ließ die kleinen Wasserbäche auf der Straße immer größer werden.
Die Tage der großen Sommerhitze waren zu Ende. Morgen würde der Horizont ganz klar sein; alle Bäume würden aufleben und wieder grün werden. Ich wußte, daß ich nicht mehr ins Seminar zurückkehren würde. Was auch immer mich in der Zukunft erwartete, eines war deutlich: ich würde frei unter den anderen Leuten einhergehen, ohne dieses schwarze Gewand. Ja, es war an der Zeit, sich davon loszumachen. Ich mußte nach Messina fahren, um mich an der dortigen Universität zu immatrikulieren: bei dieser Gelegenheit konnte ich die Soutane ablegen. Ich hatte keine andere Wahl. Zwei Tage später machte ich mich auf den Weg nach Messina. Ich trug Bluejeans und ein Hemd, als ich die Haustür hinter mir schloß.
In Messina immatrikulierte ich mich an der juristischen Fakultät und bezog ein Zimmer im Studentenwohnheim. Ich war an die Freiheit nicht gewöhnt, und es war mir, als ob ich die ohne genau festgelegte Verpflichtungen verbrachten Stunden und Minuten gestohlen hätte.
So vergingen zwei Monate, und ich fing an, mich dem Leben meiner Kameraden anzupassen. Eines Abends traf ich im Hausgang des Studentewohnheims Saro, der eine "Expedition" in eine Pension vorschlug, wo eben ein paar Frauen angekommen seien, darunter eine wunderschöne Blonde. Saro war etwa vierzig Jahre alt, hatte seit über fünfzehn Jahren die Regelstudienzeit überschritten und genoß unter den Erstsemestlern großes Ansehen. Er bemerkte mein Widerstreben und fragte mich, ob ich - wie der größte Teil der Studenten aus Kalabrien - noch nie mit einer Frau zusammengewesen sei. Ich gab zu, daß es so war. Darauf meinte er: "Ein Glück, daß ich dich zu ihnen bringe. Stell dir nur vor: wenn du beim Überqueren der Straße von einem Auto überfahren würdest und dabei um Leben kämst, würdest du sterben, ohne jemals mit einer Frau geschlafen zu haben."
Saros scherzhafte Bemerkung rief mir ein paar Verse ins Gedächtnis zurück:
Sterben muß ich und weiß nicht wie,
sterben muß ich und weiß nicht wann:
trifft mich der Tod dann in Sünden, in großen,
so fahr ich zur Hölle, auf ewig verstoßen.
Ich hatte aber nicht den Mut, einen Rückzieher zu machen, und ließ mich von den andern Studenten zu einer Hafenpension schleifen, wo wir von einer bejahrten, stark geschminkten Frau empfangen wurden. Saro wollte sie umarmen, aber die Frau wich ihm aus und schimpfte los: "Saro, wenn du beim nächsten Mal nicht wenigstens sechs Kunden mitbringst, mußt du ab sofort genauso viel bezahlen wie alle anderen auch."
Als ich merkte, wie da gefeilscht wurde, widerte die ganze Sache mich an, und wollte schon weggehen, als die Tür des kleinen Salons aufging. Herein kam ... ein Priester, jung und hochgewachsen, mit dem schwarzen Gewand. Uns Studenten verschlug es die Sprache, und die Hausherrin überwand die peinliche Situation, indem sie den hochwürdigen Herrn in einem anderen Zimmer Platz nehmen ließ. Saro warf der Hausherrin einen Blick zu: "Du wirst mir doch wohl nicht erzählen, daß du dich bekehrt hast."
Sie gab zurück: "Ich habe nicht vor, ins Kloster zu gehen. Der Geistliche ist ein Kunde wie alle anderen, ein wahrer Gentleman, der dem Gewand, das er trägt, alle Ehre erweist. Er kommt in der Tat immer spät abends, legt sein Gewand ab, zieht einen blauen Anzug an und geht zu einer der Damen."
Während sie noch sprach, kam die schöne Blonde herein, eine etwa dreißig Jahre alte Frau. Nichts an ihr ließ an Sünde und Hölle denken. Mit ihren blonden Haaren, ihrem kleinen Stupsnäschen, ihrem schönen Mund und ihren lächelnden Augen sah sie ganz im Gegenteil eher aus wie ein Engel. Meine Kameraden wollten mir, angesichts der wichtigen Initiation, den Vortritt lassen, und Saro bat die Frau, verständnisvoll zu sein, weil es für mich das erste Mal war.
Sie nahm mich bei der Hand und führte mich in ihr Zimmer. Am Kopfende des Betts hing ein Bild der Schmerzensreichen, das von einem kleinen Lämpchen erleuchtet wurde, an der Wand. Das Licht des Lämpchens ließ das schmerzvolle Antlitz der Madonna und den Finger, der ihren Mantel zusammenhielt, deutlich hervortreten. Fast schien es, als wolle die heilige Jungfrau sich vor Schauspiel verbergen, daß wir uns zu geben anschickten.
Am nächsten Tag war ich wie betäubt, fühlte mich schmutzig und ekelte mich vor mir selbst. Ich beschloß, mit der Nachmittagsfähre nach Villa San Giovanni überzusetzen und mit dem Zug für ein paar Tage nach Sant'Andrea zu fahren. Während der Überfahrt dachte ich schwermütig an meine Kameraden, die im Seminar geblieben waren. Vielleicht wiederholten sie in diesem Augenblick gerade die Adventsliturgie und studierten Gesänge aus jenem dicken Buch ein, wo die Noten der Gregorianik ausgesät sind, wie die Sterne in einem Sternbild:
Peccavimus et facti sumus
sicut immundus nos ed cecidimus
quasi folium universi ... (1)
[Fßn] (1) Wir haben gesündigt und sind geworden wie ein unreines Wesen, wir alle sind gefallen wie ein Blatt [Fßn]
Von dem mit toten Platanenblättern bedeckten Hof des Seminars von Catanzaro aus konnte man wohl schon das helle, vom Schnee des Silagebirges reflektierte Licht sehen.
Während die Fähre sich Kalabrien näherte, schaute ich aufs Meer. Vorüberschwimmende Glasfischchen bildeten einen dunkleren Fleck im Wasser; das Brodeln von Millionen kleiner Fische gab der Wasseroberfläche dieselbe Farbe, die sie annimmt, wenn es aufs Meer regnet. Möwen bäumten sich gegen eine Windbö auf, und drohende Donner dröhnten von den Bergen des Aspromonte herüber.


18. Der Reisepaß

1964 machte ich in Messina mein Diplom in Jura und hielt mich auf das genaueste an die studentische Tradition des "Ordens der Agavenblüte" (1) [Fßn] (1) Das sizialianische Wort "zammara" bezeichnet sowohl die Agavenblüte, als auch - scherzhaft - das männliche Glied. [Fßn], welche vorschrieb, die fürs Studium verwandten Bücher zu verkaufen und sich unverzüglich in einem Freudenhaus des Erlöses zu erfreuen.
Gleich nach Abschluß des Studiums bekam ich ein vom Studienzentrum Svimez getragenes Stipendium, das mir erlaubte, in Rom einen Kurs in Wirtschaftsplanung zu besuchen. Damit verschob sich das Problem der Arbeitssuche um sechs Monate.
Als der Herbst kam, war mir nicht danach, die für die Vorbereitung eines öffentlich ausgeschriebenen Wettbewerbs für die Richter- oder die Diplomatenlaufbahn nötigen Jahre abzuwarten; auf der anderen Seite dachte ich nicht einmal daran, als Rechtsanwalt zu arbeiten, und genauso wenig wollte ich Lehrer in einem kalabrischen Gymnasium werden. Ich wollte weg, an einen Ort, wo ich frei sein würde und ohne all die Schwierigkeiten des Südens Frauen haben könnte. Erst vor kurzem hatte ein in einem sizilianischen Dorf beschäftigter Lehrer mitten im Hörsaal einen Professor der Universität von Catania mit einer Pistole kaltblütig erschossen, weil dieser seine Tochter geschwängert hatte. Mein Studienkollege Lillo Arena war vor einiger Zeit nach Deutschland gefahren und hatte in den königlichen Gärten von Hannover ein schönes deutsche Mädchen namens Renate kennengelernt. Da sie einander gefielen, hatten sie miteinander geschlafen, obwohl Renate wußte, daß Lillo nach Italien zurückkehren würde. Oft ließ ich mir von Lillo dieses Abenteuer aus dem Land der Feen erzählen. Er gab mir auch die Adresse der schönen Renate, und 1965 kam ich dann an einem Septemberabend in Hannover an, ohne ein einziges Wort Deutsch zu verstehen.
Es war eine sexuelle Emigration gewesen, die mich nach Deutschland getrieben hatte. Viele Italiener wurden vom Hunger gezwungen auszuwandern, für viele andere aber war der Hunger nach sexuellen Erlebnissen Grund der Emigration. Wenn man einmal von den Liebesabenteuern auf Bezahlung absieht, war im Süden jeder Geschlechtsverkehr unter Jugendlichen strengstens verboten; die süditalienische Frau schien fast eine Rüstung zu tragen, sie wirkte hart, verschlossen, stolz und ablehnend.
In Hannover ging ich aufs Arbeitsamt, um eine Beschäftigung zu suchen. Zu Herrn Flentsche, dem dort beschäftigten Beamten, sagte ich, ich wolle etwas tun, was mit Büchern zu tun hätte. Herr Flentsche, ein ungeheuer entgegenkommender Mensch, der mir später zusammen mit seinem Sohn Klaus die Ehre seiner Freundschaft erwies, gab mir die beste Arbeit, die er finden konnte: eine Anstellung als Verpacker von Rechnungsbüchern bei Edler & Krische.
In dieser Zeit verwandte ich all meine Kraft darauf, Deutsch zu lernen, und bald schon beherrschte ich diese Sprache. Um das Gehalt aus der Fabrik abzurunden, half ich über das Beratungsbüro der italienischen Kommunistischen Partei den Tausenden von italienischen Einwanderern, die vor allem aus Sizilien nach Deutschland gekommen waren. Außer mir verstand sonst niemand den Dialekt dieser Leute, und so brauchte man jemand, der ihre Probleme - eins schlimmer als das andere - ins Deutsche übersetzte. Der Leiter des Büros gab mir bald schon freie Hand und forderte mich auf, in keinster Weise darauf zu schauen, mit welcher Partei die Leute sympathisierten, und vielmehr allen zu helfen.
In einer Dezembernacht, während es draußen schneite, schlief auch ich mit Renate, dieser schönen, zärtlichen, warmherzigen Frau; sie hatte mich in ihre Wohnung eingeladen, in der rot-weiß karierte Gardinen an den Fenstern hingen. Endlich hatte ich das Gefühl, ein Mann zu sein: eine freie Frau, die nicht für Geld liebte, hatte mich begehrt und geliebt.
In jener Nacht entschied ich, daß von nun an Deutschland meine Heimat sein sollte. Italien wollte ich lieber vergessen.

Im Juni 1966 befreite mich ein Leistenbruch, den ich mir zuzog, als ich von Hand einen achtzig Kilogramm schweren Bücherstapel hochhob, statt einen Karren zu benutzen, von meiner beschwerlichen Arbeit. Hinzukam die Großzügigkeit des deutschen Staates, der mir ein Stipendium für das Studium des internationalen Rechts gewährte. Dieses Studium führte mich zunächst nach Heidelberg und im Jahr darauf nach München. In München lernte ich bei einem von Carlo Cassola gehaltenen Vortrag Erika kennen. Ich saß neben ihr, und statt Cassolas Abstrusitäten über die Literatur des Zwanzigsten Jahrhunderts zu folgen, betrachtete ich ihre zierliche Gestalt, ihre dunkelblonden Haare, ihre tief blauen Augen. Wir gefielen einander sofort. Ich machte ihr pausenlos den Hof, bis sie sich in meinen Armen ergab. Ich war Erikas erster Mann. Zwar behielt ich mein Zimmer in der Nähe der Universität, aber in Wirklichkeit wohnte ich praktisch ausschließlich mit ihr zusammen in ihrer Wohnung, dort, wo die Isar München verläßt.

Im Juli 1967 schlug Erika vor, den August gemeinsam in der Wohnung ihrer Familie in Königsfeld im Schwarzwald zu verbringen. Ihr Vater war im Zweiten Weltkrieg in Rußland gefallen. Ihre Mutter und ihr einziger Bruder waren in Urlaub nach Griechenland gefahren.
Eines Morgens verließen wir München und fuhren über Ulm nach Königsfeld. Ich war vom Anblick des Ulmer Münsters völlig überwältigt. Ganz plötzlich stieß ich auf einen Platz und sah die riesige steinerne Blume in der weit in den Himmel ragenden Fassade, der höchsten Kirchenfassade der Welt.
Ich betrachtete die kühn in die Wolken weisende Fiale und ließ meine Blicke über jenes unendliche Heer von Heiligen, Engeln und Kriegern schweifen, die dort in einem Wald von Steinblumen, Bögen und Biforien versammelt waren.
Meine Verblüffung wurde noch größer, als ich an einem Haus in der Nähe des Münsters eine Gedenktafel sah, die daran erinnerte, daß in diesem Haus Albert Einstein geboren war. Hatte Einstein sich vielleicht bis an die Grenzen des Geheimnisses von Raum und Zeit gewagt, weil er nahe bei diesem Wunderwerk geboren war? Gab es vielleicht eine verborgene Verbindung zwischen seinen genialen Entdeckungen und der Fassade dieses Münsters?

Am Abend erreichten wir Königsfeld und machten es uns in dem schönen Haus bequem. Als ich im Bett lag, dachte ich daran, daß mein Leben nun endlich von der Liebe einer Frau erfüllt war. Meine Vergangenheit bei den Priestern zählte nicht mehr. Vielleicht würde ich eines Tages, wenn das Echo jener Zeit verhallt wäre, mit Erika darüber sprechen, so wie man über eine weit zurückliegende und recht unwichtige Begebenheit spricht. Vom Plattenspieler tönte Beethovens Mondscheinsonate herüber, und ich war wunschlos glücklich.
Ich schaute aus dem Fenster und sah den Vollmond hinter einem Schleier von Schäfchenwolken. Die abendliche Brise ließ die Spitzen der Tannen hin und her schwanken, und bei diesem Hin- und Herschaukeln schien der Mond über den Himmel zu segeln wie eine dickbäuchige Galeone. Nach ein paar Minuten endete das Adagio, und das Allegretto begann. Der Rhythmus hatte sich geändert, als ob die Mannschaft der Mondgaleone die Rumfässer angezapft und, inzwischen angeheitert, die Kontrolle über das Schiff verloren hätte.

Als wir im September nach München zurückkamen, ging ich zum italienischen Konsulat, um meinen Reisepaß verlängern zu lassen. Aber die Beamten ließen nicht mit sich reden: sie hätten keine Möglichkeit mehr, den Paß zu verlängern, und deshalb müsse ich nach Italien zurückkehren und beim Polizeipräsidium von Catanzaro, das den Paß ausgestellt hatte, eine Verlängerung beantragen.
Mitte September kam ich frühmorgens in Rom an und mußte bis zwölf Uhr auf den Zug nach Kalabrien warten. Ich bekam Lust, die Stadt von der Kuppel des Petersdoms aus zu betrachten, nahm einen Bus und stieg aus, als ich Berninis Säulengang erblickte. Ich ging über den Petersplatz und wollte gerade die Basilika betreten, als ich an den Seiten des Atriums Gedenktafeln mit den Namen der Kardinäle und Bischöfe sah, die bei Pius XII gestanden hatten, als dieser am 1. November 1950 das Dogma der Aufnahme Mariens in den Himmel verkündete. Etwa in Augenhöhe entdeckte ich einen Namen, den drittletzten auf der linken Seite, den ich gut kannte: Armando Fares. Während ich durch das Mittelschiff nach vorne ging, zog es mich zu einem der Beichtstühle hin, wo ein Priester das Brevier laß und auf Beichtwillige wartete. Ja, ich mußte niederknien und mich der Sünden anklagen, die ich wiederholt mit Erika begangen hatte und genau angeben, wie, wo, wie oft ... Unmittelbar vor der Kniebank des Beichtstuhls blieb ich stehen und machte kehrt. Verwirrt beschloß ich, nicht auf die Kuppel zu steigen, und fuhr zum Bahnhof Termini zurück, um auf den Zug nach Kalabrien zu warten.
Die Fahrt dauerte zehn Stunden. Während der Zug an der tyrrhenischen Küste entlang fuhr, kam durchs Fenster der Duft des Meeres herein, und am Abend, als der Zug schon die ionische Küste erreicht hatte, hörte man draußen das Zirpen der Grillen. Endlich sah ich die Umrisse meines auf drei Hügeln gelegenen Dorfes. Es war schon elf Uhr vorbei, als ich zu Hause ankam. Ich umarmte meine Verwandten, und müde von der Reise ging ich zu Bett.

Aus dem nahegelegenen Garten der Nonnen hörte ich das Schreien einer Zwergrohreule. Was für ein Leben führen diese Tiere! Die ganze Nacht über schreien sie, immer denselben kurzen, trübsinnigen Ton! Als ich die Armbanduhr abnahm, um sie auf den Nachttisch zu legen, sah ich, daß es kurz vor zwölf war. So beschloß ich, auf die "Hundert Schläge" der Mitternacht zu horchen. Die beiden kleinen Glocken der Uhr unserer Pfarrkirche schlugen abwechselnd je fünfzigmal: ding-dong, ding-dong. Zuerst die Glocke der vollen Stunden und dann die der Viertelstunden. Das ganze Dorf fürchtete diese Glockenschläge. Die Ängstlichsten versteckten sich unter der Bettdecke, um sie nicht zu hören, denn um Mitternacht geschahen eigenartige Dinge in der Pfarrkirche. Die Uhr thronte hoch oben an einem Turm, der mit dem Kirchenschiff und dem Glockenturm verbunden war.
Auf meiner Armbanduhr war es zehn nach zwölf, aber ich hatte noch keinen Glockenschlag gehört und hörte auch in den folgenden Viertelstunden nichts. Noch nie waren die Schläge der Kirchturmuhr ausgeblieben. Sicherlich war irgendwas kaputtgegangen und mußte repariert werden. Aber wenn die Uhr auch nicht geschlagen hatte, wohnten die im Fegefeuer leidenden Seelen dennoch der nächtlichen Messe bei, und da sie keine Kerzen besaßen, hielten sie den Zeigefinger der linken Hand hoch, an dem die Flamme jenes Feuers brannte, mit dem sie geläutert wurden. Im ganzen Dorf wagte niemand, zu dieser Stunde draußen vor dem Haus zu bleiben, da in jenem Moment die Seelen der Verstorbenen aus dem Uhrturm hervorkamen, um sich zur Messe in die Kirche zu begeben, und dabei durchaus einen Wanderer ergreifen und mit sich reißen konnten. So war es Großmutter Mariannas Schwester ergangen, als sie einmal spät nach Hause zurückkehrte. Die Seelen der Verstorben verfolgten sie und griffen nach ihr. Sie ließ ihren Schal fallen, lief davon und schrie so laut, daß das ganze Dorf aufwachte. Es handelte sich bei diesen Geschichten gewiß um Suggestionen, auch wenn viele schwören, daß alles sich genau so zugetragen hat, und auch von weiteren grauenerregenden Begebenheiten zu erzählen wissen.

In dieser Kirche waren aber auch wirklich erschreckende Dinge vorgefallen. Im letzten Jahrhundert, als das Dorf noch keinen Friedhof hatte, wurden die Verstorbenen noch unter dem Fußboden der Kirche beigesetzt. Einmal begrub man dort eine Scheintote, die eben erst geheiratet hatte. Erst sieben Tage später, als der schwere Grabstein für eine weitere Beerdigung hochgehoben wurde, war für alle klar, was sich ereignet hatte. Die junge Braut war aufgewacht und hatte verstanden, wo sie sich befand. Sie hatte ihr Seidenkorsett abgenommen, hatte es sich als Kissen auf den Kopf gelegt und versucht, auf den Leichen sitzend, den Grabstein hochzudrücken.
Ich drehte mich im Bett um und dachte an jene Unglückliche, die mitanhören mußte, wie die Glocken, die Orgel, die Gesänge und die Gebete der Gläubigen ihre Hilferufe übertönten, bis sie, umgeben von Toten, auch selbst den Tod fand.
Immer hört man in Kalabrien Geschichten von Terror und von Tod, dachte ich.
Es war besser, mich darum zu kümmern, möglichst schnell den Reisepaß zu verlängern. So konnte ich zum Oktoberfest schon wieder in München sein. Dort gab es Musik und Fröhlichkeit, und dort erwartete mich Erika.


19. Der Abgrund von Fabellino

Ich schlief nur wenige Stunden. Um sechs Uhr weckte mich der Duft des Kaffees, den mein Vater gerade kochte. Er ging in seinen Laden, und ich verließ das Haus und stieg über eine schmale, rechts und links von Häusern gesäumte Gasse zum Schloßplatz hinauf. Auf dem Platz angekommen, schaute ich sofort auf den Uhrturm. Da stand er, aber ... wie denn ... nein ... Vielleicht litt ich wegen der Müdigkeit der Reise und des Schlafmangels in den beiden vorangegangenen Nächten unter Halluzinationen. Ich setzte mich auf die Stufen der Metzgerei gegenüber dem Turm und schloß die Augen, um wieder zu mir zu kommen. Erst vor kurzem hatte ich das Ulmer Münster und den Petersdom gesehen. Wieso konnte ich jetzt die Kirche meines Dorfes mit ihrem Glockenturm nicht sehen, wieso sah ich nur den Uhrturm?
Als ich wieder aufblickte, stand Andreas vor mir, ein alter Bauer. Zum Gruß gab er mir seine harte, durch die Arbeit auf den Feldern schwielige Hand. Andreas befreite mich von der Halluzination: "Na, hast du gesehen, daß sie unsere schöne Kirche abgerissen haben?"
Ich packte Andreas bei den Schultern, schüttelte ihn und fragte energisch: "Wer, wer hat sie abgerissen? Wo sind die Heiligenfiguren, die Altäre, der Glockenturm? ..."
"Im Abgrund von Fabellino, sie haben alles in den Abgrund von Fabellino gekippt. Die, die hier das Sagen haben, haben sie abreißen lassen."
Andreas schickte sich an, auf die Felder zu gehen, ging auf seinen wackeligen Beinen los, drehte sich nochmal um und sagte: "Die Starken befehlen und wir müssen's Maul halten. Alle waren traurig über den Abriß der Kirche."
Ich zerplatzte fast vor Wut: warum diese uralte Resignation? Warum ergeben sie sich wehrlos jeder Bosheit? Warum soll man jede Anmaßung über sich ergehen lassen? Mit Mühe ging ich ein paar Schritte weiter auf den Turm zu, der dort ganz im Leeren stand. Die Uhr war stehengeblieben. Aber was war das für Becken, aus Granit, das da auf dem Boden stand und aus dem ein Hund Wasser trank? Mir schien, daß ich es kannte ... Es war das Taufbecken an dem das ganze Volk und auch ich selbst getauft worden war. Und dieses Taufbecken lag jetzt verlassen auf dem Platz, ohne Sockel und ohne Verzierungen.
Der Platz war noch leer, aber schon gingen die ersten Fenster auf. Ich überquerte schnell den Schloßplatz und legte eilig ein Stück der Straße zurück, die in die Berge führt. Nachdem ich etwa einen Kilometer weit gegangen war, stand ich atemlos vor dem gewaltigen Abgrund von Fabellino, der, ähnlich einem riesigen Trichter, bis zum Flußbett der Àlaca immer enger wurde. Ich stand am Rand der Böschung und versuchte zu sehen, ob ich inmitten der Trümmer der Kirche eine Marmorplatte oder den Kopf eines Engels erkennen könnte. Aber alles war mit Unrat zugedeckt. Der Abgrund von Fabellino war zur Müllablade der Gemeinde geworden: und hier hatte also die alte Kirche geendet, begraben unter Bergen von Abfall. Ich setzte mich am Rand des Schlundes unter einen Ölbaum, den der Wind gekrümmt hatte, saß dort, wie betäubt, unfähig zu denken.

Ich fuhr auf, als ich die unverwechselbare Stimme des Töpfers hörte. Er hatte sich mir genähert, ohne daß ich es merkte. "Du sitzt nun schon seit einer Stunde hier oben, ganz allein!" sagte er.
Der Töpfer war ungefähr fünfzig Jahre alt, hatte aber ein jugendliches Gesicht und schwarze Haare. Deshalb nannte man ihn im Dorf "Ewige Jugend". Er hatte mich ankommen sehen, während er hinter einem kleinen, ein paar Dutzend Meter weiter gelegenen Hügel stand, wo er sich Ton für die Geschirrherstellung besorgte. Er setzte sich neben mich und wollte alles wissen, was ich in den letzten Jahren gemacht hatte. Ich erzählte ihm vom Studium und von den Kursen in Italien und in Deutschland. Er beglückwünschte mich und fragte mich ganz unvorbereitet: "Hast du eine Freundin?"
Da erzählte ich ihm von Erika.
"Recht so", meinte der Töpfer, "für dich ist es wichtig, mit einer Frau zusammenzusein. Du darfst nicht allein leben, wie die Priester es dich gelehrt haben. Der Mensch ist nicht Mann oder Frau. Der Mensch ist ein Mann und eine Frau zusammen."
Er nahm etwas Ton aus dem Sack, den er neben sich gestellt hatte, legte seine Hände kelchförmig darum und drückte die Masse zusammen. Der Ton formte sich zu einer längs gestreifte Figur, in der der Abdruck der Rillen zwischen den Fingern sichtbar war. Er deutete auf diese Figur und sagte: "Siehst du, zwei Hände können so etwas machen, eine allein nicht."
Dann wechselte er das Thema: "Zerstören ist einfach, schaffen ist sehr viel schwerer. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, muß ich doch alles mit den Händen formen. Nur mit Mühe und mit Liebe kann man den Dingen Form und Halt geben."
Wir schwiegen eine Weile, dann sprach er weiter: "Du bist hier, weil du wissen willst, was mit der Kirche geschehen ist. Ich will es dir erzählen. Der Esel, mit dem ich die Tonsäcke in den Laden bringen muß, kommt nicht vor zwölf Uhr."
Die Sonne stand schon hoch am Himmel und beherrschte jetzt den ganzen Horizont, vom Felsenriff bei Copanello über die Hügel bis hinauf zu den Bergen der Serre Calabresi. Der Töpfer begann zu erzählen: "Es war vor zwei Jahren, im Herbst 1965. Während der letzten Messe in der Pfarrkirche aß Don Cosentino alle verbliebenen Hostien. Er nahm auch die große Hostie aus der Custodia, brach sie in vier Stücke und aß sie. Er schloß das Silbertürchen des Tabernakels nicht, und der Küster blies das ewige Licht aus, das dort jahrhundertelang gebrannt hatte.
An den folgenden Tagen wurden die Heiligen von ihren Altären verjagt. Ohne Musik und ohne Pomp wurden ihre Statuen in andere Kirchen gebracht. Zuerst trug man die Immaculata fort, dann die Madonna vom Rosenkranz, die sogar rot wurde, weil sie ohne ihren Goldbrokatmantel fortgehen mußte. Der heilige Franz von Paula war unempfindlich gegen die Vertreibung, er war ja daran gewöhnt, gegen anmaßende Menschen zu kämpfen. Er war der einzige, der wirklich Angst einflößte: weiß man doch, daß er ein aufbrausender Mensch war und zudem ein Kalabrese. Dann wurde die Schmerzensreiche weggetragen, deren Herz von sieben Schwertern durchbohrt war, dann die Heilige Jungfrau vom Berge Karmel mit den armen Seelen im Fegefeuer, die heilige Lucia, die in ihrer Rechten den Palmzweig des Martyriums und in der Linken eine Schale mit ihren ausgestochenen Augen trug, der heilige Antonius von Padua, das Ecce-Homo mit der Dornenkrone und der heilige Joseph mit dem Jesuskind, der nach der langen Flucht nach Ägypten noch immer eine ruhigen Bleibe sucht.
Den Auftrag, die Kirche abzureißen, hatte man einem Fremden übertragen, der von der Pracht und Schönheit der Kirche so beeindruckt war, daß er versprach, den Abriß auszusetzen, wenn sich von Seiten der Bevölkerung auch nur der geringste Protest regen würde. Aber es geschah nichts. Wie die Richtstätte für einen zum Tode Verurteilten wurden die Maschinen aufgebaut, mit denen man das Rückgrat des großen Daches zerbrach. Hunderte von Tauben, die im Dachgestühl genistet hatten, flogen ungläubig auf und fingen an, wie Falken in der Luft zu kreisen, da sie sich nun nicht mehr auf dem Dachgesims und auf den Dachrinnen niederlassen konnten.
Die Maschinen fielen über das granitene Hauptgewölbe her, bis es einstürzte und die Stukkatur, die das Gewölbe verziert hatte, zerbröckelte. Da zerbrachen die mit Blumengirlanden umwundenen Herzen Jesu und Mariens, der heilige Luigi von Gonzaga mit dem Kruzifix und dem Totenschädel, die Immaculata mit ihrer Krone aus zwölf Sternen und das auf dem Buch mit sieben Siegeln kauernde Lamm Gottes.
Die stählernen Zähne der Greifer packten und verschlangen die Fresken mit allen Engeln und Heiligen der Seitenkapellen. Der auf die Mauer der Apsis gemalte Pelikan konnte nicht fortfliegen. Mit seinem langen Schnabel zerriß er die eigene Brust, um seinen Jungen sein Blut zur Nahrung zu geben. Und von den Säulen der Kuppel fielen in Brocken die Hochreliefs der Evangelisten zu Boden: der heilige Lukas mit dem Engel, der heilige Markus mit dem Löwen, der heilige Matthäus mit dem Ochsen und der heilige Johannes mit dem Adler.
Danach war der Glockenturm an der Reihe. Man schleuderte die drei ruhmreichen Glocken zu Boden. Der Klöppel der größten Glocke war so schwer, daß man ihn nur über ein Pedal mit dem Fuß bewegen konnte. Die mittlere Glocke rief mit mildem Klang die Brautleute zur Hochzeit. Die kleine und die mittlere läuteten zusammen, um mit ihrem hellen Klang den Tod von Kindern zu verkünden: es waren Engel, die in den Himmel flogen.
Am Ende gruben sich die Greifer rücksichtslos in den Boden ein und entweihten die Gebeine unserer Vorfahren, trennten die Körper der Mütter von den Körperchen der Kinder, die bei Pestepidemien zusammen umgekommen waren, und zerfetzten die Kleider der dort Bestatteten. Alles wurde mit einen Lastwagen weggekarrt und in diesen Abgrund geschüttet.
Aus einer abergläubischen Furcht heraus wagte keiner im Dorf, ein Kapitell, den Kopf eines Engels oder eine Gedenktafel mitzunehmen: man hatte Angst, die Gegenstände aus der Kirche könnten denen, die sie an sich nahmen, Unglück bringen. Nicht einmal das Wappen der Fürsten von Ravaschieri Fieschi wurde gerettet, und ebenso wurden die kunstvoll gearbeitete Balustrade aus Schmiedeeisen und die wertvollen Marmortafeln der vielfarbigen Altäre vernichtet. Man entfernte auch die Fundamente der spanischen Festung, auf denen die Kirche errichtet worden war, und zerstörte den Geheimgang, durch den man die Festung einst hatte verlassen können. Ein paar Bengel aus dem Dorf holten einige Totenschädel und steckten sie auf die Kilometersteine fürs Militär an der Straße, die in die Berge führt. Vor mehr als hundertfünfzig Jahren war Erzpriester Damiani unter dem Altar des Allerheiligsten begraben worden. Er trug immer noch die Albe, die violette Stola und das dreispitzige Barett, als ein Bagger ihn aus dem Grab riß und in den Abgrund warf.
Eines Abends, im September, zogen dicke Gewitterwolken am Himmel auf.
Viele Totenschädel, vor allem die der Toten, die in jungen Jahren gestorben waren, hatte ihre Haare noch nicht verloren. Der Wind riß ihnen die Haare aus und formte daraus eine schwarze, blonde, kastanienbraune Masse, die er die Straße hinunter ins Dorf trieb."
Mir hatte es fast die Stimme verschlagen:
"Wer hat das getan?" fragte ich kaum hörbar.
"Bischof Fares und Erzpriester Cosentino. Um sich zu rechtfertigen, wiesen sie auf einen Riß im Gewölbe hin. Die Sachverständigen hatten vergeblich versichert, daß keinerlei Einsturzgefahr bestand: die Mauern waren mehr als zwei Meter dick. Da behauptete man einfach, es liege an der Kirche, daß die Anzahl der Gottesdienstbesucher zurückgegangen war. Man mußte sie abreißen und auf der Höhe des Dorfplatzes eine neue Kirche errichten, damit die Bevölkerung nicht durch die steilen Treppen zur alten Kirche vom Gottesdiensbesuch abegschreckt würde. Das halblaute, verspätete Einschreiten des Denkmalamtes konnte nur den Uhrturm retten. Und ich bin mir sicher, daß die große Summe, die man für den Abriß der alten und für den Bau einer neuen Kirche bereitstellen mußte, bei der Entscheidung eine nicht geringe Rolle gespielt hat.
Aber der wirkliche Grund war der Haß, den Don Cosentino, ohne es zu wissen, auf die alte Kirche empfand. In seinem Herzen hegte er Groll gegen diesen erhabenen Ort, gegen das Gefängnis, in dem er sein ganzes Leben verbringen mußte."
"Wie war es möglich, daß die Leiber unserer Verstorbenen zerstückelt wurden?" fragte ich.
"Was ist schon die Zerstückelung eines Toten verglichen mit dem, was die Priester dir angetan haben? Die Ignoranz und die Gewalt sind auch zu Schlimmerem fähig."

Auf dem Weg, der in den Schlund hinabführte, gefolgt von seinem Besitzer, kam der Esel den Berg hinauf. Der Töpfer stand auf und lud die Tonsäcke auf den Packsattel. Dann hob er die Hand zum Gruß und stieg hinunter zu Dorf. Ich selbst kehrte nicht nach Hause zurück, sondern ging den ganzen Tag lang in den Weinbergen dicht beim Fabellino umher, nahe bei den Resten der alten Kirche, wie ein Hund, der nach dem Tod seines Herrchens am Grab bleibt und immer noch auf ihn wartet.
Ein grausamer Tag neigte sich seinem Ende zu. Ich dachte an Erzpriester Damiani, der umsonst darauf wartete, daß sich seine Knochen wieder mit Fleisch bedecken würden. Dieser Abgrund war nicht das Tal von Josaphat, hier hörte man die Trompete des Endgerichts nicht. Ganz plötzlich schien mir, unten im Abgrund ein Lied zu hören, daß ich früher so oft in der alten Pfarrkirche gehört hatte:
In diesem grauenvollen Tal
mit Klagen und mit Schmerzen
mit Seufzen tief im Herzen,
flehn wir um Gnade allzumal.
Ich war so erregt, daß mir die Knie zitterten. Nur mit großer Mühe gelang es mir, nach Hause zurückzugehen. Als ich ankam, ging ich fiebernd zu Bett.
"Klimawechsel", sagte besorgt meine Mutter, die mich den ganzen Tag nicht gesehen hatte.


20. Gekochter Kürbis

Inzwischen waren zehn Tage vergangen, seit ich am Rand des Fabellino den Töpfer getroffen und mich dann fiebernd ins Bett gelegt hatte. Das Fieber war gewichen. Ich stand auf und ging in die obere Etage hinauf, wo meine Mutter und Großmutter Caterina in einem hölzernen Backtrog Brotteig kneteten. Sobald der Teig weich und gleichförmig wurde, begann meine Mutter große Teigstücke abzutrennen, die sie nach und nach meiner Großmutter hinüberreichte. Diese ließ den Teig solange in ihren Händen herumtänzeln, bis er eine runde Form annahm, und legte ihn dann auf ein Tuch, wo sie ihn gehen ließ. Um sich zu verständigen, wechselten sie während der Arbeit wenige Worte im Dialekt von Sant'Andrea, einer altehrwürdigen Mischung aus Griechisch, Latein und Arabisch.
Meine Mutter bestand hartnäckig darauf, zu Hause Brot zu backen, auch wenn man bei den Bäckern im Dorf reichlich davon kaufen konnte.
"Keiner macht es so wie ich," pflegte sie zu sagen. Und sie hatte recht: das Brot aus ihren Händen duftete herrlich, war nie zu weich und hatte einen kräftigen Geschmack.

Am nächsten Tag brachte ich die für die Verlängerung des Reisepasses nötigen Unterlagen zur Kaserne der Karabinieri gleich neben unserem Haus. Ich hatte keine Lust, zum Polizeipräsidium von Catanzaro zu gehen, wo alle Straßen und Plätze mich an die Spaziergänge mit meinen Kameraden aus dem Seminar erinnert hätten: alle in Reih' und Glied, waren wir dort mit dem schwarzen Gewand durch die Straßen gezogen.
Ich mußte einige Tage auf den Reisepaß warten und nutzte die Zeit, um überall im Dorf meine Freunde und Verwandten zu besuchen. Eines Abends fand ich bei meiner Rückkehr eine Nachricht von Don Salvatore vor. Concetta, seine alte Haushälterin, hatte die Nachricht überbracht und meiner Mutter mitgeteilt, daß der Erzpriester mich vor meiner Abreise sehen wolle. Concetta nannte ihn Erzpriester, weil er einmal in Soverato als solcher tätig gewesen war. Sie redete meiner Mutter zu, sie solle Sorge tragen, daß ich den Erzpriester nicht enttäusche: er müsse mir etwas Wichtiges sagen.
Am nächsten Morgen entschloß ich mich, zu Don Salvatore zu gehen, ging aber zuerst an der Bar dei Prìncipi eine Tasse Kaffee trinken. Der Weg von der Bar zu Don Salvatore führte an Don Luigis Wohnung vorbei: die beiden Priester wohnten weniger als hundert Meter voneinander entfernt. Don Luigi schaute gerade aus dem Fenster, und als er mich sah, rief er mich zu sich. Der Tag fing schlecht an: der Geistliche bat mich, in seine Wohnung hinaufzukommen. Mit seinem ewigen Zittern und mit der Unruhe, die ihn verzehrte, flößte dieser Priester auch mir eine angstvolle Unruhe ein. In diesem Moment kam mir auch in den Sinn, wie er mir zu meiner Seminarszeit einmal seine Hinterlistigkeit bewiesen hatte.
Eines Tages hatte er mich in der Pfarrkirche, in der Nähe der Chorbänke, zur Seite genommen, hatte mir tief in die Augen geschaut und langsam geflüstert: "Habes omen in nomine. (1) [Fßn] (1) Dein Schicksal steht in deinem Namen. [Fßn] Du heißt Salvatore, wie unser Herr und Heiland, und wie er wirst du das Kreuz tragen müssen!"
Die ehrfurchtsvolle Scheu, die ich damals vor dem alten Priester empfand, verbot es mir, dies böse Omen mit den angemessenen Beschörungen abzuwehren. In den folgenden Jahren sollte ich am eigenen Leibe erfahren, wie stark und wie bitter das von Priestern verhängte Unglück ist.
Umsonst hatte Großmutter Marianna mich gewarnt: "Du bist jung, schön und intelligent. Sei auf der Hut vor dem bösen Blick! Vor allem vor dem bösen Blick der Kirche, denn es gibt nichts schlimmeres. Wenn nötig, dann schrei auf, brülle so laut, daß sich dem, der dir Unglück bringen will, das Blut in den Adern aufbäumt; so wirst du den bösen Zauber brechen."
Jetzt konnte ich die Einladung einzutreten nicht zurückweisen: eine derartige Unhöflichkeit wäre unverzeihlich gewesen. Der Geistliche ließ mich Platz nehmen und fragte, wie es mir so ginge. Ich sprach andeutungsweise von Erika.
"Die Verlobte ist wie das Feuer: wenn du dich ihr näherst, verbrennt sie dich," ermahnte mich Don Luigi. Er war matt und mager, verzehrt von den Gewissensbissen, die ihn seiner begangenen Sünden wegen immerzu plagten.
Nach dieser Bemerkung hütete ich mich davor, ihm zu erzählen, daß ich mit Erika zusammenlebte: Don Luigi hätte unverzüglich vor Grausen sterben können. Ich stand ungeduldig auf, auch weil ich den Besuch bei Don Salvatore hinter mich bringen wollte, um an den Strand zu gehen.
Don Luigi schaute mich an und sagte: "Du wirkst sehr nervös auf mich. Es hat keinen Sinn, hierhin und dorthin zu laufen, wenn du keine Ruhe in dir hast: tecum fugis, du fliehst mit dir selbst."
Aus Höflichkeit stimmte ich zu und verabschiedete mich von dem alten Priester.
Wenig später ging ich die hohe Außentreppe zu Don Salvatores Wohnung hinauf. Wie Don Luigi war auch Don Salvatore über achtzig Jahre alt. Er stand langsam auf, umarmte mich und ließ mich neben sich Platz nehmen. Ich erzählte ihm von der Begegnung mit Don Luigi und von dessen Meinung über die Verlobten.
"Hör bloß nicht auf den da!" platzte Don Salvatore heraus. "Don Luigi hat ja sogar Angst vor seinem eigenen Schatten. Alte Leute geben gute Ratschläge, weil sie kein schlechtes Beispiel geben können, hat mal jemand gesagt, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere. Was deine Verlobte angeht: dir muß sie gefallen, und vergiß nicht, daß der wahre Reichtum eine arme Frau ist, die dich gern hat."
Don Salvatore wechselte das Thema: "Du bist bestimmt sehr erschrocken, als du von der Zerstörung der Kirche gehört hast. Stell dir vor, wie leid es mir getan hat! Ich habe protestiert, aber Don Cosentino und der Bischof haben mich übertönt. Man sagt, daß wir immer gehorchen müssen. Aber in dieser Sache habe ich mich geirrt. Oder besser: es war immer falsch zu gehorchen. Ich habe mein Leben anderen in die Hand gegeben."
Dann bat er mich: "Bleib noch ein bißchen bei mir. Geh nicht sofort weg. Das Meer läuft dir nicht davon. Ich dagegen bin heute noch hier, und was morgen sein wird, wer weiß das schon ..."
Die Tatsache, daß wir von Erika und von Ehefrauen gesprochen hatten, bot ihm die Gelegenheit, einen Gedanken zu äußern, den er wohl schon lange mit sich herumtrug: "Mein ganzes Leben lang habe ich versucht zu verstehen, warum denn das Zölibat der Priester das besondere Charisma der lateinischen Kirche ist. Für mich war dieses Charisma wie ein gekochter Kürbis, den ich jeden Tag habe essen müssen, kalt, ohne Salz und ohne Öl. Wenn ich wiedergeboren werde und wieder Priester werden soll, werde ich nicht mehr zur Kirche von Rom gehören. Dann gehe ich zur griechischen Kirche, wo die Priester heiraten können. Und ich hätte so viele Kinder, daß das Wasser des gesamten ägäischen Meers nicht reichen würde, um sie zu taufen. Im Namen der Tradition und des Gehorsams habe ich mich leider der schönsten Geschenke des Lebens beraubt: der Kinder, der Frau, des Meers und der Freiheit. Man hat mich gelehrt, daß das Leben aus Verzicht und Abtötung besteht, als ob Gott unter Kräfteverfall leiden würde und als Stärkungsmittel unsere Opfer bräuchte!"
Ich versuchte den alten Priester aufzumuntern, aber er winkte ab und fügte hinzu:
"Abtöten heißt töten, während Gott alles tut, um uns mit lebendigen, schönen Dingen zu umgeben. Er gibt uns viel mehr als wir brauchen, um glücklich zu sein, aber wir sind so dumm, daß wir glauben, geboren zu sein, um zu leiden. Und so haben wir es auch geschafft zu leiden. Er gibt uns die Sonne, und wir verschließen uns den ganzen Tag über im Schatten. Er gibt uns die Frauen, und wehe, wenn wir sie auch nur anschauen. Er gibt uns frisches Wasser, und aus Buße verzichten wir darauf, es zu trinken. Kurz und gut, was soll unser Herr denn noch tun, um uns glücklich zu machen?"
Ich dachte, daß es für mich ungeheuer wichtig war, keine Priester mehr zu treffen. Zuerst mit der Seminarerziehung und jetzt mit ihren Geschichten war es ihnen immer gelungen, mich zu verstören. In jedem Fall hatte Don Salvatore sich jedoch in den letzten Jahren stark verändert. Ich erkannte in ihm den heiteren, immer zum Scherzen aufgelegten Priester nicht mehr wieder. Eine Weile blieb es still, dann faßte er Mut und sagte: "Ich habe dich treffen wollen, um dich etwas zu fragen. Du wohnst jetzt in Deutschland und müßtest es wissen."
"Was müßte ich wissen?" dachte ich, "ob die evangelischen Pfarrer heiraten? Wie sie ihre Gottesdienste feiern?"
"Ich möchte wissen, ob es wirklich diese Orte gibt, an denen die Deutschen angeblich so fürchterliche Dinge mit den Juden gemacht haben ..."
"Die Konzentrationslager der Nazis?" warf ich ein. "Ja, die gibt es wirklich, ich habe sie selbst gesehen."
Don Salvatore wurde kreidebleich und flüsterte kaum hörbar: "Dann ist es also keine Propaganda! Heilige Jungfrau! Wie konnte so etwas geschehen? Ich habe gelesen, daß Millionen und Abermillionen von Jugendlichen, Greisen, Müttern und Kindern dort umgekommen sind, und daß man in den Gaskammern noch die Kratzer an den Wänden sehen kann: in ihrer Verzweiflung hatten diese Menschen ihre Nägel in die Wände eingegraben ... Nein, sprich nicht weiter. Mehr will ich nicht wissen!"
Don Salvatore setzte die Brille ab, nahm ein Taschentuch aus der Tasche und wischte sich die Tränen ab. Um wieder zu sich zu kommen und um seine Haltung wiederzugewinnen, putzte er sich laut schnaubend die Nase und fuhr fort: "Ich verstehe das einfach nicht! Man sagt, die Juden seien die intelligenteste Rasse der Welt, aber überall lassen sie sich verjagen und umbringen. Wo ist denn dann ihre außergewöhnliche Intelligenz? Sie hätten besser daran getan, alles zu vergessen, auch die Bibel! Das, was wir »Buch des Heiles« nennen, ist für sie zum Todesurteil geworden. In der Bibel steht, daß Gott Opfer will, und die Juden haben sich von den Deutschen opfern lassen, überzeugt, daß dies ein Zeichen der göttlichen Auserwähltheit sei!"
In diesem Moment begann ich zu ahnen, daß Don Salvatore mir den Kern seines ganzen Lebens zeigen wollte. Warum aber gerade mir, der ich so viel unter den Priestern gelitten hatte? Er schien meine Gedanken zu lesen und sagte: "In deinem Herzen darf kein Haß leben für das, was die Priester dir angetan haben. Der Haß ist ein Kerker, der Menschen gefangen hält, wenn sie Unrecht erlitten haben, ganz nach dem Sprichwort: wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Und übrigens: was hast du schon von den Priestern erdulden müssen, wenn man es mit all dem vergleicht, was ich habe durchmachen müssen? Oder im Vergleich zu all dem, was die Juden erlitten haben? Die Priester haben dir auf ihre Weise Bildung vermittelt, vergiß das nicht!"
Don Salvatore erhob sich mühsam von seinem Sessel und ging zum andern Ende des Zimmers, wo in staubigen Regalen seine Bücher aufgereiht waren. Er nahm ein in braunes Leinen gebundenes Büchlein, eine griechisch-lateinische Ausgabe der vier Evangelien, aus einem Regal, reichte mir das Buch und sagte: "Nimm das hier zur Erinnerung an mich. Es ist ein wundervolles Buch, das die Nächstenliebe verkündet. Aber es ist auch ein grauenerregendes Buch, weil es uns belehrt, daß die Gewalt vor nichts haltmacht, nicht einmal vor dem Sohn Gottes."
Don Salvatore setzte sich wieder auf seinen Sessel und fuhr fort: "Nach so vielen Jahren kann ich über die Gedichte, die ich einst Mussolini gewidmet habe, nur lachen. Es war eine Gedichtesammlung, der ich den Titel "Extemporalis Musa" gegeben hatte. Der Duce ernannt mich zum Ritter und schickte mir den Mantel und das Halskreuz. Kürzlich habe ich nochmal ein paar Verse erdacht, weil fühle, daß mein Tod sich nähert, und wenn ich vor Gott erscheine, wird Er alle meine Tränen trocknen und wird die Leere auffüllen, die die schmerzlichen Erinnerungen in mir zurückgelassen haben. Warum schreibst du sie nicht auf? Sonst vergißt du sie."
Ich hatte keinen Stift zur Hand. Don Salvatore forderte mich auf, seine Feder vom Schreibtisch zu nehmen. Die Feder und das Tintenfaß waren aber schon lange vertrocknet. Vor einem Bild der Madonna sah ich eine Blumenvase mit weißen Nelken. Ich nahm die Vase, goß etwas Wasser ins Tintenfaß und schwenkte es ein wenig hin und her.
Don Salvatore diktierte mir seine Verse, die ich mit dünner Tinte auf das Respektblatt des Evangelienbändchens schrieb:

Alles wurde uns geschenkt,
nichts wird uns genommen.
Und wenn die Lebensmutter Zeit
den Schleier unsres Fleisches hebt,
dann werden wir schaun auf das irdische Geschick
mit Augen voll Freude und zufriedenem Blick.

Es war schon zwölf Uhr vorbei. Concetta deckte den Tisch und brachte auch eine Karaffe Rotwein herbei. Don Salvatore war einverstanden und kommentierte: "Eine Tafel ohne Wein ist wie ein Weib ohne Busen."
Dann bat er Concetta, uns zwei Gläser einzugießen. Der Wein von Sant'Andrea war stark und würzig, weil man dem Most sehr süßen "Vinocotto" beimischte. "Vinocotto" erhält man, indem man Most kocht, bis zwei Drittel der Flüssigkeit verdampft sind; er dient dazu, den Wein haltbarer zu machen und gleichzeitig den Alkoholgehalt zu erhöhen. Ich nahm eines der Gläser und trank einen Schluck.
"Das hier ist Wein von den Niforìo-Hügeln, Engelswein," sagte Don Salvatore.
Er leerte sein Glas in einem Zug. Dann drehte er es um und ließ die letzten Tropfen auf den Boden fallen, eine Geste, die nach einer alten Tradition von Sant'Andrea von guter Vorbedeutung war.


21. Cesare von Stalettì

Mein Vorsatz, keine Priester mehr zu treffen, wurde schon einen Tag nach dem Besuch bei Don Salvatore zunichte gemacht. Als ich früh morgens das Haus verließ, traf ich auf Enrico, einen Freund, der gerade mit seiner Vespa nach Squillace fuhr, wo er an der Volksschule unterrichtete. Er schlug mir vor, mit ihm nach Squillace zu fahren: ich könnte durch den Ort bummeln, während er an der Schule unterrichtete, und zum Mittagessen würden wir gemeinsam zurückfahren. Ich war unentschieden, aber Enrico trieb zur Eile an, weil er nicht zu spät kommen wollte. Ich stieg hinter ihm auf die Vespa, und etwa eine Stunde später waren wir in Squillace. Er ließ mich vor der Kathedrale, direkt bei dem mir wohl bekannten Seminar, absteigen.
Ich war kaum angekommen, als ich Don Ciccio aus der Kathedrale kommen sah. In meiner Seminarzeit hatte er uns in den geisteswissenschaftlichen Fächern unterrichtet. Auch während meines Universitätsstudiums war ich mit ihm in Kontakt geblieben. Der Bischof hatte Don Ciccio vom Unterricht suspendiert, nachdem eines Morgens viele Leute per Post ein anonymes satirisches Gedichtlein mit dem Titel "Die Farce" erhalten hatten. In diesem Gedicht erschien Bischof Fares unter dem Namen "Farsete". Der Text erregte innerhalb und außerhalb des Klerus ein ungeheueres Aufsehen und wurde allseits mit großer Freude aufgenommen. Fares berief eine Priesterversammlung ein, um die Wahrheit herauszufinden, und Don Ciccio war mutig genug, aufzustehen und ihn sibyllenhaft herauszufordern:
"Eure Exzellenz werden doch nicht denken, ich habe die Farce geschrieben, nur weil sonst keiner von Euren Priestern dazu in der Lage gewesen wäre ..."
In seinen Versen nahm Don Ciccio kein Blatt vor den Mund. Er verglich Bischof Fares mit dem Stier Apis und seinen Sekretär Don Alfredo mit Tigellinus, Neros bösem Einflüsterer. Er wagte es sogar, sich vorzustellen, Fares sei schon tot, und widmete ihm diese Grabinschrift:

Verlassen, unbeweint in dieser Gruft
liegt einer der nie hatte Herz noch Hirn: ein großer Schuft.
Sein Name? Farsete hieß er eben,
und Durst nach Macht und Geld spürte er stets im Leben.

Bleibt bei ihm nun, ihr Leoparden und Hyänen,
Wölfe und Geier und alle, die ihm sich ähnlich wähnen.
Wenn Engel ihre Flügel über ihn nicht breiten,
so, Krähen, kommt herzu, den Trauerzug zu leiten.

Und Raben und Eulen, die man hier sieht,
stimmet nun an das holde Lied.
Von seiner Seele weiß niemand zu sagen.
Vielleicht lebt er als Schlange in unseren Tagen.

Jetzt kam Don Ciccio mir mit offenen Armen entgegen: "Was für eine schöne Überraschung. Du hast deinen alten Lehrer also nicht vergessen," sagte er und umarmte mich.
Ich hatte nicht erwartet, ihn zu treffen, wollte ihn aber nicht enttäuschen, und so sagte ich ihm nicht, daß ich nur zufällig vorbeigekommen war.
Don Ciccio war groß und kräftig gebaut, hatte ein blutrotes Gesicht, eine Adlernase, große, grimmig blickende Augen und schwarze, glatte Haare, die er nach hinten zu kämmen pflegte. Er war etwa sechzig Jahre alt und wirkte noch sehr jung. Freilich, jedesmal wenn er einen stechenden Schmerz zwischen den Rippen verspürte, sagte er nun schon seit langem: "Eines Tages wird man mich tot auffinden, über ein Buch gebeugt, genau wie Petrarca, der sich im Sterben über seinen geliebte Vergil gebeugt hatte."
Don Ciccio ließ mir keine Wahl. Er beauftragte den Hausmeister der Schule, Enrico zu sagen, daß ich bei ihm sei, hakte sich bei mir ein und schleifte mich in seine Wohnung. Wir setzten uns in die Bibliothek, in die einen Monat zuvor bei starken Regenfällen Wasser eingedrungen war. Das Wasser war auch auf einige Pergamentbände gesickert, die nun einen abscheulichen Gestank verbreiteten. "Wie das hier stinkt," rief ich unwillkürlich aus.
Don Ciccio runzelte die Stirn, schaute mich ernst an und sagte tadelnd: "Das ist kein Gestank, das ist der Duft des menschlichen Geistes."
Man hatte die nassen Bücher zum Trocknen offen auf den Boden gelegt. Ich bot an, ihm zu helfen, die getrockneten Bände in die Regale zurückzustellen.
"Ein hervorragende Idee!" rief Don Ciccio aus, während er uns einen Brandy eingoß, um das Wiedersehen zu feiern.
Ich begann, die Bücher aufzustapeln, und fragte ihn, wo ich sie hinstellen sollte. Er hatte keine Kartei, aber in seinem Gedächtnis gab es einen festen, unveränderlichen Platz für jedes dieser Bücher, die er von der ersten bis zur letzten Seite kannte.
Das erste Buch war eine Biographie des heiligen Joseph. Als ich ihn fragte, wo ich es hinstellen sollte, gab Don Ciccio zur Antwort:
"Eigentlich müßte man es wegwerfen, weil es den heiligen Joseph als einen alten, sanftmütigen, keuschen Mann beschreibt. In Wirklichkeit war er jung und großzügig und brachte den Mut auf, Jesus zu lieben, obwohl er nicht sein Sohn war. Er beschützte dieses aus Mariens Schoß geborene Leben, indem er mit Mutter und Kind nach Ägypten floh, um so den Sohn der Jungfrau vor dem Blutbad des Herodes zu retten.
Das alte Bild von Joseph ist ein Schwindel. Die Evangelientexte sprechen übereinstimmend von Brüdern und Schwestern Jesu, und zwar von leiblichen Brüdern und Schwestern. Auch Matthäus erwähnt sie in Kapitel 13, Vers 55. Ist es im übrigen nicht schön zu wissen, daß auch die Madonna eine echte Mutter war, so wie deine Mutter und die meine? Die Kirche stellt sie dagegen nur als unerreichbare Jungfrau dar, als ein Vorbild, das die aus Fleisch und Blut bestehenden Christen schizophren macht. Diese Lehre hat deine Mutter in eine psychiatrische Klinik gebracht, und du selbst warst auf dem besten Weg, ebenfalls dort zu enden, hätte die Madonna dir nicht wirklich geholfen. Das Fleisch und die Sexualität sind nicht schmutzig: die Atome, aus denen unser Körper besteht, entstanden vor Jahrmilliarden zusammen mit den Galaxien. In der Sexualität liegt die höchste Vollkommenheit der Natur, denn die Sexualität gibt das Leben weiter: homo vivens gloria Dei. (1) [Fßn] (1) Der lebende Mensch ist der Ruhm Gottes.[Fßn]
Aber wenn es um die Sexualität geht, verlieren die Priester den Kopf und werden unfähig, vernünftig zu denken. Sie sind dann wie Fliegen, die im Versuch, durch ein Fenster zu fliegen, auf die Scheibe prallen. Immer wieder rasen sie dagegen, bis sie schließlich tot zu Boden fallen."

Das zweite Buch handelte von den Übeln des italienischen Rechtswesens. Don Ciccio kommentierte: "Der Autor dieses Buch hat absolut nichts verstanden. Er kritisiert das italienische Rechtswesen, obwohl es doch vollkommen ist."
"Aber es klagen doch alle darüber, daß das Rechtswesen in Italien nicht funktioniert," wandte ich ein.
"Sie beklagen sich zu Unrecht: das italienische Rechtswesen funktioniert unfehlbar, wenn es darum geht, einem Angeklagten einen Ausweg zu weisen, mag er auch alles gestanden haben und mag es auch Dutzende von Augenzeugen geben. In Italien tut man so, als ob man verurteile: tatsächlich werden die Folgen eines unwahrscheinlichen Schuldspruchs durch Begnadigungen, Straferlasse und Urlaubsscheine aufgehoben. Und weißt du warum? Wir Priester lehren, daß eine Verurteilung von seiten Gottes keine Verteidigung zuläßt und unwandelbar gilt. Und so versuchen die Italiener durch ein Rechtswesen, das niemandem etwas antut, die schreckliche Angst vor dem göttlichen Urteilsspruch zu vertreiben."

Ich griff nach einer großen, gebundenen Ausgabe der Bibel und dachte, Don Ciccio hätte keinen Kommentar zum Buch der Bücher abzugeben. Aber an diesem Morgen war er in Stimmung.
"Die Bibel ist ein Versuch, die Wirklichkeit zu verstehen und dem Leben einen Sinn zu geben. Aber die Geschichte von der Schlange, die mit Eva spricht, ist einfach unannehmbar: wenn überhaupt, können Schlangen nur zischen. Eva war unschuldig, als sie den Apfel aß, und wir kommen nicht mit dem Makel der Erbsünde auf die Welt. Der Wunsch nach dieser Frucht tat sich mit der Furcht zusammen und ließ im Geiste unserer Urahnin das Tabu des göttlichen Verbots entstehen. Äpfel wachsen, um gegessen zu werden, und sie sind außerdem auch sehr gesund. Wie sagt doch das Sprichwort:
"Täglich einen Apfel essen
und du kannst den Arzt vergessen."
Ich hob ein mir wohlbekanntes Buch vom Boden auf: die Ausgabe der Ilias, die Don Ciccio beim Unterricht an der Schule gebraucht hatte. Sein Kommentar überraschte mich nicht wenig:
"Es wäre besser gewesen, wenn die Menschheit dieses Buch vor Zeiten vergessen hätte."
"Ihr sprecht von Homer!" protestierte ich.
Don Ciccio erklärte mir seine Äußerung: "Am Anfang der Zeiten brauchte die Menschheit Gewalt, um zu überleben. Die Männer töteten die wilden Tiere und gingen auf die Jagd, was die Frauen nicht tun konnten, weil sie schwächer waren oder weil sie auf die Kinder achtgeben mußten. Die Gewalt des Mannes wurde mit der Zeit zur Gewohnheit, zur Sitte, zu einer kulturellen Gegebenheit, und Homer war der Größte unter denen, die die Schönheit der Schlachten am Ufer des Skamander besungen haben. Was ist denn schon schön am Krieg, der nur Tod und Zerstörung sät? Nur ein Blinder wie Homer konnte etwas Schönes daran finden. Aber das ist noch nicht alles. Auch die Religionen, die vorwiegend von Männern erdacht wurden, haben die Gewalt übernommen. Und so ist es durchaus kein Zufall, daß die großen Probleme der Menschheit, die Kriege und das gewaltige Bevölkerungswachstum von den Männern verursacht und von den Frauen erduldet werden.

Eines der anderen Bücher handelte von der Geschichte der spanischen Inquisition. Don Ciccio bat mich, ihm das Buch zu geben, weil er es noch für eine Forschungsarbeit über Cesare von Stalettì brauchte.
"Wer ist denn Cesare von Stalettì?" fragte ich.
"Wer war Cesare von Stalettì, müßtest du wohl fragen," gab Don Ciccio zurück, "der Bischof von Squillace hat ihn nämlich rösten lassen wie ein Huhn."
Stalettì ist ein Dorf in der Nähe von Squillace. Don Ciccio war rein zufällig auf jenen Unbekannten gestoßen, während er in der vatikanischen Bibliothek an einer Studie über Gugliemo Kardinal Sirleto arbeitete. Sirleto war vormals Bischof von Squillace gewesen und hatte zugunsten seines Neffen Marcello auf dieses Amt verzichtet; beide kamen aus Guardavalle. Don Ciccio griff nach einem Blatt, das auf dem Schreibtisch lag, hielt es mir hin und sagte: "Lies, was Bischof Marcello im Juli 1570 an seinen Onkel Kardinal Guglielmo schrieb!"
Neugierig nahm ich das Blatt entgegen und las zunächst die Titelzeile:
Fundus Vaticanus Latinus. N? 6190. Teil II. S. 440-441.
"Heute morgen wurde in der Kathedrale öffentlich das Urteil über den Häretiker Cesare von Stalettì verlesen, welcher sich wiederholt zu irrigen Lehren bekannt hatte. Viel Volk war herbeigeströmt, um zu sehen und um den Ablaß zu gewinnen, nicht nur aus der Stadt selbst, sondern auch aus den umliegenden Gebieten, um ein Schauspiel zu sehen, dem es in diesen Dörfern nie mehr würde beiwohnen können. Nachdem wir die Zeremonien zu Ende geführt hatten, übergaben wir ihn den Beamten des Erlauchten Herrn Fürsten, und ich denke, daß dieser morgen tun wird, was die Gerechtigkeit gebietet. Seit einigen Tagen zeigt der arme Mann gar große Reue, möchte katholisch sterben, hat gebeichtet und kommuniziert und bekundet eine so große Bußfertigkeit, daß ich dem Herrn danke, weil er eine Seele gewonnen hat, und vielleicht auch viele andere, die er hat erschüttern können durch das öffentliche Eingeständnis des Irrtums ...
Ich küsse Euch die Hände, verehrter, hochwürdigster Herr ...
Squillace, am zwölften des Monats Juli, A.D. MDLXX.

Humil Servo
Marcello Sirleto

auf dem Postwege habe ich Euch, verehrter, hochwürdigster Herr, mitgeteilt daß Cesare Stalettì abgeurteilt und der weltlichen Gewalt überantwortet wurde. Am darauf folgenden Tage wurde er aufgehenkt und verbrannt, und dank der Gnade unseres Herrn starb er katholisch. Gott lasse ihn ruhen in heiligem Frieden."

Ich fragte Don Ciccio, wo ich das Buch mit den Definitionen der scholastischen Philosophie einordnen sollte. Der Geistliche zeigte mit dem Finger auf diesen Band, rollte die grimmigen Augen, als hätte ich eine giftige Klapperschlange in der Hand, und schrie:
"Dieses Buch ist verantwortlich für alle Morde, die auf dieser Welt begangen werden! Es ist das gefährlichste von allen Büchern, die es gibt."
Als er meine Verblüffung bemerkte, sprach er noch hitziger weiter: "Laß dich von dem harmlosen Aussehen dieses Buchs nicht täuschen. Es lehrt dich, wie eine Definition aussehen muß. Die Definition trägt den furchtbaren Auslöser eines eisernen Mechanismus in sich. Sie ist eine Falle, die jeden einkerkert, der sich ihr nähert. Gib eine Definition, und schon wirst du einen Menschen töten. Definierst du ihn als Christ, dann töten ihn die Heiden. Definierst du ihn als Mörder oder als Häretiker, dann bringst du ihn an den Galgen oder schickst ihn auf den Scheiterhaufen. Definierst du ihn als Feind, als Konterrevolutionär oder als Jude, so ist sein Schicksal schon besiegelt. Hinter jedem Mord steht immer eine Definition: hast du nie daran gedacht?"
"Nein, ich habe noch nie daran gedacht," gab ich zu.
"Wenigstens mit dir kann ich frei reden, jetzt, da Bischof Fares mich von meinem Amt als Lehrer suspendiert hat. Es tut mir leid, daß ich nicht mehr mit den Jugendlichen in Kontakt bin; andererseits bin ich froh, nicht mehr zu ihrer unglückseligen Seminarerziehung beitragen zu müssen. Es ist nicht gut, Jungen mit elf Jahren gewaltsam von ihrer Mutter zu trennen und ihnen als höchste Tugend die Unterdrückung der Sexualität einzuhämmern."

Don Ciccio zog immer wieder kräftig an seiner toskanischen Zigarre und füllte den Raum mit Qualm. Ich las weitere Bücher vom Boden auf und wartete neugierig auf seine Kommentare. Er fuhr fort: "Es ist herrlich, sagen zu können, was man fühlt! Gewiß, es kann einen teuer zu stehen kommen. Die Freiheit ist ein ungeheuer wertvolles Gut, und die meisten sind nicht bereit, den hohen Preis zu bezahlen, den es kostet, frei zu sein. Deshalb bin ich überzeugt, daß die Knechte mehr Schuld an der Knechtschaft haben als die Herren."
Ich griff nach einem weiteren Buch, "Der Leopard" von Tomasi von Lampedusa, weil ich Don Ciccios Meinung dazu wissen wollte. Ich fragte ihn danach und bekam sofort eine klare Antwort:
"Tomasi von Lampedusa ist der letzte in einer Reihe von Schriftstellern, die Sizilien so Schlimmes angetan haben; er war nicht besser als De Roberto, Verga, Capuana und Pirandello: alles Pessimisten; jede von diesen Autoren geschriebene Seite ist vom Irrationalen beherrscht. In dem Buch "Der Leopard" zerbröckelt alles elendig, nichts bleibt übrig außer dem Häufchen Asche des ausgestopften Hundes Bendicò. Sizilien liegt so nahe bei Kalabrien, aber kulturell sind wir weit, weit von einander entfernt. Bei uns haben die großen Schriftsteller immer das Positive und das Schöne zum Ausdruck gebracht, mögen sie dabei auch eine Utopie - und das heißt einen Traum, eine Hoffnung, einen Plan - beschrieben haben. Die Utopie ist die tiefste Wurzel der kalabrischen Kultur, eine gewaltige, jahrtausendealte Kraft, die stets in der Lage ist, eine bessere Zukunft zu entwerfen: die Welt braucht Kalabrien heute mehr als je zuvor!"

Ich hob einen schweren Band mit farbigen Abbildungen zu den spanischen Eroberungen in der Neuen Welt auf. Eines der Bilder stellte einen aztekischen Priester dar, der einem jungen Mann mit dem Dolch die Brust aufgeschlitzt und ihm das Herz herausgerissen hatte, das in seiner Hand noch pulsierte.
"Arme Völker, die von Priestern beherrscht wurden, die Opfer von ihnen forderten! Mit ihrer Bekehrung zum Christentum hat sich im Grunde nicht viel geändert: wir sind zu ihnen gegangen und haben sie gelehrt, daß Gottvater Jesus auf die Erde gesandt hat, um die Welt durch seinen Tod am Kreuz zu retten."
Seit meiner Seminarszeit hatte ich mich nicht mehr mit religiösen Fragen beschäftigt. Ich wußte, daß Don Ciccio nicht gerade durch Treue zur katholischen Lehre glänzte, aber diese Aussage kam mir nun doch unerhört vor. Darum fragte ich ihn: "Was hat das Opfer eines jungen Azteken mit dem Kreuzestod unseres Herrn Jesus Christus zu tun?"
Don Ciccio antwortete: "Immer sind es die Priester, die andere töten: die Priester des Hohen Rates, die Jesus verurteilten, die Baalspriester, die Karthagos Erstgeborene bei lebendigem Leib verbrannten, oder die Priester der Azteken. Es ist immer wieder dasselbe: man braucht Opfer, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen oder um die Götter freundlich zu stimmen. Für die Priester ist Gott bestechlich, ein Händler, der sich ihrer bedient, um zu verkaufen, was die Menschen haben wollen. Besonders die Katholiken haben nicht verstanden, daß Jesus starb, weil er sich als Versuchsobjekt gegen die Gewalt der Welt zur Verfügung stellen wollte. In der Messe essen wir Brot und trinken Wein, um dankbar dieses Geschenks seiner unermeßlichen Liebe zu gedenken. Das ist keine mystischer Kannibalismus, bei dem wir seinen Leib und sein Blut verzehren würden. Ganz im Gegenteil! Jesus wollte die Einrichtung des Opfers und die damit verbundene Abschlachtung und Verzehrung aller Opfer aus der Welt schaffen. In jedem Opfer wird Gott in seinen Geschöpfen vergewaltigt, jedes Opfer ist eine bestialische, blutige Paarung von Ignoranz und Gewalt. Gott findet kein Gefallen daran, wenn man ihm - tot und häßlich - die Geschöpfe opfert, die er lebend und schön geschaffen hat!"

Don Ciccios Verstand war also nicht eingerostet, dachte ich, auch wenn er nie aus seiner Klerikerwohnung herauskam. Die Kühnheit seiner Vergleiche verblüffte mich und eröffnete mir neue Horizonte.
"Heißt das, daß alles, was wir bisher geglaubt haben, schlechthin falsch ist?" fragte ich.
"Es ist nicht falsch oder richtig. Es ändert sich nur die Höhe, von der aus wir alles betrachten. Je weiter man auf einen Berg hinaufsteigt, umso mehr weitet sich der Horizont. Wir haben heute eine umfassendere Vorstellung von der Weltgeschichte: die Wahrheit ist nicht starr und unwandelbar, sie ist vielmehr eine Anhäufung von Wissen, sie ist wie ein Same, der zum Baum heranwächst. Wir wissen heute, daß der Mond nicht aus Quintessenz, jener von Aristoteles als unzerstörbar definierten Materie, besteht. Wir können mit Sicherheit sagen, daß er ein Satellit der Erde ist, daß er keine Atmosphäre hat und vieles mehr.
Auch im Bereich der Moral verstehen wir heute besser, woher das Böse und woher das Gute kommt."
"Und woher kommt das Böse, wenn es nicht vom Teufel kommt?" fragte ich.
Nur mit Mühe gelang es Don Ciccio, ein krampfhaftes Lachen zu unterdrücken. Dann meinte er bissig: "Das Böse kann auf keinen Fall vom Teufel kommen. Denn unlängst haben die Theologen herausgefunden, daß die Hölle zwar existiert, daß sie aber leer ist. Das Böse kommt vielmehr vom Priester, vom Mann!"
Don Ciccio wartete nicht auf meine Einwände. Er verstand meine Schwierigkeiten und wollte mir seine Aussage erklären:
"Die Priester sind Männer und streben nach der Macht: in dieser Hinsicht sind sie gewiß teuflisch. Um die Welt zu beherrschen, zerbricht der Priester die Harmonie zwischen Mann und Frau, indem er die Frau in Kriegen oder bei Opfern ihrer Kinder beraubt und die Kinder tötet. Deshalb wird die Frau nicht zum Priestertum zugelassen. Der Priester aber wird sich früher oder später mit den Politikern, dem Abschaum der Erde, verbünden. Die Frau hingegen ist nicht bereit, im Krieg zu töten und bringt keine Opfer dar, weil sie erlebt, wie die Geschöpfe in ihrem Schoß heranwachsen.
Es sind Männer, die in China Jahr für Jahr Tausende und Abertausende von neugeborenen Mädchen töten, nur weil sie Mädchen sind und ihren Namen nicht in die kommenden Generationen weitertragen!"
Das letzte Buch, das ich vom Boden auflas, war eine vergleichende Darstellung der hinduistischen, der buddhistischen, der christlichen und der islamischen Religion.
Fast um mich bestätigen zu lassen, fragte ich: "Das Christentum ist die wahre Religion, nicht wahr?"
Don Ciccio lächelte und sagte: "Aus China bekommen wir Seide, aus Afrika Kaffee, aus dem Orient Gewürze, aus Amerika Tomaten und Kakao: alles Erzeugnisse, die - nach großem anfänglichem Mißtrauen - von allen akzeptiert wurden.
Auch die Religionen werden ihre gegensätzlichen Elemente verlieren, indem sie sich miteinander vergleichen, und so werden sie ihren lebendigen Kern, ihr gemeinsames Herz vor der ganzen Menschheit erstrahlen lassen."


22. Der Abfalleimer

Der Vormittag war schon weit vorgerückt, und Don Ciccio schlug vor, einen Spaziergang zum Schloß zu machen. Wir verließen seine Wohnung und kletterten zu der großen Festung hinauf, die einst Lucrezia Borgias Sohn gehört hatte. Don Ciccio suchte einen Erdwall aus, wo wir uns hinsetzten. Mit der Hand deutete er auf das Silagebirge und sagte: "Im vergangenen Jahr bin ich nach San Giovanni in Fiore gefahren, um die Überreste von Joachims Abtei zu besichtigen. Wenn ich die Textes dieses kalabrischen Abtes lese, ist mir, als ob ich am Fuße eines Berges, wo das Schneefeld schmilzt und in kleine Bäche mit frischem Wasser übergeht, frische Luft einatmen. Joachim von Fiore war ein großer Meister der europäischen Kultur, er wandte sich gegen die Kreuzzüge, während alle bewaffnet ins heilige Land strömten. Auch er ging dorthin, aber als unbewaffneter Pilger, und als er erfuhr, wie die Bevölkerung in den Kreuzzügen niedergemetzelt wurde, kam zur Überzeugung, daß der Krieg gegen den Islam ungerecht war."
Völlig unvermittelt fragte er mich: "Wie bist du auf die Idee gekommen, in Deutschland leben zu wollen?"
Ich antwortete: "Hier gibt es keine Zukunft. Und im übrigen seht Ihr ja auch selbst, wie sehr Kalabrien heruntergekommen ist."
Vor lauter Unwille wurde Don Ciccio hochrot im Gesicht: "Und wer hat Kalabrien wohl so weit herunterkommen lassen?" fragte er.
"Die Kalabresen", antwortete ich ungezwungen.
Don Ciccio ließ nicht locker:
"Willst du vielleicht behaupten, daß es Schuld des Eimers ist, wenn viele Leute sich zusammentun, um ihn mit Abfall zu füllen?"
"Was für ein Eimer und was für Abfall?" dachte ich bei mir.
Don Ciccio nahm den Kragen ab und sagte mit halbgeschlossenen Augen: "Zweitausend Jahre vor Christus lebten zwischen dem Golf von Squillace und dem Golf von Lamezia die Italer, die König Italus überzeugte, die Schafzucht aufzugeben und zu seßhaften Bauern zu werden. Noch vor Minos von Kreta gründete Italus das Syssìtion, ein gemeinsames Mahl, an dem alle zum Zeichen der Freundschaft und des bürgerlichen Zusammenlebens teilnahmen. Aristoteles schreibt davon in der Politik, siebtes Buch, Kapitel zehn.
Die "Scialata", das Festessen, das man auf dem Land noch heute unter Freunden veranstaltet, stammt direkt von der uralten Einrichtung des italischen Syssìtion ab. "Syssìtion" ist ein griechisches Wort und bezeichnet eine gemeinschaftliche Mahlzeit. Und das gemeinsame Essen ist auch ungeheuer wichtig, weil bei Tisch die Heiterkeit und das Essen die sozialen Unterschiede aufheben.
Jenes Reich hielt sich, bis hier die ersten griechischen Kolonien gegründet wurden. Die Italer nahmen die neu Angekommenen freundlich auf, ohne zu merken, daß die Griechen mit den Bronzestatuen auch den Bruderkrieg mitbrachten: Kroton zerstörte Sybaris und machte die glücklichen Sybariten zu Sklaven.
Nach der Magna Graecia kamen die kriegerischen Bruttier, Pyrrhus, der König von Epirus, die Karthager mit Hannibal, die Römer, Roms Sklaven mit Spartakus, die Goten mit Alarich, die Langobarden, die Byzantiner, die Araber, die Normannen, die Sueven, die Anjou und im sechzehnten Jahrhundert die Spanier. Und mit den Spaniern kam die fruchtbare Mutter des Schreckens: die Heilige Inquisition.
Es war eine allmächtige, blutige Gewalt, die nicht fehlgehen konnte. Der Angeklagte wurde in ein Wasserbecken gelegt, wo man ihm schwere Steine um den Hals band. Wenn er unterging, verurteilte Gott ihn zum Tod durch Ertrinken. Blieb er oben, so war dies ein Werk des Teufels; dann mußte man ihn über die Klinge springen lassen. Bevor man eine Frau folterte, suchte man in ihrer Scheide herum, um festzustellen, ob sie teuflische Amulette verbarg, die den Schmerz von ihr hätten fernhalten können: die heutigen Folterer haben noch viel zu lernen, wenn sie derart ausgefeilte Methoden in die Praxis umsetzen wollen.
Klerus, Adel und Kriminelle kamen herbeigerannt, um sich in die Inquisition aufnehmen zu lassen und sich so vor ihrem unheilvollen Schatten zu retten. In jeder Ortschaft, in jeder Stadt, in jedem Dorf hatte die Inquisition Beamte, Einnehmer und Spitzel. Die Namen der Mitglieder waren geheim, die Archive standen unter Schutz und wurden am Ende verbrannt.
Später machten die Bourbonen Neapel zu einer heiteren, gebildeten und modernen Stadt, wo man angenehm lebte; sie wurden aber von den Savoyern verjagt. Es folgten fürchterliche Jahre, hunderttausend Soldaten kämpften im Königreich von Italien mit Arroganz und Unkenntnis gegen die Briganten. Die wehrlosen Einwohner von Dörfern und Städten wurden feige "auf der Flucht" erschossen, nachdem man sie zum Schein aufgefordert hatte wegzugehen. Ganze Dörfer wurden den Flammen anheimgegeben. Und wer weiß, wie viele andere unbekannte Greueltaten sonst noch in den Stabsarchiven der Armee schlummern! Diese Archive werden noch heute streng geheim gehalten!
Dann kam die Mühlsteuer, eine Steuer, die man bezahlen mußte, um Getreide zu mahlen: die Folge war bitterer Hunger, der Millionen von Menschen zwang, nach Amerika auszuwandern.
Um das Maß voll zu machen, folgten die Kriege in Afrika und in Spanien und die beiden Weltkriege, in denen Hunderttausende von Süditalienern zwischen dem Gebiet um Trient und Rußland den Tod fanden. Der Krieg gehört aber nicht zu unserer Kultur: die Völker Süditaliens sind niemals in andere Länder eingedrungen, nie sind sie gegen andere Völker in den Krieg gezogen. Um es kurz zu sagen: alle, die hier vorübergezogen sind, haben ihren Dreck bei uns abgeladen, und jetzt rufen alle: pfui Teufel! Und sie geben die Schuld denen, die in Wahrheit Opfer dieses Drecks sind: das ist wirklich Rassismus!"
"Warum erzählt Ihr mir das alles?" fragte ich Don Ciccio am Ende seiner Ansprache über die Übel des Südens.
"Ich erzähle es dir aus einen ganz bestimmten Grund: du mußt Kalabrien die Dinge erklären, von denen ich gerade mit dir spreche."
"Was soll ich tun?" fragte ich und sprang vor Verblüffung auf.
"Du mußt Kalabrien erklären, daß es sich von dem Unrat befreien muß, den Jahrhunderte von Gewalttätigkeit und Ignoranz auf diesem Land abgeladen haben.
"Kalabrien" muß wieder zu dem "schönen Land" werden, das es ja dem Namen nach bedeutet, es muß wieder zu dem friedliebenden Land der Italer werden, die Italien seinen Namen gegeben haben. Du machst dich davon, gehst nach Deutschland und verstehst nicht, daß die Welt nicht die nördliche Härte und die abstrakten Schemen braucht, die ihr doch nur schaden. Die Welt braucht die große Menschlichkeit des Südens, jene Liebe, die jeden akzeptiert; sonst gibt es nur einen sinnlosen Machtkampf, in dem man den anderen zum Tode verurteilt."
"Don Ciccio, Ihr macht wohl Spaß", sagte ich, "kein Mensch kann das Reich der Italer neu errichten, es sind inzwischen viertausend Jahre vergangen!"
"Was zählt schon die Zeit, wo es wirklich große Liebe gibt? Und wie kannst du in Deutschland leben, wo man Millionen von unschuldigen Juden umgebracht hat?"
"Versteht Ihr den nicht, daß der italienische Staat die Kriminaltät in Süditalien gar nicht besiegen will?"
Don Ciccio sagte: "Die römischen Politiker sind noch geldgieriger als die Kriminellen und werden dem letzteren freilich nicht das Handwerk legen. Die Kriminaltät der Mafia hat zweitausend Jahre christliche Theologie im Rücken: es ist gewiß nicht leicht, sich davon zu befreien."
"Was hat denn die Theologie damit zu tun?"
"Wenn du wüßtest wieviel, sie damit zu tun hat! ... Wenn, wie die Priester behaupten, Gott den Tod seines unschuldigen Sohnes verlangt hat, obwohl er darauf hätte verzichten können, warum sollte es dann so falsch sein, einen Fremden zu töten, wenn man Profit daraus schlagen kann? Zum Glück bietet die Seelenstärke und die Gutherzigkeit der Kalabresen dieser Lehre vom Opfer Einhalt. Die Kalabresen wissen besser als alle anderen, daß jede Lehre und jedes Schema falsch ist, wenn daraus Leid für einen Menschen erwächst."
"Aber Don Ciccio, meint Ihr das alles ernst? Wißt Ihr etwa nicht, wie grausam die kalabrischen Kriminellen sein können?"
"Das weiß ich ... Aber ich weiß auch, daß nur ein Rest gesunder süditalienischer Kultur uns vor einem Gemetzel rettet; denn wenn die Logik des Opfers nicht auf einen kalabrischen, sondern auf einen spanischen Stamm gepfropft wird, dann erscheinen Conquistadores, die fünfzehn Millionen Indios über die Klinge springen oder in den Bergwerken verhungern lassen.
Wird dieselbe Logik auf einen deutschen Stamm gepfropft, dann bringt der Katholik Hitler sechs Millionen Juden um.
Pfropft man sie auf einen slawischen Stamm, dann zelebriert Stalin, der sich im Seminar von Tiflis den dogmatischen Fanatismus angeeignet hat, eine Riesenmesse mit vielen Milionen Opfern.
Ich wollte verstehen, woher in der christlichen Welt die Gewalt kommt, habe überall gesucht und sogar Gott selbst ins Herz geschaut. Und genau dort habe ich den Irrtum der Kirche gefunden, nach deren Lehre Jesus vom Vater, dem ersten großen Mörder, in den Tod geschickt wurde."

Don Ciccio hatte mich erschreckt. Wir gingen schweigend zu seiner Wohnung zurück, wo Enrico schon auf mich wartete.
Bevor er uns verließ, umarmte er mich, schaute mir tief in die Augen und sagte mit flehender Stimme: "Wie kannst du nur weit weg von Kalabrien leben? Komm zu deinen Wurzeln zurück, verlaß die einsamen Straßen der Welt! Erkläre Kalabriens Frauen und seinen Müttern, daß die Rettung in ihren Händen liegt. Sie müssen öffentlich auf den Plätzen ihren Schmerz und ihre Entrüstung herausschreien, weil man ihre Söhne getötet hat, und sie müssen sich befreien von der doppelten Knechtschaft: von den Priestern und von der Mafia!"

Ich hatte Don Ciccio noch nie so traurig reden hören. Während ich hinten auf die Vespa stieg, dachte ich: "Sobald irgend möglich, fahre ich nach Deutschland zurück, zu Erika. In Kalbarien für traurige Frauen in schwarzen Kleidern den Prediger spielen ... das würde mir grad noch fehlen! Ihr, lieber Don Ciccio, redet so, weil Ihr nicht wißt, wie schön Erika ist und wie fröhlich es in München zugeht. Ich habe die ganzen Priester leid: ich schwöre Euch, daß Ihr mich nie wieder sehen werdet, auch wenn ich Euch mag und Hochachtung vor Euch habe."

Am Abend dieses Tages drehte ich mich im Bett hin und her und konnte nicht einschlafen. Die Rückkehr nach Kalabrien hatte mir keineswegs gut getan: in diesem Land hatte ich so viel gelitten, und jeder Gegenstand, jeder Mensch führte mich zurück zu meinen qualvollen Erfahrungen mit den Priestern.
Endlich schlief ich ein. Im Traum sah ich mich unten im Abgrund von Fabellino inmitten der unbestatteten Gebeine.
Ich empfand Mitleid mit all diesen Toten, konnte aber nichts tun. Plötzlich merkte ich wie durchs Àlacatal ein starker Wind vom Meer heraufbrauste: die Gebeine fügten sich wieder zusammen und wurden mit Fleisch bedeckt, und die Toten kamen zu neuem Leben.
Und ich sah alle Einwohner von Sant'Andrea als vom Tode Erstandene. Ihre Gesichter ähnelten denen meiner Verwandten und Freunde. Die junge Braut, die lebendig in der Pfarrkirche begraben worden war, wurde rot, während sie das Seidenkorsett wieder anlegte, um ihren Busen zu bedecken.
Und ich sah die Erstgeborenen von Karthago, denen nicht mehr der Schrecken vor dem Gott Baal in den Augen stand.
Und ich sah eine unendlich große Schar neugeborener chinesischer Mädchen, die wieder aus ihren schönen Mandelaugen lächelten.


23. Die Voraussage des Töpfers

Am nächsten Morgen winkte mir ein Karabiniere vom Fenster der Kaserne aus mit meinem Reisepaß zu: ich konnte den Paß abholen. Ich beschloß, ohne Zeit zu verlieren, noch am selben Abend abzureisen. Der Abendzug fuhr nach Rom, wo ich umsteigen mußte; innerhalb von sechsundreißig Stunden würde ich in München sein. Beim Gedanken an Erika wurde ich unruhig, weil ich mich die ganze Zeit über nicht bei ihr gemeldet hatte. Ich hatte zehn Tage im Bett verbracht, und bei uns zu Hause gab es damals noch kein Telefon; die Häuser unseres Dorfes wurden damals gerade an das Telefonnetz angeschlossen.
Als ich meiner Mutter sagte, daß ich am Abend abreisen würde, gab sie mir einen Packen Briefe. Verblüfft nahm ich die Briefe entgegen, die alle per Eilpost geschickt worden waren und auf denen ich sofort Erikas Handschrift erkannte. Meine Mutter sagte, sie habe sie mir vorher nicht gegeben, weil ich krank war und die Briefe mich mit irgendwelchen schlechten Nachrichten hätten beunruhigen können.
Die ersten beiden Briefe waren zärtlich und leidenschaftlich. Im dritten Brief bat Erika mich, ihr zu schreiben oder ihr wenigstens per Telegramm den Tag meiner Rückkehr nach München mitzuteilen. Ursprünglich hatte ich Ende September zurückkehren wollen; nun war schon der 10. Oktober, und ich war immer noch in Kalabrien. In den weiteren Briefen hatte sich Erika angesichts meines Schweigens verhärtet. Warum antwortete ich nicht? Im letzten Brief war sie empört: "Wenn du zurückkommst, mußt du mir alles haargenau erklären, und wehe, wenn deine Entschuldigungen nicht überzeugend sind!"

Erika hatte recht, ich mußte ihr erklären, wie es um mich stand, mußte ihr alles über mich sagen. Ein Gefühl von Ohnmacht und Niedergeschlagenheit befiel mich, als ich daran dachte, daß ich auch ihr die ganze Geschichte erzählen mußte, deren ich mich zutiefst schämte, daß ich ihr von Ereignissen aus einer anderen Welt und aus einer anderen Sprache berichten mußte ...
Durch das Fenster meines Zimmers schaute ich aufs Meer hinaus. Das Wetter hatte sich verschlechtert, und der Nordost wühlte Wellen auf, die sich schäumend am Ufer brachen:
"Im Golf von Squillace kommt das Meer nie zur Ruhe",
sagen die Seeleute über dieses Meer; ich erinnerte mich jedoch, daß es fast das ganze Jahr über ruhig war. Nicht das Meer, mein Herz war es gewesen, das beim Anblick des Golfes nie zur Ruhe gekommen war.
Die unmittelbar bevorstehende Abfahrt stimmte mich den ganzen Nachmittag über traurig, obwohl ich es kurz vorher kaum noch hatte abwarten können, endlich abzureisen.
Mir war eine tiefe Schwermut ins Herz gedrungen, weil ich all die Personen und die Orte verlassen mußte, die meine ganze Jugend bedeuteten, mein Dorf, mein Meer, meine Horizonte. In Kalabrien konnte man nicht leben: ich mußte, ich wollte weggehen, aber die Trennung tat doch immer weh.
Während ich über all das nachdachte, ging ich zu Großmutter Caterina, um mich zu verabschieden. Sie saß auf dem Balkon am Spinnrad und sang mit ihrer silberhellen Stimme:
"Dank dir, oh Herr, du hast uns reich gemacht
an der Armut des Reichtums ..."
Sie war dabei, "Àsili" zu verspinnen. Diese Àsili wurden aus dünnen Ginsterzweigen hergestellt, die man zuerst bündelweise kochte, dann im Fluß einweichte und schließlich auf Felsblöcken zerstampfte. Man gewann so am Ende eine grobe Faser, die sich besonders zur Herstellung von Säcken und Strümpfen eignete.
Auf der an der anderen Straßenseite gelegenen Kapelle vom Kalvarienberg zeichneten sich oktoberliche Schatten ab, die nicht mehr so heiter und staubig waren wie die Schatten des Sommers, sondern deutlich und scharf umrissen, als wollten sie jeden einzelnen Körper in den Grenzen seiner eigenen Existenz gefangenhalten.
Dann ging ich zu Großmutter Marianna, die untröstlich in ihrem Haus saß, das nicht mehr vom Anblick der alten Pfarrkirche beherrscht wurde. Großmutter Marianna klagte: "Bei jeder Mauer der Kirche, die sie abrissen, bei jeder Kapelle, die sie aufschlitzten, bei jedem Gemälde, das sie zerstörten, war mir, als ob sie mir mit Zangen meine Eingeweide und meine Knochen aus dem Leibe rissen. Als sie dann die große Glocke auf den Boden fallen ließen, hörte ich ihren erstickten Schrei, einen einzigen Schrei, und da verstand ich, daß unser Dorf am Ende war. Wer wird Sant'Andrea jetzt noch helfen?"

Auf dem Heimweg kam ich am Laden des Töpfers vorbei. Der Töpfer modellierte gerade einen Wasserkrug, wobei er mit den Füßen die Drehscheibe in Bewegung hielt. Die im Laufe des Tages geformten Amphoren und "Limben" hatte er zum Trocknen auf einige Holzbretter gestellt. Die "Limba" war ein breitbäuchiges niedriges Gefäß, das man an Karneval benutzte, wenn die Schweine abgestochen wurden, während sie noch verzweifelt und bestürzt auf das Schlachtmesser starrten. Die "Limben" wurde unter den Hals der Schweine gestellt, um den Blutstrahl aufzufangen, der aus der durchschnittenen Halsschlagader herausspritzte. Die Schweine wußten, daß sie sterben mußten, und schrieen so laut sie konnten, aber niemand hatte Erbarmen mit ihnen.

Der Töpfer unterbrach seine Arbeit, verließ den Laden und kam auf mich zu. Ich sagte ihm, daß ich am selben Tag noch nach Deutschland zurückfahren würde, und er rief aus: "Geh' und kehre nicht mehr zum Fabellino zurück!"
"Die armen Toten", sagte ich unwillkürlich.
"Die armen Lebenden, würde ich sagen", erwiderte er gelassen, "die Toten können sich nicht wehren, und die Lebenden lassen aus Angst alles über sich ergehen. Wer Angst hat, hat schon aufgehört zu leben."
Dann umarmte er mich und verabschiedete sich nach dem Brauch von Sant'Andrea: "Möge der Boden, auf den du deine Füße setzt, blühen!"
Der Sonnenuntergang war nahe, und die Sonne legte einen roten Saum um die bewaldeten Gipfel von Màncipa. Alles wahr ruhig in diesem Augenblick, während über dem Meer die Farben des Tages erstarben. Der Töpfer schaute mir tief in die Augen und sagte:
"Eines Tages wirst du ein Buch schreiben."
Ich schreckte zusammen und fragte: "Ich werde ein Buch schreiben?"
"Ja, du wirst ein Buch schreiben, wenn die Dinge dir klar erscheinen. Und wer es liest, wird sich glücklich schätzen."
Am Abend verabschiedete ich mich von meinen Verwandten, die für Abschiedsschmerz hielten, was in Wahrheit auch Verstörtheit angesichts der unerwarteten Voraussage des Töpfers war. Ein Freund brachte mich zum Bahnhof, wo viele Emigranten aus dem Dorf inmitten eines Wirrwarrs von Koffern, Paketen und großen Weinflaschen auf den Zug warteten.
Am nächsten Morgen kam ich in Rom an, und am Morgen des zweiten Tages erreichte ich München.
Als ich Erikas Wohnung erreichte, vermied sie meine Umarmung und sagte: "Ich muß weg. Bis heute abend!"
"Aber Erika ...", drängte ich.
"Ich bitte dich, dräng mich jetzt nicht!" gab sie zurück und ging weg.
Ich blieb allein zurück, müde von der Reise und völlig entnervt. Ich ging ins Schlafzimmer, um mich hinzulegen. Auf dem Nachttisch lag ein Zettel: Erika bat mich, auf dem Sofa zu schlafen. Mit einem Mal hatte ich keine Lust mehr auszuruhen und verließ das Haus, um am Ufer der Isar spazierenzugehen.
Der Oktober hatte die Blätter der Birken gelb gefärbt, und über der Lichtung lag unbeweglich ein feiner Nebel. Ich betrachtete die Strömung des Flusses und stellte mir vor, wie in diesem Moment das Meer bei Sant'Andrea aussah. Vielleicht wehte der Wind vom Land aufs Meer hinaus, glitt leise übers Wasser und verfärbte es, als ob eine Hand türkisblauen Samt gegen den Strich streichelte.
Ich kehrte nach Hause zurück und wartete auf Erika; ich dachte, sie würde zum Abendessen zurückkommen. Es wurde sieben Uhr, acht Uhr, neun Uhr, und Erika kam nicht heim. Ich hatte Hunger und ging in die Küche, wo ich Konservendosen und Schwarzbrot fand. Traurig dachte ich an das Brot, das meine Mutter wenige Tage zuvor aus dem Ofen geholt hatte. Sie hatte mir eine Schüssel mit Origano, Öl und Salz hingestellt. Zum Essen tauchte ich die noch warmen Brotbrocken in diese Schüssel ein. - Ich aß etwas und legte mich aufs Sofa.
Wenig später hörte ich Erika. Sie ging ins Schlafzimmer und schloß die Tür ab: zweifelsohne wollte sie mich nicht sehen und nicht mit mir sprechen. Ich war so angespannt, daß ich überhaupt nichts empfand, keine Wut, keinen Groll und nicht einmal Verlangen nach ihr, die doch im Nebenzimmer schlief. Mein Kopf war nicht mehr als einen Meter von dem ihren entfernt, zwischen uns war nur eine dünne Wand.

Am nächsten Morgen weckte mich Erika, kurz bevor sie das Haus verließ, um zur Universitätsbibliothek zu gehen: "Du kannst mich heute abend in das chinesische Restaurant einladen, das kürzlich in Schwabing aufgemacht hat," sagte sie und ging weg.
Um sechs Uhr abends ging ich zur Bibliothek, um am Ausgang auf sie zu warten. Sie war pünktlich auf die Sekunde und schaute zufrieden auf die Uhr, um sich zu vergewissern, daß sie nicht eine Minute zu spät gekommen war. Wir gingen zu Fuß zum Restaurant. Ich versuchte, irgendwie ein Gespräch in Gang zu bringen, aber sie blockte mein Drängen ab:
"Du wirst zwanzig Tage lang keine Antwort von mir bekommen, genauso lange, wie du mich auf eine Antwort hast warten lassen: du hast einen solchen Denkzettel verdient."
Das Restaurant gefiel mir sehr gut, überall hingen kleine Laternen und aus den Lautsprechern kam orientalische Musik. Wir ließen uns von einer hübschen Kellnerin überzeugen, Suppe mit Haifischenflossen zu bestellen, eine Rarität in Europa. Als die Kellnerin uns die Suppe brachte, fiel mir plötzlich ein Missionar ein, der aus China zurückgekommen war und den ich gefragt hatte, warum diese Suppe so heiße.
"Weil die Chinesen Haie einfangen, ihnen die Flossen abschneiden und Suppe daraus kochen", hatte er geantwortet.
"Und was wird aus den Haifischen?" hatte ich jenen Missionar am Seminar von Catanzaro gefragt.
Meine Kameraden waren laut herausgeplatzt, und der Missionar hatte geantwortet: "Was kann schon ein Hai ohne Flossen tun? Stell dir vor, man würde dir die Hände und die Beine abschneiden. ... Er stirbt, weil er nicht mehr schwimmen kann."

Vor mir sah ich den Haifisch, der regungslos im Meer auf der Wasseroberfläche schwamm und auf den Tod wartete. Ich ließ die Suppe stehen und aß von den anderen Gerichten. Erika und ich aßen, ohne zu sprechen, ich schaute mehrmals zu der chinesischen Kellnerin hinüber und ließ klar durchblicken, daß ich sie sympathisch fand. Mir kam in den Sinn, was Don Ciccio mir wenige Tage zuvor über die neugeborenen chinesischen Mädchen erzählt hatte, und ich dachte, daß auch diese Kellnerin riskiert hatte, schon kurz nach der Geburt getötet zu werden. Erika wurde argwöhnisch und brach das Schweigen: "Das ist das erste Mal, daß du in meiner Gegenwart eine andere Frau anschaust. Du solltest dich schämen!"
Ich versuchte, ihr zu erklären, daß ich die Kellnerin nicht bestaunte, und erzählte ihr von den chinesischen Mädchen, die gleich bei der Geburt getötet wurden. Meine Erklärung überzeugte sie nicht: "Was ist denn das für ein Blödsinn, den du da von den chinesischen Mädchen erzählst? Jedes Volk hat seine Traditionen, und China ist berühmt für seine jahrtausendealte Weisheit. Du willst mir wohl das Abendessen versauen! Wie habe ich nur eine Beziehung mit einem Italiener anfangen können?! Als ich dich kennenlernte, gefielst du mir sofort, aber schon damals dachte ich, daß ich niemals einen Italiener heiraten dürfte: jetzt habe ich keine Zweifel mehr!"
Ich trank etwas Tee, die ganze Sache war mir aber auf den Magen geschlagen, und so hatte der Tee schlimme Folgen. Ich stand auf, gerade noch rechtzeitig um mit fürchterlichem Brechreiz auf die Toilette zu gehen. Nachdem ich mich wieder zurechtgemacht hatte, ging ich zu unserem Tisch zurück und sagte Erika, daß ich draußen auf sie warten würde, weil ich frische Luft brauchte. Sie meinte, sie wolle lieber mit den Studenten vom Nachbartisch zu Ende essen. Ich könne allein weggehen, wenn ich wollte.
Ich verließ das Restaurant und ging los. Um neun Uhr abends kam ich an der Universität vorbei, wo gerade eine Gruppe von Studenten stand. Ich hörte eine mir bekannte Stimme. Alain, ein französischer Student, rief mir zu: "Eh, Italiener, warum kommst du nicht mit uns nach Paris?"
Ich näherte mich der Gruppe, um Alain zu begrüßen. Zusammen mit etwa dreißig anderen Studenten wartete er auf den Bus, der einmal in der Woche nach Paris fuhr. Es war noch ein Platz frei, und die Fahrkarte kostete nur vierzig Mark. Ich ging zu einem nahegelegenen Parkplatz und fragte einen Taxifahrer, wie lange man brauchte, um zu Erikas Wohnung hin- und wieder zurückzufahren.
"Höchstens eine halbe Stunde", versicherte er mir.
Ich stieg ins Taxi, und wenig später war ich schon in Erikas Wohnung. Mein Koffer stand noch ungeöffnet am Fußende des Sofas. Ich nahm den Koffer und meinen Reisepaß und holte meinen Mantel aus den Schrank: den Mantel, den ich für den kommenden Winter brauchte.
Das Taxi setzte mich vor der Universität ab, als der Bus schon angekommen war. Ich bezahlte die Fahrkarte, setzte mich hin, und wenig später fuhren wir los.

Tief in der Nacht verließen wir Bayern und fuhren durch den Schwarzwald auf Straßburg zu. Das Wetter verschlechterte sich: es begann zu regnen und zu stürmen. Hin und wieder öffneten sich die schwarzen Gewitterwolken und ließen die Mondsichel zum Vorschein kommen, die rötlich über den vom Sturm hin und her geschüttelten Baumgipfeln flimmerte. Ich wußte, daß Erika in ihrer Wohnung allein war und daß auch sie litt, aber ich mußte weggehen. Sie sagte oft, daß ich einer armen Seele ähnelte, die nirgendwo zur Ruhe kam. Sie hatte recht: die Priester verjagten mich, Kalabrien wies mich zurück, und auch sie selbst wies mich ab, indem sie mir unannehmbare Bedingungen stellte.

Als es hell wurde, konnten wir schon nach Frankreich hinüberschauen. In mir war es ruhig geworden, und ich war mir jetzt bewußt, daß man manchmal fliehen muß, um am Leben zu bleiben. Ich verstand, daß meine Zukunft nicht leicht sein würde, und doch hatte ich keine Angst.
Was hieß es denn schon, Land, Leute und Sprache zu wechseln? Meine wahre Heimat war das Leben.

24. Die Costa Smeralda

Ich liebte das Pariser Leben, es war so beschwingt, so funkelnd, so lebendig. Im Frühling des folgenden Jahres explodierte der Mai 1968, das größte Volksfest, das man sich überhaupt vorstellen kann: Lieder, Umzüge, Barrikaden, Freiheit und Mädchen, die aus ganz Europa nach Paris kamen.
Im August wurde ich an der Europäischen Schule für Verwaltung, am Insead von Fontainebleau aufgenommen.
Ich war berauscht von der internationalen Atmosphäre dieser Schule, von dem Wirrwarr der Sprachen, von den neuen Themengebieten wie Marketing, Finanzwissenschaft und Wirtschaftsstrategie, mit denen ich mich zu beschäftigen hatte. Die einzig gültige Losung am Insead war diese: Seid konkurrenzfähig!
Eine Frage gehörte nicht zum Unterrichtsstoff: die Frage, welchen menschlichen Preis man bezahlen mußte, um in einem Betrieb Karriere zu machen. Hätte ich gewußt, wie viel Verzweiflung, Wut, Frustration, Einsamkeit und Kummer mich meine Karriere kosten würde, wäre ich dabei geblieben, in Paris an der Berlitz School, wo ich gleich bei meiner Ankunft in der französichen Hauptstadt Arbeit gefunden hatte, Italienisch zu unterrichten.

Im Herbst 1969 begann ich, für die römische Filiale von Procter & Gamble zu arbeiten. Bei Procter, wie die Firma kurz genannt wurde, galt für alle, die im Bereich Marketing tätig werden wollten, eine eiserne Regel: man mußte zuerst sechs Monate lang als Verkäufer in einer repräsentativen Zone des Marktes arbeiten. Mir wurde das Gebiet zwischen Padua und Chioggia zugeteilt.
Ich mußte durch den Nebel fahren und Seifen und Putzmittel an Händler verkaufen, die mir zwischen zwei Kundengesprächen gelangweilt zuhörten. Um sie zum Kauf zu bewegen, mußte ich ihnen Probestücke von Werbegeschenken wie Stahltöpfe, elektrische Züge, und dergleichen mehr präsentieren, die sie beim Kauf erhalten würden. Bei dieser Arbeit schämte ich mich fast zu Tode.
Nach sechs Monaten wurde ich endlich an die römische Filiale der Firma versetzt, um im Bereich Marketing zu arbeiten. Die Kontrollverfahren und -systeme waren ungeheuer streng: die Firma hatte es mit Massenkonsumgütern zu tun, deren Absatz ungeheuer stark von den Launen der Kundschaft abhängt. Jede Veränderung, mochte es auch nur um die neue Farbe einer Seife gehen, wurde nur nach einer Unzahl von Prüfungen und Kontrollen durchgeführt: Procter war keineswegs zu Unrecht als Marketing-Schule berühmt und berüchtigt.
Ich empfand die zwanghaft penible Atmosphäre in diesem Betrieb als beklemmend, und so suchte ich nach etwas Wichtigerem, nach einer Arbeit, wo ich mehr mit der Öffentlichkeit zu tun hätte. Der Leiter der Marketing-Abteilung, mit dem ich auch gestritten hatte, war mir unsympathisch; er hatte mir klar und deutlich gesagt, daß er keine Träne vergießen würde, wenn ich die Firma verließ ...
"Das ist eine Arbeit für dich, da kannst du deine Seifen und deine Putzmittel vergessen. Stell dir nur vor: Millionäre, Schiffe, schöne Frauen, das sardische Meer ...", sagte mir eines Tages mein Freund und Kollege Mario Miccoli.
Und er zeigte mir eine große Zeitungsanzeige: die Immobilienagentur der Costa Smeralda mit Sitz in Porto Cervo suchte einen Marketingdirektor. Dieselbe Anzeige sah ich auch in den anderen größeren europäischen Zeitungen, und schließlich bewarb ich mich um die Stelle.
Eines Morgens ging ich aus geschäftlichen Gründen zur Fabrik von Procter in Pomezia. Es war ein sonniger Tag, und so verging mir die Lust, in die Büros in Rom-EUR zurückzukehren. Ich setzte mich auf eine Wiese, lehnte mich an eine Mauer und sann darüber nach, wie man die Verkaufsquoten von Dash erhöhen könnte. Irgendetwas muß die Leute dazu bewegen, mehr davon zu kaufen - aber was? fragte ich mich und grübelte lange. Die Antwort gab mir ein Esel, der ganz in der Nähe Gras abfraß. Wer weiß warum, jedenfalls rief mir der Esel Philipp von Mazedonien, den Vater Alexander des Großen, ins Gedächtnis, der einmal gesagt hatte: "Es gibt keine befestigte Burg, die ein mit Gold beladener Esel nicht einnehmen könnte."
Am nächsten Tag arbeitete ich eine Taktik zur Verkaufsförderung aus, die vorsah, den Dashverpackungen Zehntausende von Goldmünzen und Silbertalern beizugeben. Der Vorschlag wurde angenommen, und im Laufe der Vorbereitungen wurde die Atmosphäre bei Procter immer gespannter. In diesen Tagen rief mich Bruce Mac Eacharn, der Leiter der Immobilienagentur der Costa Smeralda, an: "Hallo", sagte er mit einem starken englischen Akzent, "warum kommen Sie nicht mal nach Porto Cervo? Prinz Karim Aga Khan möchte mit Ihnen sprechen."
In einer Dezembernacht des Jahres 1972 kam ich am Flughafen von Olbia an, mietete ein Auto und fuhr zur Costa Smeralda. An der Weggabelung von San Pantaleo stieg ich aus, um den Wegweiser besser lesen zu können. Ich schaute nach oben und sah einen wolkenlosen Sternenhimmel.
Dieser Himmel war unendlich viel schöner als das Schauspiel, das mir mein Freund Bertrand in Paris geboten hatte. Bertrand arbeitete beim Juwelier Chaumet an der Place Vendôme. Eines Tages hatte Bertrand ein großes schwarzes Stück Stoff aus dem Tresor geholt und aufgerollt: vor meinen Augen glitzerte eine Vielzahl von großen und kleinen weißen, blauen und rosa Brillanten. Jetzt schienen mich unendlich viele blinkende Sterne in Sardinien willkommenzuheißen: ich begriff, daß ich unter diesem Himmel leben und dieses Land lieben würde.

Anfang Mai 1972 zog ich nach Porto Cervo um und verstand, was ich für ein Glück gehabt hatte. Die ganze Gallura erstahlte in der Blüte von Zistrosen und Ginster. Der Duft der Blüten war berauschend und das Sonnenlicht schneidend wie eine neue, eben erst aus ihrer Hülle geschälte Rasierklinge.
Bald kam der Sommer und mit ihm eine Unzahl von Booten. Von der felsigen Küste aus sah ich die Segel über Wellen gleiten, in denen sich das weiße Licht der Sonne widerspiegelte. Am Ende des Sommers meinte Bruce Mac Eacharn eindringlich: "Versuche, schnell fertig zu werden. Der Prinz wartet auf den Marketing-Bericht, den du ihn versprochen hast. Du wirst sehen, daß er ihn noch heute wird haben wollen."
Der Prinz verlangte den Bericht tatsächlich, und so versuchte ich, Zeit zu gewinnen. Ich wollte mit allen leitenden Angestellten sprechen, die verschiedenen Themen genau untersuchen, alle wichtigen Aspekte analysieren und mir ein Urteil über die Verbindungen zwischen den verschiedenen Sektoren, dem Immobilienmarkt, dem Transportwesen, dem Hafen, den Hotels, bilden.
So kam der Sommer des nächsten Jahres. Ich hatte hart an meinem Bericht gearbeitet, in dem ich klare Richtlinien für die Verwaltung der Costa Smeralda verlangte. Alle leitenden Angestellten beklagten sich über die Widersprüchlichkeit der Anweisungen des Prinzen und die zahlreichen Probleme, die daraus folgten. Der Prinz wollte sich um alles kümmern, alles wissen, alles kontrollieren: die Costa Smeralda war seine Schöpfung. Die Ausmaße des Betriebs und die Planung seiner weiteren Entwicklung verlangte aber inzwischen ein starkes Management mit einer klaren Arbeitsteilung. In gewisser Weise gab ich dem Prinzen zu verstehen, er solle beiseiterücken und die Betriebsleitung an andere delegieren: angesichts des starken, unduldsamen Charakters des Prinzen konnte mein Vorgehen mich einiges kosten. Silvia Casablanca, die den Prinzen kannte, hatte mich gewarnt: "Man darf Karim nie widersprechen."
In einer Frage glaubte ich allerdings das Schlüsselproblem der ganzen Entwicklung zu sehen: was die Beziehungen mit den Sarden anging, drohte Aufruhr.
Ich empfand Sympathie für die Sarden und für ihre uralte Kultur, versuchte ihre Sprache und die eleganten Schnörkel der Gallura-Mundart zu verstehen. Und ich mochte die bewaffneten Wachen des Konsortiums der Costa Smeralda nicht, die an Gittertoren den Sarden den Zugang zum Meer versperrten. Ich wußte noch, wie die mit Gewehren bewaffneten Wachen des Marchese Lucifero meinen Vater und mich fürchterlich gedemütigt hatten, weil sie uns zurückwiesen, als wir mit einem Ochsenkarren die enge Straße zum Meer von Sant'Andrea durchfahren wollten.
Mich beunruhigte die Geisterhaftigkeit von Porto Cervo, wo alle Haustüren und alle Fenster elf Monate im Jahr verschlossen blieben. Sobald die Sonne hinter der Insel La Maddalena verschwand, sank mit der Dunkelheit eine große Trostlosigkeit über das Land: das sardische Personal mußte jeden Abend nach Olbia oder nach Arzachena zurückkehren. Es gab keinen Fischhändler, keinen Bäcker, kein Obstgeschäft: Prinz Karim kontrollierte alles, alles war teuer, der Aga Khan wollte nicht, daß irgendjemand aus der Bevölkerung hier seinen festen Wohnsitz hätte.
Ich schrieb offen über die Spannungen zwischen der Costa Smeralda und Sardinien und machte den Erfolg des Unternehmens von einem taktvollen und harmonischen Zusammenleben mit den Sarden abhängig. In dieser Frage hatte ich dem Drängen der um meine Zukunft besorgten Kollegen nicht nachgegeben, die mir zu verstehen gaben, daß diese Frage tabu sei. Ich vertraute trotzdem darauf, daß der Prinz verstehen würde. Ich hatte die Pflicht, ihn auf dieses Problem hinzuweisen, auch und gerade in seinem eigenen Interesse.

Im Spätsommer 1973 berief der Prinz in Paris eine Sitzung aller leitenden Angestellten der Costa Smeralda ein, auf der mein Bericht diskutiert werden sollte. Wir begaben uns in seine wunderschönen Büros ganz in der Nähe von Notre-Dame und stellten uns wie immer darauf ein, auf ihn zu warten. Es war normal, daß er sich verspätete, aber diesmal kannte er weder Maß noch Ziel: die Sitzung hatte um drei Uhr mittags anfangen sollen, und es wurde sechs Uhr, sieben Uhr, acht Uhr ... Ich war nervös und blickte verschwitzt auf das Lapislazuliportrait, das den alten Aga Khan, Alìs Vater und Karims Großvater, darstellte, der einst dreimal gewogen worden war und von den ismailitischen Gläubigen so viel Kilogramm Silber, Gold und Diamanten bekommen hatte, wie er selbst wog.
Schließlich kam die Sekretärin des Prinzen und teilte uns mit, das der Aga Khan wegen wichtiger geschäftlicher Angelegenheiten anderswo hatten bleiben müssen. Das war ein schwerer Schlag, fast fühlte ich mich, als hätte man mir den Todesstoß versetzt.
Als ich nach Porto Cervo zurückkam, fand ich ein Telex des Prinzen vor: er entschuldigte sich bei mir für sein Ausbleiben. Das Entschuldigunsschreiben genügte nicht, um mich aufzuheitern: schon sah ich einen häßlichen Riß in meinem Plan, mit neuen Menschen in einer internationalen Atmosphäre an einem schönen Ort zusammenzuleben. Aber noch konnte ich es schaffen, sagte ich zu mir selbst, um mir Mut zuzusprechen.
Neuling, der ich war, konnte ich ja schließlich nicht verlangen, dem Prinzen, dem Schöpfer und Herrn der Costa Smeralda, vorzuschreiben, was er zu tun hatte.


25. Das Grab der Riesen

Ich entdeckte das Grab der Riesen, als ich zum Pferch von Piccus fuhr, um sardischen Schafskäse zu kaufen, den man dort nach alten Rezepten herstellte. Ich hatte mich mit dem Auto in die Landschaft um Arzachena hineingewagt, die von enormen Granitmassen durchsetzt war. Die Feldblumen auf den Wiesen wirkten wie Farbflecken, als ob Giotto, des Malens müde, die Farben seiner Werkstatt hier weggeworfen hätte.
In der Nähe des Pferches sah ich ein megalithisches Denkmal, einen Komplex von großen, hoch oben auf dem Gipfel eines Hügels eingelassenen Steinblöcken, das "Grab der Riesen". Dieses Denkmal geht auf jene Kultur zurück, die die Anthropologen "Kultur von Capichera" nennen: es wurde Jahrtausende vor Christus errichtet. Wer weiß, welche Hoffnungen und Ängst jene Menschen bewegten ...

Auf dem Rückweg nach Porto Cervo sah ich am Rand der kleinen Straße, die zur Villa des Prinzen führt, einige orientalisch gekleidete Männer und Frauen. Die allmonatlich vom Prinzen einberufenen Zusammenkünfte dauerten stets eine Woche, und wenn ich vom Büro zu meiner Wohnung fuhr, sah ich immer wieder dieselben geduldigen, traurigen Gesichter. Ich wurde sehr neugierig und fragte diese Leute, worauf sie dort warteten. Sie erklärten mir, sie seien Ismailiten aus Pakistan und seien gekommen, um den Prinzen, ihren Imam, ihren Papst sozusagen, zu sehen. Einige Tage zuvor habe er sie in Paris nicht empfangen, und so hofften sie, er werde ihnen nun in Porto Cervo eine Audienz gewähren. Ich wunderte mich sehr: warum hatte niemand dem Prinzen etwas davon gesagt? Ich wollte mich selbst um die Sache kümmern und wandte mich an seine Sekretärin, die mich sofort kaltstellte: "Wagen Sie nur nicht, den Prinzen auf eine solche Sache anzusprechen. Er will absolut nichts mit Gläubigen zu tun haben, die ihm mit ihren Geschichten belästigen."
Ich war unangenehm überrascht. Was für ein Mensch war der Aga Khan, wenn er Ismailiten, die aus Pakistan nach Paris gekommen waren und die ihm dann mit ihrem letzten Geld nach Sardinien nachgereist waren, nicht eines Wortes würdigte? Warum zog er dann weiterhin jedes Jahr den Zehnten ein, den die Gläubigen an ihn entrichten mußten? In den folgenden Jahren sah ich mehr als einmal andere Ismailiten, die stets geduldig am Rand der kleinen Straße saßen und vergeblich Süßspeisen in den Händen hielten, die sie dem Aga Khan schenken wollten. Nicht einmal ein Deutscher, der in den Arabischen Emiraten lebte und sich zum ismailitischen Glauben bekehrt hatte, wurde empfangen. Er war durch Porto Cervo gezogen, und in der Hoffnung, ich würde mich für ihn einsetzen, war er in mein Büro gekommen.
Der Mann wollte den Prinzen sehen, damit er seinem Sohn einen Namen gäbe: die Ismailiten glauben, daß ein neugeborenes Kind reich und glücklich wird, wenn der Aga Khan seinen Namen auswählt. Der Bekehrte, dem keine Audienz gewährt wurde, tat mir leid. Ich sagte zu ihm: "Geh nach Hause zu deiner Frau und zu deinem Kind. Wähle selbst den Namen aus, der dir am besten gefällt. Wenn du auf den Prinzen wartest, wirst du nur Zeit verlieren: er wird dich nie empfangen."
Der Deutsche war betroffen, nahm aber meinen Rat an und zog kleinlaut seiner Wege. Mir schien, als ob ich die beiden Frauen, Mutter und Tochter, aus Nardodipace wiedersähe, die Bischof Fares einst verjagte, nachdem er der Tochter die Firmung verweigert hatte.
Da verstand ich, wie naiv es gewesen war zu glauben, der Prinz könne die Sarden akzeptieren. In seinem Kopf gab es nur eine Welt, und diese Welt ähnelte einem englischen Club, einem seichten, auserlesenen Verein, wo alle nur über die neueste Mode diskutierten und die modernsten Dinge anhäuften, um nur ja zu verstecken, wie sehr das Leben sie langweilte. Ismailiten, Sarden und Kalabresen waren dagegen wirkliche Menschen, die das Leben ernsthaft angehen mußten, wenn sie überleben wollten.

Eines Morgens traf ich Elena Suarez auf dem Dorfplatz von Porto Cervo. Elena sog kräftig an ihrer Pfeife, spuckte einen ordentlichen Schleimklumpen, der mich dann nur knapp verfehlte, gegen den Wind und sagte:
"Ich habe das Plätzchen für uns gefunden. Ein Stück Land, das man von nirgendwo sieht, oben auf der Hochebene von Porto Cervo. Der Marktwert ist sehr gering. Wir werden uns ein paar Villen bauen lassen, nur für die leitenden Angestellten. Ohne einen Preisnachlaß zu beantragen, werden wir das Land kaufen und alles mit unserm Geld bauen lassen. Der Prinz kann mir das nicht mehr abschlagen! Ich bin hier die Chefin der Landplanung! Dem Werbeleiter, Carlo Bonomi, habe ich gesagt, er solle eine kurze Diskussionsvorlage zu dieser Sache aufsetzen."
Elena war eine amerikanische Architektin, eine Exilkubanerin, die sich in Sardinien niederlassen wollte. Sie wußte genau, was sie wollte und hatte vor niemandem Angst. Einmal streckte sie sogar einen Mann, der sie im Restaurant belästigt hatte, mit einem Faustschlag nieder.
Am nächsten Tag hatten wir eine Sitzung mit dem Prinzen. Mit dem Ablauf der Tagesordnung war er im wesentlichen zufrieden. Am Ende der Sitzung ließ Carlo Bonomi die Diskussionsvorlage - ein Papier, auf dem um eine Kaufgenehmigung für das erwähnte Landstück in Porto Cervo ersucht wurde - wie zufällig auf den Tisch gleiten. Der Prinz sah die Diskussionsvorlage und lehnte sie schroff ab: "Ich kann einen dergleichen nicht billigen."
Ohne sonst noch etwas zu sagen, stand er auf, um sogleich nach Paris zu fliegen.

Die Geschäfte der Costa Smeralda liefen keineswegs gut. Die Konstruktion neuer Immobilien ging nur schleppend voran, es war schwer, neue Baugenehmigungen zu bekommen, man verkaufte ebenso schnell oder langsam wie man baute, und das hieß: man verkaufte wenig. 1975, zehn Jahre nach der Gründung der Firma, war an der Costa Smeralda noch nicht einmal eine der sieben Millionen im Plan vorgesehenen Kubikmeter gebaut worden. Der Saisonbetrieb erstickte diesen Ort, der nur einen Monat im Jahr lebte, um dann wieder in Lethargie zu verfallen. Es war klar, wie man dieses Problem zu lösen hatte: man mußte die Saison verlängern; man mußte Aktivitäten und Aufenthaltsmöglichkeiten einführen, die nicht an den Hochsommer gebunden waren. Man brauchte einen starken fest ansässigen Bevölkerungskern. Außerhalb der Hochsaison, wenn Nordeuropa von der Kälte und vom Regen heimgesucht wurde, war Sardinien wunderschön. Und es gab zur Genüge Leute, die sich in Porto Cervo niederlassen wollten: Künstler, Ruheständler, Jugendliche, die aus ihrer angestammten Umwelt ausbrechen oder einfach ein anderes Leben anfangen wollten. Und dann gab es ja auch die Sarden.
Die weitere Entwicklung war zum Scheitern verurteilt, wenn der Prinz sich nicht zu solchen Umorientierung entschließen würde. Da halfen die endlosen allmonatlichen Sitzungen nicht weiter: man mußte Leute an diesen Ort holen.
Meine Anstrengungen waren nicht vergeblich. Ich hatte auf das einzige Mittel zurückgegriffen, das mir noch geblieben war: die Eindeutigkeit der Marktanalysen. Der Prinz billigte ein von mir vorgeschlagenes großes Forschungprojekt, das von Paul Berent, dem Präsidenten der International Marketing Federation in Europa, durchgeführt werden sollte. Bei Abschluß dieses Projekts entschied der Prinz, den Hafen bauen zu lassen und neue Clubs zu eröffnen. Die Entwicklung stagnierte, alles blieb entsetzlich leer. Paul Berent selbst gab mir zu verstehen, daß er der Zukunft der Costa Smeralda ratlos gegenüberstand: "Der Prinz will keine Leute um sich haben. Für ein solches Unternehmen brauchte man aber mehr als Geld. Aber warum will er keine Leute um sich haben? How extraordinary! ..."

Der Prinz begann, seine schlechte Laune an den leitenden Angestellten auszulassen, die ihre Stelle immer schneller anderen überließen.
"Alle verdienen Geld, nur ich nicht", klagte er.
Im Frühling 1977 bat mich der Leiter der Immobilienagentur, John David Rose, der Nachfolger von Anthony Bradford, Nachfolger von Heiner Flag, Nachfolger von Bruce Mac Eacharn, mit ihm zu Mittag zu essen. Höchst verlegen flehte er mich an: "Please, please, such dir eine andere Stelle. Der Prinz hat bei der letzten Sitzung so schlecht von dir gesprochen ... Was hast du ihm denn getan? Mir scheinst du ein hervorragender, gut ausgebildeter, ausgeglichener Mitarbeiter zu sein ..."
John David Rose beriet sich mehrmals mit mir. Auch er wollte eine Diskussionsvorlage aufsetzen, mit deren Hilfe die Probleme gelöst werden könnten, und bevor er den Text dem Prinzen vorlegte, zeigte er ihn mir. Die Diskussionsvorlage ließ an Klarheit und an Härte nichts zu wünschen übrig. John wiederholte leidenschaftlich dieselben Argumente, die andere ebenso wie ich selbst schon oft schriftlich und mündlich vorgebracht hatten. Er fragte mich, wie die Sache meiner Meinung nach wohl weitergehen würde, und ich antwortete ihm: "Mit dieser Diskussionsvorlage wirst du dich selbst überzeugen, daß du auch den letzten Trumpf ausgespielt hast. Du wirst dir so den Aga Khan zum Feind machen, aber vielleicht ist es besser so."
Es folgten verschiedene Sitzungen, in denen John sich heftig mit dem Prinzen auseinandersetzte. Und eines stürmischen Tages machte er sein Boot klar, zerbrach vor Wut sein Radio und segelte auf das aufgewühlte Meer hinaus, zurück in die Vereinigten Staaten.

Die Probleme, mit denen die Costa Smeralda zu kämpfen hatte, waren klar ersichtlich. "Der Prinz hat schlechte Ratgeber", meinten die Leute und wußten nicht, daß auf der ganzen Welt nie jemand besser beraten worden war.

Ich hatte schon fast den Entschluß gefaßt, die Costa Smeralda zu verlassen, als Christine plötzlich krank wurde.
Christine, eine junge Engländerin, die bei Procter & Gamble arbeitete, war meine Lebensgefährtin. 1975 hatte sie mir eine wunderschöne Tochter geschenkt, der wir den Namen Gabriella gaben.
Christine war zur Behandlung nach England zurückgekehrt, und ich war monatelang gezwungen, so zu tun, als ob ich aus geschäftlichen Gründen nach England führe. Sie wußte nicht, daß sie ein bösartiges Geschwür hatte, und klagte nie über ihre grauenhaften Schmerzen. Als ich sie zum letzten Mal sah, schaute sie mich lange eindringlich an. In ihren Augen war nichts als Liebe, Frieden und Licht, ein ungeheuer helles Licht.
Sie starb, und eines Morgens streute ihr alter Vater Bertie ihre Asche zwischen die Blumen seines Gartens.


26. Das beste Geschäft

Im Frühling 1980 ordnete der Prinz ganz plötzlich an, die dem Dorfplatz von Porto Cervo zugewandten Büros der Immobilienagentur zu räumen. Er hatte beschlossen, in diesen Räumen die Portikusbar einrichten zu lassen, die später mit Blick auf die für den hastigen Umbau aufgewendeten Unsummen auch Milliardenbar genannt wurde. Zusammen mit den anderen Mitarbeitern aus dem Büro mußte ich in aller Eile in ein noch im Bau befindliches Haus umziehen.
Im Sommer blieb die Milliardenbar schrecklich leer, und der Prinz konnte kaum an diesen seinen x-ten Mißerfolg glauben. Er hatte in reichlichem Maße Geld und wertvolles Material zur Verfügung gestellt, aber die Bar war, wie alle seine Initiativen, teuer, kalt und unbehaglich. Ich sah darin die letzte Bestätigung meiner Überzeugung, daß die Costa Smeralda, so wie er sie sich vorstellte, nichts als ein Desaster war. Ich brachte meine Meinung klar zum Ausdruck; der Prinz und seine Drohungen waren mir inzwischen völlig gleichgültig.
Ich glaubte auch den Intriganten nicht, die einen Aufschwung durch neue Baugenehmigungen versprachen.
Mit ihrem ganzen Hin und Her waren sie lediglich so weit gekommen, einige bis dahin anständige im öffentlichen Dienst und in der Politik beschäftigte Sarden zu korrumpieren und dem Aga Khan zum Trotz vor allem ihre eigenen Taschen mit Geld zu füllen. In der Gallura sagt man:
"Wer mit Honig arbeitet, leckt sich die Finger."

Am Morgen des 14. August 1980 rief mich Don Raimondo, der Pfarrer von Porto Cervo, zu Hause an. Don Raimondo war auf dem Land geboren worden, in Miralveda in der Nähe von Arzachena, lange bevor man die Costa Smeralda ins Leben rief. Mir gegenüber konnte er seine menschliche Seite zeigen, und wie in Süditalien üblich, sagten wir "Ihr" zueinander. Don Raimondo lud mich ein: "Warum kommt Ihr nicht mit zu Familie Orecchioni in Liscia di Vacca: es gibt frische Feigen!"
"Ich habe so viel zu tun; ich muß noch den Monatsbericht für den Prinzen abschließen", antwortete ich.
"Feiert Ihr in Kalabrien denn nicht den Vortag von Mariä Himmelfahrt?"
"In Kalabrien schon, aber solange dieser Bericht nicht fertig ist, kann ich mich nicht von der Stelle rühren."
"Wegen eines Berichts solltet Ihr Euch nicht den Tag verderben. Vergeßt nicht, daß die Dinosaurier zu Eidechsen geworden sind und daß Atlantis im Meer versunken ist."
Auf diese Bemerkung hin gab ich mich geschlagen. Ich nahm die kleine Straße, die von meiner Wohnung zur Kirche führte, und zusammen schauten wir vom Hafen aus aufs Meer hinaus, wo zahlreiche Schiffe vor Anker lagen. Der Mistral ließ die Wanten gegen die Segelmasten der Segelboote schlagen und gab auf diese Weise ein großes Konzert. Don Raimondo seufzte: "Wenn so viele Leute hier sind, fühle ich mich wieder wohl; aber wenn dann der Sommer vorbei ist, bedrücken mich all diese verrammelten, leeren Häuser: warum benutzen wir sie nicht, um Leuten, die keine Wohnung haben, ein Dach über dem Kopf zu geben? An diesem Ort könnte neues Leben erblühen ..."
In Liscia di Vacca wurden wir herzlich von Familie Orecchioni empfangen. Zusammen mit Familie Azara aus Abbiadori bildete diese Familie die uransässige Bevölkerung dieser Gegend. Don Raimondo kommentierte: "Lecker, diese Feigen! Aber die mit Anissamen und Mandarinenschalenstückchen gefüllten trockenen Feigen, die Ihr mir aus Kalabrien mitbringt, sind doch nochmal was ganz anderes!"
Als ich mich von Don Raimondo verabschiedete, kam mir seine Anspielung auf die Dinosaurier und auf Atlantis wieder in den Sinn. Ich entschied, daß der Bericht für den Prinzen warten konnte. und ging zu Fuß über den Feldweg, der nach Porto Liccia führt, an den hinter dem Hotel Romazzino gelegenen Strand. Ich verweilte lange zwischen den Felsen an einem von grünlichem Wasser bespülten Strand, wo vom Sand und von den Felsen reflektiertes Licht das Wasser immer wieder türkis und violett aufflackern ließ. Als ich am Nachmittag nach Hause zurückkehrte, traf ich beim Zeitungsverkäufer Abbiadori den alten Battista Azara, Onkel Battista, wie er von allen genannt wurde.
"Wie geht's uns denn, Onkel Battista?"
"Gut! Komm doch mal mit in mein Büro", sagte er und schaute mich mit seinem uralten undurchdringlichen Lächeln an.
Sein "Büro" war die Bar, wo Onkel Battista seine Gesprächspartner immer zu einem "kalten Tee", d.h. zu einem Brandy, einlud. "Die Farbe ist ja schließlich dieselbe", meinte er.
Wir setzten uns hin, tranken unseren Brandy, und Onkel Battista erzählte von der Zeit, als er noch die Kühe vom Strand von Romazzino übers Meer brachte. Der Sommerwind und die Sommersonne der Gallura verbrannten das wenige Gras dieser steinigen Landschaft. Die Einwohner von Abbiadori mußten deshalb die Kühe zwingen, zur Insel von Mortorio hinüberzuschwimmen, wo die Feuchtigkeit der Nacht Gras wachsen ließ. Auf diese Weise konnten die Kühe überleben, und auch die Wächter überlebten, indem sie wilde Kaninchen jagten.
"Schlimme Zeiten", meinte ich.
"Nein, schöne Zeiten, auch wenn es schwer war. Damals machten wir uns nicht gegenseitig des Geldes wegen kalt und lebten friedlich miteinander. Jetzt ist Geld ins Land gekommen und hat alles kaputtgemacht. Maul und Arsch!"
Onkel Battista gebrauchte diesen Ausdruck, um anzustoßen. Er stieß mit dem oberen Rand und mit dem Boden seines Glases an das Glas seines Gastes und rief: "Maul und Arsch!"
Dann fragte er mich: "Sag mal, stimmt das, daß es so viel kostet wie ein Schaf, wenn jemand mit seinen Freunden an der neuen Bar auf dem Dorfplatz von Porto Cervo einen trinken gehen will?"
Ich rechnete die Sache kurz durch und antwortete: "Ja, das mag schon sein."
Onkel Battista war sehr betroffen. Dann beklagte er sich, weil ich mich nur so selten sehen ließ.
"Willst du Nudeln mit Krabbensoße essen? Hast du Lust auf Fisch in Kräutersoße?"
"Aber Onkel Battista, ich habe keine Zeit. Ich muß schauen, daß ich jetzt in der Hochsaison Geschäfte abschließe!" wehrte ich ab und stand auf, um loszugehen.
Onkel Battista drückte mir zum Abschied enttäuscht die Hand und sagte: "Geschäfte, Geschäfte! Was ist das beste Geschäft? Antworte mir, wenn du es weißt!"
Ich spielte mit und machte verschiedene Antwortversuche. Onkel Battista schüttelte den Kopf und sagte schließlich: "Das beste Geschäft ist das Geschäft, das man nicht abschließt."
"Warum?" fragte ich verblüfft.
"Es ist gut und richtig, das zu tun, was man zum Leben braucht. Was darüber hinausgeht, ist nutzlos. Und das Geschäftemachen bringt immer Sorgen ins Haus. Unsere Väter sagten immer, Sardiniens Verderben werde übers Meer zu uns kommen. Sie hatten recht. Für ein paar lausige Lire haben wir unser Land und unsere Würde verloren. Jetzt schämen wir uns, arm zu sein, und wir haben nicht mal mehr Zugang zu den Stränden, an denen wir geboren wurden.
Mitte der Fünziger Jahre kam John Duncan Miller als Abgesandter der Weltbank hierher, um sich über die möglichen Hilfsmittel für Sardinien ein Bild zu machen. Auf dem Rückweg mußte er in Olbia auf die Fähre warten und nutzte die Zeit, um sich mit einem Jeep in diese Gegend fahren zu lassen. Hier traf er Nicola Azara, der bei der Cala di Volpe Ziegen weidete. Ihm blieb der Mund offenstehen, als er sah, wie schön diese Gegend war, und erzählte überall so viel davon, daß die Sache dem Prinzen zu Ohren kam.
Noch vor dem Aga Khan kamen ein paar Leute herbeigeeilt, die unser Land kauften, um es dann zu höheren Preisen an den Prinzen weiterzuverkaufen. Manchmal gaben sie uns ungedeckte Schecks: was wußten wir denn schon von gedeckten und ungedeckten Schecks? Kennst du die Geschichte von Ghilardi aus Arzachena, der sein Land nicht verkaufen wollte? Eines Tages bot der Prinz ihm eine Milliarde an! Er wußte nicht, was eine Milliarde ist. Er wollte mehr und verlangte achthundert Millionen!"

Nach Hause zurückgekehrt, setzte ich mich auf die Terasse und dachte über die Begegnungen dieses eigenartigen Tages nach, während das Meer sich seinen blauen Abendmantel überzog.
Ich schloß die Augen und sah die Kirche von Campo vor mir, ein in der Nähe des Saluro gelegenes Kirchlein. Entlang des Saluro verläuft die Südgrenze von Sant'Andrea. Als kleiner Junge rannte ich am Tag vor Mariä Himmelfahrt immer vor den anderen zu dieser Kapelle. Ich wollte zusammen mit der alten Concetta ankommen und sehen, wie sie den eisernen Schlüssel ins Schlüsselloch steckte und gegen die Tür drückte, die sich knarrend öffnete. Wir fegten und putzten zusammen den Backsteinboden und legten eine schneeweiße Tischdecke auf den Altar. Auf dem Bild an der Wand schauten die bärtigen Apostel zur Madonna hinauf, die auf das Licht einer fernen Welt zuflog.

Wie durch einen Zauber waren gerade zehn Jahre vergangen, seit ich nach Sardinien gekommen war. Neun kurze Sommer und zehn lange Winter in einer Natur, die so vollkommen war, daß sie mir jetzt, da ich keine Zukunftsaussichten hatte, beängstigend vorkam. Anfang Februar 1981 rief mich der Personalchef, Nicola Costantino, zu sich und sagte: "Der Prinz will, daß du weggehst. Ich werde dir Geld geben lassen ..."
Ich hielt diese Arbeit nicht mehr aus und wollte weggehen. Aber der Gedanke, Sardinien verlassen zu müssen, brachte mich völlig durcheinander: ich hing an diesem Land wie eine Molluske an der Klippe.
Als das Flugzeug der Alisarda vom Flughafen von Olbia abhob, schaute ich schwermütig auf die Gipfel des Limbara, auf die Insel Tavolara, auf die Buchten dieses Traummeers und dachte daran, wie sehr sich mein Leben geändert hatte seit jenem Abend, an dem ich - eben erst in Sardinien angekommen - den Sternenhimmel betrachtet hatte.
Ich fuhr zu meinen Eltern nach Kalabrien, war aber ungeheuer aufgeregt, und mit einem Mal ging es mir so schlecht, daß ich in aller Eile in Catanzaro ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte. Zum Glück war es nicht das Herz, auch wenn Angst und Furcht mir die Brust gnadenlos zusammengepreßt hatten, als wollten sie meinen unmittelbar bevorstehenden Tod ankündigen.
Im Krankenhaus lag ich zusammen mit anderen Leuten aus meiner Heimat in einem großen Zimmer: ein Barbier aus Gimigliano, ein Jongleur aus Caraffa, ein Bergmann aus Simbario, ein Säufer aus Badolato, ein Fischer aus Soverato, gutherzige Menschen, die nichts anderes wollten, als den anderen gefällig zu sein: in diesem Krankenzimmer begann mein Geist sich von den Giften zu befreien, die er am Hof des Prinzen in sich aufgenommen hatte.
Nach einer Woche verließ ich das Krankenhaus, blieb vor dem Eingang des nahegelegenen Regionalseminars stehen und lauschte, ob ich einen Choral oder einen Gebetschor hören könnte.
Erst nach einigen Minuten merkte ich, daß die Gittertür mit einer Kette und einem Hängeschloß zugesperrt war. Hatte man das große Seminar geschlossen? Verblüfft fragte ich den Zeitungsverkäufer an der nächsten Straßenecke danach. Er antwortete: "Jetzt, wo es staatliche Schulen gibt, will keiner mehr Priester werden. Aber warum interessiert Euch das so sehr?"
Mit neuem Schwermut im Herzen kehrte ich nach Sant'Andrea zurück. Was war wohl aus dem Hörsaal, dem Refektorium, aus meinem Bett und aus der Kapelle, in der ich so viel gebetet hatte, geworden?


27. Die Villa am Lago Maggiore

Um wieder zu Kräften zu kommen, blieb ich den Frühling über in Sant'Andrea. In der Zwischenzeit hatte ich mir vorgenommen, bei der Entwicklung der französischen Insel Cavallo an der Bocca di Bonifacio mitzuarbeiten. Das bedeutete, daß ich fast das ganze Jahr über in Mailand arbeiten und den Sommer auf der Insel verbringen würde. Als ich meine Eltern darauf ansprach, wurde meine Mutter giftig und sagte: "Sieh zu, daß es dir nicht wieder genauso geht wie mit dem Aga Khan. Als ich dich fragte, ob er dich mag, wurdest du wütend und sagtest mir, ich verstünde nichts von der modernen Welt. Wenn ein Mensch dich nicht mag, wird er dich früher oder später verraten."
Auch mein Vater griff in das Gespräch ein: "Ist Cavallo nicht die Insel, wo Vittorio Emanuele von Savoyen mit einem Jagdgewehr einen jungen deutschen Mann erschossen hat?"
"Genau die ist es", gab ich zu.
"Dann hat deine Mutter recht: du solltest zusehen, daß du mit diesem Prinzen nichts zu schaffen hast."
"Was hat er euch denn getan?" protestierte ich.
Mein Vater war empört: "Diese Leute da sind fähig, sich anbeten zu lassen, während sie dir das Blut aussaugen. Widerliche Feiglinge! Einer der Ahnen dieses Prinzen, Vittorio Emanuele II, schickte 1866 meinen Großvater in den Krieg gegen Österreich. Mein Großvater hatte Glück: er kehrte lebend zurück und bekam auch eine Monatsrente von zweieinhalb Soldi; das reichte ihm gerade, um sich Zigarren zu kaufen. Vittorio Emanuele III war da anders: er schickte meinen Vater im Ersten Weltkrieg an die Front; mein Vater starb an den Folgen einer Erfrierung an der Schulter und ließ seine Frau und acht Kinder allein zurück, ohne Rente. Derselbe König eroberte dann zusammen mit Mussolini Albanien, Äthiopien und Eritrea. Das reichte ihm aber nicht. Er wollte mich auch noch wegschicken, damit ich ihm Griechenland eroberte. Der König und Mussolini konnten mich aber schlicht und ergreifend am Arsch lecken, ich habe das Gewehr auf meinen Kompaniechef gerichtet, verflixt und zugenäht!"
Als mein Vater mir das erzählte, blieb mir vor Staunen der Mund offenstehen: "Warum habt Ihr mir nie etwas davon gesagt? Wann ist das passiert?"
Mein Vater erzählte weiter: "Als der zweite Weltkrieg ausbrach, wurde ich siebenmal einberufen, mal vom Heer, mal von der faschistischen Miliz, und siebenmal gelang es mir, die Sache aufzuschieben. Beim letzten Mal, im Oktober 1940, klappte es nicht mehr. Wenn ich nicht "freiwillig" zur faschistischen Miliz gegangen wäre, hätte ich meine Stelle als Brunnenmeister der politischen Gemeinde verloren; mit dieser Arbeit und durch meinen Laden verdiente ich aber den Lebensunterhalt für unsere Familie. Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich mich fühlte, als ich alles verlassen mußte, das Dorf und deine Mutter ... Am nächsten Tag begann die Ausbildung auf den Hügeln von Sant'Elia oberhalb von Catanzaro. Mein Zelt stand in der Nähe der Offizierszelte, so daß ich abends hören konnte, was die Offiziere sagten: »Das Schiff läuft gerade in Bari ein. Das hundertzwölfte Bataillon ist bereit, nach Epirus aufzubrechen.«
Ich verstand, daß ich etwas unternehmen mußte, wenn ich nicht in Griechenland im Kampf gegen arme Schweine, die mir überhaupt nichts getan haben, sterben wollte.
Am nächsten Morgen brüllte der Kompaniechef bei den Übungen oben vom Hügel herunter: »Bückt euch, der Feind sieht euch!«
Ich war fuchsteufelswild und hatte nicht die geringste Lust, bei diesem Scheinkampf mitzuspielen. Der Kompaniechef zeigte mit dem Finger auf mich: »Du da, bück dich!«
Da bückte ich mich wie die anderen, aber als ich mich auf den Boden legte, stach ich mich an frisch beschnittenen Erikazweigen, und aus einer Wunde an meiner rechten Hand spritzte Blut. Der Zorn legte einen roten Schleier über meine Augen. Ich sprang auf, nahm das Gewehr in den Arm und ging dem Kompaniechef entgegen.
»Weißt du etwa nicht, daß dies hier ein Bataillon von Freiwilligen ist? Warum gehorchst du nicht?« sagte er, als ich vor ihm stand und das Gewehr auf ihn richtete.
»Ich bin nicht freiwillig hier: wenn ihr mich nicht heimschickt, werde ich dafür sorgen, daß in diesem Lager bald die Hölle los ist!«
Der Kompaniechef fürchtete Aufruhr, ging weg und beriet sich mit dem Befehlsstab: »Wir haben ein schwarzes Schaf, das die gesamte Bataillon anstecken könnte, unter unseren Leuten.«
Und so wurde ich von jetzt auf nachher entlassen. Wenn nötig, muß man sein Leben selbst ohne Angst in die Hand nehmen: es gibt dann keine andere Möglichkeit, sich zu retten."

Gegen Ende des Jahres zog ich nach Mailand um; die Sommer der folgenden Jahre verbrachte ich auf der Insel Cavallo, einem Ort so reich an Schönheiten wie ein mit Juwelen gefüllter Schrein. Cavallo sticht aus der Szenerie der nahegelegenen Insel Korsika und des weiter entfernt liegenden Sardinien hervor. Bei Sonnenuntergang wird das Meer feuerrot, belebt durch den Mistral, der von Bonifacio herüberweht und der erstarkt, indem er sich in die Meerstraße hineinzwängt.

1987 gab ich dieses Abenteuer auf und konzentrierte meine Arbeit auf Mailand, wo ich 1990 aus geschäftlichen Gründen einen Herrn kennenlernte, der sich als Priester vorstellte: "Ich bin Don Ermes", sagte er am Telefon.
Mit Priestern kannte ich mich aus, auch wenn ich nach meinen Erfahrungen im Priesterseminar nur sehr wenig mit ihnen zu tun gehabt hatte. Ich schloß Freundschaft mit diesem Priester, einem in Mantua geborenen pensionierten Militärgeistlichen, der bald begann, mir sein Leben zu erzählen. Eines Tages berichtete er mir von der Zeit, als die Diözese Mantua von Bischof Antonio Poma geleitet wurde, der später Kardinal von Bologna und Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz wurde, und dabei erzählte mir Don Ermes auch... von den Gefängnissen der Priester.
Ich wußte von Priestern, die zu Zeiten der Heiligen Inquisition ins Gefängnis geworfen worden waren ... Aber Don Ermes sprach von heutigen Gefängnissen, in Verbania am Lago Maggiore, in Trient, in Loreto, in Rom und sogar in den Vereinigten Staaten. ... Von Don Venturini gegründete Häuser, in denen gefallene Priester, Priester die in ... fleischliche Sünden gefallen waren, Buße tun und sich erlösen mußten! Vor Verwunderung glaubte ich meinen eigenen Ohren nicht, auch wenn ich aus meinen Erfahrungen mit den Priestern hätte lernen müssen, mich über nichts mehr zu wundern. Don Ermes erzählte mir von seiner Reise zum Hausgefängnis von Verbania, wo er Don Valentino besucht hatte, ohne sich darum zu kümmern, ob er dadurch Bischof Poma in Rage brachte oder nicht ...

Der damals sechzigjährige Don Valentino war nach Ostiano bei Mantua gefahren, um für den zur Zeit abwesenden Pfarrer Aushilfe zu leisten. Am Ende eines einsamen Mittagessen, wurde er vom Fleische überwältigt und hätte beinahe die Pfarrhaushälterin mißbraucht. Sie wies ihn zurück, demütigte ihn mit Beschimpfungen wie »falscher Priester« und »verblödeter alter Opa« und beklagte sich über Don Valentinos Frechheit beim Pfarrer, der die Sache brieflich Bischof Poma anzeigte.
Einige Tage später wurde Don Valentino in den Bischofspalast bestellt. Draußen auf der Piazza Sordello sah er den eisernen Käfig, in dem die Gonzaga die unglückseligen Verurteilten dem Spott des Volkes preisgaben. Eine böse Vorahnung ließ ihn erschauern. Der Bischof erwartete ihn sitzend an seinem Schreibtisch. Er würdigte ihn keines Blickes und zog die Hand zurück, als Don Valentino sie ergreifen wollte, um ihm den Ring zu küssen. Mit eiskalter Stimme befahl der Bischof dem Unglücklichen, am nächsten Tag zur Villa Iride in Verbania am Lago Maggiore zu fahren.
Als Don Valentino diesen Namen hörte, wurde er totenbleich ... Er kannte die Greuel dieses Ortes von den Beschreibungen der Priester aus Mantua, die dort gewesen waren. Außer der Pfarrwohnung hatte er aber keine andere Wohnung, und darüberhinaus verfügte er über keinerlei Ersparnisse: hätte er nicht gehorcht, so wäre sein Los fortan nur Hohn und Hunger gewesen.
Er fuhr mit dem Zug nach Verbania und begab sich zur Villa Iride. Der Obere des Hauses befahl ihm, den Talar auszuziehen; er trug daraufhin nur erbärmliche Kleidung und fühlte sich wie nackt, nachdem er fast fünfzig Jahre lang immer eine Soutane getragen hatte. Man nahm ihm auch das Brevier ab: er war kein würdiger Priester mehr und durfte daher nicht einmal mehr die Messe lesen. Am Abend aß er zusammen mit etwa zwanzig anderen Mitbrüdern, die von verschiedenen norditalienischen Bischöfen zur Strafe in die Villa Iride geschickt worden waren. Pius XII hatte diese Villa höchstpersönlich Don Venturini geschenkt, damit dieser sie in den Dienst der Rettung gefallener Priester stelle ...
Derselbe Pius XII, der einst Bischof Fares das mit Smaragden besetzte Goldkreuz geschenkt und der St. Alfons zum Patron der Moraltheologen erklärt hatte.

Drei Jahre lang grub Don Venturini im Garten der Villa Iride Tag für Tag Löcher, die er dann wieder zuschaufeln mußte. Die Ironie des Schicksals wollte, daß er schon trainiert war: viele Male hatte er morgens in seinem Pfarrgarten Beete umgegraben, um den Versuchungen des Fleisches zu widerstehen!
Im Garten der Villa gab es einen Teich mit Goldfischen.
Die Priesterhäftlinge hatten den Fischen die Namen ihrer jeweiligen Bischöfe verpaßt. Der größte Fisch hieß Piazza, wie der Karmeliterkardinal von Venedig, ein großer Befürworter der Villa Iride. Die Priester riefen die Fische beim Namen ihres jeweiligen Bischofs und versuchten sie mit Metallpfeilchen zu treffen.
Don Venturini blieb mehr als drei Jahre in der Villa Iride. Alle sechs Monate schrieb der Obere einen Bericht an seinen Bischof, und dieser befand stets, daß es noch nicht an der Zeit war, ihn in die Freiheit zu entlassen. Er war dreiundzechzig Jahre alt, als man ihm eines Tages mitteilte, er könne nach Mantua zurückkehren. Poma empfing ihn in seinem Büro und erlaubte ihm diesmal, seinen Bischofsring zu küssen, sagte aber mit eiskalter Stimme: "Was soll ich mit dir anfangen?"
Da fiel die Welt über Don Valentino zusammen. Er verließ den Bischofspalast und überlegte schon, ob er Don Valli nachahmen sollte, einen anderen Priester aus Mantua, der mit Poma gebrochen und sich den Tod gegeben hatte, indem er sich im Gardasee ertränkt hatte. Er wußte weder, wohin er gehen, noch, was er jetzt zuerst tun sollte und fand schließlich bei seiner Familie Zuflucht. Eines Tages besuchte ihn der Bischof von Potenza, Bertazzoni, ein großherziger Mantuaner; Bischof Bertazzoni bot ihm die Versetzung nach Potenza an; dasselbe Angebot hatte er auch anderen Priestern gemacht, die Poma weggeschickt hatte. Aber Don Venturini wollte in Mantua bleiben.

Die Geschichte mit den Gefängnissen hatte mir die Todesängste meiner Jugend ins Gedächtnis zurückgerufen und bestätigte mir, daß sich an der katholischen Erziehung nichts geändert hatte: diese Erziehung ist wie immer auf die Angst vor Gott, vor dem Tod und vor der Sexualität gegründet.
Eines Tages fragte ich in einer Mailänder Buchhandlung nach Büchern über Don Mario Venturini, jenen 1957 im Alter von achtzig Jahren verstorbenen Priester aus Venetien, der den Orden der Söhne des priesterlichen Jesus gegründet hatte. Man gab mir eine Biographie, aus der hervorging, daß Don Ermes recht gehabt hatte; von den Mißhandlungen der Priester war hier allerdings nicht die Rede. Aus die Lektüre dieses Buches entnahm ich, daß Don Venturini ein armer Tropf gewesen war, ein Mann, der von einer Depression in die andere fiel und glaubte, seinem Leben einen Sinn zu geben, indem er gefallene Mitbrüder bestrafte und erlöste.
Eines Morgens ging ich mit meinem Freund Ernesto nach Trient in die Via dei Giardini. Man nahm mich in diesem Institut, dem Mutterhaus des von Don Venturini gegründeten Ordens, freundlich auf und lud mich zum Mittagessen ein. Beim Essen sah ich etwa zwanzig in Sünde Gefallene, die abseits an einem eigenen Tisch aßen. Unter ihnen stachen ihrer Größe wegen ein Schwarzer aus den Sudan und ein Karmelit, dem die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben war, hervor. In Trient gibt es gleich neben dem Institut ein großes Stück Land und einen großen Weinberg, wo die Priester hacken gehen müssen. Ich konnte auch die beiden Kapellen besuchen, eine größere, in der Don Venturini begraben ist, und eine kleinere, wo nur die sieben Priester, die das Haus leiten, die Messe lesen. Die in Sünde Gefallenen dürfen den Leib und das Blut Christi mit ihren unreinen Händen nicht berühren.
Einer der Priester von Don Venturini ist auch Psychiater. Diese armen Sträflinge werden nie einem Psychiater wie Levi Bianchini von Aversa oder wie Nardone von Catanzaro begegnen, der ihnen hilft, in die Freiheit hinauszugehen. Ein Psychiater, der gleichzeitig Priester ist, wird stets gewährleisten können, daß die Tür von Don Venturinis Irrenhaus fest geschlossen bleibt.


28. Der geistige König

Am 21. September 1991 wachte ich nachts in meiner Wohnung in Mailand auf. Im Traum war ich dem Flußbett der Àlaca entlang auf das Meer von Sant'Andrea zugegangen. Ich schaute aus dem Fenster und sah mit Schrecken den ersten Herbstnebel. An jenem Tag ging der Sommer zu Ende: am Himmel des Äquinoktiums hielten sich Tag und Nacht noch die Waage, dann aber würde das Dunkel zunehmen.
In meinem Leib verspürte ich noch immer ein tiefgehende Lust auf das Meer des Südens, die durch meinen Aufenthalt in Mailand noch weiter gewachsen war. Seit meiner Rückkehr aus Amerika, hatte die Stille der menschenleeren Stadt mir geholfen, auf diesen Seiten die wichtigsten Erinnerungen meines Lebens niederzuschreiben und zu versuchen, einen roten Faden, die Bedeutung meines Daseins zu entdecken.
Aber wo immer ich hinschaute, sah ich nur Trostlosigkeit und Verfall.
Das Seminar von Catanzaro war geschlossen, die Pfarrkirche von Sant'Andrea zerstört, die Immobilienagentur der Costa Smeralda gab es nicht mehr. Im Dezember 1990 waren die Angestellten aus den Büros herausgeworfen worden, und ein Schmied hatte das Schloß ausgewechselt: ich wußte wohl, wer die Anweisung dazu gegeben hatte. Auch das Restaurant von Cavallo, ein herrlicher Treffpunkt auf dieser Insel, war zerstört worden. Ein Kommando von Korsen hatte es in die Luft gejagt.
Es wäre besser gewesen, wenn ich Kalabrien nie verlassen hätte. Dort im Süden war alles klar, war alles definiert, mochte diese Klarheit auch manchmal erstickend und traumatisch sein.
Ich ordnete die Blätter, auf denen ich meine Erinnerungen niedergeschrieben hatte, und legte sie in eine Schublade: mit seiner Aufforderung zu schreiben hatte mir Don Ciccio nur wenig geholfen.
Vielleicht sollte ich jetzt, da sich die großen Konflikte meiner Jugendzeit gelöst hatten, wieder nach Sant'Andrea zurückkehren ...

Am 30. September sah ich beim Abendessen die Nachrichten, und wollte meinen Ohren nicht trauen, als der Ansager achtzehn politische Gemeinden aufzählte, die von der Mafia unterwandert und deshalb einem Kommissar unterstellt worden waren, darunter auch Sant'Andrea. Die Hand mit der Gabel blieb wie gelähmt auf halber Höhe zwischen Teller und Mund stehen, während von dem aufgespießten Stück Thunfisch das Öl heruntertropfte. Ich hoffte falsch verstanden zu haben und rief meinen Vater an, der mir die Nachricht bestätigte: "Genau so ist es. Wann kommst du uns besuchen?"
"Morgen", antwortete ich impulsiv.
Ich fing an zu packen, und als die Reisetasche fertig war, holte ich die Blätter mit meinen Erinnerungen wieder aus der Schublade und steckte sie in die Tasche. Am nächsten Morgen nahm ich ein Flugzeug nach Lamezia.

In Sant'Andrea ging ich jeden Morgen an den Strand: im Oktober hatte das ionische Meer seine ursprüngliche Einsamkeit zurückgewonnen und bewahrte sie wie ein kostbares Geschenk zu meiner Ankunft. Wie viel wußte ich von diesem Meer und dieses Meer von mir! Ich durchquerte den Weinberg meines Vetters Vincenzo, der stundenlang gebückt das Schilf abschnitt, das sich dort ausgebreitet hatte, und ging zum Strand. Jener Weinberg war
es, von dem Vincenzo mit verzweifelter Sehnsucht geträumt hatte, als er in den Internaten der Redemptoristenpatres lebte.
Hin und wieder wandte ich den Blick von den himmelblauen Wellen ab und schaute hinauf zu den Hügeln und Bergen: dort fühlte ich mich nicht fremd; auch die Steine kannten meine Geschichte.
Nachmittags besuchte ich meine Eltern und sprach lange mit meinem Vater. Meine Mutter begrüßte mich schnell und verschwand sogleich in ihrem Zimmer, wo sie endlose Gebete verrichtete.
Gott, wie sehr hatte sich ihr Zustand verschlechtert! Ihr Busen, einst prallvoll mit Milch, war vertrocknet wie ein alter Acker. Ein Schrecken aus vergangenen Zeiten hatte das unglaubliche Licht ihrer Augen gelöscht. Nur die Stimme hatte noch den klaren, geheimnisvollen Klang von Wassertropfen, die in einer Höhle zu Boden fallen. Aber diese Stimme konnte nicht mehr singen.
Vor kurzem hatte sie sich die Zöpfe, die sie bis dahin immer wie die anderen Frauen aus dem Dorf im Nacken zusammengebunden hatte, abgeschnitten. Sie schämte sich, sich die Haare nach den neuen Mode schneiden zu lassen, und wenn ich sie darauf ansprach, gab sie zurück: "Ich habe Gott gelobt, daß ich mir die Haare schneide, wenn du heiratest."
Ich hatte keinen der Träume erfüllt, die sie mir gegenüber gehabt hatte: ich wurde nicht Priester, und es war ihr - nach dem Scheitern dieses ersten Plans - auch nicht vergönnt, mich als verheirateten Mann zu sehen. Am Ende hatte sie alle Hoffnung verloren und die nunmehr grauen und erbärmlichen Zöpfe abgeschnitten.
Eines Nachmittags fing mein Vater an zu erzählen: "Ich war dreizehn Jahre alt und zog gerade den Balg der Esse auseinander, während der Großvater vier Hufeisen für einen Esel schmiedete. Da kam Elia, der Marschall der Karabinieri, vorbei und fragte nach dem Weg zu einem Landhaus, wo Freunde ihn zum Abendessen erwarteten. Der Marschall kam von auswärts, kannte die Gegend nur schlecht und bat deshalb den Großvater, ihn zu begleiten.
Wenig später kam Negrello, den Esel am Halfter hinter sich herziehend. Er blieb in der Schmiede und wartete auf den Großvater. Der Wein war aber offensichtlich gut: der Großvater kam nicht zurück. Als es schon fast dunkel war, meinte Negrello zu mir: »Kannst du ihn nicht beschlagen?«
Er hob den Huf des Esels und hielt ihn mit den Händen fest.
Da nahm ich eine Rasierklinge, um den Huf zu säubern und zu ebnen, machte das Hufeisen mit sechs Nägeln fest und beschlug dann ebenso die andern drei Hufe. Als der Großvater zurückkam, sah er die Hufeisen nicht mehr auf dem Boden liegen und fragte: »Wo sind die Eisen?« Ich antwortete: "An den Hufen des Esels."
Wenig später starb der Großvater, und ich konnte seine Arbeit weiterführen: ich beschlug etwa neunzig der hundertdreißig Esel aus dem Dorf. Um einen Esel zu beschlagen, mußte man damals das Material erst eigens herstellen. Man sammelte alle Eisenstücke, die man auftreiben konnte, umwickelte sie mit einer Blechfolie, wie wenn man von Hand eine Zigarette dreht, und erhitzte das ganze über dem Feuer, um es dann mit dem Hammer zu beschlagen. Aus den fertigen Eisenstäben konnte ich dann in genau einer Stunde vier Hufeisen schmieden, in dem ich jeden Stab nur noch zweimal erhitzte; ich säuberte die Hufe der Esel und beschlug sie: außer mir gab es in den umliegenden Dörfern keinen einzigen Schmied, der diese Arbeit in einer Stunde verrichten konnte.
All meine achtzig Lehrlinge sind inzwischen fortgezogen und arbeiten in Amerika oder in der norditalienischen Industrie.
Bei Fiat blieb den Leuten der Mund offenstehen, als sie sahen, wie Peltrone, der Beste meiner Lehrlinge, zwei Stahlblöcke mit einer Zinke zusammenfügte. Ein wahrer Meister muß alles herstellen können: Hacken, Hippen, Messer, Äxte, Laternen, Nägel; er muß ein Ersatzteil für eine alte Uhr herstellen und einen Wecker reparieren können ...
Nicht wie in der Industrie, wo man nur auf einen Knopf drücken muß. Wenn du keine Kunst beherrschst, bist du niemand. Die Brotherren behalten dich, solange sie dich brauchen: wenn sie dich nicht mehr brauchen, entlassen sie dich und kommen nicht einmal auf die Idee, sich zu bedanken. Sie heißen Agnelli, und ich bin froh, daß man mich hier im Dorf Meister Vincenzino von Gargia nennt. Glaubst du vielleicht, daß es richtig ist, was sie da tun? Er selbst ist Senator, und ebenso sein Großvater, seine Schwester, sein Bruder ... Wenn ich etwas brauche, gibt es nie ein Gesetz, das mir hilft. Wenn sie etwas brauchen, ist immer gleich eine Verordung für sie da: die Gesetze sind wohl doch so wie die Haut vom Sack, die sich ziehen läßt, wohin man will."
Ich kannte die Ideen meines Vaters. An erster Stelle standen für ihn der Mensch und das, was der Mensch braucht: das Ziel besteht darin zu leben, sagte er immer wieder. Seine Überzeugungen waren denen des Aga Khan, der mit dem Geld der Armen die Reichen unterstützte, völlig entgegengesetzt. Ich versuchte, ihm zu erklären, daß die Industrie eine komplizierte Angelegenheit sei, auf die wir aber nicht verzichten könnten, wenn wir nicht zu den Zeiten der Baronin Scoppa zurückkehren wollten. Mein Vater sagte: "Solange es noch keine Industrie gab, hatte Sant'Andrea mehr als zwanzig Töpfermeister, und jeder von ihnen hatte einen Brennofen; Sie hießen alle Samà, weil sie zu Zeiten der alten Griechen von der Insel Samos hierher gekommen waren. Sie stellten das Geschirr für alle umliegenden Dörfer her, tauschten es gegen Nahrungsmittel ein und brachten Weizen, Kartoffeln und Gemüse ins Dorf. Deshalb sagte man auch:

Kommt Hunger ins Land, der Tod uns bringt,
Sant'Andrea das letzte Requiem singt.

Und jetzt gibt im Dorf es keinen einzigen Töpfer mehr!
In Catanzaro gab es mehr als tausend Webstühle, an denen man Seide verwebte; der dort hergestellte Brokat war so schön, daß Napoleon damit die Wände seines Palasts behängen wollte. Wäre doch wenigstens einer von all diesen Webstühlen übriggeblieben! Mit meinem Tod werden die kalabrischen Meister der Schmiedekunst aussterben, die ihren Beruf von Vulcanus gelernt hatten; der Glückliche hatte seine Schmiede im Vulkan von Stromboli hatte und brauchte nichts für das Feuer zu bezahlen, wie ich, der ich mir die Kohle kaufen muß.
Italien ist groß, weil es große Künstler und große Handwerker gehabt hat: die Japaner kommen nach Italien, um die schönen Dinge nachzuahmen die wir herstellen können; unsere Autos ahmen sie nicht nach, die machen sie besser als wir. Und die Politik der Regierungen? Man will das Handwerk zugrunde richten und der Industrie dabei helfen, Maschinen herzustellen. Auf diese Weise vergiftet man die Luft, die wir atmen, und läßt unsere Monumente zerbröckeln, und am Ende sind wir dann wieder die Gelackmeierten!"

Es war einer jener Oktobernachmittage, an denen mein Vater Lust hatte zu reden, und ich folgte seinen Gedankengängen, während er scheinbar ganz verschiedene, aber im Grunde doch eng verwandte Fragestellungen zusammenbrachte. Er sagte: "Warum machen sie nicht nützliche Dinge, statt Waffen herzustellen? Auf meinem Amboß, in meiner Schmiede habe ich in sechzig Jahren keine einzige Waffe hergestellt. Dreimal hatten Leute aus Sant'Andrea gestritten und mir ihre Pistole zur Reparatur gebracht, und dreimal habe ich den Lauf der Pistole zerquetscht und so die Waffe unschädlich gemacht. Wer stellt denn eigentlich Waffen her? Die Leute, die jetzt Maschinen produzieren. Und was mußte ich mein Lebtag tun? Arbeiten, Steuern bezahlen, und hätte ich mich nicht gewehrt, dann hätte ich auch noch in den Krieg ziehen müssen, um zu sterben. Leute wie ich sorgen dafür, daß die Welt auf festen Füßen steht: Tag und Nacht arbeite ich mit diesen beiden Armen.
Wieviele Waffen hat dieser Trottel von Bush denn schon an den Irak verkauft, statt den Negern in Amerika zu helfen? Auch die Russen heulen, weil sie nichts zum essen haben, und ihre Vorratslager sind voll von Atomwaffen: das heißt wohl, daß die Kriegsindustrie die Welt in der Hand hat! Und was haben die Priester bis jetzt getan? Sie sind zu Zeremonien gerannt, in denen sie Waffen segneten, und sprachen immer dieselben Gebete, in Frankreich, in Italien, in Österreich ...
Was die Priester angeht, bin ich nicht mit deiner Mutter einverstanden ... Sie sagen dir, du sollst das Bildchen von irgendjemand, der längst gestorben ist, küssen und fordern dich auf, zu ihm zu beten, auf diese Weise werdest du ein Wunder herbeiführen. Ich mag die Leute nicht, die nach dem Tod Wunder vollbringen. Wenn jemand wirklich heilig ist, vollbringt er im Leben Wunder: das hat Christus getan und das hat auch mein Vater, dein Großvater Salvatore getan. Als er starb, es war damals ein Uhr mittags, hörte man lange die Totenglocke läuten, alle brachen ihre Arbeit ab, und das Rathaus und alle Geschäfte wurden geschlossen. Und bevor man ihn zur Beerdigung in die Kirche brachte, trug die Bevölkerung ihn in einer Prozession durch das Dorf, weil er Wunder getan hatte, um allen zu helfen."

Ich hatte angefangen, die Blätter zu überfliegen, auf denen ich meine Erinnerungen niedergeschrieben hatte, und bat meinen Vater, mir einige Dinge zu erklären, weil er sich an alles genau erinnerte. Deshalb sagte er auch immer zum Spaß: "Ich weiß auch noch, wie meine Mutter heiratete."
Diese Übung veränderte allmählich die Art und Weise, in der ich die Vorfälle meines Lebens, die mir bis dahin wie eine wirre Masse vorgekommen waren, betrachtete. Eines Mittags sagte mein Vater: "Was willst du mit diesen Blättern machen - ein Buch? Siehst du denn nicht, daß die Welt voll von Büchern ist, während alles immer schlechter geht? Siehst du denn nicht, was aus Kalabrien geworden ist? Alle sagen, du seist intelligent, und deine Intelligenz beschränkt am Ende sich darauf, Seifen zu produzieren, bei Reichen ein- und auszugehen und auf ihrer Seite zu stehen. Du müßtest deinem Volk helfen. Wenn einer von uns anfängt zu reden, sagen sie zu ihm: »Kalabrese, Bandit, Lump!« Oder sie sagen: »So ein Rüpel, der kriegt ja nicht mal zwei Worte in gescheitem Italienisch auf die Reihe!« Auf diese Weise haben die Kalabresen ihr Selbstvertrauen verloren. Man spricht nur schlecht von Kalabrien, und niemand denkt daran, daß die Gesetze gewiß nicht von den Kalabresen gemacht wurden und daß Italien nicht von den Kalabresen regiert wird. Die Politiker könnten die Kriminalität besiegen und tun es nicht: sie haben in Wahrheit die Schuld an dem, was bei uns passiert ..."

Ich wußte nicht, was ich meinem Vater antworten sollte. Ich war ganz und gar damit beschäftigt, meine Probleme zu lösen, und statt mir zu helfen, setzte er mir ein neues, riesiges Problem vor: die Mißstände in Kalabrien. Deshalb sagte ich: "Und was kann ich dagegen tun? Soll ich den König von Kalabrien spielen und das Volk zum Aufstand antreiben? Und dann trennen wir uns von Italien, wie es 1943 die Einwohner von Caulonia, einem Dorf in der Nähe von Riace, gemacht haben?"
Er wurde leidenschaftlicher: "Ein König? Der würde uns grad noch fehlen! Durch Kalabrien sind alle Könige dieser Erde gezogen, und was ist dabei herausgekommen? Erst hat man ihnen ein Denkmal errichtet, und dann hat man sie vom Sockel gestürzt wie den König aus Bronze."
Mein Vater bezog sich auf eine Büste von König Ferdinand von Bourbon, die in den Eisenwerken von Mongiana gegossen und vor dem Rathaus von Sant'Andrea auf einen Sockel gestellt worden war, wo sie stehenblieb, bis die Wirbel der Geschichte sie heruntergestürzt hatten. Mein Vater fuhr fort: "Ein König sagt immer: »Seid rechtschaffen, meine Kinder; seid schön brav, meine Kinder!« In Wahrheit ist er ein Blutsauger, der dich nicht das Leben führen läßt, das du führen willst. Wenn du dich weigerst, in den Krieg zu ziehen, wirft er dich ins Gefängnis; ziehst du los und kommst zurück, bedankt er sich nicht; wenn du aber stirbst, schreibt er deinen Namen auf ein Denkmal. Der Papst sagt: »Betet, tut Buße und macht Kinder!« Verflixt nochmal, ist denn mein Leben so wenig wert?! Mein Leben ist mehr wert als das Leben dieser Leute, weil ich den anderen immer geholfen habe. Dich können sie mit ihrer Sprache nicht reinlegen; du müßtest der geistige König Kalabriens sein. Kein König mit Befehlsgewalt, sondern ein König, der redet, um seinem Volk zu helfen und der keine Gegenleistung verlangt. Kalabrien kann sich ändern, wenn du sagst: »Ihr Kalabresen seid doch überhaupt keine schlechten Menschen! Ihr seid so, wie ihr seid, weil die Regierung und die Priester ungebildete Menschen brauchen, die sie ausnutzen können: ein Kopf, der denkt, steht der Macht entgegen.« Wenn ein ungebildeter Mensch zum Kriminellen wird, ist das für die Regierung wirklich wie Käse auf den Makkaroni: »Seht ihr nicht,« sagen sie, »daß ihr Kalabresen schlechte Menschen seid?« Aber was haben sie zu den Hunderttausenden gesagt, die emigrierten oder im Krieg fielen und zu denen, die sie haben verhungern lassen? Seit die Piemontesen nach Kalabrien gekommen sind, gibt man das gesamte Geld für Maschinen und für Waffen aus. Wenn es um ernsthafte Dinge geht, die nötig wären, um Kalabrien zu helfen, dann ist nie Geld da."

Mein Vater hatte noch nie mit so großer Intensität gesprochen: was war nur in ihn gefahren, jetzt, wo er vierundachtzig Jahre alt war und ich fünfzig? Ich schaute ihn verwundert an und wartete auf eine Bestätigung: machte er Spaß oder meinte er das alles ernst? Ich fragte ihn: "Warum redet Ihr von all diesen Dingen?"
"Ich spreche davon, weil Kalabrien Hilfe braucht und weil du so das ganze Zeug, das du da geschrieben hast, einfach auf den Mist werfen kannst: wenn jemand tut, was er zu tun hat, verschwinden diese Probleme."
Der Lauf der Dinge verblüffte mich immer mehr. Nur wenige Tage zuvor hatte ich den Zusammenbruch meines letzten Zufluchtsortes erlebt: man hatte lauthals verkündet, daß mein Dorf ein Mafiadorf war. Ich hatte damit gerechnet, daß mein Vater mir empfehlen würde, nicht mehr nach Sant'Andrea zurückzukehren. Aber er tat genau das Gegenteil: er bestürmte mich, ich solle die Probleme unserer Heimat auf mich nehmen.
Eigenartig, dachte ich, genau dasselbe hatte mir fünfundzwanzig Jahre zuvor auch Don Ciccio gesagt, als er Kalabrien mit einem Abfalleimer verglichen hatte. Mein Vater und Don Ciccio hatten recht. Aber wer hatte schon Lust, sich auf so etwas einzulassen? Jeder, der bei vollem Verstand war, wußte, daß man hier nur Dornen und Tränen gewinnen konnte. Deshalb sagte ich, um das Gespräch zum Abschluß zu bringen: "Papa, das ist alle sehr schwierig, und am Ende verstehe ich nichts davon. Nur Don Ciccio hätte uns sagen können, was wir tun sollen."
"Don Ciccio lebt noch: er wohnt in Catanzaro."
Das Herz schlug mir bis zum Hals. Als Don Ciccio mir zwei Monate zuvor im Traum erschienen war und mich zum Schreiben angetrieben hatte, hatte ich geglaubt, er spräche aus dem Jenseits zu mir. Ich hatte jahrelang nichts mehr von ihm gehört und war der Überzeugung gewesen, er sei schon gestorben. In Wirklichkeit lebte er in einem Altersheim. Ich nahm die Blätter mit meinen Erinnerungen, verabschiedete mich von meinem Vater und fuhr mit dem Auto nach Catanzaro.
Während ich an der Küste entlangfuhr, sah zwei Fußgänger: zwei Afrikaner, die von illegalen Gelegenheitsverkäufen lebten, dunkelhäutige, hochgewachsene Männer. Ich hatte den Eindruck, diese Szene schon irgendwo gesehen zu haben, und versuchte mich zu erinnern, wo ... Ja sicher! Sie ähnelten den Bronzestatuen von Riace, die ebenso groß und dunkel waren. Ich hatte eine eigenartige, mit Erregung und Hoffnung gemischte Vorahnung. Jahrtausendealte Bronzestatuen tauchten aus unserem Meer auf, und die Völker Afrikas kamen in unsere Heimat, um eine bessere Zukunft zu suchen.
Große, geheimnisvolle Dinge geschahen hier! Vielleicht hatten die alten Götter, denen der Süden so lieb gewesen war, Kalabrien nicht vergessen und kehrten jetzt zu uns zurück?


29. General Gog

Ein Altenpfleger führte mich zu Don Ciccios Zimmer. Bevor er mich eintreten ließ, gab er mir einen Hinweis: "In der letzten Zeit hat Don Ciccio angefangen, eigenartiges Zeug über Kriege und Generäle daherzureden. In seinem Alter funktioniert das Gehirn nicht mehr so wie früher."
Don Ciccio saß an einem Tisch und las Zeitung: "Ich sehe Schnee auf deinem Kopf", sagte er, als ich mich bückte, um ihn zu umarmen.
Wir hatten uns seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr gesehen, und ich hatte mehr weiße als schwarze Haare. Ich wußte nicht, wo ich anfangen sollte, und zweifelte, ob er mich erkannt hatte:
"Don Ciccio, erinnern Sie sich an mich?"
"Wer sollte sich an dich erinnern?"
"Ich meine, ob Sie sich an mich erinnern."
"Heilige Mutter Gottes, wie sollte ich mich nicht an dich erinnern? Aber was soll das, daß du Sie zu mir sagst? Bin ich vielleicht eine Frau, daß du mich in der dritten Person Singular femininum ansprichst? (*) [Fßn] * Im heutigen Italienisch benutzt man im Gespräch mit einer einzelnen Person als Höflichkeitsform fast ausschließlich die dritte Person Singular femininum. [Anm.d.Übers.][Fßn] Benutze sofort wieder das echte italienische "Ihr" und "Euch"! Sag, wohnst du noch in Deutschland?"
Ich erzählte ihm ein wenig von meinen Erlebnissen. Er hörte mir mit halboffenen Augen zu und sagte schließlich: "Ich habe so sehr gehofft, daß du zurückkehren würdest! Wir müssen uns beeilen: überall auf der Welt schreitet General Gog jetzt siegreich voran!"

Wer war General Gog? Ein Russe, ein Chinese, ein Japaner? Der Altenpfleger hatte recht: Don Ciccio redete inzwischen unverständliches Zeug daher. Um ihn zufriedenzustellen, tat ich so, als ob die Sache mich interessiere, und fragte: "Ich habe noch nie von General Gog reden hören. Wer ist dieser General und wo sind seine Truppen?"
"Du weißt nicht, wer General Gog ist?! Dann hast du also nichts von Abt Joachim von Fiore gelesen!" Aus seinen grimmigen Augen funkelte die Entrüstung.
"Ich hatte anderes zu tun, als die Werke von Joachim von Fiore zu lesen! Ich mußte inmitten großer Schwierigkeiten mein Leben führen."
Don Ciccio schüttelte den Kopf: "Und du hast dich schlecht geschlagen! Gewiß hast du dich unter die Menge gemischt und die Verwirrung nur noch weiter vergrößert, ohne an das zu denken, was der große kalabrische Abt gesagt hatte:
»Reinige deine Augen vom Staub der Erde. Verlaß die lärmenden Massen und das Getöse der Worte. Folge dem Engel in die Wüste, steig mit ihm auf den Berg, dann wirst du die tiefen Pläne sehen, die seit Anbeginn der Zeit verborgen waren.«"

Ich wußte, daß Don Ciccio den Abt Joachim liebte, aber wer war Gog? Ich fragte ihn danach, und Don Ciccio antwortete: "Gog ist der General, der nach Joachims Lehre die Truppen des Antichrists anführt. Gog war schon immer ein furchtbarer Stratege, aber in unserem Jahrhundert hat er sich selbst übertroffen. Er hat die Menschheit in zwei Weltkriege hineingezogen, hat einen italienischen Papst, Pius XI, überredet, Konkordate mit Hitler und Mussolini zu unterschreiben. Jetzt schickt er einen polnischen Papst aus, damit er die Gläubigen aller Kontinente auffordert, viele Kinder zu bekommen, bis sie die Welt in ein Tal der Tränen verwandeln, Tränen, die niemand wird trocknen können. Gog hat ihn auch überzeugt, den Katholiken die Verhütungsmitteln zu verbieten und so ein Blutbad unter den Ungeborenen heraufzubeschwören."
Instinktiv widersprach ich: "Die Kirche ist doch gegen die Abtreibung."
Don Ciccio schaute mich spöttisch an und sagte: "Das sagt sie nur. In Wirklichkeit will sie, daß die Föten grausam aus dem Mutterleib gerissen und getötet werden. Wer ein Übel verhindern kann und es nicht tut, der ist der wahre Schuldige: die Kirche untersagt die Verhütungsmittel, statt sie zu empfehlen, und das Resultat ist die Abtreibung. In den Geschichtsbüchern wird diese Schande auf den Priestern lasten, mehr noch als die Massenvernichtung der Juden durch die Deutschen. Die Kirche hat das zweite Jahrtausend mit dem Gemetzel der Kreuzzüge gegen den Islam eingeläutet, und sie beschließt es mit der größten Schandtat aller Zeiten: mit der Auslöschung von unzählbaren ungeborenen Kindern. Was kann im dritten Jahrtausend da noch Schlimmeres geschehen?"
Ich fragte ihn: "Was hat General Gog sonst noch getan?"
"Er hat eine englische Mutter, Frau Thatcher, überzeugt, den Kindern in der Schule die Milch wegzunehmen und um eine einsame Klippe irgendwo weit draußen auf hoher See einen Krieg zu entfesseln. Und eine andere Mutter, die Königin von England, hat er überredet, ihren Sohn in diesen Krieg zu schicken, auf daß er tötete und riskierte, selbst getötet zu werden.
Gog hat die friedlichen Schweizer dahin gebracht, Dieben Beihilfe zu leisten und in ihren Banken die Früchte von Steuerhinterziehungen, Verbrechen und von jeder Art von Dieberei zu verstecken. Hat Italien vielleicht keine großen Probleme mit seinem Staatshaushalt? Warum bitten wir nicht die schweizerische Regierung, die Bankguthaben der Italiener zu beschlagnahmen und an die italienische Staatskasse zu überweisen? Da muß ich schon glauben, daß die italienische und die schweizerische Plutokratie mit Horaz gesprochen eiusdem furfuris (1) [Fßn] (1) aus derselben Kleie[Fßn] sind: Gesindel, das das Volk zugrunde richtet. Hat man je etwas so Absurdes gesehen? Unsere Süditaliener ziehen ins Ausland, um dort zu krepieren und so Geld nach Italien fließen zu lassen, und die Norditaliener verstecken das Geld in der Schweiz. Wenn ich noch jung wäre, würde ich selbst zu den Schweizer Banken fahren und mir das Geld auszahlen lassen. Ja, bei der Seele des heiligen Ctesippus, ganz sicher würde ich hingehen, mit einer Donnerbüchse wie Fra Diavolo. Die Schweizer täten gut daran, sich ins Gedächtnis zu rufen, daß der Untergang und Verfall Spaniens anfing, als dieses Land die Hände nach Amerikas Gold ausstreckte!"
"Aber", hielt ich dagegen, "die Gesetze lassen eine derartige Beschlagnahmung nicht zu."
"Die Gesetze erlauben es, die Armen in den Krieg zu schicken und sie ihres Lebens zu berauben, aber sie erlauben es nicht, den Reichen Geld abzunehmen. Beim hölzernen Schienbein von Pinocchio! Glaubst du etwa, daß diese Gesetze gerecht sind? Aber Gogs Meisterwerk besteht daran, die Menschheit an die Gewalt gewöhnt zu haben. Ohne Gewalt kann die Welt heute gar nicht mehr leben, sie braucht immer größere Dosen davon."
Don Ciccio war müde geworden. Er hatte nicht mehr die Kraft früherer Zeiten: damals gab er stundenlang Unterricht, ohne Pausen einzulegen. Er bat mich, ihm zu helfen aufzustehen. Dann ging er ein paar Schritte aufs Fenster zu.
Ich hatte Don Ciccio etwas zu erzählen, die Geschichte von den gefallenen Priester in der Villa Iride und in Trient. Der Geistliche schüttelte müde den Kopf: an eine dermaßen barbarische Geschichte wollte er nicht glauben. Schließlich kommentierte er bitter: "Das Leben ist ein wilder Ritt, und wenn du dich nicht fest im Sattel hältst, wirst du von den Hufen des Pferdes zerstampft. Wieviel Wissenschaft und wieviel Kraft haben wir Priester in zweitausend Jahren verschwendet! Mit grausamen Vorschriften haben wir Menschen gequält, statt sie von ihrer Angst zu befreien. Wir haben uns zu Meistern der anderen ausgerufen und waren darin nicht weniger überheblich als die Alchimisten, die eine Mischung aus Urin und Krötenaugen in Gold verwandeln wollten."

Mit einem Mal deutete er auf die Zeitung und zeigte mir einen Artikel über die Jesuiten und über ihr palermitanisches Forschungszentrum für Politik, das Centro Pedro Arrupe.
"Es wäre angebrachter gewesen, dieses Zentrum im Palazzo Steri einzurichten", sagte Don Ciccio grimmig.
"Was ist denn der Palazzo Steri?"
"Palazzo Steri war der palermitanische Sitz der Heiligen Inquisition. Mit der Inquisition haben die Jesuiten Sizilien schon alles gelehrt, was sie zu lehren haben; sie haben durch ihr Beispiel gezeigt, daß man töten muß, um an die Macht zu kommen. Die Mafiosi sind ihre besten Schüler: ohne Bildung und ohne lateinische Bücher haben sie die Quintessenz der jesuitischen Lehre in die Praxis umgesetzt. Christus sagte, daß man den Baum an seinen Früchten erkennt, und die Früchte des Priesterbaumes sind ungeheuer bitter. Statt dieses Forschungszentrum einzurichten, hätten die Jesuiten besser daran getan, die Mafiosi um Vergebung zu bitten, weil sie, die Jesuiten, so gute Menschen dazu gezwungen haben, so böse zu werden. In jedem Fall ist es noch besser, ein Mafioso zu sein als ein Priester, denn die Mafiosi töten zumindest nicht im Namen Gottes und mit der Behauptung, sie wollten deine Seele retten. Um man soll mir jetzt bitte nicht erzählen, die Priester hätten in gutem Glauben gehandelt: wenn ein Mensch leidet, kann man nicht in gutem Glauben handeln. Und was haben die Päpste gemacht? Sie haben den Jesuiten Roberto Bellarmino zur Ehre der Altäre erhoben."
"Was hat denn Bellarmino Schlimmes verbrochen?"
"Dieser elende Heuchler ließ acht Anklagepunkte formulieren, auf deren Grundlage Giordano Bruno zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt und - geknebelt, damit er nicht sprechen konnte - bei lebendigem Leibe verbrannt wurde. Derselbe Bellarmino schrieb auch die Anklagepunkte gegen Galileo Galilei, der von der Inquisition gefoltert wurde und sich nur durch den Widerruf seiner Thesen retten konnte: die "Besuche der Liebe", die man Galileo abstattete, waren nichts anderes als Foltersitzungen."
Über die Frage der Heiligen Inquisition hatte Don Ciccio mit halb Kalabrien gestritten, und wenn jemand versuchte, sie zu rechtfertigen, sprach er nicht mehr mit ihm und verweigerte ihm sogar den Gruß. Deshalb versicherte ich sofort: "Was diesen Punkt angeht, bin ich ganz Eurer Meinung. Aber, Don Ciccio, die Kirche hat Galileo doch rehabilitiert!"
"Das ist eine heuchlerische Rehabilitation, die überdies zu spät kommt. Wäre die Kirche aufrichtig, dann müßte sie Bellarmino von den Altären nehmen und seine Opfer, Galileo und Bruno, an seinen Platz stellen. Man kann es nicht leugnen: "Si cum jesuitis, non cum Jesu itis." (1) [Fßn] (1) Wenn ihr mit den Jesuiten geht, geht ihr nicht mit Jesus. [Fßn] Was meinst du: warum sind die Jesuiten wohl nach Palermo gerannt? Weil sie gemerkt haben, daß die Mafia den Süden unter ihre Kontrolle bekommt, jenes Gebiet also, das die Kirche tausend Jahre lang unangefochten beherrscht hat. Vergiß nicht, daß von den Normannen bis zu den Bourbonen all unsere Könige sich Rom unterwerfen mußten. Die Stufen, die zum Petersdom hinaufführen, wurden in der Mitte verbreitert, um ein Reitpferd, den Schimmel, den das Königreich von Neapel dem Papst jedes Jahr zum Zeichen der Vasallentreue schenken mußte, zur Basilika hinaufsteigen zu lassen."

Ich wollte etwas mehr über eine Sache wissen, die Don Ciccio erwähnt hatte, und fragte ihn: "Wann ist der Antichrist zu uns gekommen, im Mittelalter?"
"Ach was! Schon viel früher ... im Jahre 60 nach Christus, als eines Tages der heilige Paulus, der Apostel des Antichrists, auf seiner Reise nach Rom, wo er vor Gericht gestellt sollte, in Reggio Calabria an Land ging. Die Einwohner der Stadt zogen mit Fackeln um den Tempel der Diana Facelitis, und man erlaubte dem heiligen Paulus, so lange zu reden, wie ein auf eine Säule gestellter Kerzenstummel brannte. Der Apostel begann zu sprechen: »Ich verkünde euch Jesus, der sich selbst erniedrigte, indem er Gott bis zum Tod am Kreuz gehorchte. Zum Lohn für diesen Gehorsam hat Gott ihn über alle anderen Lebewesen erhoben.«
Der heilige Paulus sprach weiter, und die Legende will, daß die Säule zu leuchten begann, als der Kerzenstummel abgebrannt war, so daß Paulus weiter predigen konnte. Die Säule selbst wird heute noch im Dom von Reggio Calabria aufbewahrt. Mit dem heiligen Paulus begann der Antichrist seinen triumphalen Marsch zur Eroberung der Welt."
Don Ciccio hatte es bisher noch immer geschafft, mich zu verblüffen, aber daß der heilige Paulus der Apostel des Antichrists sei, war nun wirklich eine unglaubliche Behauptung.
War es möglich, daß vor Don Ciccio niemand etwas davon bemerkt hatte? Mit diesem Zweifel im Hinterkopf fragte ich: "Wie kann der heilige Paulus der Apostel des Antichrists sein?"
Don Ciccio wurde rot vor Erregung und sagte: "Jesus hat nie eine Rabbinerschule besucht; er war nicht gewalttätig; er war immer von Frauen umgeben und hat nie von der Erbsünde gesprochen.
Paulus hat eine Rabbinerschule, das heißt eine Priesterschule, besucht; er ermordete die Christen und blieb den Frauen fern; er lehrte, daß die Menschheit auf Grund der Schuld Adams in Sünde geboren werde und daß das Opfer Christi für unsere Rettung nötig sei.
Die christliche Welt ist voll von Gemetzeln, weil das Christentum, so wie es sich im Lauf der Geschichte herausgebildet hat, nicht von Christus, sondern von Paulus stammt."
Ich widersprach: "Das ist doch Theologie, das ist doch Priesterkram. Ich glaube nicht, daß das fürs praktische Leben eine große Rolle spielt."
Don Ciccio schaute mich verwirrt an und sprach jetzt lauter: "Ja, verstehst du denn nicht, daß diese Lehre unvergleichlich schwerwiegende praktische Folgen hat? Verstehst du nicht, daß Karl V, der begierig einer Messe nach der anderen beiwohnt, und seine Conquistadores, die in Amerika fünfzehn Millionen Indios abschlachten, Folgen der Predigten des heiligen Paulus sind?"
"Ich sehe keine Verbindung zwischen Paulus und Karl V", gab ich zu.
Don Ciccio nahm eines der Bücher, die auf seinem Tisch lagen, den "Kurzgefaßten Bericht von der Verheerung der westindischen Länder" von Bartolomé de Las Casas, zur Hand, schlug das Buch auf und las: "Mehr als zwölf Millionen Seelen, Männer, Frauen und Kinder, sind in Laufe dieser vierzig Jahre durch die Tyrannei und die höllischen Werke der Christen - dem Recht und der Gerechtigkeit zum Trotz - ums Leben gekommen. Die Schätzung ist völlig sicher und entspricht der Wahrheit, trotzdem glaube ich - und ich denke, daß ich mich nicht täusche - daß mehr als fünfzehn Millionen Menschen zugrunde gegangen sind."
Don Ciccio klappte das Buch zu und fuhr fort: "Las Casas, ein Bischof, der die Geschehnisse als Augenzeuge mitverfolgt hatte, sprach von Gefangenen, die man mit um den Hals gelegten Ringen aneinandergekettet hatte. Wenn einer der Häftlinge starb, öffneten die Spanier nicht den Ring, um den Toten zu befreien; vielmehr schnitten sie den einen Meter von seinem Vordermann und einen Meter von seinem Hintermann entfernt festgeketteten Leichnam den Kopf ab. Kinder wurden unter den Augen ihrer Eltern in zwei Stücke geschnitten, schwangeren Frauen wurde der Bauch aufgeschlitzt, zur Ehre Jesu und der zwölf Apostel wurden harmlose Dorfbewohner in Gruppen von je dreizehn Personen gehenkt! Und jetzt fragst du mich: was haben die Messen, denen Karl V beiwohnte, mit unter den Indios angerichteten Blutbad und mit dem heiligen Paulus zu tun? Das kann ich dir schnell erklären.
Als der Kaiser auf seinen Thron verzichtete und sich ins Kloster von Estremadura zurückzog, ließ er ein Fenster in die Wand seiner Zelle brechen, um ununterbrochen dem Meßopfer, das am Altar der angrenzenden Kirche gefeiert wurde, beiwohnen zu können. Und unter diesem Altartisch wollte er auch begraben werden, weil er hoffte, daß Jesus, das Opfer, ihn vor dem Zorn des Vaters schützen würde. Die Conquistadores in Amerika lehnten sich unbewußt gegen den blutigen katholischen Glauben auf, indem sie die Rollen vertauschten: sie, die zum Opfer vorherbestimmt worden waren, verwandelten sich in unerbittliche Mörder, wie Gott selbst, der nicht einmal seinen eigenen Sohn verschonte.
Denk einmal darüber nach: das Wörterbuch unserer italienischen Sprache weigert sich sogar, den entsprechenden Ausdruck anzuführen: es gibt den Brudermord, den Muttermord, den Gattenmord, den Vatermord. Den Sohnesmord gibt es nicht."

Ich hörte das Geräusch des Wägelchens, mit dem das Abendessen aufs Zimmer gebracht wurde. Ich hatte meine Aufzeichnungen dabei und streckte sie Don Ciccio hin:
"Vor zwei Monaten seid Ihr im Traum zu mir gekommen und sagtet mir: »Schreib! Schreib!« Wollt Ihr meine Aufzeichnungen lesen?"
Don Ciccio schaute mich erstaunt an. Er nahm die Blätter entgegen und sagte: "Ich schlafe nicht viel, und wie du siehst, lese ich noch ohne Brille. Komm mich morgen mittag wieder besuchen. Ich lade dich jetzt nicht zum Abendessen ein; mein Abendessen ist sehr einfach: leichte Brühe, Gemüse, Käse und ein oder zwei Eier ... weder Fisch noch Fleisch. Man braucht keine Tiere zu essen, wenn es nicht nötig ist. Ich habe das erst in hohem Alter verstanden, aber immerhin habe ich es endlich verstanden. Was hat es für einen Sinn, einen Hund zu lieben, wenn man Schweinefleisch ist, wo doch Schweine viel intelligenter sind als Hunde und obwohl sie schreien, wenn man sie zum Schlachthof bringt, weil sie wissen, daß sie getötet werden? Was hat es für einen Sinn, die Kartäuser nachzuahmen, die kein Fleisch essen und sich dann an den Fischen rächen, die genauso lebendige Geschöpfe sind wie die auf dem Festland lebenden Tiere?"


30. Italien will ich zur Heimat haben

Am nächsten Tag kehrte ich nachmittags zum Altenheim von Catanzaro zurück und klopfte an Don Ciccios Zimmertür.
Don Ciccio öffnete selbst und führte mich zum Tisch, auf dem der Packen Blätter mit meinen Aufzeichnungen lag. Er ergriff die Blätter mit beiden Händen und zitierte leise ein paar Verse aus dem Dies Irae:
"»Liber scriptus proferetur
in quo totum continetur
unde mundus iudicetur.«(1)
[Fßn] (1) Man wird ein geschriebenes Buch bringen, in dem all das enthalten ist, wodurch die Welt gerichtet werden wird. [Fßn]
In diesem Buch urteilt Kalabrien über die Welt und erklärt sie für böse und verräterisch."
Dann setzte er sich hin, stützte den Kopf in die Hände und schwieg. Ich fürchtete schon, daß es ihm nicht gut ginge und fragte: "Fühlt Ihr Euch schlecht?"
"Wie kann sich schon jemand fühlen, in dem die italische Wurzel lebt und der sieht, wie seine Landsleute ausgenutzt und durch blutige, brudermöderische Kämpfe aufgespalten werden? Warum wurde ich nicht zur Zeit der Alten geboren, als in diesem Landen Schönheit und Harmonie regierten! Odysseus hatte zweifelsohne recht, als er auf seinen Reisen in die Nebel der Poebene vordrang und meinte, dort sei der Eingang zur Hölle. Für uns Kalabresen war es genauso so: der Norden hat unsere Landsleute zur Emigration gezwungen und uns jetzt den Ausbruch einer unkontrollierbaren Kriminaltät beschert."
Daß Don Ciccio die ganze Schuld für die Mißstände in Kalabrien dem Norden zuschob, schien mir nun doch weit übertrieben, und so fragte ich nach. Er ließ entmutigt die
Hände herabfallen und schrie jetzt fast: "Ja, verstehst denn nicht einmal du, daß die Kriminaltät zwangsläufig aus einer Werbung folgt, die dreißig Jahre lang den Reichtum zur Schau getragen hat und nur diejenigen anerkennt, die Erfolg haben, die konsumieren und die besitzen, was im Moment gerade modern ist? Die Kalabresen haben sich vor dem Fernseher als arm empfunden und sich zutiefst ihrer Armut geschämt. Und da haben einige mit dem Mut der Verzweiflung alles aufs Spiel gesetzt, entschlossen aus der Armut herauszukommen, ohne das Opfer ihres eigenen Lebens und das des Lebens ihrer Verwandten zu scheuen. Bei dem endlosen Geschwätz über die Kriminalität vergessen alle, daß die "Übeltäter" übel leben und noch schlechter sterben. Das Übel, das der "Übeltäter" der Gesellschaft antut, ist nur ein kleiner Splitter des fürchterlichen Übels, in dem er selbst mit seiner Familie lebt und stirbt. Tausende von Missionaren ziehen in die Urwälder und gehen dort den Leuten auf den Geist, damit sie ihre Genitalien bedecken, aber kein einziger versteht die Tragik der Mafiosi und hilft ihnen, ein neues Leben anzufangen! Du wohnst doch in Mailand, was sagt man da oben zu diesen Problemen?"
Ich antwortete: "Wir leben in einer schwierigen Zeit. Die Gegensätze zwischen Nord- und Süditalienern verschärfen sich derzeit wieder."
Don Ciccio seufzte: "Hier geht es nicht um Nord und Süd. Ihr wollt inzwischen alle dasselbe, was auch die Verbrecher wollen: ihr alle wollt reich werden. Der Zweck ist der selbe, nur die Mittel und Methoden sind verschieden."
Don Ciccios Analyse war bedrückend. "Aber dann wird es ja nie aufhören ...!" sagte ich.
"Es wird aufhören, wenn ihr alle, ganz egal, ob ihr aus dem Norden oder aus dem Süden kommt, versteht, wie wenig man auf dieser Erde zum Leben braucht."
Don Ciccio schwieg einen Moment und fuhr dann fort: "Die Kirche ist mitschuldig an der Verschlechterung der Zustände in Kalabrien. Sie hat sich immer mit den Mächtigen verbündet und ihnen freiwillig nicht nur den kleinen Finger, sondern beide Hände gegeben. Der Papst und der König sind wie die beiden Räuber von Pisa, die bei Tag streiten und bei Nacht zusammen stehlen gehen."
Was er da gesagt hatte, kam mir eigenartig vor. Ich wollte mehr wissen und fragte: "Was hat die Kirche mit dem Verfall Süditaliens zu tun?"
"Unter dem Königreich Italien hat die Kirche wohlüberlegt die savoyische Politik unterstützt und uns norditalienische Bischöfe geschickt, die kulturell weit hinter dem kalabrischen Klerus zurückstanden."
Eine solche Bombe hatte ich noch nirgendwo einschlagen sehen. Ich mußte lachen, und Don Ciccio sagte zornig: "Da gibt's herzlich wenig zu lachen! Was hat denn Giovanni Ferro, der Bischof von Reggio Calabria, Kalabrien schon gelehrt? Die Lehre des seligen Johannes Tauler, eines deutschen Mystikers, der so unverständlich sprach, daß niemand je verstanden hat, was er eigentlich sagen wollte. Bei jeder Predigt, an jedem Feiertag und bei jeder Beerdigung: seliger Johannes Tauler hier, seliger Johannes Tauler da. Was hat uns Eugenio Tosi, der Bischof von Squillace, gelehrt, bevor er Kardinal von Mailand wurde? Nie hat jemand ein so schauerliches Gebet zum Kruzifix geschrieben wie Tosi, der da um Schmerz, Mißerfolg und Krankheiten betet! Und was hat der Apostolische Gesandte Ildefonso Schuster in seinem Bericht an den Heiligen Stuhl zu Papier gegeben? Er hat geschrieben, daß der Klerus von Squillace sich nicht allzusehr um die christliche Lehre kümmert und dringend eine theologische Ausbildung bräuchte! Als Schuster Kardinal von Mailand wurde, ließ seine Theologie ihn im Dom dieser gotteslästerliche Worte sprechen:
»Wir preisen den Willen des Duce, der mit Blut die Öffnung Äthiopiens für den katholischen Glauben und für die römische Zivilisation erkauft hat; diese Kultur schafft die Sklaverei ab, erleuchtet die Dunkelheit der Barbarei, bringt Gott zu den Völkern und erfüllt die Welt mit dem, was wahrhaft gut ist.«"

Don Ciccio zündete sich eine der Zigaretten an, die ich ihm heimlich mitgebracht hatte. Um seiner Gesundheit willen hatte man ihm verboten zu rauchen. Er zog an der Zigarette, stieß den Rauch aus und sagte: "Erinnerst du dich noch, wie ich dir vor vielen Jahren erklärte, daß Kalabrien einem Eimer voller Abfall gleicht? Hör mir jetzt nochmal gut zu.
Zu Zeiten des Königs Italus und der Magna Graecia und während der Renaissance war unser Süden die Wiege der Kultur, und das ist er auch heute noch."
"Während der Renaissance und noch heute?" gab ich überrascht zurück.
"Die Renaissance wäre ohne Telesio undenkbar gewesen. Telesio hat die Ansicht vertreten, daß die Natur nach ihren eigenen Gesetzen und nicht nach den Gesetzen der Theologen und Philosophen erforscht werden müsse: natura iuxta propria principia. Telesio war der erste Vertreter des Naturalismus und bahnte Bruno, Galileo und Campanella den Weg. Letzterer verstand, daß die Welt die Utopie des "Sonnenstaats" brauchte, um zu überleben. Eine Utopie ist in der Tat nicht dazu da, verwirklicht zu werden, sie gleicht vielmehr einem Leuchtturm, der einem Schiff die Fahrtrichtung weist.
Und was wurde aus diesen Kalabresen? Telesio wurde auf den Index gesetzt, und Campanella blieb jahrzehntelang im Gefängnis. Und vergiß nicht den seligen Joachim von Fiore, den schon 1346 die Heiligsprechung verweigert wurde, weil seine Lehre eine fürchterliche Herausforderung für die Kirche darstellt. Joachim sagt in der Tat, daß Gott sich nicht nur in einem Buch - und sei es auch das Evangelium - offenbart, sondern in der gesamten Weltgeschichte. Joachim nannte dies ununterbrochene Selbstoffenbarung Gottes das ewige Evangelium und entzog damit den Priestern das Wahrheitsmonopol. Kalabrien hat immer versucht, dem Neuen und dem Schönen den Weg zu bahnen, aber die Zivilisationen des Nordens haben all diese Anstrengungen zunichte gemacht. Wenn die Kultur des Nordens vorherrscht, sieht es schlecht aus. D'Annunzio ist ein Beispiel dafür."
"Welcher D'Annunzio? Der Dichter?" fragte ich.
"Sicher, der Dichter. Er kam aus den Abruzzen, vergaß aber die edle Kultur seiner Heimat. Er fing an zu töten, stieg selbst in ein Flugzeug, um des Nachts Dalmatiens Küsten mit Maschinengewehrfeuer zu beschießen, vollbrachte heldenhafte Taten, ließ sich ein Mausoleum bauen und lebte fern von seinen Leuten; er wurde innerlich leer und brauchte immer mehr Äußerlichkeiten und immer mehr Sex, um seine Einsamkeit zu kompensieren. D'Annunzio hat genau das Gegenteil von dem getan, was der Komiker Totò gemacht hat: Totò blieb der süditalienischen Kultur treu und verwandelte die bitteren und Elenden Erlebnisse seines Volkes in Lachen und Heiterkeit, das heißt in Lebenskräfte. Jetzt überflutet der Norden Italien mit Vorbildern, die nur äußerlich schön sind, und zerstört unsere Kultur: jene Kultur, die den Süden noch immer zur Wiege der Zivilisation macht."
Die letzte Aussage verstand ich nicht so recht. Ich bat ihn um eine Erklärung, und er sagte: "Der Kern einer Zivilisation ist weder eine bestimmte Technik noch eine Ausdrucksform, weder Malerei noch Literatur noch Musik. Während man in Deutschland in Konzerten Bachs Werke spielte, wurden Millionen von Juden in Konzentrationslagern vernichtet.
Während die Schüler sich 1944 und 1945 in Florenz mit Dantes Göttlicher Komödie beschäftigten, ermordeten ihre Eltern auf der Straße andere Menschen. Die wahre Zivilisation ist die, die hilft zu leben. Die wahre Zivilisation ist ein Herz, eine Liebe; sie ist das Bewußtsein, daß jeder ein Weggefährte auf dieser Erde ist, daß man jeden annehmen muß, ja daß man den Wunsch empfinden muß, ihn bei sich zu haben. Die wahre Zivilisation zeigt sich, wenn die Süditaliener sagen: »Bleib hier, bleiben wir zusammen!« und wenn sie keine Gegenleistungen wollen, außer einem harmonischen Leben mit ihrem Nächsten.
Ich will mit einem Beispiel erklären, was ich meine. Du weißt, wer Cassiodor war: er verließ seine Geburtsstadt Squillace, ging nach Ravenna und wurde Minister unter König Theodorich. Er tat alles Mögliche, um die Beziehungen zwischen Ostgoten, Römern, Griechen und Langobarden zu verbessern. Mit welchem Ergebnis? Der Langobardenkönig Albuin schlug seinem Schwiegervater Kunimund den Kopf ab und zwang seine Frau Rosamunde, aus dem Schädel ihres Vaters zu trinken.
Im Jahre 540 nach Christus, als Cassiodor siebzig Jahre alt wurde, verstand er, daß die Zivilisierung noch viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Da zog er sich nach Squillace zurück und gründete auf den Klippen des Copanello das Kloster Vivarium.
Möchtest du ein weiteres Beispiel aus der jüngeren Geschichte? Als 1943 der Waffenstillstand ausgerufen wurde, hat im Süden kein Mensch mehr irgendjemand ein Haar gekrümmt. Am Morgen des 9. September warfen alle die Mütze der faschistischen Miliz weg, setzten die Bauernmütze wieder auf und trafen sich friedlich auf den Dorfplätzen. Nur im Norden, der glaubt zivilisierter zu sein, entbrannte ein zwei Jahre langer Bürgerkrieg mit allen nur denkbaren Morden. Und im Norden sind jetzt wieder Albuins Nachfahren aufgetaucht."
"Wer sind Albuins Nachfahren?" fragte ich.
"Die Unfriedenstifter, die Italien aufspalten wollen. Was soll das? Haben wir uns vielleicht nicht zugrunde gerichtet, um aus Italien unsere Heimat zu machen, und jetzt wollen sie uns nicht mehr? Bei Vergil, bei Dante, bei Christus und bei Maria! Wer hier von Sezession spricht, sei auf immer verflucht! Albuins Nachfahren tuen so, als ob sie nicht verstünden, daß die Vereinigung Nord- und Süditaliens Italien gerettet hat. Der Sizilianer Don Sturzo hat uns aus dem Abgrund herausgezogen, in den der Romagnole Mussolini uns gestürzt hatte. Und wenn Süditalien, auch unter Einfluß der Mafia, nicht geschlossen die Democrazia Cristiana gewählt und so die Kommunisten abgewehrt hätte, würden wir uns heute gegenseitig abschlachten wie in Jugoslawien.
Der Norden hat das Römische Reich zerstört, hat die Erde durch zwei Weltkriege verwüstet und will jetzt Italien zerstückeln. Aber Italien ist der Schmelztiegel, in dem sich die Weltgeschichte geformt hat, die ohne Italien einen gänzlich anderen Lauf genommen hätte. Und Kalabrien ist die Mutter Italiens, weil sie Italien den Namen, die Träume der Schönheit und sein großes Geschick geschenkt hat: Italiam quaero patriam. (1) [Fßn] (1) Italien will ich zur Heimat haben.[Fßn]
Nicht eine, sondern tausend Meilen (*) trennen uns von Albuins Nachfahren. Wenn die Ligen (*) [Fßn] (*) Im italienische Text wird an dieser Stelle für "Meile" und für "Liga" derselbe Ausdruck ("lega") verwendet. [Anm. d. Übers.] [Fßn] wirklich etwas ändern wollen, müßten sie der 'ndrangheta (**) [Fßn] (**) d.h. der kalabrischen "Mafia", Anm. d. Übers. [Fßn] beitreten.
"Wie könnt Ihr so etwas behaupten?" sagte ich verblüfft.
"Ich benutze den Ausdruck im Sinne von Plutarch, der im Griechischen von »andragàthima«, d.h. mutige und loyale Handlung, spricht. Im Kalabrischen ist dieses Wort zu 'ndrangheta geworden; die 'ndrangheta war die Reaktion der Unterdrückten, die sich gegen jahrhundertealtes Elend auflehnten. Im übrigen dürfen wir nicht vergessen, was Diderot in seiner "Rückkehr zur Natur" schreibt: diese kalabrische Barbarei ist weniger lasterhaft als die sogenannte Zivilisation, in der eine Handvoll Gauner den anderen ihr Joch auflegen wollen, indem sie dieses ihr Joch als politische und religiöse Institutionen verkaufen."
Nun widersprach ich energisch: "Man kann doch nicht behaupten, daß alles Gute dem Süden und der Vergangenheit angehört, während alles Schlechte dem Norden und der Gegenwart zuzuordnen wäre!"
"Wer hat denn je so eine Eselei erzählt?" rief Don Ciccio aus, "was ich sagen will, ist, daß der Norden im Schoße seines Fortschritts Kräfte der Zerstörung und des Todes verbirgt und daß der Süden unter den Ruinen seines Verfalls Schätze einer Weisheit, einer Toleranz und eines Friedens verbirgt, die heute für das Überleben aller wichtiger sind. Nicht etwa, daß wir gut und die im Norden böse sind. Wir sind älter und haben früher verstanden, was wirklich zum Leben nötig ist. Eben deshalb ist es an der Zeit, daß Kalabrien wieder den Platz einnimmt, den die Geschichte ihm zugeteilt hat: für die Erneuerung, die aus dem Süden kommt, aus dem Teil Italiens, der wirklich reich ist. Denn der Reichtum eines Volkes liegt nicht im Geld, sondern in seinem Schatz von Idealen, Hoffnung und Liebe, ein Schatz, den wir Süditaliener besser zum Ausdruck bringen können als die anderen."

Die Zeit war schnell vergangen. Ich schaute aus dem Fenster und sah, daß es schon dunkel wurde, aber Don Ciccio hatte noch nicht auf die Frage geantwortet, die mich am meisten bedrückte. Was hielt er von meinen Aufzeichnungen? Ich nahm meinen Mut zusammen und fragte ihn danach.
"So schlecht man auch von den Priestern reden mag, so muß man doch zugeben, daß sich dich gelehrt haben, gut zu schreiben und die Dinge nicht nach dem Anschein zu beurteilen. Aber schau, das Problem liegt nicht in dem Buch."
"Und worin besteht das Problem?" fragte ich ermutigt.
"Das wirkliche Problem ist das Leben, die Kunst zu leben!"
"Ihr sprecht wie mein Vater, der gestern zu mir gesagt hat, ich müsse der geistige König Kalabriens sein."
Don Ciccio schaute mich verwundert an: "Und was hat er sonst noch gesagt?"
"Daß ich für unser Volk das Wort ergreifen muß und nicht auf der Seite der Reichen stehen darf."
"Oh ja! Das mußt du tun, denn die Wurzel aller Übel der Welt ist das tiefe Unrecht, das man den Armen antut. Diese Ungerechtigkeit führt zur Gewalt der Volksmassen, eine Gewalt, die - denke nur an das Beispiel Rußlands - zerstörerischer als eine Naturkatastrophe ist. Heute rühmt sich die Kirche, den Kommunismus besiegt zu haben. In Wahrheit hat die Kirche den Kommunismus selbst hervorgebracht, indem sie zweitausend Jahre lang das Gebot des Evangeliums, auf der Seite der Armen zu stehen, mißachtet und stattdessen für die Reichen Partei ergriffen hat. Und wenn dann auf einmal ein Mann wie Stalin auftaucht, fragen sich alle verwundert, wie es zur Tragödie dieses Sozialismus kommen konnte, der viele Millionen Opfer gefordert hat. Stalin hatte einfach nur versucht, die rechte soziale Gerechtigkeit des Evangeliums auf der Grundlage der falschen Lehre vom Opfer, die die Priester ihn gelehrt hatten, in die Praxis umzusetzen!"


31. Die Stunde der Metànoia

Am Nachmittag des folgenden Tages ging ich zum letzten Mal zu Don Ciccio: am nächsten Tag mußte ich nach Mailand zurückfahren. Don Ciccio sah mich von Fenster seines Zimmers aus und winkte mich zu sich herauf.
Als ich oben ankam fragte ich: "Wie kommt es, daß ihr um diese Zeit keine Siesta macht?"
"Dies ist nicht die Stunde der Siesta, sondern die der Metànoia", antwortete er.
"Das stimmt," sagte ich, "die Stunde der "noia", der Langeweile."
"Ach was, wer redet denn hier von Langeweile, von "noia". Ich habe gesagt, daß es nicht an der Zeit ist zu schlafen wie ein Murmeltier, sondern das dies die Zeit der Metànoia ist. Dieses Wort bezeichnet im Griechischen einen Mentalitätswechsel, ein Umdenken, eine neue Art die Dinge zu beurteilen. Das ist es, was Johannes der Täufer den Menschen aus der Wüste zurief:
»Metanoìte! Denkt um!«
Denselben Ruf wiederholte auch Jesus:
»Wenn ihr nicht umdenkt, werdet ihr allesamt zugrunde gehen!«
Und weißt du, wie der heilige Hieronymus diesen klaren Aufruf aus dem Evangelium ins Lateinische übersetzt hat? »Poenitentiam àgite,« hat er geschrieben, das heißt »tut Buße!« Mit dem wunderbaren Ergebnis, daß die Bußleistungen, die Millionen von Christen in zweitausend Jahren vollbracht haben, einer falschen Übersetzung zu verdanken sind, und mit dem noch viel schlimmeren Ergebnis, daß keiner umdenkt, obwohl eben das Umdenken die einzige Bedingung ist, um ins Reich Gottes zu gelangen."
Noch ehe ich mich hingesetzt hatte, war es Don Ciccio gelungen, zweitausend Jahre Geschichte wie ein altes Kleid zu wenden.
Ich sagte nichts: ich mußte über das, was ich soeben gehört hatte, nachdenken. Dann wechselte er das Thema:
"Was tut der geistige König für seine Heimat? Was tut er für die albanischen Brüder?"
"Was hat Albanien mit Kalabrien zu tun?" fragte ich.
"Wenn das für dich nicht klar ist, will ich es dir erklären. Seit Jahrhunderten sind in Kalabrien albanische Gemeinden zu Gast, die die Eparchie von Lungro bilden, wo der Eparch, der Bischof des griechisch-albanischen Ritus, seinen Sitz hat. Ganze Dörfer wie Spezzano, Frascineto, Caraffa werden mit ihrer Sprache und mit ihren Traditionen akzeptiert, ein wahres Beispiel friedlichen Zusammenlebens verschiedener Kulturen. Wenn das vor Jahrhunderten möglich war, warum sollte es sich heute nicht wiederholen? Sind unsere Felder nicht voll von Feigen- und unsere Berge voll von Kastanienbäumen? Und haben die Kalabresen nicht ein Kleid für die albanischen Brüder übrig?"
"Aber Kalabrien ist doch die ärmste Region Italiens ..."
Don Ciccio schaute mich empört an: "Wir sind nicht arm, wenn neben uns Menschen leben, die ärmer sind als wir. Stehen die kalabrischen Konvente und Seminare etwa nicht leer? Sorgen wir doch dafür, daß die Albaner, die ein unbarmherziges Schicksal in Hunger und Elend gestürzt hat, bei uns überall offene Türen finden! ... Und was macht der geistige König für die Leute in Kalabrien?"
Ich wußte, daß ich Don Ciccios Argumenten nicht entkommen konnte, darum sagte ich: "Er wird den Kalabresen helfen."
"Und wie?" sagte er, ohne mir auch nur eine kleine Pause zu gönnen.
"Er wird beim Staat Gelder beantragen, Investitionen ..."
Don Ciccio rauchte gerade eine der heimlich ins Zimmer geschmuggelten Zigaretten und wäre fast an seinem eigenen Zigarettenqualm erstickt, als er hörte, was ich da sagte.
"Ja glaubst du denn ernsthaft, daß der Staat Geld für Kalabrien ausgeben will? Hast du vielleicht die Geschichte mit der Eisenindustrie von Gioia Tauro vergessen? Wie dem auch sei, mit Geld kann man die Probleme Kalabriens nicht lösen, das kannst du mir glauben!"
"Und was muß man dann tun?" fragte ich.
"Wir brauchen Bildung, Bildung und nochmal Bildung. Die jungen Leute müssen auf die Schule gehen, unbedingt. Wenn ein kleiner Junge nicht mehr in die Schule geht, muß man ihn von den Karabinieri holen lassen und nicht warten, bis er aus der Bahn geworfen und zum Verbrecher wird. Mit Hilfe der Schule schlägt man die Ignoranz, die Kriminalität und die Arbeitslosigkeit. Ich lese immer wieder Nachrichten über die kalabrische Kriminalität, und wer sind die Kriminellen? Es sind so fürchterliche Halbanalphabeten, daß sie einem Angst machen wie eine Giftschlange. Aber was kann eine Schlange tun? Kriechen und Gift in den Körper spritzen. Sie hat keine Flügel und kann nicht fliegen, sie hat keine Hände, keine Füße, keine Ohren, keine Augenlider, kein warmes Blut ... In wenigen Jahren könnte Kalabrien das Schönste geben, was wir haben: so viel Herz und so viel Verstand! Das ist aber eine zu einfache Lösung, eine Lösung, die zu wenig kostet, und eben deshalb wird man sie boykottieren: ohne die Notwendigkeit, falsche Probleme zu lösen, können diese Regierungen, diese Gönner der Finanziere und der Industrie, nicht überleben. In Kalabrien könnte wieder eine Schule entstehen, die den Unterricht in den naturwissenschaftlichen und in den geisteswissenschaftlichen Fächern mit dem Erlernen einer Kunst oder eines Berufs unserer jahrtausendealten Tradition verbindet. Eine Schule, die endlich frei wäre von der katholischen Kultur, die immer alte Schemen weitergibt: die heute von den Priestern gelehrte Wahrheit wird der Aberglaube von morgen sein, und die heutige Religion wird in Zukunft zur Mythologie werden. Ach, könnte die Kirche doch ihre eigenen Fehler eingestehen und die Schätze verteilen, die Christus ihr anvertraut hat! Stattdessen tut sie nichts weiter, als mit Abfall um sich zu werfen! In der Renaissance haben die Priester den Krieg gegen die Wissenschaft verloren, und jetzt werden sie auch den gegen die Sexualität verlieren. Man bräuchte Karabinieri als Wachen vor den Beichtstühlen, die wahre Zentren sexueller Belästigung sind, wo man seit Jahrhunderten Schwänze und Vaterunser miteinander vermischt!"
Don Ciccio unterbrach sich ganz plötzlich: er hätte eigentlich stilvoller reden wollen. Dann sagte er: "Am Ende meines Lebens bin ich dermaßen wütend über all das, was da schiefläuft, daß ich es nicht mehr aushalte. Nun gut, willst du also unser geistiger König sein?"
Ich wollte Don Ciccio nicht belügen, aber genausowenig wollte ich mir eine so große Lebensaufgabe auf die Schultern laden, gerade jetzt, wo ich plante für lange Zeit durch die Welt zu reisen. Während Don Ciccio auf meine Antwort wartete, hatte ich den Eindruck, daß auch mein Vater bei uns am Tisch säße. Da hörte ich, wie meine Lippen sagten: "Wenn Ihr wollt, werde ich Euer geistiger König sein."
Ich sah, daß Don Ciccio zwei Tränen übers Gesicht liefen. Er versuchte nicht, die Tränen zu verbergen, und sagte: "Ein König ward uns gegeben, der den Norden und den Süden, den Osten und den Westen gleichermaßen liebt!"
Dann deutete er auf die Ölflasche in seiner kleinen
Kredenz und sagte lächelnd: "Als unseren geistigen König müßte ich die eigentlich weihen und mit Öl salben. Aber Öl gießt man über Könige, Priester, Käse und Preßwürste. Ich habe trotzdem etwas, das ich dir zur Erinnerung an diesen Tag geben möchte."
Don Ciccio öffnete die Schublade seines Schreibtischs, nahm ein Stück Papier heraus, wickelte es auf und zeigte mir einen kleinen roten Stein: "Als 1950 das Grab von Cassiodor entdeckt wurde, besichtigte ich den Sarkopag, der die Gebeine dieses Mannes barg. Ich saß einen ganzen Nachmittag bei diesen Ausgrabungen, und lauschte dem Rauschen der Wellen, die sich an den Klippen brachen, und dem Zirpen der Zikaden. So vergingen Stunden, und ich fühlte immer deutlicher, daß der Baum, die Sonne, die Wellen, das Gras, die Wolken, die Erdschollen aus einer einzigen Seele heraus lebten: das Universum eröffnete in mir sein Geheimnis. Am Abend stand ich auf, um heimzukehren, und da sah ich auf dem Boden diesen fein eingeritzten roten Jaspis. Wer weiß, vielleicht war dieser Stein einst das Siegel des Cassiodor? Nimm ihn an dich, und wie er ans ionische Meer zurückkehrte, so kehre auch du an dieses Meer zurück. An dieser Küste, in Crotone, entstand mit Pythagoras die erste Schule des Denkens; in Locri verfaßte Zaleukos die ersten Gesetze und Cassiodor gründete das erste Forschungszentrum des Abendlandes. Geh' in alle unsere Dörfer und führe die Syssìtia des König Italus wieder ein, jene friedlichen, brüderlichen gemeinsamen Mähler. Gründe ein studium felicitatis (1) [Fßn] (1) Universität des Glücks. [Fßn], wo man ohne Vorurteile nach den wahren Ursachen des Glücks und Unglücks der Menschen suchen wird. Es gibt Tausende von Universitäten auf der Welt, aber in keiner dieser Universitäten wird gelehrt, was man tun muß, um auf dieser Erde glücklich zu sein. Die Erfahrung deiner eigenen Angst und Pein und derer deiner Landsleute möge anderen Menschen hilfreich sein:
tantus labor non sit cassus! (2)
[Fßn] (2) Ein so großer Kummer möge nicht vergeblich sein! [Fßn] Ich konnte kaum die Ergriffenheit verbergen, die mir fast den Hals zusammenschnürte. Ich umarmte Don Ciccio, der mir fröhlich in die Augen schaute, während er sagte: "Geh jetzt, geh! Bald schon werde ich zu Gott zurückkehren, zu Ihm, der keine Priester und keinen Pontifex als Brückenbauer zwischen Menschheit und Gottheit braucht. Gott ist das Ewige Werden: es gibt kein Ufer, kein Gestade, das uns von Ihm trennt; Er ist alles Gute und alles Übel der Welt, die wahre Coincidentia oppositorum (3) [Fßn] (3) das Zusammenfallen der Gegensätze [Fßn]. Ich bitte Ihn, Er möge mir vor meine Tode das Geschenk der Dementia geben und mich so von der angstvollen Spannung angesichts des Übergangs von diesem Leben zu jenem Leben ohne Ende befreien."
"Auf Wiedersehen, Don Ciccio," sagte ich.
"Sag nicht auf Wiedersehen. Grüßen wir uns so: metanoìte."
"Metanoìte, Don Ciccio."

32. Der blühende Mandelbaum

Am 28. Februar 1992, am Ende des in der Kirche von Sant'Andrea Marina gefeierten Requiems, ergriff Don Edoardo das Wort: "Ich bin gleich bei der Schmiede von Meister Vincenzino von Gargia großgeworden. Ich erinnere mich noch an die Esel, die vor seiner Schmiede Schlange standen und darauf warteten, beschlagen zu werden, ich höre noch heute den Klang des Hammers, der auf seinen Amboß niederging, jenen Amboß, der ein Herz hatte, in dem das Leben pulsierte, der von morgens bis abends nicht zu singen aufhörte. Mit Meister Vincenzinos plötzlichem Tod ist ein Kapitel der Geschichte unseres Dorfes zu Ende gegangen, endet ein Leben, das die Jugendlichen nachahmen müßten." Dann kamen alle, die in der Kirche keinen Platz gefunden hatten, um uns, den Verwandten, die Hand zu drücken. Es waren viele Jahre vergangen, aber ich hatte keines dieser Gesichter vergessen: alle erkannte ich wieder, Menschen, die im Krieg und im Frieden gekämpft und gelitten hatten, Menschen, die leben wollten, einfach nur leben. Aber wer läßt sie schon leben. Auch einige alte Bauern, denen die anstrengende Arbeit, die sie in ihrer Jugend unter den Maulbeerbäumen des Marchese Lucifero hatten verrichten müssen, den Rücken gekrümmt hatte, waren zur Beerdigung gekommen. Die Blätter der Maulbeerbäume eigneten sich gut als Futter für Seidenraupen, und die Bauern mußten unter den tiefhängenden Ästen hacken, ohne die Äste zu verletzen. ... Mein Vater hatte diesen Bauern die Hacken geschmiedet.

Am nächsten Morgen gingen wir zur Beisetzung auf den Friedhof. Stark und zufrieden lag mein Vater im offenen Sarg. Aber irgendetwas stimmte nicht. Ich hatte es schon vorher gemerkt, gleich als ich sah, wie man ihn zurechtgemacht hatte, aber ich verstand nicht, was es war. Dann merkte ich ganz plötzlich, daß mein Vater mit den Füßen nicht ans Ende des Sarges kam, weil er nicht groß genug war. Das war es, was ihm fehlte: jene Kiste, die seine Mutter ihm einst unter die Füße gestellt hatte, als er vierzehn Jahre alt war und noch nicht groß genug war, um mit dem Hammer auf den Amboß zu schlagen, der arme kleine Junge! Ich ging zu dem blühenden Mandelbaum, der dort in der Nähe stand, brach einen Zweig ab und legte am Fußende in den Sarg hinein: wenigstens im Tode stützte er seine Füße auf die weißen, duftenden Blüten unserer Heimat.

Tags darauf brachte ich am Nachmittag weitere Blumen an seine Grabnische und merkte, daß mein Vater direkt neben Andrea Campagna bestatte worden war. Andrea Campagna stammte aus Sant'Andrea und war als junger Polizist in Mailand von den Roten Brigaden getötet worden: auf diesem Friedhof war er der einzige, den man erschossen hatte.
Unweit sah ich den Totengräber, der gerade ein sehr tiefes Grab schaufelte. In jenem Moment kam er aus dem Grab herauf und begrüßte mich: "Seid Ihr gekommen, um Euren Vater zu besuchen? Geht's etwas besser?"
"Mein Vater sagte, man müsse sich Mut machen und solle den Tod, der doch unausweichlich sei, nicht zu sehr bedauern. Er meinte zu mir: »Wenn ich sterbe, dann nimm's mit Lachen und Pfeifen, als ob ein Esel gestorben sei.«"
Dann wechselte ich das Thema und fragte: "Warum hebt ihr ein so tiefes Grab aus?"
"Normalerweise bräuchte man das nicht. Aber während ich heute morgen beim Graben war, dachte ich an so gewisse Gesichter, die ich nur zu gut kenne. Von Totengesichtern verstehe ich was, und die wahren Totengesichter haben die, die da an der Regierung sind. Für sie habe ich so ein tiefes Loch gegraben, und wenn der Platz nicht reicht, werde ich ihnen den Spaten so lange auf den Rücken geben, bis sie alle reinpassen. Aus Wut habe ich so ein tiefes Loch gegraben."
Ich wußte nicht, daß Bruno, der Totengräber, eine so klare Meinung zu politischen Fragen hatte. Ich fragte ihn: "Warum seid Ihr zornig auf die Leute, die das Sagen haben?"
Wir verließen den Friedhof und setzten uns auf die Bank unter der großen Pinie, von der aus man aufs Meer schauen kann. Bruno begann zu erzählen: "Ich bin Sohn und Enkel eines Totengräbers, und Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, was wir alles wissen. Dieser Friedhof wurde 1890 angelegt: vorher wurden die Toten in der Pfarrkirche beigesetzt. Wegen der abergläubischen Furcht im Dorf wollte zuerst keiner der Einwohner von Sant'Andrea Totengräber werden. Und so kam einer aus Cardinale, der aber nicht bezahlt wurde und nur von den Spenden der Bevölkerung lebte: damals herrschte hier ein fürchterliches Elend. Dieser Totengräber hatte nichts zum Anziehen und begann deshalb, die Toten zu entkleiden. Irgend jemand sah ihn mit einem Kleidungsstück, das ihm bekannt vorkam: war es nicht ein Kleidungsstück seines verstorbenen Vaters? Und trug seine Frau nicht das Kleid einer verstorbenen Frau? Und die Kinder trugen nicht die Kleider von diesem oder jenem verstorbenen Kind?
Die Sache kam Lorenzo, einem Dorfpolizisten der kein Erbarmen kannte, zu Ohren: Lorenzo hätte sogar seine eigene Mutter festgenommen. Als wieder einmal ein Mann aus dem Dorf starb, ging Lorenzo zum Friedhof; man hatte den Sarg schon geschlossen und für die Bestattung bereitgestellt.
Lorenzo ordnete an, den Sarg zu öffnen. Der Tote war nackt. Lorenzo führte den Totengräber nach Hause, wo er feststellen mußte, daß die Frau und die Kinder des Mannes keine Schuhe an den Füßen hatten. Dies war das einzige Mal, daß er nicht den Mut aufbrachte, einen Menschen zu verhaften, aber er verjagte die Familie trotzdem aus dem Dorf.
Vater, Mutter und Kinder gingen barfüßig über den Berg nach Cardinale; sie hatten nichts als die Kleider der Toten an.
Damals wußte man nicht, warum die Dinge so schlecht liefen. Jetzt sehen wir es im Fernsehen; ich weiß wohl, welche Schufte Kalabrien und Italien zugrunde gerichtet haben."

Ich machte mich auf den Weg zum Dorf und ging zur Villa della Fraternità. Die Villa della Fraternità ist ein Altenheim, vielleicht das schönste in ganz Italien, das von Don Edoardo gegründet und von ihm selbst und von den Schwestern der armen Mädchen und Frauen von Bergamo geleitet wurde. Ich begrüßte Schwester Matilde, die mit ihrem bergamaskischen Akzent auf meine Gruß antwortete, während sie ein Baby im Arm hielt.
Verblüfft fragte ich: "Nehmt ihr außer den Alten jetzt auch Neugeborene auf?"
"Nein, der Kleine ist das Kind von Albanern, die hier arbeiten. Sant'Andrea hat einige der Albaner aufgenommen, die in Brindisi an Land gegangen sind."
Ich begrüßte einige alte Leute und setzte mich hin, um auf Don Edoardo zu warten, der gerade außer Haus war.
Don Edoardo, ein Priester aus Sant'Andrea, hatte als junger Mann in Rom den Doktor gemacht dann am Regionalseminar von Catanzaro Kirchenrecht und Moraltheologie unterrichtet. Während ich auf ihn wartete, kam mir wieder in den Sinn, wie ich 35 Jahre zuvor mit ihm und mit Don Cosentino zusammengewesen war. Es war an einem Sommermorgen gewesen. Wir hatten eben die Pfarrkirche verlassen, als ein kleiner Junge herbeigerannt kam und rief: "Herr Erzpriester, kommt sofort! Es geht ihr schlecht, vielleicht stirbt sie ..."
Der Junge nannte den Namen der einzigen Frau, die in unserem Dorf jenen uralten Beruf ausübte. Don Cosentino murrte: "Ich werde dieser Frau nicht die Beichte abnehmen! Don Edoardo, geh' du hin!"
Don Edoardo bestand darauf, daß er als Pfarrer die Pflicht hätte, zu dieser Frau zu gehen: "Sanguinem eius de manu tua requiram (1)," [Fßn] (1) Von deiner Hand werde ich Rechenschaft über ihr Blut verlangen.[Fßn] sagte er und zitierte einen Artikel des Codex Iuris Canonici.
Don Cosentino gab nach: "Wenn ich schon zu ihr gehen muß, dann sag mir, wie ich den Fall angehen soll; du bist ja schließlich hier der Professor für Moraltheologie und in diesem Fall handelt es sich um öffentliche Sünde: sie hat Anstoß erregt ..."
Die beiden zogen sich murmelnd zurück. Es wurde eindeutig geklärt, wie man den Fall angehen mußte: schon am nächsten Tag ging die Frau im Dorf spazieren, gesünder und lebhafter als je zuvor.

Ich dachte auch wieder daran, daß Don Edoardo den Architekten Massimo Muratori aus Rom hatte kommen lassen, damit dieser ein Gutachten über die Pfarrkirche ausstellte. Don Cosentino sprach schon davon, daß er die Kirche abreißen lassen wollte, weil sie baufällig sei. Unter dem Fußboden der Kirche hatte man ein Schauloch gegraben, das die mächtigen Grundmauern aus Granit zum Vorschein brachte. Als der Architekt diese Grundmauern sah, rief er aus: "Diese Kirche ist so unversehrt wie der Leib einer Jungfrau, wie könnte sie einstürzen?"
Don Cosentino gab sich zweifelnd: "Wenn sie plötzlich einfiele, würde sie die Gläubigen töten; wollt Ihr diese Verantwortung auf Euch nehmen?"
Vor lauter Ärger war Don Edoardo an diesem Tag feuerrot im Gesicht; er bestand auf seinen Einwänden: "Lest, was Nicola Notaris, der Bischof von Squillace, in seiner relatio ad limina (1) [Fßn] (1) vom Bischof für den Papst ausgestellter Bericht [Fßn] aus dem Jahre 1785 schreibt: "36 oppida [...] cuncta eorum aedificia et signanter ecclesiae corruerunt; excepti Stilo, Camini, Santa Caterina, Guardavalle, Sant'Andrea." (2) [Fßn] (2) In 36 Dörfern [...] sind alle Gebäude und vor allem die Kirchen eingestürzt, mit Ausnahme von Stilo, Camini, Santa Caterina, Guardavalle, Sant'Andrea.[Fßn] Wenn das große Erdbeben von 1783 die Kirche nicht zerstört hat, warum sollte sie dann jetzt einstürzen?"
Vor allem erinnerte ich mich aber noch daran - und diese Erinnerung ließ mich immer noch zusammenzucken - wie Direktor Criscito mich angewidert und voller Verachtung angeschaut und mir ins Gesicht gebrüllt hatte, als ich mich beklagt hatte, daß ich häufig sexuelle Erregung verspürte: "Lumpengesindel! Lumpengesindel!" hatte er geschrien.
Damals brach ich in Tränen aus und weinte drei Stunden lang. Ich konnte nicht aufhören zu weinen und war unfähig zu sprechen. Don Edoardo kam zu mir und blieb an meiner Seite, bis ich mich beruhigt hatte. Nur seine Gegenwart bewahrte mich vor einem Elektroschock. Criscito war ein energischer Mensch und hatte schon zweien meiner Kameraden eine solche Behandlung verordnet, als sie anfingen, Selbstgespräche zu führen und geistesabwesend umherzugehen.
Damals hatte ich so heftig geweint, daß mir eine ganze Woche lang, die Schläfen wehtaten, weil sich die Gesichtsmuskeln durch das lange Schluchzen verkrampft hatte.
Später gab Don Edoardo seine Tätigkeit als Lehrer auf und gründete die Villa della Fraternità. Die Möglichkeit dazu erwuchs ihm aus Don Luigis Erblassenschaft. Don Luigi war ein alter Priester, der wegen nie begangener Sünden von schweren Gewissensbissen geplagt wurde und der seinen ganzen Besitz den Armen vermacht hatte. Am Tag der Einweihung konnte Don Edoardo das Haus nicht segnen. Fares hatte es ihm ausdrücklich verboten, weil er seine Initiative nicht billigte.

Ich wartete eine ganze Weile, aber Don Edoardo kam nicht zurück. So stand ich auf, um wegzugehen, und ließ ihm Grüße ausrichten.
Als ich das Haus verließ, sah ich bei Tralò, wo Großvater Bruno nach seiner Rückkehr aus Amerika einen Weinberg angelegt hatte, Rauch aufsteigen. Wer verbrannte da in diesem seit Jahren verlassenen Weinberg Gestrüpp? Ich fühlte in mir einen starken Drang, bis nach Tralò hinaufzugehen, wo ich seit meiner Begegnung mit dem Töpfer nicht mehr gewesen war. Ich gab mir einen Stoß und begann den kurzen Aufstieg. Bald gelangte ich an den Rand des riesigen Abgrundes von Fabellino und folgte dem Weg bis zu den Korkeichen. Unter mir sah ich rechts den Friedhof und links den Abgrund, der sich - satt von Totenknochen und Abfällen - ganz unten verengt hatte. Ich ging auf diesem Kamm weiter und fragte mich: "Wer hat da wohl entschieden, ob jemand auf dem Friedhof enden sollte oder aber in einer Schlucht, wo seine Gebeine entehrt und unbestattet herumliegen?"

Das ganze entbehrte jeder Logik, hatte keinen Sinn. Nein, da gab es keine Hoffnung.

33. Der Weinberg von Tralò

Ich ging noch ein Stück weiter, kam nach Tralò und erreichte den am höchsten gelegenen Teil des Weinbergs. Das Schauspiel, das sich mir hier darbot, versöhnte mich mit Kalabrien: die Sonne begann ihren Abstieg zum Gebirge hin; Seine Majestät, das ionische Meer, breitete seinen blauen Mantel über den ganzen Horizont aus, von Crotone bis nach Stilo; ganz unten, tief im Tale rauschte die Àlaca, und ein leichtblauer, kaum wahrnehmbarer Nebel tauchte dieses verzauberte Bild in eine fast unwirkliche Atmosphäre.
Der Rauch, den ich hatte aufsteigen sehen, kam aus der Nähe einer Eiche. Ich ging auf den Baum zu und sah einen Mann, der gebückt dastand und mit einer Sichel die bloßen Reblinge eines Weinstocks vom Unkraut befreite. Der Mann wandte mir den Rücken zu und hatte nicht gehört, daß ich gekommen war: das Prasseln des Feuers übertönte das Geräusch meiner Schritte. Er war in einfaches Tuch gekleidet: für einen Dorfbewohner von Sant'Andrea eine eigenartige Kleidung. Dann wandte er sich um, so daß ich sein Gesicht sehen konnte. Er war jung und hochgewachsen, kein alter Bauer, wie ich vermutet hatte. Er hatte graue Augen und einen rötlichen kurzen Bart.
"Guten Abend," sagte ich zum Gruß.
"Gute Vesper," erwiderte er mit seiner angenehmen Stimme.
Er mußte schon aus Sant'Andrea sein: "Gute Vesper" war eine Grußformel, die meine Großeltern benutzten.
"Seit Ihr aus Sant'Andrea?" fragte ich.
"Ich komme viel herum."
Er gab ausweichende Antworten; oder war er etwa selbst "ausgewichen", war er vielleicht ein entflohener Häftling, der sich im Weinberg von Tralò versteckte, wo ihn kaum jemand würde aufspüren können? Es schien mir unangebracht, ihn weiter nach seinem Namen zu fragen: der Mann hätte wütend werden können und hatte eine Sichel in der Hand. Er setzte sich auf ein Mäuerchen und bat mich, ich möge mich zu ihm setzen. Ich machte mir Mut und sagte: "Wißt Ihr, daß dies hier der Weinberg meines Großvaters war?"
"Das weiß ich," sagte der Unbekannte.
Da erzählte ich ihm, ohne zu wissen warum, von jenem Gründonnerstag des Jahres 1883, als Großvater Bruno fünf Jahre alt gewesen war und nur deshalb den Einsturz des Bodens der Wohnung überlebt hatte, weil er - von einem blonden Kind angelockt - auf den Balkon hinausgegangen war.
"Mein Großvater litt gewiß unter einer Halluzination", sagte ich am Ende.
"Es war keine Halluzination", antwortete der Unbekannte.
Das war ja eine tolle Geschichte! Was wußte er schon davon? Ich wechselte das Thema, um mehr über ihn zu erfahren, und sagte:
"Ich selbst wurde am Fronleichnamstag geboren ..."
"Als die Prozession vor eurem Haus vorbeizog", sagte er.
Über das, was sich in unserem Dorf ereignet hatte, war er also gut informiert; deshalb wollte ich ihn anhand eines Ereignisses prüfen, von dem ich nicht gern sprach und für das es in Sant'Andrea keine Zeugen gab: "Die Priester haben mich zum Psychiater geschickt, als ich achtzehn Jahre alt war ..."
"Ich selbst habe aus Dr. Nardones Feder ein "nicht" in die Diagnose fließen lassen: du warst für das Leben eines Priesters nicht geeignet. Ich habe dich aus den Händen der Priester gerettet, damit du nun die Menschen befreien kannst, die in der Angst vor der Sexualität leben. Diese Angst ist ein Kerker, in den die Priester in meinem Namen Millionen von Männern und Frauen einsperren ..."
Das ganze verwirrte mich immer mehr: "Wollt Ihr mich auf den Arm nehmen?" fragte ich.
"Ich will dich nicht auf den Arm nehmen. Ich bin hierher gekommen, um mit dir zu sprechen, und du sollst mir gut zuhören, denn bald schon muß ich zwei jungen Leuten, die man unweit von hier töten wird, Mut zusprechen. Tag und Nacht regiert immerzu die Gewalt. So wollte ich die Welt mit meinem Tod am Kreuz nicht verändern!"
Ein großer Schrecken fuhr mir in die Glieder, und schon wollte ich mich vor ihm auf den Boden werfen.
"Mein Herr ...!" stotterte ich.
"Knie dich nicht hin!" sagte Jesus, "hat es dir nicht gereicht, daß du viele tausend Male vor meinem Kreuz niedergekniet bist?"

Jesus blieb traurig und in Gedanken versunken, und ich hätte alles getan, um ihn heiter zu stimmen. Ganz plötzlich kam mir eine Idee: "Herr, willst du, daß ich im Abgrund von Fabellino die Steine deiner alten Kirche einsammle und sie hier, wo du jetzt bist, wieder aufbaue?"
"Wenn du das tust, werden die Priester dich in den Tod schicken, und du hast keine Mutter, die in der Lage wäre, dich in ihre Arme zu nehmen, um dich zum Grab zu begleiten, wie Maria, meine Mutter, es hat tun müssen. Deine Aufgabe ist schwerer: du mußt der Welt sagen, daß der Tod am Kreuz mein großer Irrtum war."
"Niemand wird mir glauben, wenn ich erzähle, daß du geirrt hast: daran glaube ich nicht einmal selbst."
"Du glaubst es nicht, weil du nicht weißt, wie mein Leben verlaufen ist. Ich werde es dir kurz erzählen, und dann wirst du mir glauben.

Als meine Mutter mit mir schwanger wurde, geschah die nicht in der Weise, wie alle anderen Mütter ihre Kinder empfangen. Immer wenn ich sie fragte, wie ich zur Welt gekommen sei, antwortete sie: »Durch den Geist Gottes.«
Erst als ich zwölf Jahre alt war, erzählte sie mir, was sich im einzelnen ereignet hatte. Sie war gerade beim Spinnen, als ihr ein Engel erschien und ihr verkündete, daß Gott mich in ihrem Schoße zeugen werde. Sie erzählte mir alles in Josephs Gegenwart: bis zu jenem Augenblick hatte ich geglaubt, er sei mein Vater. Als meine Mutter geendet hatte, senkte Joseph den Blick; er hatte Angst, meine Zuneigung zu verlieren. Da verstand ich, daß alles sich wirklich wie in der Erzählung meiner Mutter zugetragen hatte.
Von jenem Moment an wollte ich mehr von meinem Vater wissen: ich wußte, daß mein Vater Gott war; aber wer war Gott? Seit diesem Tag hatte ich Alpträume und wachte nachts schreiend auf. Maria und Joseph beruhigten mich, aber in ihnen wuchs die Furcht, ich könne krank werden, falls ich diese Ängste nicht überwinden würde. Deshalb beschlossen sie, mit mir zum Tempel von Jerusalem zu pilgern. Dort gab es jemand, der meine Ängste vertreiben konnte.
Am Tag unserer Abreise stand ich schon im Morgengrauen auf, als meine Eltern noch schliefen. In den Beinen spürte ich die Lust, den Weg in größter Eile zurückzulegen, und vor lauter Ungeduld ging ich an die Spitze der Karawane.

Endlich sah ich in der Ferne die Umrisse der Heiligen Stadt und des gewaltigen Tempels. Überall duftete es nach Weihrauch, als ich beim Gesang der Psalmen und beim Schmettern der Trompeten den mit Vorhängen aus purpurnem, feinem Linnenzeug, mit Gold und kostbarem Zedernhölzern geschmückten Tempel betrat. Meine Mutter ermahnte mich, den Priestern keine ungehörigen Fragen zu stellen und ihnen vielmehr mit Hochachtung und voller Demut entgegenzugehen. Sie selbst führte mich zu ihnen, die da mit langen Bärten und weiten Gewändern im Gestühl saßen, und bat sie ehrerbietig: »Erzählt meinem Sohn von Gott!« Die Priester lächelten mir zu und fingen an, mir zu erklären, daß Gott einen Namen habe, den auszusprechen eine Lästerung sei, daß er der Gott der siegreichen Heere Israels sei, daß er Opfer fordere und die Menschen, die sich gegen sein Gesetz auflehnten, mit dem Tode bestrafe.
Ich lauschte verwundert ihren Worten und begann eine Art von Widerstand gegen jenen grausamen Gott in mir zu fühlte. Ich war glücklicher auf Josephs Schoß, wenn er mir neue Lieder beibrachte. Aber die Priester bestanden darauf: »So steht es geschrieben, und so ist es.«
Da vergaß ich die Ratschläge meiner Mutter, widersprach ihnen und sagte, daß Gott gewiß keine Opfer wollte. Im Tempel hatte ich eben erst die kleinen Turteltauben und die Lämmer gesehen, die zum Altar gebracht wurden. Fast wäre ich ohnmächtig geworden, als die Priester ihnen mit langen Messern den Hals aufschnitten und als sich der Schleier des Todes über die Augen der armen Tiere legte.
Gleich bei meiner Ankunft in Jerusalem war ich am Fuße des Golgatha vorbeigekommen, wo ich zwei Männer gesehen hatte, die man noch lebend und mit blutenden Wunden ans Kreuz genagelt hatte, Männer, die mit verzweifelten, bestürzten Augen auf den Tod warteten. Vor Entsetzen fing ich an zu schreien, und meine Mutter legte ihren Mantel über mich, damit ich dieses Schauspiel nicht mitansehen mußte.

Die Priester hörten mir verwirrt zu: noch nie hatte jemand in Israel ihre Rede in Zweifel gezogen. Ich erhitzte mich so sehr, daß ich im Tempel blieb und weiter diskutierte, als die Karawane sich schon auf den Rückweg gemacht hatte. Meine Eltern kamen angstvoll zurück, um mich zu suchen, und tadelten mich. Ich antwortete ihnen: »Wißt ihr denn nicht, daß ich mit den Dingen meines Vaters beschäftigen muß?«
Einige Zeit später, in Nazareth, kam ich spät nach Hause zurück, nachdem ich lange die Lilien des Feldes und den Flug der Schwalben bewundert hatte. Ich wollte schon ins Haus eintreten, blieb aber stehen, horchte an der Tür und verstand, daß meine Eltern über mich sprachen. Meine Mutter sagte: »Ich bin besorgt um Jesus. Er zieht sich immer häufiger von den anderen zurück und bleibt ganz allein, um nachzudenken. Was wird einmal aus ihm werden? Hoffen wir, daß er niemals etwas von der Prophezeiung des alten Simeon erfährt, der ihn als kleines Kind im Arm gehalten und dabei gesagt hat, daß seinetwegen ein Schwert meine Seele durchbohren werde. Ich habe solche Angst, Joseph!« Und dann brach sie in Tränen aus.

Ich wuchs heran, wurde Zimmermann und arbeitete weiterhin in diesem Handwerk, auch nachdem Joseph gestorben war und ich ihm die Augen zugedrückt hatte. Von jenem Moment an hatte ich fürchterliche Angst vor dem Tod: mußte auch ich, der Sohn des unsterblichen Gottes, sterben? Gewiß würde ich nicht sterben, dachte ich. Dann aber wurde ich von Zweifeln geplagt, weil ich wie alle anderen Menschen krank wurde, Hunger und Durst litt und Schmerzen empfand. So verbrachte ich die ersten dreißig Jahre meines Lebens ziemlich einsam, ohne zu wissen, was ich mit meinem Leben tun sollte.
Damals begann mein Vetter Johannes, in der Wüste zu predigen, und rief: »Denkt um! Bereitet die Wege des Herrn! Das Reich Gottes ist nahe!«
Und als ich ihn dort aufsuchte, deutete er vor aller Augen auf mich und schrie: »Dieser hier ist das Lamm Gottes; er wird die Sünden der Welt hinwegnehmen!«
Als ich diese Worte hörte, durchströmte ein Beben meinen ganzen Körper, und eine große Kraft drängte mich, auch selbst zu predigen. Ich hatte so lange nachgedacht, daß ich jetzt viel zu sagen hatte. Ich fühlte mich wie ein Sack voll Weizen, der gerade aufplatzte. Ununterbrochen strömten Worte, Vergleiche, Gleichnisse aus meinem Herzen. Viele, viele Menschen begannen mir zu folgen und verstanden, daß ich nichts von ihnen wollte. Bald schon merkte ich aber, daß ich von Gott sprach, während die Menschen Wasser, Nahrungsmittel, Gesundheit und Gerechtigkeit brauchten. Ich fühlte mich immer erbärmlicher, tat ich doch nichts weiter, als diesen Leuten viel zu versprechen und sie zu ermahnen. Als ich eines Tages auf einen Aussätzigen stieß, verstand ich schließlich, daß mein Vater solch eine Schande nicht zulassen konnte. Voller Entrüstung befahl ich dem Aussätzigen, gesund zu werden. Und das Wunder geschah wirklich: der Aussätzige wurde im selben Moment geheilt. Von da an wirkte ich Wunder, um allen zu helfen. Ich machte Blinde sehend, Taube hörend, vermehrte Brot und Fische. Ein Befehl von mir, ein Wunsch genügte, und schon geschah unfehlbar ein Wunder.

Erst damals begann ich, Gott zu lieben, jenen im Himmel verborgenen Vater, der mich für etwas erwählt hatte, das ich noch nicht kannte. Oft hatte ich mich gefragt, warum er mich geschaffen habe. Diese Frage erfüllte mein Herz mit einer Unruhe, die es mir nicht erlaubte, ein normales Leben zu führen, eine Frau zu finden, zu heiraten, Kinder zu haben. Ich liebte die Kinder. Ich liebte es, mit ihnen zu spielen, ihnen Märchen zu erzählen, ihr frisches, frohes Lachen zu hören. Und ich betete die Frauen an, sie waren die zweite große Leidenschaft meines Lebens. Ich sehnte mich nach ihnen, wollte sie an meiner Seite haben, aber ich konnte mich ihnen nicht hingeben. Wie oft hätten sie meine Liebe erringen oder ein Kind von mir haben wollen! Und doch war ich unfähig, den letzten Schritt zu tun, sie zu umarmen, sie zu küssen. Konnte ich denn eine Frau besitzen, wo doch Gott meine Mutter nicht angerührt hatte? Wäre es nicht ungerecht gewesen, Kinder in die Welt zu setzen, die ein schweres Leben gehabt hätten, die unter Krankheiten gelitten hätten und schließlich gestorben wären?
Einmal hätte ich fast all diese Fragen vergessen und eine Frau geheiratet, die mir folgte und die mich mit ihren leuchtenden, ruhigen Augen anschaute. Ich liebte diese junge Frau, wie ich nie zuvor eine Frau geliebt hatte. An dem Morgen, an dem ich beschloß, um ihre Hand anzuhalten, kamen wir in ein Dorf, wo gerade ein kleiner Junge bestattet wurde. Bis dahin hatte ich es noch nicht gewagt, das Wunder der Auferweckung von den Toten zu vollbringen: es schien mir unerhört, den Tod über seine eigenen Grenzen hinaus zurückzudrängen. Aber auch in diesem Fall ereignete sich das Wunder: der kleine Junge öffnete die Augen und stand auf. Statt mich zu ermutigen, verstörte mich dieses Wunder zutiefst und ließ die Angst vor dem Tod von neuem in mir aufsteigen. Die junge Frau schaute mir in die Augen und verstand, daß ich nicht mehr um ihre Hand anhalten würde.
Die Totenerweckung erregte ungeheures Aufsehen. Die Volksmengen wurden größer und die Wunder zahlreicher. All das konnte ich nicht allein angehen. Da forderte ich die Menschenmenge auf, an mich zu glauben; mein Vater konnte mir nichts abschlagen: ich war sein Sohn, und die Wunder, die ich wirkte, bewiesen das. Wenn sie an mich glaubten und sich in meinem Namen an Gott wandten, würde er sie gewiß erhören.

In Bethanien hatte ich mit drei Geschwistern Freundschaft geschlossen: mit Lazarus, Martha und Maria, drei ganz besonderen Leuten, die von morgens bis abends miteinander stritten. Dann waren sie aber auch wieder sehr großzügig und wollten es kaum glauben, daß sie einen Propheten - so nannten mich nunmehr alle - zu Gast zu haben sollten. Sie beobachteten mich ohne Unterlaß, umgaben mich mit ungeheurer Aufmerksamkeit und beurteilten mit Zuneigung und Scharfsinn das, was ich sagte und tat. Eines Tages, als ich in einer anderen Stadt predigte, ließen die beiden Schwestern mich rufen: Lazarus war gestorben. Bei meiner Ankunft in Bethanien dachte ich trostlos über die Nutzlosigkeit meiner Wunder nach: gewiß, ich konnte Lazarus vom Tode auferwecken, aber schon bald würde er wieder sterben.
Deshalb fing ich am Eingang seines Grabes an zu weinen, und um das Schluchzen zu besiegen, mußte ich schreien: »Lazarus, komm heraus!«
Schon in Tücher eingewickelt, erhob er sich, und ich selbst verstand in jenem Augenblick, daß ich selbst eines Tages in einem Grab enden würde. Ich zweifelte an Gott, hatte Angst vor ihm und wollte nicht mehr Gottes Sohn genannt werden. Wenn ich denn sterben mußte, wollte ich sterben wie alle anderen, und so nannte ich mich selbst »Menschensohn«.
Von da an wurde ich unduldsamer und unruhiger. Ich verspürte das Bedürfnis, ständig umherzuziehen, floh aus den Städten aufs Land. Die Strömung des Jordans, die Wellen des See Genezareth, die nächtlichen Umrisse der Hügel, der Sternenhimmel gaben mir ein Gefühl von Frieden, das im Leben in der Welt stets zerstört wurde. Weitab von den Städten wurde ich von neuem, noch größerem Kummer bedrückt. Die Naturkräfte gehorchten mir, aber ich war völlig unfähig, die Gesellschaft zu verbessern. Den Kriegen, der politischen Herrschaft, der Unterdrückung des Einzelnen stand ich wehrlos gegenüber. Und doch, was gab es Schöneres, als wie Brüder miteinander zu leben? Deshalb rief ich immer wieder, so laut ich nur konnte: »Liebt einander! Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!"
Das, was mich in der Welt am meisten empörte, war die Religion, waren die Priester. Sie legten den Menschen untragbare Lasten auf die Schultern, statt ihnen zu helfen, ihre Ängste zu überwinden. Die Priester gefielen mir nicht, und das schon seit jenem Tag, an dem ich sie mit zwölf Jahren im Tempel getroffen hatte. Diese Leute behaupteten, alles zu wissen, während sie alles traurig machten. Die Religion erschien mir wie ein Pferch für Schafe, in den sich die Menschen aus Angst zurückzogen. Die Priester waren jedoch keine guten Hirten: sie führten die Schafe nicht auf die Weide, riefen immer, daß der Wolf, daß der Abgrund in der Nähe lauerte, auch wenn draußen keinerlei Gefahr bestand. Ihre sinnlose Boshaftigkeit erinnerte mich an einen Hund, der sich in Nazareth auf die Futterkrippe eines Ochsen legte: er fraß selbst nicht und ließ auch den Ochsen nicht fressen. Die Priester waren die wirklichen Machthaber, der stille See, aus dem der reißende Wasserfall der Gewalt herabstürzte. Gegen sie gab es kein Wunder: auch sie beriefen sich auf Gott und behaupteten, seinen Willen besser zu kennen als ich. Sie wagten sogar zu behaupten, der Satan habe meine Wunder gewirkt!

Eine große Niedergeschlagenheit überfiel mich. Ich war unzufrieden mit meinem Leben, aber ich schaffte es auch nicht, mich aus dem bedrückenden Gewirr von Gewalt, Religion und Ungerechtigkeit zu befreien.
Meine Mutter, meine Jünger, meine Freunde bemerkten die Veränderung, die in mir vorging, und flehten mich an: »Paß auf, was du sagst! Paß auf, was du tust! Hüte dich vor den Verrätern!«
Bald schon geriet ich mit den Priestern vom Hohen Rat aneinander. Mehr als einmal sagte ich ihnen direkt ins Gesicht, daß ich sie für vom Haß auf das Leben erfüllte Heuchler hielt. Mehr als einmal schickte der Hohe Rat bewaffnete Männer aus, die er beauftragt hatte, mich zu töten, und ich mußte fliehen und mich verstecken. In der Woche vor meinem letzten Paschafest herrschte am nächtlichen Himmel von Palästina ein so tiefer Frieden, daß es mir absolut notwendig erschien, der Gewalt zu trotzen, sie zu besiegen und jenen Frieden auf die Erde herabkommen zu lassen. Von jenem Moment an überstürzten sich die Ereignisse. Die Priester wollten mich töten? Gut, dann wollte ich sie zwingen, es vor all dem Volk, das zum Fest nach Jerusalem gekommen war, zu tun. Ich wollte, daß alle sähen, verstünden und sich retten könnten. In der Nacht des Verrats ging der Vollmond des Monats Nisan blutrot über dem Ölberg auf. Meine Jünger hatten dem Pascharitus gemäß ein Lamm geschlachtet. Als sie mir das Fleisch dieses unschuldigen Opfers anboten, wurde ich wütend, und in meinem Herzen verfluchte ich Abel, den ersten Menschen, der Gott lebendige Tiere geopfert hatte. Empört führte ich das friedvolle Opfer Kains wieder ein, der Gott die Früchte des Feldes geopfert hatte. Ich nahm Brot und Wein, bot sie den zum Mahle Versammelten an und schaffte mit dieser Geste das Priestertum und alle Opfer ab: Statt Fleisch zu essen, sollt ihr Brot essen! Statt Blut zu trinken, sollt ihr Wein trinken!
Am folgenden Tag rettete Gott mich nicht vor dem Kreuz, das ich selbst gewählt hatte: mein war der Irrtum, und mein war der Tod. Ich, der ich das Opfer so sehr haßte, hatte mich selbst geopfert! Ich erinnere mich noch mit Grausen daran, wie ich vor meinem letzten Atemzug fühlte, daß das Herz zu schlagen aufhörte; in diesem Augenblick verstand ich, daß alles zu Ende war.

Ich war überwältigt, als ich am Morgen nach dem Paschafest in der frischen Kühle eines Grabes wieder aufwachte.
Die Wunden schmerzten nicht mehr, ich befreite mich von den Leichentüchern und trat beim ersten Licht des Tages aus dem Grab ins Freie. Dort traf ich Maria Magdalena, die mich umarmen wollte, aber erschrocken wies ich sie zurück, weil ich es niemals gewagt hatte, eine Frau zu umarmen.
Dann kam für mich die Zeit, zu Gott emporzusteigen, aber ich vertraute noch nicht auf ihn. Wenn mein Leben so schwer und qualvoll gewesen war, was konnte da noch auf mich warten? Eines Tages, es war der letzte Tag, war ich mit meinen Jüngern, mit meiner Mutter und mit den Frauen, die ich immer um mich hatte, zusammen. Ich verabschiedete mich von ihnen; es tat mir leid, diese Erde verlassen zu müssen, auch wenn ich hier so viel gelitten hatte. Erst damals verstand ich, daß ich noch einen weiteren Irrtum begangen hatte: ich hatte geglaubt, die Gewalt der Welt allein besiegen zu können, ohne die Hilfe der Frauen. Meine Mutter war immer bei mir gewesen, von der Wiege bis zum Grab. Die Frauen hatten mir immer Zärtlichkeit und Trost geschenkt. Ich war unfähig gewesen, mit ihnen zu leben und hatte mich an die Männer gewandt, von denen ich dann verraten und gekreuzigt wurde.
Bestürzt begriff ich, daß die Menschheit in den kommenden Jahrhunderten gerade das nachahmen würde, was ich falsch gemacht hatte: das Kreuzesopfer und nicht den unbezwingbaren Willen zu leben, nicht die Liebe zu den anderen, nicht den Kampf um die Freiheit gegen die ungeheuere politische und priesterliche Macht.
Trotzdem hatte ich Vertrauen zu Gott; ich vertraute darauf, daß mich trotz meiner schmerzlichen Erfahrungen eine glückliche Zukunft erwarten würde. Seit meiner Himmelfahrt gibt es nichts mehr, vor dem ich Angst hätte, weil ich verstanden habe, daß Gott nichts ist als Leben ohne Ende, ein Leben, zu dem er mich durch meine Geburt berufen hat; und durch meine Auferweckung hat er meinen Fehler wiedergutgemacht und mich zu diesem Leben zurückgeführt.

Ich bat ihn inständig: "Herr, rette Kalabrien, rette meine Heimat!"
Jesus blickte auf und sagte: "Im dritten Jahrtausend nach meiner Geburt in Bethlehem wird Gott seinen Geist über die Welt hauchen, die Einwohner aller Länder werden einander als Geschwister erkennen und ihr Leben Müttern, Schwestern, Bräuten, Töchtern und Freundinnen anvertrauen: die Frau wird die Welt vor der Gewalt retten.
Dann werden Kalabriens Frauen zum Fabellino kommen und die Steine der alten Kirche aufsammeln, nicht um einen Opferaltar zu errichten, sondern um den Tisch der geschwisterlichen Liebe zu bauen. Die alte Kirche war schön, aber es war nicht meine Kirche."

Es erhob sich ein für die Tageszeit ungewöhnlicher Südwind. Ich drehte mich für einen Augenblick um und sah, wie die kräftigen Windstöße die silbrigen Baumkronen der Ölbäume aufrüttelten und die Wipfel der Zypressen im Friedhof hin- und herzerrten. Als ich mich wieder zurückdrehte, sah ich Jesus, der eben noch neben mir gesessen hatte, nicht mehr. Ich weinte heftig, und meine Tränen fielen auf die geliebte bittere Erde Kalabriens. Da verstand ich, wer ich war, und was ich tun mußte: ich mußte leben, um den anderen zu helfen, leben, um meinen Landsleuten zu helfen.
Nun konnte mein Vater in Frieden ruhen. Und auch Don Cosentino, der nahe bei seinem Grab bestattet worden war, und Fares und Criscito, die man in Kathedralen beigesetzt hatte, konnten in Frieden ruhen: auch sie waren Gefährten auf meiner Reise und Brüder im Schicksal allen menschlichen Fleisches.

Langsam ging ich vom Weinberg zum Dorf hinunter. Die Sonne war hinter dem Berg verschwunden, und am Himmel bewegte sich eine Schar rosafarbener Wolken auf das Meer zu. Das vergehende Tageslicht schimmerte noch über dem Golf von Squillace, und wenn dies auch das Abendrot war, so erblickte ich in diesem Licht dennoch die zarten Farben des Morgens.
Ich dachte, daß schon bald die neue Zeit anbrechen würde, die Jesus mir vorhergesagt hatte.


Aufbruch

DAS DRITTE JAHRTAUSEND

Schon erhebt sich am Horizont der Geschichte
die neue Zeit der Güte:
Der Hand des Kriegers wird die Frau
die todbringende Waffe entreißen
und dem Priester das unschuldige Opfer.

Niemals mehr wird Maria Tränen vergießen
über den vom Kreuze abgenommenen Leichnam Jesu;
niemals mehr wird Anne Frank zittern
bei der Ankunft des rohen, ruchlosen Kriegsvolks;
niemals mehr wird eine Mutter ein Kind empfangen
ohne Hoffnung auf ein Morgen.

Die Frau wird sich in die Strahlen der Sonne kleiden,
wird die Sichel des Mondes schleudern
auf alle Harems und Klöster und deren Mauern niederreißen.
Mit offenen Armen wird sie dem Mann entgegenschreiten,
sie wird sein Haupt auf ihren Busen legen
und jedes Gift aus seinem Herzen fegen,
mit ihm vereint, wird sie den Weg zum Frieden weiten.


INHALT

Vorwort
Einleitung - Eine Reise nach Amerika......................................................1
1. Die Frauen von Karthago ...................................................................3
2. Der abgeschlagene Kopf.....................................................................6
3. Der schwarze Anzug..........................................................................9
4. Die "blinden Auberginen"................................................................13
5. Die eiserne Kugel..............................................................................16
6. Das leere Bett....................................................................................19
7. Das smaragdene Kreuz.....................................................................22
8. Das Unbehagen.................................................................................24
9. Als Carmela sang .……………………………………………….28
10. Das Vallone di Bruno……………………………………………31
11. Der alte Christus..............................................................................36
12. Ein sonderbares Buch......................................................................40
13. Das Portal der Irrenanstalt................................................................43
14. Ein kalabrisches Gericht..................................................................46
15. Carpe diem.......................................................................................50
16. Der Traum der Italiener...................................................................54
17. Die Straße von Messina.................................................................. 58
18. Der Reisepass...................................................................................62
19. Der Abgrund von Fabellino.............................................................66
20. Gekochter Kürbis.............................................................................70
21. Cesare von Stalettì……………………………………………….74
22. Der Abfalleimer...............................................................................81
23. Die Voraussage des Töpfers............................................................85
24. Die Costa Smeralda……………………………………………...90
25. Das Grab der Riesen........................................................................93
26. Das beste Geschäft...........................................................................96
27. Die Villa am Lago Maggiore…………………………………...100
28. Der geistige König.........................................................................104
29. General Gog...................................................................................110
30. Italien will ich zur Heimat haben...................................................115
31. Die Stunde der Metànoia...............................................................120
32. Der blühende Mandelbaum...........................................................124
33. Der Weinberg von Tralò................................................................128
Aufbruch...............................................................................................136

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